Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Traditionen weitergeben

Mein Schulanfang war das wunderbarste Fest meiner Kindheit.

3. September 1983

Und deswegen feiern wir auch die Schulanfänge aller unserer Kinder genau so: mit Verwandten, Freunden und Paten, mit Zuckertüte und Zuckertütenbaum und einem kleinen Schulanfänger, der den ganzen Tag im Mittelpunkt stehen darf.

Auch wenn so ein finnischer Schulanfänger eigentlich ohne viel Aufhebens einfach am ersten Schultag in die Schule marschiert.

Das machen wir dann am Dienstag.


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„Es braucht ein ganzes Dorf…“

Ich wusste ja, dass der Tag kommen würde.

Aber das war doch erst gestern – und heute fuhr ich zwei volle Fahrradtaschen mit Ersatzklamotten, Regenkleidung, Vorschulheften, Stiftemäppchen sowie einem brechend vollen Kindergartenordner mit den Erinnerungen aus den letzten fünf Jahren nach Hause.

Zum allerletzten Mal.
Und ich habe auch nur ein ganz kleines bisschen innerlich gejammert.

Ich bin so dankbar für die Leute aus diesem Kindergarten, die unsere Kinder mit offenen Armen und Herzen aufgenommen und sie beim Grosswerden begleitet haben – den kleinen Herrn Maus sogar seine ganze Kindergartenzeit lang. Er hat über die ganzen Jahre mehr oder weniger die gleichen Betreuer gehabt und ist mit einer Schar Kinder grossgeworden, die jetzt gemeinsam in die Schule auf die andere Seite des Gebäudes wechseln – und ab und zu begeistert in den Kindergarten zurückkehren – wird. Und ich habe mit den Lieblingsbetreuerinnen abends beim Abholen oft mehr geredet als den ganzen Tag auf Arbeit.

Unser Dorf, sozusagen.

Ein Haus für die Putzfrau. Selbstverständlich!


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Schulanfang auf Deutsch

Der Samstag begann damit, dass der Schulanfänger und seine grosse Schwester, nachdem sie ihre Festkleidung angezogen hatten, nach einem Strauss-Walzer verlangten und durchs Wohnzimmer tanzten, und er endete damit, dass wir mit den Kindern und den Grosseltern halb elf noch vorm Fernseher sassen und die schönsten Fotos vom grossen Herrn Maus aus den letzten siebeneinviertel Jahren anguckten.

Dazwischen hatten wir viele, viele Gäste, die dem grossen Herrn Maus wichtig sind, packten viele, viele liebevoll für ihn ausgesuchte Geschenke aus, assen zwei riesige Töpfe Soljanka, ernteten Zuckertütchen vom Apfelbaum, assen Rhabarberkuchen und Kalten Hund, sprangen Trampolin, tranken literweise Limo, schwitzten, holten uns fast einen Sonnenbrand, und abends durfte der grosse Herr Maus mit der Lupe aus seiner Zuckertüte den Grill anzünden.

„Ich hatte aber eine schöne Schulanfangsfeier!“ sagte er glücklich, als er endlich ins Bett sank. „Und jetzt nur noch dreimal schlafen!“

So soll es sein.


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Mit Zuckertüte

Komisch ist ja, dass in in Finnland eigentlich alles viel feierlicher und festlicher als in Deutschland begangen wird – Hochzeiten, Taufen, Zeugnisausgaben, Abiturfeiern, Doktorpartys… – nur in die Schule, da geht so ein finnischer Erstklässler am ersten Schultag einfach hin.

Aber das ist ja das Allerbeste am Ausgewandertsein: dass man neue Traditionen übernehmen und alte beibehalten kann.

2013: Zuckertüte, 2025: weisse Mütze. Oder so. ;-)

„Meine Schulanfangsfeier war ja noch viel schöner, als ich es mir vorgestellt hatte!“ seufzte das Fräulein Maus abends glücklich.
„Was war denn das Schönste heute, Fräulein Maus?“
„Dass so viele Gäste da waren! Und dass das Räupchen den ganzen Tag mit mir gespielt hat!“


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Finnisierung XXXI

Ich bin nicht so der Typ, der wegen jedem krakelig gemalten Muttertagsherz und jedem gestottert aufgesagten Gedicht in Rührungstränen ausbricht.

Aber wenn dann für das eigene Kind zum allerersten Mal ganz offiziell das Suvivirsi gesungen wird…

Es ist nämlich so: vor zwölf Jahren nahm mich meine finnische „Familie“ mit zur Konfirmation meiner finnischen „Cousine“. Die Sonne schien, der Flieder blühte, wir feierten im Garten. Hinterher schrieb ich nach Hause: „Ich habe noch nie so viele Kirchenlieder mit so weltlichem Inhalt gesungen.“ Das Suvivirsi („Sommerchoral“) erinnerte mich an “Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, aber das hatte ich zum letzten Mal in der Christenlehre gesungen, nie auch nur in einem einzigen Gottesdienst. Ausserdem sangen die Finnen ihr Suvivirsi irgendwie… mit mehr Inbrunst.

Vor neun Jahren war ich auf der Abiturfeier meiner finnischen „kleinen Schwester“. Sie bekam feierlich ihr Abiturzeugnis überreicht und ihre weisse Mütze, und zum Schluss sangen alle – Schüler, Lehrer, Gäste – gemeinsam das Suvivirsi. „Das wird immer zu Abiturfeiern gesungen. Überhaupt zu jedem Schuljahresabschluss“, erklärte mir meine finnische „Familie“.

Und gestern sass ich dann also mit den Kindergartenkindern in der Kirche. Am Schluss waren die neun Vorschüler nach vorn gerufen worden, und die Pfarrerin hatte sie, jeden einzeln, für die Schule gesegnet. Grosse Kinder, wie sie da standen, bereit für Neues, schon gar keine Kindergartenkinder mehr, und doch noch so klein, als wir alle unsere Hände über sie hielten.
Und dann sangen wir das Suvivirsi. Die Mutter neben mir wischte sich die Augen. Ich sass da. Versuchte den Text zusammenzubekommen. Und blinzelte. Und dachte: so finnisch bist du also schon geworden.

(„Das war schööön!“ hauchte das Fräulein Maus hinterher und fiel mir in die Arme. „Danke, dass du gekommen bist!“)

[Finnisierung I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII, XIX, XX, XXI, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, XXVIII, XXIX, XXX]