Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Tall Ships Race 2017

Wir hatten diesmal für den Urlaub überhaupt keinen festgelegten Zeitplan – der Ähämann hat wie ein richtiger Finne einfach den ganzen Juli frei – ausser dem vagen Plan, vielleicht ganz gern zum Tall Ships Race zurücksein zu wollen. Das findet nämlich nur alle vier Jahre hier statt, und das letzte haben wir schon wegen Urlaub verpasst, und beim vorletzten – da trug ich den grossen Herrn Maus noch auf dem Rücken von Schiff zu Schiff! – war es wirklich schön.

Auch heute gab es jede Menge Segelschiffe zu gucken, und auf viele konnte man auch drauf. Am schönsten das Schiff mit der weitesten Reise hinter sich – zweieinhalb Monate hat es vom Oman nach Finnland gebraucht! – mit all seinen wunderbaren Verzierungen und der Besatzung, die kaum Englisch spicht, aber radebrechend und lachend begeistert Auskunft gab.

Leider waren diesmal ungefähr eine Million Leute entlang des Aurajokis unterwegs – an der Föri stand eine Schlange, deren Ende sich bestimmt erst nach zwei Stunden der ersehnten Überfahrt genähert hätte; am Hafen hatten sie deshalb gleich eine ganze Autofähre als Fussgängerfähre eingesetzt – und das ist nicht unbedingt das, was man nach zweieinhalb Wochen Zelturlaub in Norwegen (Urlaubsrückblick kommt noch, versprochen!) am besten vertragen kann.

Aber schön war’s trotzdem.


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Ewige Dankbarkeit

Es gibt ja so Dinge, auf die wäre ich im Leben nicht von allein gekommen.
Auf dem Schiff nach einem Rausfallschutz zu fragen, zum Beispiel.

Als ich vor Jahrzehnten Jahren einmal allein mit den Kindern aus Stockholm zurückfuhr und mit dem sieben Monate alten kleinen Herrn Maus, den ich in der Trage vorm Bauch schleppte, dem drei Jahre alten grossen Herrn Maus, der vor lauter Erschöpfung nach einem langen Tag in der Babywanne des Kinderwagens hockte, und dem fünfjährigen Fräulein Maus, das sich brav am Kinderwagen festhielt, nach ungefähr zwanzigminütigem Warten vor dem Fahrstuhl endlich auf dem Deck, auf dem sich unsere Kabine befinden sollte, ankam, wurden wir von einer freundlichen Viking-Line-Mitarbeiterin begrüsst und gefragt, ob wir ein Babybettchen bräuchten.

„Ach nein, danke!“, sagte ich. „Der schläft sowieso nur bei mir im Bett.“ „Oder einen Rausfallschutz für die beiden Grösseren?“, fragte die freundliche Viking-Line-Mitarbeiterin weiter.

Ein Rausfallschutz*…!

Ich weiss nicht, ob ich mir Gedanken gemacht hatte, wie wir in der Viererkabine – zwei Betten oben, zwei Betten unten – eigentlich schlafen wollten. Ich weiss auch nicht mehr, wie wir – mit dem Ähämann dabei – auf der Hinfahrt geschlafen hatten. Vermutlich der Ähämann oben mit dem grossen Herrn Maus, ich unten mit dem kleinen Herrn Maus und das Fräulein Maus unten alleine. Vermutlich hatte mein Plan für die Rückfahrt irgendwas mit Hochklappen der unteren Betten und Ausbreiten der Matratzen auf dem Fussboden zu tun gehabt. Ich weiss es wirklich nicht mehr.

Ich weiss nur, dass ich unendlich freudig bejahte, einen Rausfallschutz würden wir gern nehmen. Dann könnten nämlich das Fräulein Maus und der grosse Herr Maus gemeinsam unten „in einer Höhle“ schlafen und ich mit dem kleinen Herrn Maus in dem anderen unteren Bett, und wenn wir für das auch noch einen Rausfallschutz kriegten, dann müsste ich ihn nach dem zweiten nächtlichen Stillen noch nicht mal zurück auf die Wandseite bugsieren.

Bis heute bin ich der freundlichen Viking-Line-Mitarbeiterin dankbar, und bis heute fragen wir bei jeder Nachtfährfahrt als Erstes nach zwei bis drei Rausfallschützen, noch bevor wir die Kabine betreten. Das eröffnet nämlich auch bei grossen Kindern noch ganz neue Möglichkeiten: neuerdings wird nicht mehr so sehr darum gestritten, wer mit wem „in der Höhle“ schlafen darf, sondern wer – allein oder mit welchem Geschwisterkind – oben schlafen darf. Und ich habe jetzt schon einige Fährüberfahrten erlebt, bei denen ich mein Bett mit keinem einzigen Kind teilen musste!

(Irgendwann hatte ich die Schnapsidee, auch bei einer Überfahrt mit Stenaline oder TT-Line oder Scandlines oder wer auch immer die überteuerten Fahrten mit den räudigen Schiffen von Trelleborg nach Rostock anbietet, nach einem Rausfallschutz zu fragen. „Ein Rausfallschutz?!“, guckte mich der freundliche deutsche Mitarbeiter am Infoschalter entgeistert an. „Ein Babybett könnten wir Ihnen anbieten!“ (Da war der kleine Herr Maus vier!) „Naja, so ein Ding halt, was man unter die Matratze klemmt und was dann eben verhindert, dass das Kind aus dem Bett fallen kann…“, erklärte ich. „Nein, sowas haben wir leider nicht. Aber sowas ist an den oberen Betten ja auch dran…“ Ja, neee, danke. Dieser Minibügel wird unsere sich herumwälzenden Kinder leider nicht aufhalten. Aber immerhin sind jetzt alle gross genug, um wenigstens unten ohne Rausfallschutz auszukommen. Und oben geschlafen wird eben nur zwischen Stockholm und Turku.)


*Wir besassen und besitzen freilich einen Rausfallschutz für unsere Kinder. So einen ausziehbaren, den wir tatsächlich immer noch mit auf Reisen nehmen, denn man weiss ja nie. Aber auf eine Fähre haben wir ihn nie mitgeschleppt. Wer einmal drei Kinder, einen Kinderwagen, Klamotten für alle – ich bin da vielleicht ein bisschen paranoid, aber die Anoraks bleiben nicht im Auto, wenn wir Fähre fahren – und einen Rucksack mit den wichtigsten Utensilien für die Nacht durch ein vollgeparktes, enges Autodeck manövriert hat, der verzichtet auf jedes nicht unabdingbare Gepäckstück.


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Schiffe gucken

„Können wir auch noch in ein paar andere Museen gehen?“, fragte das Fräulein Maus letzte Woche. „Klar. Wo willst du denn hin?“ „In das Schiffsmuseum!“

Also gingen wir gestern ins Schiffsmuseum.

Ausser einer wirklich schönen Ausstellung in der ganzjährig geöffneten Ausstellungshalle kann man sich im Sommer auch all die Schiffe angucken, die vor dem Museum im Aurajoki vor Anker liegen. Und das war das Allerbeste.

Wir schwankten über die schrägen Planken – auch im Inneren! – des „Suomen Joutsen“, wir stiegen bis auf die Brücke des letzten als Autofähre zwischen Finnland und Schweden eingesetzten Dampfschiffs und stellten fest, dass die Kabinen in den letzten fünfzig Jahren eigentlich nicht wesentlich moderner geworden sind, die Kinder kochten lange in der Kombüse eines 150 Jahre alten hölzernen Dreimasters Eierkuchen und Kaffee, und wir stiegen in jede enge Luke und über jede Treppe der beiden ausgestellten Kriegsschiffe.

Das Fräulein Maus fing dann irgendwann an zu motzen über Schwäche und Langeweile zu klagen. (Sehr schön ist, dass man den – relativ teuren – Museumsbesuch tatsächlich jederzeit abbrechen und am nächsten Tag fortsetzen kann. Die Tickets gelten automatisch zwei Tage lang.)

Nun ist das nichts Neues, dass das sportlichste Kind der Familie nicht allzugern läuft. Aber als wir uns dann auf dem Heimweg mit dem obligatorischen Sommerausflugseis aus einem nahegelegenen Supermarkt auf der Föri niedergelassen hatten und uns fünf Mal über den Fluss hin und her fahren liessen, da hatte ich, zugegebenermassen, auch ein recht plattgelaufenes Gefühl in den Füssen.


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Herbsturlaub (5): Heimkehr

Die Einfahrt in den Helsinkier Südhafen ist die schönste der Welt, die ich kenne.

(Und, liebe Pinni, ich habe schon mal nachgeprüft, ob für unseren 48-Stunden-nonstop-Kommunikationseinheiten-Austausch-Urlaub in zwei Wochen alles bereit ist. Das Hostel steht noch, der Leuchtturm leuchtet, die Fähre fährt. Und an einem der beiden Abende müssen wir unbedingt dreiviertel sieben mal da an der hintersten Inselspitze stehen und gucken, wie das Riesenschiff da vorbeifährt. Wenn wir die Arme ausstrecken, können wir es vermutlich sogar anfassen.)


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Herbstferien (1): Kurze, weite Reise

Manchmal komme ich mir ein bisschen versnobt vor, weil so eine Schifffahrt gar nichts Besonderes mehr für uns ist. Auch die unter Finnen so beliebten „Kreuzfahrten“ empfinden wir eher als zweifelhaftes Vergnügen. Denn wann immer wir irgendwohin ausserhalb Finnlands reisen wollen – es sei denn, wir fliegen, aber das ist mit fünf Personen finanziell eher keine Option – besteigen wir ein Schiff. Also oft.

Dennoch fühlt sich so ein Urlaub, der mit einer Schiffsreise beginnt, gleich wirklich wie eine weite Reise an. Auch wenn man gar nicht weit fährt.

Irgendwie muss man ja aus zwei (!) schulfreien Tagen (!) das Beste machen.


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Vier Herbstferientage

Man hat’s nicht leicht als finnisches Schulkind. Zwei Tage Herbstferien…!

Wir hatten trotzdem prima Ferien: mit einer richtigen Schiffsreise, mit Sandbuddeln und Wandern, mit Meer und Wald, mit Sonne und Hagelschauern.

Das Fräulein Maus durfte eine Stunde eher aus der Schule gehen. Die beiden Herren Maus waren Mittagskinder. Im Sonnenuntergang kamen wir in Tallinn an.

Bis die bis auf den allerletzten Platz ausgebuchte Fähre leer war, war es draussen stockfinster. Als wir die letzten Lichter der Stadt hinter uns gelassen hatten, begleitete uns der Mond neben der Autobahn. Die Mäusekinder zählten Sterne. Ich erfreute mich an weissen Elchwarnschildern und den Wegweisern für Blitzmerker. So Kleinigkeiten, die ein anderes Land so besonders machen.


(Wie man bei zugelassenen 110 km/h auf der Autobahn unfallfrei erfassen soll, wo und wie man wohin an der Ausfahrt abbiegen muss, ist mir ja ein Rätsel…)

Wir verliessen die Autobahn an einer weniger spektakulären Abfahrt (aber mit nicht weniger Ortsangaben – die sich dann allesamt als Ansammlung von maximal fünf Häusern entpuppten). Die vollkommen dunkle, schmale Strasse wand sich durch einen undurchdringlichen nächtlichen Märchenwald, der so dicht an die Strasse heranwuchs, dass einmal sogar ein kleines, reflektierendes, rot-weisses Schildchen vor einem knorrigen Kiefernast, der über die Strasse ragte, warnte. Ein Fuchs lief elegant über die Strasse, ein Reh kehrte wieder um, mehrere funkelnde Augen verfolgten uns aus dem Unterholz am Strassenrand. Dann wieder führte die Strasse über mondbeschienene Felder, auf denen sich Kühe zusammendrängten. Ich wusste gleich, dass wir uns mit dem ersten Nationalpark der Sowjetunion für das richtige Reiseziel entschlossen hatten.

Am ersten Tag besuchten wir das Meer. Das gleiche Meer, das doch so ganz anders aussieht als bei uns. Und allüberall finnische Findlinge!

Am zweiten Tag besuchten wir die Biber. Das nämlich hatte den Ausschlag gegeben für den Nationalpark: dass es dort jede Menge Rundwanderwege gibt. Der Biberlehrpfad ist ein ganz besonders liebevoll angelegter, der tatsächlich an mehreren Biberdeichen und benagten Bäumen vorbeiführt. Der grosse Herr Maus behauptete sogar, er habe eine Biberpfote gesehen, und wollte unbedingt warten, bis er einen ganzen, echten Biber gesehen hätte. Leider regnete es in Strömen, und das Fräulein Maus, das mir im Frühling die lustigen Krokodilgummistiefel abgetrotzt hatte, hatte nasse Füsse, weil ebenjene Gummistiefel nach nur ein paar Monaten an der Sohle durchgelaufen waren. (Unser erster Weg zu Hause führte in den grossen Supermarkt, ordentliche Nokia-Gummistiefel kaufen. Solche, die das Fräulein Maus und der grosse Herr Maus schon jeweils zwei Jahre getragen haben, und die der kleine Herr Maus jetzt immer noch mit wunderbar trockenen und warmen Füssen trägt.)

Am dritten Tag fuhren wir ans andere Ende des Nationalparks. Über winzige Strassen, vorbei an immer nur einzelnen Häuschen – oft grüne oder dunkelgelbe Holzhäuschen, die mich immer an „Timur und sein Trupp“ erinnern. Vorbei an verfallenen Ställen und Fabrikruinen, vorbei an prunkvollen Landgütern. Und überall Storchennester: auf Schornsteinen, auf Strommasten. Da wäre ich gern mal im Sommer. Als wir noch eine Kleinststadt mit trostlosen Plattenbauten, aber einem supermodernen, riesigen Spielplatz passiert hatten, waren wir am Ausgangspunkt unserer ausgewählten Wanderroute: zum sieben Meter hohen drittgrössten Findling Estlands (die beiden grösseren liegen vor der Küste im Meer rum). Es fing dann auch gleich erstmal an zu hageln. Der Weg schlängelte sich sieben Kilometer durch hohe Fichten mit Flechtenbartzotteln an den Ästen, durch Moor, über eine lange, mit Rentierflechte bewachsene Düne, durch Birkenwäldchen und an einem Bach entlang. Von einem Aussichtsturm sahen wir bis zum fernen Tallinn. „Ob man auf den Findling auch draufklettern kann?“ hatte das Fräulein Maus vorher gefragt. „Ich glaube nicht. Den kann man sich bestimmt nur von unten angucken. Sieben Meter sind ja ganz schön hoch, da kann man nicht einfach so hochklettern“, hatte ich ihr geantwortet. Und dann entdeckte sie die Leiter als erste: „Da kann man ja doch draufklettern!“ Das war das Allerbeste.

Wir assen leckere Sachen, und die Kinder freuten sich über die Spielzimmer oder wenigstens Spielecken in jedem Restaurant. (Über das deutsche Restaurant, in das es uns zufällig verschlagen hat, und das wir aus verschiedenen Gründen schnellstmöglich wieder verliessen, sage ich jetzt besser nichts…)

Am vierten Tag kauften wir im Supermarkt genug estnische Kekse, Bonbons, nostalgisch verpackte Schokolade, Käse und slowakische Käsenudeln für das nächste halbe Jahr die nächsten vier Wochen.

Dann betankten wir den Herrn Picasso mit preiswertem Benzin, fuhren zurück nach Tallinn, bestiegen eine völlig ausgebuchte Fähre, ärgerten uns ein wenig über bekloppte „Kreuzfahrer“… und als wir am blinkenden Leuchtturm von Suomenlinna vorbei in den Helsinkier Hafen einfuhren, habe ich mich schon ganz schrecklich auf die nächste Reise gevorfreut.