Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Lappland ist anders

Sonntagabend in Sodankylä, 100 km nördlich des Polarkreises.

Wir brauchen Milch, dringend. Und tanken müssen wir auch. Dass Sonntag ist und die Läden heute schon 18:00 Uhr schliessen, ist uns erst aufgefallen, als wir schon unterwegs waren vom Mökki in die 40 km entfernte Stadt. Viel zu spät. Milch werden wir wohl an der Tankstelle kaufen müssen. Wir fahren schnell, trotzdem überholen uns ein Linienbus und diverse PKWs. Zum Glück fahren sonntags keine Holz-LKWs. Wenn so einer an einem vorbeigerauscht ist, kann man sekundenlang keinen Meter weit sehen, solche Schneewolken wirbeln die auf. Nicht, dass das den gemeinen lappländischen Autofahrer irgendwie beeindrucken würde. Unsereiner, aus „dem Süden“, geht doch jedes Mal vom Gas.

Punkt 18:00 lenkt der Ähämann den Herrn Picasso auf den Supermarktparkplatz. Ich springe aus dem Auto – versuchen kann man’s ja mal – und zu meiner grossen Verwunderung sind die Türen des Supermarktes weder verschlossen, noch hält mich irgendjemand zurück. Ich stürme in den Laden, zücke das Telefon, rufe den Ähämann an. „Mais!“, meldet er sich. „Und Orangensaft.“ „Okay“, sage ich, „bis gleich!“. Während ich zum Milchregal renne, begegnen mir mindestens noch fünf andere verspätete Einkäufer, die in aller Ruhe die Regale abwandern. Zehn nach um stehe ich an der Kasse und beobachte, wie eine Verkäuferin den Laden abläuft, um zu gucken, ob noch jemand drin ist. Mindestens noch drei Leute. Die Verkäuferin geht wieder. Ohne die drei Leute zu drängeln. „Im Süden“ wird schon ab einer halben Stunde vor Ladenschluss regelmässig ausgerufen, wieviel Zeit noch verbleibt bis zum Ladenschluss. Und ab mindestens fünf Minuten vorher sind alle Türen verschlossen. Da kann sich keiner mehr reinschleichen, so wie ich das gerade gemacht habe.

Noch etwas ist anders: Hinter der Kasse im lappländischen Supermarkt steht ein Kühlschrank. Obendrauf steht ein Schild: „Würmer und Maden zum Eisangeln“. Würmer kosten 5 Euro das Stück, eine Made 1,99. Hm.

Ich schleppe meine Milchpackungen, den Mais und den Orangensaft zum Auto, wo der Ähämann und die Mäusekinder „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen. Vor einer Woche, als hier -35 Grad waren, standen auf dem Supermarktparkplatz lauter Autos mit laufendem Motor. Ohne jemanden drin. „Im Süden“ schliesst auch nicht jeder sein Auto ab. Aber sein Auto mit steckendem Zündschlüssel allein zu lassen, das finde selbst ich nach acht Jahren Finnland ziemlich mutig vertrauensvoll.

Wir fahren weiter zur Tankstelle. Auf dem Fussweg neben der Hauptstrasse zieht ein Skiläufer gemächlich dahin. Richtig, im Norden werden nämlich keine Tonnen von Streusand und Splitt auf die Fusswege gekippt. Damit die Omis und Opis sich gut auf ihren Tretschlitten fortbewegen können.

Vielleicht, denke ich dann und erinnere mich an meinen Winter in Konnevesi, vielleicht ist Lappland ja gar nicht so anders. Vielleicht ist es einfach nur bei uns „im Süden“ anders.


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Eine Woche Winter

Als wir in Rovaniemi angekommen waren (nach einer Nacht in einem wie immer vollkommen überheizten Schlafwagenzug – aber der Speisewagen hatte keinen Strom zum Kaffeekochen!), habe ich erstmal gemerkt, was für eine Memme dieser ”Winter” aus mir gemacht hat. Es waren -10 Grad, und ich habe gefroren wie ein junger Hund!

-10 Grad ist nicht wirklich viel für Ende Januar und Rovaniemi, auch gab’s nicht wirklich so viel Schnee, wie man um diese Zeit dort erwarten sollte, und die Flüsse waren fast alle noch offen!

Nach Rovaniemi sollte man eigentlich sowieso besser nicht fahren. Das ist die reinste Touristenfalle (was wir schon vorher wussten), und als mir das erste Schild mit ”Santa Hair Center” in die Augen stach (neben unzähligen ”Santa Hotel”s und ”Santa Pup”s gibt es wahrscheinlich auch irgendwo ein öffentliches Santa-Klo…) wäre ich am liebsten gleich weitergefahren – aber irgendwo mussten wir ja die erste Nacht schlafen. Sehr angenehm, dass das brandneue Einkaufszentrum NICHT nach dem Weihnachtsmann benannt ist, sondern ”Nordlicht” heisst. Dort gibt es übrigens sehr gutes, preiswertes Essen von indisch über chinesisch und italienisch zu mitteleuropäisch in einer Art modernem Fastfood-Bereich, der aber durchaus Stil hat. Und den besten Kinderklamottenladen, den wir seit langem gesehen haben. Das Mäusekleinkind war besonders begeistert, dass die Einkäufe in kindgerecht kleine Tüten gepackt wurden und sie damit durch das Einkaufszentrum stiefeln durfte.

(”Guck mal wie süss, das trägt seine Einkaufstüte selber..!”)

Und man sollte vielleicht auch nicht gerade dann nach Rovaniemi fahren, wenn dort die Arctic Lapland Rallye stattfindet, und sich dann wundern, warum fast alle Hotels ausgebucht sind, horrende Preise in der eigentlich Nebensaison haben und was die ganzen besoffenen Franzosen im Hotelfahrstuhl suchen.

Wenigstens konnten wir ein bisschen Schlaf nachholen. (Dem Mäusekleinkind war es im Zug ein bisschen unheimlich, so dass wir das Reisebettchen ganz umsonst mit in den Zug genommen hatten – sie wollte die ganze Nacht das enge Bett mit Mama teilen, möglichst quer über Mama liegend. So kamen wir beide nicht zu allzuviel Schlaf.)

Und am nächsten Tag konnten wir nach dem Grosseinkauf für die kommendeWoche im mökki ja auch schon weiterfahren.

Und dann war richtiger Urlaub. Und richtiger Winter.

Unglaublich, wieviel es ausmacht, zwei Wochen später zu fahren – so viel Sonne haben wir dort noch nie gesehen!

Wir sind Schlitten gefahren, und wir sind Ski gefahren.

Wir haben gelesen, gespielt, gekocht, gegessen, den Kamin geheizt.

Einmal sind wir auch mit dem J-FI die 30 km nach Sodankylä gefahren und haben den ”Nördlichsten Lidl der Welt” besucht. ;-)

Unser Mäusekleinkind hat wieder einmal unter Beweis gestellt, dass sie ein richtiges Urlaubskind ist. So fröhlich und zufrieden! Jeden Morgen hat sie bis mindestens halb neun geschlafen. (Zu Hause können wir sie noch so spät ins Bett bringen – spätestens halb acht steht sie im Bett und verlangt: ”Mama! Papa!”) Und jeden Mittag zwei bis drei Stunden, manchmal mussten wir sie nach drei Stunden wecken! (Zu Hause sind wir froh, wenn sie es auf eine gute Stunde bringt.)

(Vorher hiess es selbstverständlich: ”Mäusekleinkind nein müde!”)

Schnee macht offensichtlich nicht nur müde, sondern auch hungrig, denn ständig hiess es: ”Mäusekleinkind esse!”

Ach, und: ”Mäusekleinkind Sauna!”. Unser Finnenkind! Würde sich am liebsten von früh bis abends in der Sauna aufhalten!

Schön war’s! Und nächstes Jahr müssen wir UNBEDINGT zwei Wochen fahren!