Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


2 Kommentare

Herbstlaub und Sommersonne

Seit vier Tagen haben wir deutschen Oktober: die Bäume sind schon bunt, aber es ist nochmal über 20 Grad warm geworden.

Etwas, das wir in Finnland in 17 Jahren noch kein einziges Mal erlebt haben.

Am Samstag fuhren wir nach Rauma, wo das Herbstlaub besonders malerisch, aber sonst nur mit dicken Jacken und Mützen zu kriegen ist. Diesmal liefen wir im T-Shirt durch die Gassen der Altstadt.

Wir hatten gedacht, wir könnten auch die Chance nutzen, nochmal essen zu gehen, bevor es zu kalt wird, um draussen zu sitzen. Leider hatte der Italiener, der im Juni Tische und Stühle auf dem schmalen Fussweg stehen hatte, selbige schon wieder weggeräumt. Und auch sonst konnte man nirgends in der Altstadt draussen sitzen. (Was ausser uns auch niemanden zu stören schien. Es war überall voll.) Unsere Rettung war die gleiche Pizzeria wie vor einem Jahr, die damals das einzige Lokal gewesen war, das sonntags geöffnet hatte. Diesmal war es das einzige, wo man noch draussen sitzen konnte. „Dieses Wochenende noch“, erklärte uns die Kellnerin, „ab Oktober bräuchten wir eine Sondergenehmigung für den Winter.“ Man könnte tatsächlich meinen, Corona sei vorbei.

Nachdem wir wie immer nach (sehr spätem) Mittagessen und Kaffeetrinken und Besuch des Lieblingsspielplatzes, ohne den wir noch immer keinen Ausflug nach Rauma machen können, die Heimfahrt antraten, war die Sonne gerade untergegangen, und trotzdem war es noch unwirklich warm. Drei Elche standen malerisch im Abendnebel auf einer Wiese neben der Strasse, und ein riesiger rosa Mond leuchtete uns den Weg.


Hinterlasse einen Kommentar

Mit Flieder

In Rauma ist es am schönsten, wenn der Flieder zwischen den alten Holzhäusern blüht.

Aber weil wir in den letzten Jahren zur Fliederzeit immer „in Europa“ waren, sind wir immer nur zur zweitschönsten Zeit hingefahren: im Herbst, wenn die Stadt ganz in Gelb gekleidet ist.

Wie gut, dass wir diesmal mal wieder zu Hause sind, wenn der Flieder blüht. (Auch der in unserem Garten.) Und wie gut, dass der Ähämann diese Woche Urlaub hat!

Auf dem Weg nach Rauma kommen wir immer an der Limonadenfabrik vorbei, vor der die riesige Bierdose steht, und in der die leckeren Limonaden und die leckere koffeinfreie Cola in Glasflaschen hergestellt werden. „Ach, wenn sie doch einen Werksverkauf hätten…!“, seufzen wir immer beim Vorbeifahren. Seit diesem Jahr haben sie einen.

(Ich habe ja ein Faible für hübsche Adressen: die Anschrift der Limonadenfabrik lautet „Limonadengasse 4“.)

Seit 1. Juni sind in Finnland auch die Restaurants wieder geöffnet – das heisst, sie waren eigentlich nie richtig zu, denn man konnte die ganze Zeit über Take away holen; nur aushäusig betrinken war nicht möglich, und das hat im Gegensatz zu uns wohl viele sehr geschmerzt – und das nette italienische Restaurant, das wir mal im Herbst entdeckt hatten, hatte kurzerhand ein paar Behelfstische und -stühle auf die Strasse gestellt, und so hat der Ähämann gestern zum ersten Mal seit drei Monaten nicht gekocht.

Das Beste aber war, dass die Stadt völlig leer war. Keine Touristen, keine finnischen Urlauber, keine Wochenendausflügler. Sogar auf dem Spielplatz, ohne den besucht zu haben wir seit Jahren nicht wieder heimfahren können – diesmal hatten wir die Rollschuhe dabei, denn die Kinderfahrräder passen schon lange nicht mehr in den Kofferraum – waren ausser uns nur noch zwei oder drei Familien.

Das war so schön, dass wir für morgen direkt den nächsten Stadtausflug geplant haben.


3 Kommentare

Gelb

Diesen Herbst ist es nicht so extrem bunt wie nach dem heissen Sommer im letzten Jahr: viele Bäume sind noch grün – oder schon ganz kahl, weil es schon mehrere Frostnächte gab.

Trotzdem leuchtet der finnische Herbst auch dieses Jahr wieder in allen Gelbtönen. Damit wir nochmal Farben tanken können vor dem Winter.

Und in Rauma leuchtet er bekanntlich besonders schön.

(Pro-Tipp: nicht an einem Sonntag nach Rauma fahren. Da haben ausserhalb der Saison 99% der in der kleinen Stadt ansonsten wirklich reichlich vorhandenen Restaurants und Cafés geschlossen. Die Kinder waren erst wieder so friedlich, wie es auf den Fotos aussieht, nachdem sie nach mehreren Runden durch die Altstadt endlich was zu essen bekamen.)


2 Kommentare

Farben tanken

Der Samstag begann damit, dass ich gegen acht, kurz vor Sonnenaufgang, aufs Klo wankte und es vor dem Fenster so aussah:

Statt direkt wieder ins Bett zu kriechen, holte ich erstmal die Kamera. Dann schlich ich mich zurück ins Bett und freute mich nicht nur, dass ich mindestens noch eine Stunde schlafen könnte, sondern auch, dass wir ausnahmsweise einen komplett freien Tag vor uns hatten. Mit besten Wetteraussichten noch dazu.

An so einem Tag, an denen schon vor Sonnenaufgang die Bäume wie von innen heraus leuchten, kann man aber nicht in den Wald und auch nicht ins Moor. Da muss man irgendwohin, wo es viele Laubbäume gibt! Und waren wir nicht schon ewig nicht mehr in Rauma?! Wir würden alles stehen und liegen lassen und gleich nach dem Frühstück losfahren. („Gleich nach dem Frühstück“ entpuppte sich dann als um zwölf, weil alle das Ausschlafen bitter nötig hatten, aber die Sonne steht ja – Sommerzeit sei Dank! – immer noch erst um eins am höchsten, und abends ist es noch leidlich lange hell.)

Wir konnten uns schon auf der Hinfahrt nicht sattsehen an den gelb und orange leuchtenden Bäumen am Strassenrand. Und in Rauma fanden wir sogar überraschend eine Gelegenheit zum Laubflössen. Nachdem die Herren Maus den Stock, der sich quer im Bach verfangen hatte, entdeckt und herausgezogen hatten, setzte sich ein Riesenplacken angestauter Herbstblätter in Bewegung und wollte in der Strömung gehalten werden. Drei Kinder besorgten sich in Windeseile lange Stöcke und rannten am Ufer auf und ab und stocherten mit Hingabe im Bach herum.
So lange jedenfalls, bis der kleine Herr Maus mit einem gewaltigen PLATSCH rücklings in den Bach flog und mit bis über die Hüfte triefnassen Klamotten – die einzigen beiden Kleidungsstücke, die noch trocken waren, waren Mütze und Halstuch – wieder herausstieg. Zum Glück fahren wir immer noch wie in Kleinkinderzeiten einen Beutel mit drei vollständigen Sätzen Kinderersatzklamotten im Auto spazieren, war das Auto nicht allzuweit weg und war es nicht sehr kalt.

Und so liefen wir, nachdem der kleine Herr Maus sich umgezogen hatte und wir die nassen Klamotten im Auto ausgebreitet hatten, weiter durch Gässchen voller Holzhäuser, gingen sehr lecker und gemütlich italienisch essen, statteten dem Lieblingsspielplatz einen Besuch ab und liessen die Kinder – da die drei Kinderfahrräder inzwischen wirklich nicht mehr ins Auto passen – noch mehrere Runden rullern.

Es war alles ganz wunderbar.

Auch wenn das wohl eher nicht so unser Glückstag war, gestern. Denn auf der Hinfahrt hatte uns ein entgegenkommender LKW einen Stein an die Frontscheibe geschleudert, und die ist jetzt leider hin.

Wir fuhren dann auf der Heimfahrt auch sehr, sehr vorsichtig, denn nach Glasbruch und unfreiwilligem Bad im Bach hätte es mich nicht gewundert, wenn wir in der Dämmerung auch noch einem Elch begegnet wären.


Ein Kommentar

Runden drehen

”Können wir heute auf den Zentimeter-hoch-Berg gehen?”, fragte der kleine Herr Maus gestern gleich nach dem Aufstehen. Ich fand das keine so gute Idee. Auf Waldwanderungen verzichte ich im Sommer lieber, wenn dort zehn Millionen Mücken schon auf der Lauer liegen nach fünf unschuldigen Opfern.

„Dann will ich ins City-Moor!”, teilte uns das Fräulein Maus mit. Ausgerechnet!

„Na dann eben nach Rauma!“, schlug der kleine Herr Maus vor. „Auf den Spielplatz!“, juchzte das Fräulein Maus. „Können wir da heute auch mal mit den Fahrrädern auf diesen Strassen fahren?“, fragte der grosse Herr Maus. Denn gleich neben dem Spielplatz befindet sich auch ein Verkehrspark.

Hier in Turku gibt es ja seit neuestem eine “Verkehrsstadt” für Kinder. Mit richtigen kleinen Häusern und echten Ampeln. Süss. Zu benutzen allerdings ausschliesslich mit den dort auszuleihenden Tretautos, für 2,50 € pro Kind und Viertelstunde. Hallo?! Wächst mir Gras aus den Taschen?! Habe ich Kinder, die nach einer Viertelstunde von sowas genug haben und bereitwillig wieder gehen?!

In Rauma konnte man gestern auch Dreiräder, Laufräder, Fahrräder, Tretautos und Elektroautos ausleihen. Damit hatten wir gar nicht gerechnet. Aber gut, dass wir die eigenen Fahrräder dabei hatten – denn als die verkehrsparkeigenen Fahrzeuge um 18 Uhr weggeräumt wurden, fuhren die Kinder noch weitere anderthalb Stunden ihre Runden.

Man kann dann jetzt mal rechnen, was wir dafür in Turku bezahlt hätten. Für das Geld kann man jedenfalls locker nach Rauma fahren. Und dann gibt’s ja auch noch den Verkehrspark im benachbarten Kaarina. Und das alles ohne Schlangestehen am Tretautoverleih. Denn dass der Herr Picasso ohne Probleme ein 12-, ein 18- und ein 20-Zoll-Fahrrad schlucken kann, wissen wir ja jetzt auch.


16 Kommentare

Unter Ausländern

Lange Zeit war ja das kleine Salo die finnische Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil. Wegen des NOKIA-Werks. Das hat sich ja nun erledigt.

Nun kann ich das nicht mit Zahlen belegen, aber ich schätze, den Spitzenplatz hat jetzt Rauma eingenommen. Wegen seiner nahegelegenen Dauerbaustelle.

Als wir uns einen sonnigen Platz vor dem (einzigen) Café in der Altstadt suchten, sassen am Nachbartisch zwei Franzosen. Einer las – soviel Französisch kann ich noch entziffern – ”Das Leben des Vatanen”, mit Bibliotheksaufkleber auf dem Buchrücken. Ganz sicher keine Touristen. Zwei Tische weiter sprachen zwei Englisch. Später entfaltete am Nachbartisch einer eine riesige englische Tageszeitung. Der Kellner: ein Portugiese.

”Die gehen jetzt alle Abendbrot essen!”, stellte das Fräulein Maus fest, als wir unser spätes Mittagessen beendet hatten und gerade ein kleines Mädchen an unserem Tisch vorbeilief. ”Es ist nämlich halb fünf. Und bis wir am Spielplatz sind, ist es um fünf, und die sind alle zu Hause!”, grinste sie mich an.

Letztes Jahr nämlich hatten wir in Rauma den neuen Spielplatz entdeckt. Da wollten wir diesmal auch wieder hin. Allerdings hatte sich das Fräulein Maus geirrt: alle Kinder waren nicht Abendbrot essen. Der Spielplatz war bevölkert von ausländischen Familien. Am häufigsten hörten wir Tschechisch und Slowakisch, und ich musste daran denken, dass wir vor sieben Jahren in der Slowakei grosse Plakate gesehen hatten, die um Arbeiter für die Kernkraftwerksbaustelle in Olkiluoto warben.

Später kamen dann auch die finnischen Kinder zurück auf den Spielplatz. Deutlich übrigens an Mützen, Overalls und festem Schuhwerk zu erkennen. Die Ausländerkinder – unsere eingeschlossen – rannten im T-Shirt und barfuss herum.


Hinterlasse einen Kommentar

Und dann…

… waren wir noch in Kasnäs am Sonnabend. Eine gute Stunde Fahrt von Paimio über kleine, gewundene Strassen, bei strahlend blauem Himmel und sattgrünen Wiesen und Feldern. Ich fahr’ da so gerne, und ganz besonders um diese Jahreszeit. Die Augen im Grün baden lassen und auftanken für den Winter, der allzuschnell wiederkommt…

Am Sonntag sind wir dann wieder nach Rauma gefahren, diesmal rechtzeitig, um die Fähre auf die Leuchtturminsel Kylmäpihlaja zu erreichen. Lecker gegessen haben wir dort, das Mäusekleinkind hat ein bisschen geturnt, und für eine kurze Leuchtturmbesteigung hat der 1½-stündige Inselaufenthalt auch noch gereicht.

Schön ist das im Sommer! Und ein nicht mehr ganz so kleines Baby zu haben hat durchaus auch seine Vorteile. Dass wir neuerdings an jedem Spielplatz, in jedem Park und an jedem Springbrunnen Pause machen müssen, ist ja auch gar nicht mal so schlecht.