Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Apropos Wollsocken im Klassenzimmer…

Oder: Was ich in meinem Schulpraktikum noch Neues über die finnische Schule gelernt habe

1) Das Schulessen ist gar nicht so schlecht wie sein Ruf.

Ich habe an insgesamt neun Schultagen in der Schule mitgegessen, davon fand ich das Essen genau zwei Mal ziemlich schrecklich: einmal gab es Makaronilaatikko – Auflauf aus zerkochten Minimakkaronis mit Hackfleisch – und einmal Kalamureke – Auflauf aus durchgedrehtem Fisch, dazu leider völlig zerkochte Pellkartoffeln. (Lustigerweise waren das die Essen, die die Kinder begeistert in sich hineingeschaufelten.) An allen anderen Tagen habe ich das Essen echt und ehrlich gemocht und gern gegessen. Nun gibt es wahrscheinlich sowohl regionale – Leberauflauf gibt es in Turku nie! – als auch küchenspezifische Unterschiede, aber auch unsere Kinder, mit denen ich mich jeden Abend über das Schulessen austauschen konnte, denn alle Schulen in Turku haben den gleichen Speiseplan, haben mir schon des Öfteren berichtet, dass das Schulessen seit diesem Schuljahr viel besser sei: weniger Fleisch, mehr Gewürz, leckerere Gerichte. Über die staatlich verordnete fettfreie Milch kann ich augenrollend hinwegsehen (und mir stattdessen Wasser nehmen); stattdessen finde ich es grandios, dass immer frischer Salat – und zu meiner Überraschung gab es tatsächlich nicht nur Möhrenraspel! – zum Essen gehört und auch Brot und Butter: wenn man das Essen nicht mag, muss man dennoch nicht hungrig vom Tisch aufstehen. Zweimal gab es sogar Kuchen! Und mal ehrlich – das Essen ist gesund, frisch zubereitet und zudem kostenlos. Schon allein deshalb, finde ich, sollte man besser den Mund halten als zu meckern, auch wenn es manchmal vielleicht nicht so dem eigenen Geschmack entspricht.

2) Die kostenlosen Schulmaterialien sind halt leider wirklich billig.

Nicht nur das Schulessen ist hierzulande kostenlos, sondern – im Sinne der Chancengleichheit für alle – auch sämtliche Schulmaterialien: nicht nur Lehrbücher, auch Hefte, Stifte, Mal- und Bastelutensilien. Als ich ein paar Buntstifte für die Klasse anspitzen wollte und mir sämtliche Minen immer wieder abbrachen, klagte mir die Lehrerin ihr Leid, dass sie immer nur das Billigste kaufen müssten und dass das Billigste auch immer schlechter werde: die Buntstifte seien einfach nur schrecklich, die Klebestifte halten nicht mal Papier zusammen, in die Hefte hat man nur allzuschnell ein Loch radiert…

3) Lerninhalte werden zu einem noch viel grösseren Teil digital vermittelt, als ich bisher wusste.

Zur Fibel, zum Sachkunde- und zum Mathebuch gibt es digitale Materialien, die die Lehrer im Unterricht verwenden können. Die Tafel wird, ausser um Beispiele ranzuschreiben oder ranzumalen, kaum benutzt, stattdessen gibt es interaktive Spiele für Sachkunde, Lieder zum Mitsingen für jeden neugelernten Buchstaben oder lustige Mathespiele. Analog geschrieben, gelesen und gerechnet wird aber mindestens genausoviel.

4) Es geht wirklich sehr locker zu während des Schultages.

Ich habe an anderer Stelle ja schon mal erwähnt, dass die Kinder hier beim Schulklingeln nicht in Habachtstellung an ihrem Pult sitzen müssen, sondern beim Klingeln hereinkommen und sich dann erstmal in aller Ruhe ausziehen. (Und zwar ist das nach jeder Dreiviertelstunde Unterricht und jeder fünfzehnminütigen Pause, die grundsätzlich im Freien verbracht wird, so.) Mitten in der Stunde wird jemand von einer anderen Lehrerin zum Förderunterricht geholt, von der Schulschwester zum Impfen – ganz normal. Wer seine Aufgaben erledigt hat, darf etwas Neues anfangen, etwas Altes fertigmachen, ein Buch lesen oder in ein extra dafür vorhandenes Heft malen, auch aufstehen und in einen anderen Teil des Klassenzimmers gehen oder auf dem Fussboden arbeiten. Jeder darf selbstverständlich so auf seinem Stuhl hocken, wie das Mädchen mit den Regenbogensocken, oder wie es ihm eben angenehm ist. Beim Basteln und Handarbeiten darf miteinander geredet werden, auch sonst, wann immer es möglich ist. Trotzdem herrscht keine Anarchie: halbwegs stillsitzen wird eingefordert, wenn es nötig ist, Stillsein wird eingefordert, wenn es nötig ist – und dann sind auch alle still und sitzen ruhig.

Das war sehr schön, meine Hort-Erstklässler auch in der Schule zu begleiten. <3


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Streik, mal wieder

Wenn gestreikt wird in Finnland – und es wird oft gestreikt in Finnland! – dann ist es meistens so, dass alle meckern und ich mich freue.

Ich freue mich, weil ich finde, dass das hier richtig läuft mit dem Streiken: natürlich soll das wehtun! Wenn man von einem Streik gar nichts merkt, welchen Sinn hat er dann?! Es kommt dann auch – Überraschung! – meist recht schnell zu einer Einigung.

Anfang der Woche streikten also zur Abwechslung mal die Grossküchen. Das heisst, ich durfte mich am Montag und Dienstag auch mal wie eine deutsche Mutter fühlen und Schulbrote schmieren und Trinkflaschen befüllen, weil es weder Mittagessen in der Schule noch Vesper im Hort gab.

Nun gehört alles, was mit Essenszubereitung zu tun hat, nicht zu meinen Lieblingsaufgaben, und ja, am Montag musste ich eine halbe Stunde eher aufstehen, um schnell noch „Reis mit Rosinen“ zu kochen, den ich dem kleinen Herrn Maus in einen Thermosbehälter füllte und den sich die beiden Grossen zu Hause nach der Schule einfach selbst wieder aufwärmen konnten, und ja, ich bin ehrlich froh, dass das eine Ausnahme war, aber: was das für einen Aufruhr ausgelöst hat in einem Land, in dem seit 70 Jahren ein kostenloses, warmes Mittagessen zum Schulalltag gehört und kein Schüler je Pausenbrote mitnimmt, hätte ich dann doch nicht erwartet.

Fast ausnahmslos alle Eltern, mit denen ich geredet habe, waren empört.

Man hätte denken können, die armen Kinder wären in Gefahr gewesen, während der zwei Tage zu verhungern! Ich weiss ja nicht, was die Eltern für eine Vorstellung davon haben, wieviel ihre Kinder in der Schule essen – aber gerade das Mittagessen mögen die meisten Kinder – aus leider gutem Grund – sowieso nicht, und das Vesper ist echt knapp und abgezählt. Die Kinder schleppten jedenfalls ganze Essens-, und leider auch Müllberge, an: Pillimehu (der dann noch halb voll im Mülleimer landete), allerlei in Plastik verpackte Fertiggerichte, Weltraumpuuro, einzeln verpackte Vesperkekse… Zu allem Überfluss hatten die Schulen auch noch Wegwerfgeschirr bereitgestellt – was besonders absurd ist, da z.B. die Hortkinder ihr Vesperbrot grundsätzlich einfach auf die Faust bekommen (oder es halt auf dem blanken Tisch ablegen), weil die Küche sich das Abwaschen kurz vor Feierabend sparen will bzw. es gar keine kleinen Teller gibt in der Schulküche. (Also nicht in unserem Hort. Wir haben gleich am zweiten Tag hübsche bunte Plastikteller gekauft, die die Küche netterweise für uns mit abwäscht. Esskultur, Leute!)

Was das auch für eine Belastung für arme Familien sei, empörten sich viele; die könnten sich das schlicht nicht leisten, titelte das finnische Bildzeitungspendant. Ich hatte ja vorher gedacht, eine Flasche mit Leitungswasser, ein, zwei geschmierte Brote und ein bisschen Möhre, Gurke oder Apfel können während zwei Tagen wirklich nicht sooo schlimm aufs Budget drücken – aber nachdem ich gesehen habe, was die Kinder so mithatten, wundert mich auch die Empörung über den finanziellen Aspekt der Sache nicht mehr.

Die Kinder aber, die hatten Spass. Die Herren Maus berichteten begeistert von picknickartigen Mittagessen im Klassenzimmer. Die Klasse des Fräulein Maus – so ist das, wenn man einen coolen Hund zum Lehrer hat – ging am Dienstagmittag, denn der benachbarte Supermarkt hatte die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen und einen Grill auf dem Parkplatz aufgestellt, gemeinsam Makkara essen, aus der Klassenkasse. Und lange schon haben wir mit unseren Hortkindern nicht so gemütlich und lange und gutgelaunt beim Essen zusammengesessen wie an diesen beiden Tagen. Das war so schön, dass wir jetzt immer im Hortraum essen statt im ungemütlichen Speisesaal, auch wenn es jetzt wieder Schulessen gibt.

Der Unterschied zwischen einer Zumutung und einem Abenteuer ist die Einstellung.

[Ritterstreik]
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[Flugcateringzulieferstreik]