Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Nich’ mein Kind…

Gestern füllte ich mit dem Fräulein Maus einen Zettel aus, auf dem sie ihre Wünsche für die eine Stunde Wahlfach im nächsten Schuljahr angeben sollte. Sie brauchte eigentlich nur noch meine Unterschrift, denn sie hatte sich schon fest entschieden: Handarbeiten, und wenn das nicht ginge, dann Hauswirtschaft. (Weiterhin zur Auswahl hätten gestanden: Sport, Musik, Kunst, Werken, Computer, Theater, Gebärdensprache, Naturwissenschaften.)

Ich habe nur ein ganz kleines bisschen innerlich den Kopf geschüttelt.

Und mich so gefreut über das Kind, das so ganz genau weiss, was es will. Bei allem.


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Nach finnischem Gehör

In ihr Notizbüchlein hat sie geschrieben: „DONNASTAK: Fräulein Maus, grosser Herr Maus, kleiner Herr Maus BASTELN HEABSTPLETA.“

Auf einem Zettel hat sie uns angekündigt: „ÜBERRASCHUNK KOMT HOITE“

Und ins Freundebuch hat sie eingetragen: „Lieblingsspeise: GRISPRAI, Lieblingsblume: LÖVENZAN, Lieblingsfilm: SCHPUK UNTAM RISENRAT“.

(Du verstehst, liebe Deutschlehrerin, was wir uns vom Muttersprachunterricht für das Fräulein Maus erhoffen?! ;-) )


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Wie kleine Pisa-Weltmeister gemacht werden

[Diesen Artikel habe ich als erstes Resümee nach sechs Wochen Schule zuerst als Gastbeitrag auf dem Blog des Finnland-Instituts geschrieben: „Wie kleine Pisa-Weltmeister gemacht werden“ | „Mistä on pienet PISA-maailmanmestarit tehty?“]

Was das Beste an der finnischen Schule ist, kann ich schon nach den ersten sechs Wochen sagen: dass sie erst mit sieben anfängt.

Dabei konnte es unsere Schulanfängerin gar nicht erwarten, endlich in die Schule zu gehen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wäre sie mit dem Nachbarsjungen zur Schule gestiefelt, als sie gerade mal drei war. Aber in Finnland werden Kinder nun mal in dem Kalenderjahr eingeschult, in dem sie sieben werden. Selbst die Jahrgangsjüngsten sind somit zum Schulanfang schon 6 ¾.

Die Vorschule hat ihr das Warten ein bisschen leichter gemacht. Sie hat gefördert und gefordert – und sie gleichzeitig noch unbeschwert Kind sein lassen, ohne Pflichten und Verpflichtungen. Vorschule – die übrigens nicht verpflichtend ist, aber dennoch von den meisten Kindern besucht wird – fand im Kindergarten statt, vier Stunden jeden Vormittag. (Und nachmittags wurde sie einfach ganz normal im Kindergarten betreut.). Die Vorschüler gingen gemeinsam zum Schwimmkurs und ins Museum, lernten die Uhr zu lesen und mit Geld umzugehen, sprachen über den Weltraum und Umweltschutz. Ihnen wurde nicht direkt Lesen und Schreiben beigebracht – aber Buchstaben und Zahlen, auch das Datum, waren tägliches Thema. Die meiste Zeit durften die Vorschulkinder dennoch einfach spielen, basteln, malen, toben. Kind sein.

Jetzt, mit der Schule, hat tatsächlich so etwas wie der – wie man in Deutschland so schön sagt – „Ernst des Lebens“ angefangen.

Nicht, dass die Kinder jetzt auf einmal kleine Erwachsene sein müssten – sie toben immer noch in den Pausen auf dem Spielplatz, bekommen die meisten Lerninhalte spielerisch vermittelt, und „Herr Q“, ein groβer Plüschaffe, kontrolliert die Hausaufgaben.

Aber dank der Grundlagen, die die Vorschule gelegt hat, ist zum einen das Lerntempo ziemlich hoch.

Zum anderen bekommt so ein Schulanfänger schon richtig viel Verantwortung übertragen: Unsere Schulanfängerin läuft allein zur Schule. Sie fährt einmal in der Woche früh mit dem Bus in die zwei Kilometer entfernte gröβere Schule, in der der Sportunterricht stattfindet, und ab dieser Woche wird sie gemeinsam mit ihren Klassenkameraden – aber ohne die Lehrerin, die in den ersten Wochen den sicheren Weg mit ihnen geübt hat – auch von dort allein zurücklaufen. Sie muss sich in der Schule ihre Hausaufgaben selbständig aufschreiben – und selbst entscheiden, wann sie sie erledigt: es gibt im Hort eine Zeit, in der die Hausaufgaben gemacht werden können, aber nicht gemacht werden müssen. (Unsere Schulanfängerin hat für sich entschieden, dass sie im Hort lieber spielt. Und dann lieber eine Stunde eher nach Hause geht und die Hausaufgaben da macht, bevor sie wieder rausgeht, um mit den Nachbarskindern zu spielen. „Lernen lernen“ ist eines der Hauptprinzipien des finnischen Schulsystems. So fängt es an.) Sie hat jetzt ein eigenes Telefon, eine eigene Buskarte, eine eigene Bibliothekskarte. Neue Rechte, neue Pflichten.

Das alles ist ja auch gut so. Ein Kind, das schon fast vier Jahre darauf gewartet hat, endlich ein Schulkind sein zu dürfen, möchte ja auch, dass sich mit dem Schulbeginn etwas ändert: dass es jetzt zu den Groβen gehört, mehr Pflichten, mehr Verantwortung hat. Aber hätte unsere Schulanfängerin das alles schon vor ein, zwei Jahren gekonnt?

Dass in Finnland alle Lehrmaterialien – auβer den Schulbüchern auch Hefte und Stifte – kostenlos zur Verfügung gestellt werden, dass ein kostenloses Mittagessen zum Schultag dazugehört, dass Kinder , die eine andere Muttersprache als die Landessprache haben, zusätzlich gefördert werden, dass es für die Eltern ein Onlineportal für Stundenpläne, Mitteilungen, Zensurenspiegel gibt – all das finde ich wunderbar.

Aber am dankbarsten bin ich dem finnischen Schulsystem dafür, dass mein Kind sieben Jahre lang Kind sein durfte. Und jetzt ein begeistertes, selbständiges Schulkind ist.


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Neuland

„Und wer ist denn zum ersten Mal Vater oder Mutter eines Schulkindes?“ fragte die Lehrerin letzten Dienstag in die Runde, nachdem sie die wartenden Kinder gefragt hatte, wer denn heute zum ersten Mal in die Schule komme. Dann sagte sie lächelnd zu dem kleinen Häuflein Erwachsener, das die Hände gehoben hatte: „Ihr seid bestimmt aufgeregter als eure Kinder.“ Worauf wir Neuschulkindeltern alle nickten.

Die erste Woche mit dem ersten Schulkind war dann auch ein bisschen wie die erste Woche mit dem ersten Neugeborenen.

Aufregend. Toll. Rührend.
Und so ein bisschen von Unsicherheit geprägt: theoretisch weiss man ja, was auf einen zukommt – nur praktisch ergaben sich jeden Tag neue Fragen: Wann muss das Schulkind das Haus verlassen, damit es nicht zu spät kommt, aber auch nicht ewig vor der Schule rumstehen muss? Darf es mit dem Fahrrad fahren? Wie kleide ich denn nun das Kind am günstigsten, das alle Pausen und den Nachmittag draussen verbringen wird, aber kein Matschklamottenfach mehr in der Schule hat? Fährt die Klasse geschlossen in die grosse Schule zum Sportunterricht, oder geht jedes Kind direkt von zu Hause hin? Und was bloss ziehe ich dem Kind dafür an?

Während ich mit meinen Neugeborenenfragen seinerzeit in Büchern blätterte und mich in Babyforen herumtrieb, logge ich mich jetzt mindestens einmal täglich im „Wilma“, einem Onlineportal für Schüler, Eltern und Lehrer, ein – und jedes Mal ist meine Frage für den nächsten Tag schon beantwortet, ohne dass ich sie ausgesprochen hätte. Über „Wilma“ haben wir das Fräulein Maus im Januar in der Schule angemeldet, und jetzt finden sich da ihr Stundenplan, ihre Hausaufgaben, offizielle Schulmitteilungen und Nachrichten von ihrer Lehrerin. Selber Fragen an die Lehrerin stellen könnte ich da auch – das war aber dank des bisher wirklich alles abdeckenden Informationsflusses aus der Schule überhaupt nicht nötig.

Vorbereitungen für die Schule waren irgendwie auch keine zu treffen. (Das ist so ähnlich wie mit der Klinikliste für die Entbindung: „Mutterpass und Zahnbürste“ stand da damals drauf. Und mehr hätte man auch wirklich nicht gebraucht.) Auf Materiallisten über zehn verschiedene Hefte mit fünf verschiedener Linierung, eingeschlagen in acht verschiedene Farben, über zwanzig Buntstifte der Marke sowieso, einen Malkasten bitte der Marke sowieso und einen Bleistift, aber nur Stärke XY, kann ich ja gern verzichten – aber vorher schon mal ein bisschen in die Schulbücher linsen und mit dem Schulkind ein klitzekleines bisschen Schulbedarf besorgen, das hätte ich schon ganz gern gemacht. Viel werde ich wohl auch weiterhin nicht von den Schulbüchern des Fräulein Maus zu sehen bekommen, da diese, wenn sie nicht zu Hause gebraucht werden, in der Schule bleiben, und das Fräulein Maus ihre Hausaufgaben im Hort macht. Ich weiss aber, dass sie am zweiten Tag schon kleine Lese- und Rechenaufgaben gelöst haben, statt Einsen und As zu malen. Ein Hoch auf die Vorschule!

Die Frage „Was soll das Kind essen?“ war auch fast so leicht gelöst wie beim Neugeborenen. Allmorgendliches Brotbüchsenbereiten fällt sehr zu meiner Erleichterung auch weiterhin aus. Frühstücken können wir locker (und spät genug) alle gemeinsam vor der Schule, und dreiviertel elf gibt es schon Mittagessen in der Schule. Das Aufregendste am ersten Schultag war übrigens: „Ich durfte mir mein Essen selbst auftun!“

Sogar mehr Zeit haben wir früh wieder: Schule beginnt erst um neun. Und Schulbeginn heisst: um neun werden die Schüler hereingerufen, ziehen sich um und begeben sich ins Klassenzimmer. Nicht: Punkt neun sitzen alle in Habachtstellung an ihren Plätzen. Theoretisch geht also das Fräulein Maus jetzt als letzte aus dem Haus. Und zwar allein. Sie hat einen eigenen Schlüssel ausgehändigt bekommen, hat uns zum ersten Mal vom eigenen Handy aus angerufen und besteht darauf, auch allein aus dem Hort heimzugehen, obwohl ich zur gleichen Zeit ungefähr ja auch die beiden Herren Maus abholen muss.

Sie ist ja jetzt ein Schulkind! ♥


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Mit Zuckertüte

Komisch ist ja, dass in in Finnland eigentlich alles viel feierlicher und festlicher als in Deutschland begangen wird – Hochzeiten, Taufen, Zeugnisausgaben, Abiturfeiern, Doktorpartys… – nur in die Schule, da geht so ein finnischer Erstklässler am ersten Schultag einfach hin.

Aber das ist ja das Allerbeste am Ausgewandertsein: dass man neue Traditionen übernehmen und alte beibehalten kann.

2013: Zuckertüte, 2025: weisse Mütze. Oder so. ;-)

„Meine Schulanfangsfeier war ja noch viel schöner, als ich es mir vorgestellt hatte!“ seufzte das Fräulein Maus abends glücklich.
„Was war denn das Schönste heute, Fräulein Maus?“
„Dass so viele Gäste da waren! Und dass das Räupchen den ganzen Tag mit mir gespielt hat!“