Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Am Sonntag, so hatte es auf der Webseite gestanden, würde die Sauna am See aufmachen. Darauf hatten wir uns schon zwei Wochen vorgefreut, denn die Eisbadesaison endet offiziell Ende April, und die Sommersaunas machen üblicherweise erst mit Beginn der Sommerferien auf.

Als wir Sonntagnachmittag da ankamen, standen wir allerdings vor verschlossenen Türen. Ein Anruf beim Verantwortlichen – sowas geht in Finnland, auch sonntags – ergab, dass die Sauna erst im Juni aufmacht und das Datum auf der Webseite offensichtlich falsch sei. Das war extrem ärgerlich, zumal die Sauna zum Beispiel auch im letzten Jahr schon Mitte Mai aufgemacht hätte, hätten es nicht die Coronamassnahmen verhindert. Und sowieso und überhaupt könnte sie einfach das ganze Jahr geöffnet sein, da sich ja jeder, der sie benutzen möchte, einfach selbst Holz aus dem Schuppen holt und sie anfeuert.

Ohne Sauna in den See zu springen war trotz strahlendem Sonnenschein keine Option bei dem eisigen Wind, der durch den immer noch ziemlich kahlen und grauen Wald rauschte.

Fuhren wir also zurück und in die Sauna mit den Verbotsschildern. Das hätten wir allerdings einfacher und umweltfreundlicher haben können. Grmpf.

Immerhin überholten wir auf dem Weg dahin eine 452, nach der ich schon vergleichsweise lange gesucht hatte.

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Suomenlinna-, Sauna- und Sonnenwochenende

Seit vielen Jahren – ausser im letzten, aus bekannten Gründen – fahren die liebste Freundin und ich einmal im Jahr für ein gemeinsames Wochenende nach Helsinki.

Wir machen nichts weiter, als zweieinhalb Tage lang ziellos über Suomenlinna und durch die Stadt zu spazieren, leckere Sachen zu essen, stundenlang in einer Sauna herumzusitzen und bei all dem ununterbrochen – im doppelten Wortsinn – zu reden.

Da die „Gabriella“ neulich in den Seapool gefahren ist und ihn schlimmer beschädigt hat, als man vermutet hätte, mussten wir uns diesmal eine andere Sauna suchen.

Statt einer ganz neuen diesmal also eine ganz alte. Genaugenommen die älteste noch erhaltene öffentliche Sauna Helsinkis. Sie befindet sich in einem mehrstöckigen Haus; im Erdgeschoss saunieren die Männer, im ersten Stock die Frauen. Allein die Umkleideräume sind – vor allem im Vergleich zu den engen Umkleideräumen mit den winzigen Spinden im Seapool – ein Traum. Die riesigen Saunaöfen werden immer noch mit Holz beheizt: es dauert drei bis fünf Stunden, bis die Sauna warm genug ist, dafür speichern die anderthalb Tonnen Steine und die Tonne Eisen im Saunaofen so viel Wärme, dass das dann für den Rest des Tages reicht. Zum Aufgussmachen muss man mit einer Kelle mit einem sehr langen Stiel sehr gut zielen; man wirft das Wasser nämlich von der höchsten Saunabank aus durch eine Art Ofenklappe auf ungefähr Kopfhöhe auf die Saunasteine. Zwischen den Saunagängen sitzt man vor der Tür auf dem Bürgersteig, Hunde werden an einem vorbeigeführt, Strassenbahnen fahren vorbei, und übers Dach fliegen startende Flugzeuge. Wer braucht da schon Eisschollen?

Das ist vielleicht unsere neue Lieblingssauna.

Das war wie immer sehr schön und erholsam.

(Und das Allerbeste war vielleicht, das ganze Wochenende keine Nachrichten zu lesen.)


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Spass mit Eisschollen

Und in Turku so?

In Turku ist der typischste Turkuer Winter seit ichweissnichtwann: es schneit, es taut, es regnet, es gibt Frost, so dass der ganze Kladderadatsch gefriert, es schneit auf die dezimeterdicke Eisschicht, es taut, es regnet… und wieder von vorn.

Ich beschwere mich nicht. Immerhin liegt in regelmässigen Abständen Schnee, und das ist mehr, als man in diesen Zeiten in unserem südwestfinnischen Zipfel erwarten kann. (Ich bin immer noch traumatisiert von dem komplett schneefreien Winter vor zwei Jahren.)

Die letzten beiden Regentage, die Stadt und Feld und Wald in eine graubraune Rutschbahn verwandelten, fielen ausgerechnet auf das letzte Wochenende. Am Samstag setzten wir keinen Fuss vor die Tür; ausser um die Kisten mit den weggepackten Weihnachtssachen in die Kammer zu tragen. Am Sonntag aber waren wir froh, dass die Eisbadesauna nach zwei Wochen coronabedingter Schliessung wieder aufhatte: die einzige Winteraktivität, die immer geht, egal, wie das Wetter ist.

Der Südwindsturm hatte die Eisschollen in die Badebucht getrieben, in kleine Teile zerbrochen und schaukelte sie dort auf und ab. Vom Steg aus konnte man deshalb keinen einzigen Zug schwimmen, sich dafür aber inmitten von Eisschollen abkühlen. Am Strand herrschte Sommerstimmung: in Zweier- oder Dreiergrüppchen liefen die Saunagänger*innen über den Sand ins Wasser. Die Herren Maus schoben die an den Strand angespülten Eisschollen wie Luftmatratzen vor sich her ins Tiefere, kletterten drauf, schaukelten ein bisschen auf den Wellen und sprangen dann zurück ins Wasser.

Das war sehr toll. Trotz Regen.


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Déjà-vu

Juli 2020, Grönlandsee

Als ich gestern mit dem Fräulein Maus und Silja, die am selben Tag geboren ist wie Königin Silvia, auf der Frauenseite der Eisbadesauna sass und sehr erleichtert war, Silja nach fast zwei Jahren pandemiebedingter Saunapause wieder zu sehen, weil man ja in diesem Alter nie weiss, und wir uns über ihre Hunde unterhielten und von drüben aus der Männersauna das Gebrüll die lauten Stimmen durch die Wand bis zu uns drangen, tauchte plötzlich der kleine Herr Maus vor dem grossen Saunafenster auf, guckte ein bisschen suchend, lief tänzelnd auf den Strand statt auf den Steg zu und fing dann plötzlich an zu rennen: er hatte die Wellen, die der gerade eben vorbeigefahrene Tanker verursacht hatte, abgewartet, um sich juchzend in sie hineinzuwerfen. So wie vor anderthalb Jahren in die Wellen der Grönlandsee. Mit der gleichen Badehose, mit den gleichen wehenden Haaren und ebenso hochgereckten Armen. Die Wassertemperatur war sicher auch ähnlich.


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Und sonst so?

Seit zwei Wochen (!) haben wir in Turku – der letzte ist ja auch schon zwei Jahre her – Grossküchenstreik. Der Ähämann kocht seit zwei Wochen riesige Berge an Essen, die wir morgens in drei Thermosbehälter füllen, weil es kein Schulessen gibt. (Die Schulen bieten ein Notessen an, das aus in Plastik verpackten Sandwiches, in Plastik verpacktem Salat, Pillimehu und einzeln in Plastik verpackten Keksen besteht, dazu gibt es Pappteller und Plastikgabeln. Passenderweise gehört auch das Putzpersonal zum Grossküchenunternehmen, und es kann sich folglich nur noch um ein, zwei Tage handeln, bis sämtliche Schulen der Stadt unter einem Plastikberg versunken sind.) Die Kinder wünschen sich, dass der Streik nie aufhört.

Seit einer Woche haben wir sowas wie Winter. Es ist kalt, um die -10°C, und es ist, anders als normalerweise in Turku, keine Änderung in Sicht. Leider machen die Schneewolken einen grossen Bogen um Südwestfinnland. Das bisschen Weiss, das auf dem Boden liegt, sind Raureif und gefrorene Luftfeuchtigkeit, die glitzernd vom Himmel fällt. Um die Stimmung zu heben, machen die Wetterfritzenmattis immer mal ein Schneesymbol in die Wettervorhersage, aber wenn man sich das dann genauer anguckt, steht da immer, dass die Niederschlagswahrscheinlichkeit kleiner als 10% sein wird und die Niederschlagsmenge 0,1 mm, und als jemand, der grundsätzlich in der Lage ist, Zahlen zu deuten, kommt man sich dann schon auch ein bisschen verarscht vor. Immerhin gibt es Eis. Am Wochenende konnten wir das erste Mal von Eisbaden sprechen, denn in Ufernähe hatten sich die ersten Eisschollen gebildet, und die Herren Maus brauchten die ganz dringend gewünschten und noch auf dem Weg besorgten Neoprenhandschuhe weniger zum Schwimmen als zum Eisschollen-aus-dem-Meer-angeln.

(Wir fuhren trotz der -7°C mit dem Fahrrad hin, und ich war zum ersten Mal in diesem Herbst dabei weder zu dick noch zu dünn angezogen und auch noch wohlig warm, als wir wieder zu Hause ankamen.)

Der Fluss, auf dem vorgestern noch nur winzige Flecken von Eishäutchen Richtung Meer trieben, hat seit gestern eine geschlossene Eisdecke. Leider ist weit und breit kein Wasserauto in Sicht, das die Turkuer Sportplätze vereisen würde, obwohl jetzt der vermutlich passendste Zeitpunkt dafür wäre. Sportplätze vereisen ist aber erst ab Ende der Weihnachtsferien vorgesehen, wenn es dann in Turku vermutlich wieder tauen wird. Diese Unflexibilät hat mich schon im Kindergarten – „Nächsten Donnerstag gehen wir auf den Rodelberg!“ Warum nicht morgen?! – unsäglich genervt. Wir sind hier in Turku! Nicht in Lappland oder Sibirien, wo man sich drauf verlassen kann, dass der Winter noch fünf Monate anhält! Hier muss man die Gelegenheiten beim Schopfe packen, solange sie sich bieten. Tja. Vielleicht können wir am Wochenende ja schon auf dem See schlittschuhlaufen. Falls wir irgendwo Eisahlen für die Kinder erstehen können. Eisahlen kommen nämlich auch erst im Januar in die Läden.


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Novemberradtour

Man muss nehmen hierzulande im November, was man kriegen kann an tiefstehender Sonne. Da passte es gut, dass sich der kleine Herr Maus schon vor zwei Wochen gewünscht hatte, mit dem Rad in die Eisbadesauna auf der nächsten Insel zu fahren. Und dass einer von zwei Sonnentagen der Woche auf einen Samstag fiel.

Da wir am genau entgegengesetzten Ende der Stadt wohnen, ist das kein schneller „Wir fahren mit dem Rad in die Sauna“-Ausflug, sondern eher eine „Radtour mit Saunabesuch“, 19 km einfache Strecke. Bis auf die zwei, drei Kilometer, die man braucht, um das Hafengelände zu umfahren – weil ausserhalb des Sommers der Wasserbus nicht fährt – ist der Weg allerdings ausgesprochen schön: erst bis zur Burg immer am Fluss entlang, und dann auf einem extrem glatten, extrem schön angelegten Radweg über Wiesen und durch Eichenwälder – schwer vorstellbar, dass die gerade noch grün und voller Maiglöckchen waren – das Meer immer in Sichtweite, bis zur äussersten Spitze der Insel. Und was die 82-jährige Ritva, die unsere Kinder sozusagen in der Eisbadesauna hat aufwachsen sehen und die neuerdings nicht mehr mit dem Auto, sondern mit ihrem E-Bike in die Sauna kommt, kann, das werden wir ja wohl auch hinkriegen!

Unterwegs kamen wir an mehreren Tankstellen vorbei, und spätestens angesichts der aktuellen Benzinpreise fragt man sich ja, warum nicht mehr Leute ihr Auto einfach mal stehen lassen. (Oder wieviel der Liter Benzin noch kosten muss, damit die Leute endlich aufhören, innerhalb der Stadt täglich mit dem Auto auf Arbeit oder ihre Kinder in die Schule zu fahren.)

Als wir wieder heimkamen, hatten die beiden Grossen, die nicht hatten mitkommen wollen, gemeinsam die ganze Wohnung blitzblank geputzt. Sagte ich schon, dass grosse Kinder toll sind?!


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Nachdem gestern Nachmittag das Fräulein Maus eine Orchesterprobe hinter sich gebracht hatte, der grosse Herr Maus von einer zweitägigen Wanderung zurückgekehrt war und der kleine Herr Maus sich von einem ausgedehnten Tobsuchtsanfall erholt hatte, beschlossen wir, doch schnell noch in unsere kürzlich wiederentdeckte September-Eisbadesauna zu fahren, und zwar angesichts der Umstände mit dem Auto statt mit dem Rad. Was gut war, denn bis wir uns mit den fünf Fahrrädern in Bewegung gesetzt hätten, wäre die 417 längst über alle Berge gewesen. Andererseits mussten wir feststellen, dass wir mit dem Auto gar nicht so viel schneller sind als mit dem Fahrrad; und das ist ja durchaus mit den klimafreundlichen Alternativen generell so, dass die überraschend wenig mehr Aufwand / Zeit / Geld kosten als man vermuten würde. (Aber ach…!)

Die Sauna war überraschend voll. Es war bestes Badewetter. Luft 10°C, Wasser 11°C.

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