Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Abendspaziergang, Sommerversion

Gestern – es war passenderweise Weltfahrradtag – machten wir eine spontane Radtour auf die nächste Insel.

Der Ähämann und die Herren Maus kamen mich von Arbeit abholen, und weil mein letztes Hortkind schon zehn vor fünf gegangen war, schafften wir sogar den Wasserbus, der drei Brücken weiter abfährt.

(Wir wären auch die ganze Strecke geradelt, aber mit der Linie 180 – die einzige in Turku, die Fahrräder kostenlos transportiert – spart man sich zum Nahverkehrstarif den auch landschaftlich nicht sehr verlockenden Umweg um den ganzen Hafen herum.)

Eine halbe Stunde später bekamen wir unsere Fahrräder vom Wasserbus heruntergereicht, schwangen uns drauf und fuhren im Abendsonnenschein durch die maiglöckchenduftenden Eichenwälder, für die die Insel in ganz Finnland berühmt ist, zu einem Sommercafé in einer der vielen hübschen Holzvillen, für die die Insel ebenfalls berühmt ist.

Wir blieben so lange, dass wir noch der ersten der Schwedenfähren zuwinken konnten. Dann radelten wir durch maiglöckchenduftende Wälder zurück, schafften noch einen kurzen Abstecher auf den Spielplatz und fuhren mit dem letzten Wasserbus zurück.

Glück und Herzhüpfen.
Noch zwei Tage bis Sommerferien!


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kolmesataayhdeksänkymmentäviisi

Gestern besuchte der kleine Herr Maus seinen besten ehemaligen Schulfreund.

Mit dem Fahrrad über die Hängebrücke, durch den Wald und am Pferdehof vorbei sind es von uns bis zu ihm nur 7 km.

Der Plan war, dass der Ähämann, der grosse Herr Maus und ich den kleinen Herrn Maus hinbegleiten, wieder heimfahren, und der Ähämann und ich ihn später wieder abholen. Vielleicht mit einer Eispause am Supermarkt.

Den Rückweg nahmen wir über die nächste Stromschnelle flussaufwärts. Der Ähämann beschloss, dass er keine Lust zum Kochen hätte, und wir beschlossen gemeinsam, dass wir mal wieder zum Australier im Stadtzentrum, der jetzt wieder auf haben darf und wo man auch draussen sitzen kann, gehen könnten. Wir riefen das Fräulein Maus an, ob sie mitkommen wolle, und verabredeten uns mit ihr dort, wo sich unsere Wege kreuzen würden. Dann fuhren wir auf der einen Seite immer am Fluss entlang ins Stadtzentrum und später auf der anderen Seite immer am Fluss entlang wieder zurück. Das Fräulein Maus fuhr wieder nach Hause, der Ähämann und ich guckten auf die Uhr und stellten fest, dass wir mit einem Umweg über den Supermarkt genau zur verabredeten Zeit wieder beim kleinen Herrn Maus wären. Der grosse Herr Maus wollte auf jeden Fall noch bis zum Supermarkt zum Eisessen mitkommen und eventuell von da allein zurück nach Hause fahren, beschloss dann aber, doch die ganze Tour mit uns zu machen. Am Ende zeigte der Kilometerzähler 44 km. (Auf den letzten 12 fuhren wir auch noch Brot, Eier und Milch spazieren.)

Die Radwege am Fluss entlang Richtung Stadtzentrum und über die beiden kleinen Brücken flussaufwärts sind landschaftlich wirklich schön. Das Spannendste ist aber zur Zeit das Stück an der grossen Baustelle, wo ein neues Schnellstrassenkreuz gebaut wird und wo der Radweg umgeleitet wird: durch eine stille Parallelstrasse, quer durch eine Tankstelle, hinter statt vor dem Supermarkt entlang, auf einem mit feinstem Asphalt ausgelegten Behelfsradweg mitten durch die Baustelle. Alles perfekt mit Umleitungsschildern und -wegweisern ausgeschildert, mit extra aufgestellten Behelfsampeln und durchgängigen Bauzäunen zum Schutz vor Autos versehen. Nur einmal verfuhren wir uns ein bisschen, als wir über den grossen Supermarktparkplatz radelten statt hinter dem Supermarkt entlang.

Immerhin kamen wir so an einer parkenden 395 vorbei.

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206, 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222, 223, 224-225, 226, 227, 228, 229-230, 231, 232, 233, 234, 235, 236, 237, 238, 239, 240, 241, 242, 243, 244, 245,246, 247, 248, 249-250, 251, 252, 253, 254, 255, 256, 257, 258, 259, 260, 261, 262, 263, 264, 265, 266, 267, 268-269, 270, 271, 272, 273, 274, 275, 276, 277, 278-279, 280-281, 282, 283, 284-285, 286, 287, 288, 289-290, 291, 292, 293-294, 295, 296, 297-298, 299, 300, 301, 302-303, 304, 305, 306, 307, 308, 309, 310-311, 312, 313, 314-315, 316, 317-318, 319, 320, 321-322, 323, 324, 325, 326, 327, 328, 329, 330, 331-332, 333, 334, 335, 336-337, 338, 339, 340, 341, 342, 343-344, 345, 346, 347, 348, 349, 350, 351, 352, 353-355, 356, 357, 358, 359, 360, 361, 362, 363, 364, 365, 366-367, 368, 369, 370, 371, 372, 373, 374-375, 376, 377-378, 379, 380-381, 382, 383, 384, 385, 386-387, 388-389, 390, 391-393, 394]


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Sommerferien minus 8

Finnland hat 6537 bestätigte Coronafälle.

Die Männer der Familie hatten heute – vielleicht ganz im Sinne des deutschen „Männertages“ – Brückentag. Die Frauen der Familie nicht.

Trotzdem sagte das Fräulein Maus gleich nach dem Aufstehen – sie war genau wie ich kurz vor neun ohne Wecker aufgewacht: „Ich fühle mich irgendwie schon wie Sommerferien!“, und ich stimmte ihr zu. Ich zog ein Sommerkleid an – noch mit Strickjäckchen drüber und Leggins drunter, aber: ein Sommerkleid! – und radelte am Fluss entlang zur Arbeit.

Dort standen Leute mit Mütze, Handschuhen und dicken Jacken auf dem Schulhof. Den Finnen kann man es aber auch wirklich nicht recht machen!

Als ich zum ersten Mal „Zwei Meter!“ hinter zwei Kindern herrief, riefen sie zurück: „Ein Meter!“ Nein, liebe Kinder. Nur weil die Schulen angsichts der vollen Klassenstärken in kleinen Klassenzimmern nicht in der Lage sind, zwei Meter Sicherheitsabstand zu gewährleisten, heisst das noch lange nicht, dass ein Meter auf einmal völlig ausreichend ist. (Mal davon abgesehen, dass wir, wenn wir zwei Meter fordern, am Ende ungefähr einen Meter Abstand zwischen den Kindern sehen. Man kann das dann selbst runterrechnen.)

Mehrere Lehrer*innen hörte ich heute „Nur noch fünf Tage!“ und „Zum Glück ist erstmal Wochenende!“ seufzen. Ich kann sie bestens verstehen. Wir haben es mit unserer kleinen, braven und einsichtigen Draussenhortgruppe wirklich leicht.

Die urlaubenden Männer der Familie machten derweil einen Ausflug zu einem nahegelegenen Berg Felsen, der am Anfang von 75% unserer Radtouren liegt und uns auch schon mehrfach empfohlen wurde, aber, obwohl ein offizieller Weg hinführt, nicht ausgeschildert ist. Sie fanden ihn heute jedenfalls, und ich war nur deshalb ein bisschen weniger neidisch, weil mich mindestens der kleine Herr Maus bestimmt demnächst nochmal hinführt.

Ich finde es übrigens immer noch sehr spärlich grün. Die Birkenblätter werden einfach nicht grösser, viele Bäume haben noch überhaupt keine Blätter, und zwischen den neuen Grasspitzen guckt noch sehr viel graues, vertrocknetes Gras hervor. Es könnte dann wirklich langsam bitte mal dauerhaft warm werden!


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Coronaklausur, Tag 48

Finnland hat 5327 bestätigte Coronafälle.

Der kleine Herr Maus sollte heute für sein Schwimmtraining eine Stunde Fahrrad fahren. Wir suchten uns schon früh vor der Schule auf der Radwegkarte eine Strecke aus, und gleich nach dem Mittagessen, denn später sollte es Regenschauer geben – dabei sind die Wettervorhersagen derzeit kein bisschen zuverlässig, und sicher nicht nur, weil die Daten aus den Flugzeugen fehlen – brachen wir auf.

Heute führte uns unsere Radtour so richtig aufs Land. Und wie so oft in letzter Zeit stellten wir fest, dass wir längst noch nicht alle schönen Plätze in der Umgebung kennen. Wir fanden zum Beispiel eine Brücke über eine uns bis dahin unbekannte Stromschnelle nur ein paar Kilometer flussaufwärts. Dort machten wir Vesperrast im Fluss.

Und als wir wieder beim weggezogenen liebsten Freund des kleinen Herrn Maus vorbeikamen und noch ein bisschen hin und her überlegten, ob wir diesmal vielleicht doch mal klingeln und winken sollten, ging auf der Terrasse schon das Fenster auf und der liebste Freund und seine Mutter winkten uns heran. Wir verbrachten vergnügliche zweieinhalb (ups!) Stunden miteinander, im Garten, mit Sicherheitsabstand: wir Mütter redend, die Jungs allerlei wilde Spiele miteinander spielend. („Du kannst ja schon mal heimfahren, ich bleib‘ noch alleine hier!“, sagte der kleine Herr Maus. Nette Idee, aber nicht bei zehn Kilometern Heimweg über Stock und Stein, liebes Kind!)

Nicht auszudenken, dieser ganze Mist hätte im November stattgefunden!

„Zwei Meter Sicherheitsabstand zwischen Personen!“
Aber nicht wegen Corona, sondern wegen Bindfädeligkeit der Brücke.


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Coronaklausur, Tag 34

Finnland hat 3868 bestätigte Coronafälle.

Montags stehen für mehrere unserer Kinder Sport, Musik und Kunst auf dem Stundenplan. Auch jetzt.

Die Herren Maus bekommen für Sport immer eine genaue Aufgabe: absolviere die und die Übungen, gehe eine Stunde lang spazieren oder eine halbe Stunde joggen, fahre mit dem Fahrrad bis zur Schule und zurück. Das Fräulein Maus darf sich aus verschiedenen Angeboten selbst 60 Minuten Training zusammenstellen. Vor der Stunde müssen sich alle per Videochat anmelden und nach der Stunde unbedingt wieder zurückmelden – sonst ruft die Sportlehrerin an, um sicherzustellen, dass das Kind nicht eventuell mit verstauchtem Knöchel im Wald liegt.

„Ich ermuntere meine Schüler immer, mir ruhig alle Fragen, die sie haben, zu stellen, statt ihre Eltern, die ja ihre eigene Arbeit schaffen müssen, damit zu behelligen“, las ich heute in einem Interview einer finnischen Lehrerin zum Fernunterricht. Womit zum Unterschied zwischen Fernunterricht und Homeschooling alles gesagt wäre.

Während die Kinder Unterricht hatten, erledigte ich einen Schreibauftrag für die Deutsche Gemeinde. Als der kleine Herr Maus fertig war mit Schule und das Fräulein Maus eine Freistunde hatte, erstellten wir gemeinsam das heutige Nachmittagsprogramm für die Hortkinder. Ich hoffe, sie haben dabei genauso viel Spass wie wir es hatten.

Für heute Nachmittag hatte sich der kleine Herr Maus eine Radtour zum Flughafen gewünscht. Wir fuhren die gleiche Runde wie vor zwei Jahren, aber an einem Montagnachmittag ist es natürlich nochmal was ganz Anderes. Fast hätte man vergessen können, dass Ausnahmezustand herrscht: in den durchquerten Industriegebieten steppte der Bär. Wir sahen zu, wie an einer Baustelle tiefe Löcher in Lehm gebohrt wurden, wie ein LKW-Fahrer auf dem Seitenstreifen der Autobahn ein Rad wechselte und wie an einem Steinbruch grosse Gesteinsbrocken zerkleinert wurden. Und zum Flughafen kamen wir gerade rechtzeitig, als eins der zwei Flugzeuge, die hier pro Tag noch abfliegen – ein Passagierflugzeug nach Mariehamn und ein Frachtflugzeug nach Liège – startete.

Ein bisschen Wehmut kam nur auf der Rückfahrt auf, als wir ganz nahe am Haus des vor zwei Jahren weggezogenen besten Freunds des kleinen Herrn Maus vorbeikamen und der kleine Herr Maus eben nicht einfach hinfahren und klingeln konnte.


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Coronaklausur, Tag 22

Finnland hat 2487 bestätigte Coronafälle.

Was wir so zueinander sagen in diesen Zeiten:

„Viel Spass in der Schule!“, sage ich zu den Kindern, wenn sie nach dem Frühstück in ihre Zimmer verschwinden. Und: „Hängst du mit mir Wäsche auf in der Pause?“ Und: „Wir essen um zwölf? Da könnt ihr alle?“
„Steck dich nicht an!“, verabschiedet mich der Ähämann, wenn ich doch mal unter Menschen gehen muss.
„Vor wieviel Tagen hast du die Milch / die Kekse / diese Gurke gekauft?“, fragt der Ähämann, bevor er etwas auspackt.
„Aber Abstand halten!“, rufe ich den Kindern hinterher, wenn sie rausgehen. Und: „Vergiss nicht, dass du heute noch Harfenstunde / Training / Deutschunterricht hast! Sei rechtzeitig im Teams / Zoom / Skype!“

Heute tagte das Turkuer Schülerparlament. Der grosse Herr Maus sass weitere anderthalb Stunden mit Kopfhörern vor seinem iPad.

Währenddessen machten der Ähämann, der kleine Herr Maus und ich eine kleine Radtour zum Auslüften.
Der kleine Herr Maus schob es auf den Sturm, der die Hälfte des Weges von vorn kam, dass er immer wieder vom Rad abstieg und schob. Zu Hause stellte sich raus, dass er nur völlig übermüdet ist.

Dieser neue Alltag ist immer noch anstrengender, als er sich mittlerweile anfühlt.

Zum Glück haben wir bald vier Tage frei.
(Die Finnen nennen es Osterferien. Haha!)


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Coronaklausur, Tag 16

Finnland hat 1518 bestätigte Coronafälle.

Heute wären wir zeitig aufgestanden und hätten den gar nicht mehr so kleinen Herrn Maus zur „Amorella“ gebracht. Dann hätte er uns entschieden weggeschickt, vielleicht nochmal kurz gewinkt, und wäre mit seiner Schwimmmannschaft an Bord gegangen. Zwei Tage Trainingslager auf Åland, anschliessend zwei Tage Wettkampf. Er hatte sich lange darauf gefreut.

Stattdessen hat er ab dieser Woche Training im Kinderzimmer. Dreimal die Woche per Videoschaltung. (Vielleicht müssen wir ihm im Garten bald sowas aufbauen.)

Stattdessen war es ein Tag wie immer in diesen Tagen: vormittags Schule, nachmittags Auslüften. Heute war die Abmachung: der kleine Herr Maus fährt vor, ich folge ihm. Und er hatte auch schon eine ziemlich genaue Vorstellung, wo er hinwollte. Ein Hoch auf unser Radwegenetz! Am Ende zeigte der Kilometerzähler 20 km.

Ausserdem war heute Die-Kinder-kochen-das-Essen-Tag. Mittags buk uns der kleine Herr Maus einen Berg Eierkuchen, und als wir beide von der Radtour zurückkamen, empfing uns das Fräulein Maus – Hauswirtschaftsaufgabe für diese Woche: eine Suppe kochen – mit Kartoffel-Käse-Suppe nach finnischem Rezept.

Es könnte schlimmer sein.


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Coronaklausur, Tag 8

Finnland hat 880 bestätigte Coronafälle.

Schule läuft. Fast so, als ob Schule wäre.

Früh punkt sieben treffen für die Kinder die Wilma-Nachrichten von ihren Lehrer*innen mit dem Tagesprogramm ein. Immer mit irgendeiner aufmunternden Nachricht: „Das kriegen wir gemeinsam schon hin!“ oder „Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn du eine Frage zum Unterrichtstoff oder ein Problem mit einer Aufgabe hast!“ oder „Denk bei dem schönen Wetter dran, deine Pausen draussen zu verbringen!“

Um acht (die Oberstufenschülerin) bzw. um neun (die beiden Unterstufenschüler) verschwinden sie in ihren Zimmern, und ich sitze auf einmal wieder ganz allein am Esstisch, während ich am Nachmittagsprogramm für den Fernhort bastle. Ab und zu hört man sie durch geschlossene Türen in ihre iPads oder Telefone oder Laptops murmeln und ihre Lehrerinnen antworten, oder dass sie sich gerade ein Lernvideo angucken oder sich der kleine Herr Maus das nächste Englischkapitel von der Arttu-App vorlesen lässt, und in regelmässigen Abständen bimmelt mein Telefon und zeigt mir an, dass einer der Herren Maus wieder eine fertige Aufgabe bei SeeSaw hochgeladen hat oder seine Lehrerin das kommentiert hat.

Ich bin sehr dankbar für diese strukturierten Tage, dank denen ich kein Kind immer wieder dazu anhalten muss, jetzt vielleicht dann doch endlich mal mit seinen Aufgaben anzufangen oder sie in einer vernünftigen Zeit durchzuziehen. Dankbar dafür, dass niemand von uns Eltern erwartet, den eigentlichen Unterricht abzuhalten, sondern nur, dass wir unterstützend und motivierend zur Seite stehen. Und besonders dankbar bin ich dafür, dass in finnischen Schulen Lernen lernen von Anfang an das allerwichtigste Lernziel ist. Ich glaube, gerade das hilft jetzt ungemein.

Mittwochs hat das Fräulein Maus drei Stunden Hauswirtschaft. Genau wie in der Schule machten sie die erste Stunde Theorie – per Videokonferenz – und dann sollten sie ein Mittagessen ihrer Wahl kochen. Der Ähämann freute sich, dass er heute mal nicht in der Pflicht war, und das Fräulein Maus bereitete uns Ofenkartoffeln, Fischstäbchen und Salat. (Sie musste alle Schritte mit Fotos dokumentieren und hinterher einreichen.)

Der kleine Herr Maus bekommt auch jeden Tag drei kleine Haushaltsaufgaben von seiner Lehrerin, von denen er sich eine raussuchen und in der Mittagspause erledigen soll. Sowas wie „alle Türklinken abwischen“ oder „dein Zimmer aufräumen“ oder „den Geschirrspüler ausräumen“. Heute stand unter Anderem „bei der Wäsche helfen“ zur Auswahl, und wir haben kurzerhand, denn es war bestes Handtuchwetter, die Draussentrockensaison eröffnet. Ich habe ihm die Kinderleine gespannt, und er hat alle Stofftaschentücher und -servietten der letzten zwei Wochen ganz allein aufgehängt.

Für den Nachmittag hatte ich ihm versprochen, mit ihm mit dem Rad einmal rund um den See zu fahren. Um den See zu wandern ist deutlich schöner, weil die Radwege eher durch Industriegebiete führen als am See entlang, aber schön war’s trotzdem. Rast machten wir auf einem Vogelturm, auf den man mit dem Fahrrad hochfahren kann. Hihi.


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Coronaklausur, Tag 3

Die Kinder haben sich in ihre neue Schulroutine eingefunden.

Das Fräulein Maus steht weiterhin als Erste auf, frühstückt mit uns und setzt sich dann sofort diszipliniert an ihre ersten Tagesaufgaben. Der grosse Herr Maus kommt ein bisschen später an den Frühstückstisch gewankt und verschwindet um neun zusammen mit dem Ähämann in ihr gemeinsames Arbeitszimmer. Der kleine Herr Maus erledigt gern gleich vor dem Frühstück die Aufgaben für seine erste Schulstunde und frühstückt erst in der ersten Pause.

Pausen. Der kleine Herr Maus und das Fräulein Maus rennen nach jeder Unterrichtseinheit raus. Dran gewöhnt ist dran gewöhnt. (Nur der grosse Herr Maus wechselt lieber mit einem Buch von seinem Schreibtisch in sein Bett und lässt sich nicht davon überzeugen, dass das vielleicht nicht die günstigste Art ist, seine Pausen zu verbringen.) In einer ihrer Pausen heute ging das Fräulein Maus Müll wegbringen und berichtete, die Drittklässlerin aus dem Haus gegenüber sei auch grad draussen gewesen um Pause zu machen, aber sie hätten ganz doll Abstand gehalten und sie habe nur den Hund ein bisschen gestreichelt. Die Kinder machen das so toll!

Der kleine Herr Maus hatte heute nur zwei Stunden – der Rest wäre eine Doppelstunde Sport gewesen, aber dafür gab es bisher noch keine Anweisungen – und dass er derjenige ist, der generell am kürzesten Unterricht hat und dann vor Unterforderung die Wände hoch- und allen anderen Familienmitgliedern mit Absicht auf die Nerven geht, ist gerade ein bisschen… ungünstig. Wann immer möglich, muss man ihn beschäftigt halten. Heute hat er gelernt, Eier aufzuschlagen, und dann hat er mich energisch aus der Küche geschoben und ganz allein einen Berg Eierkuchen für uns alle zum Mittagessen gebraten. Und nach dem Mittagessen haben wir gemeinsam sein Zimmer aufgeräumt, also so richtig gründlich mit Dinge aussortieren und Schubladen auswischen und alles schön sortieren.

Und dann war es endlich um drei und das Fräulein Maus auch fertig mit Schule und wir konnten endlich dem Ruf der Sonne folgen. (Es war aber Beschisswetter.)

Jetzt Wochenende. Sehr verdient diese Woche.


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Coronaklausur, Tag 2

Geburtstag.

Wann sie denn eigentlich ihre Geschenke auspacken solle, hatte das Fräulein Maus schon seit Wochen überlegt. Denn, das ist mal klar, dabei muss die ganze Familie dabeisein. Und vorher singen. Nun würde ihr Tag aber kurz nach sechs anfangen, wenn die Brüder noch tief und fest schlafen, und statt zu erwarten, dass sie an ihrem Geburtstag mit ihr aufstehen, erwog sie sogar, bis zum Abend mit ihren Geschenken zu warten. (Schliesslich ist sie sowieso erst abends geboren!) Aber wenn sie dann nach dem Harfenkonzert im Nachbarort frühestens um acht abends heimkäme, das wäre schon sehr spät… Es beschäftigte sie sehr.

Tja, hatte sich alles erledigt. Wir schliefen alle bis um acht, zündeten vierzehn Kerzen an und gingen dann singend in ihr Zimmer, um sie aufzuwecken, wo sie allerdings schon lange vor Aufregung aufgewacht war, und dann konnte sie in aller Ruhe vor einem halbwegs selbstgewählten Schulbeginn ihre Geschenke auspacken und mit uns allen Geburtstagstorte essen.

***

Schule.

Obwohl die Schulen gerade mal den zweiten Tag geschlossen sind und wir gerade mal den vierten Tag ernsthaft Schule zu Hause machen, kommt es mir vor, als wären die Kinder vor einer Ewigkeit das letzte Mal zur Schule gegangen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass das richtig gut läuft mit dem Fernunterricht; dass der sehr nahe an den echten Unterricht herankommt und sehr weit entfernt ist von blossem Aufgabenabarbeiten.

Der Stundenplan gilt weiterhin. Das Fräulein Maus und der grosse Herr Maus haben regelmässig richtigen Unterricht per Videoschaltung. Ausserdem bekommen sie Aufgaben, die sie während der entsprechenden Unterrichtsstunde bearbeiten und zurückschicken müssen. Wenn ihnen etwas unklar ist, können sie mit ihren Klassenkameraden chatten oder der Lehrerin eine Nachricht schicken. Der kleine Herr Maus rief heute früh kurzerhand bei seiner Lehrerin an, weil er ein Problem hatte, und bekam freundlich Hilfe.

Jedes Mal denke ich wieder, wie einfach das hier ist, wo es Wilma gibt und digitale Lernmittel schon längst gang und gäbe sind. Der Übergang hätte für Schüler und Lehrer gleichermassen nicht komplikationsloser sein können, weil alle die benötigten Techniken schon beherrschten. Die Grossen haben natürlich einen Extravorteile durch ihre eigenen Schultablets und -laptops, auf denen alle benötigten Programme auch schon längst installiert sind, aber die Lehrer finden auch kreative Lösungen: der kleine Herr Maus, der seit der ersten Klasse entweder mit einem der klasseneigenen iPads oder seinem eigenen Telefon SeeSaw benutzt, um zum Beispiel seine Werkarbeiten oder zum Schulstoff erstellte Videoclips mit uns zu teilen, lädt jetzt dort seine abfotografierten fertiggestellten Aufgaben hoch und bekommt sie mit direkt ins Foto gemalten Korrekturen dorthin zurückgeschickt.

Nur mir wird langsam schwindlig von den vormittags im Fünf-Minuten- und nachmittags mindestens im Stundentakt eintrudelnden Benachrichtigungen über neue Mitteilungen, neue geteilte Elemente und neue Wilma-Einträge: es gibt sogar weiterhin stundenbezogene Einträge wie „aktive Mitarbeit“ oder „Hausaufgaben vergessen“!

***

Arbeit.

Mittags radelte ich auf Arbeit. Die beste Chefin und ich hatten gestern noch gemeinsam beschlossen, auch die Nachmittagsbetreuung als Fernhort weiterzuführen. Wir stellen jetzt jeden Tag irgendeine kleine Beschäftigung – Bastelanleitungen, Sportübungen, Wissenschaftsdienstagsexperimente, Linktipps – auf unsere Webseite. Gestern fingen wir mit einer kindgerechten Linksammlung zu Beiträgen von „Maus“ und „logo!“ zum Thema Coronavirus an. Ausserdem haben wir beschlossen, auch unser Vorleseprojekt – wir lesen jeden Tag vor dem Vesper ein bisschen vor, das gleiche Buch immer abschnittsweise abwechselnd erst auf Deutsch und dann auf Finnisch – weiter für die Kinder anzubieten. Also nahmen wir heute zweieinhalb Stunden lang kapitelweise das Buch, das wir gerade angefangen hatten zu lesen, nochmal von vorn und dann bis zum Ende auf. Uff. Ich wollte dann den Rest des Tages nicht mehr reden.

Wie es ansonsten weitergeht mit dem Hort, wissen wir gerade auch kein bisschen. Vielleicht bleiben die Schulen gleich bis zum Sommerferienbeginn zu, vielleicht wird im Mai wieder in den Schulen unterrichtet, dafür der Ferienbeginn auf bis nach Juhannus verschoben… Wenn das tatsächlich alles so lange dauert – was ich aus Biologensicht nur befürworten kann! – kann es leider gut sein, dass wir demnächst beurlaubt werden. Wir werden sehen.

***

Auslüften.

Als ich wieder zu Hause ankam, war es höchste Zeit, die zu Hause arbeitende und lernende Familie zu lüften. Wir packten Kaffee und Kuchen ein und radelten zum nahegelegenen See.

Der Parkplatz dort war so voll wie sonst nur an Wochenenden während der Schlittschuhsaison. Überhaupt sieht man den ganzen Tag über auffallend viele Leute draussen spazierengehen oder fahrradfahren: Mütter oder Väter mit Kindern, junge Paare, alte Leute. Sonst sieht man ja nur Jogger oder Leute mit Hunden. Wir trafen auch zufällig einen Bekannten, der mit voller Vogelguckerausrüstung am See unterwegs war, und unterhielten uns über mindestens vier Meter Sicherheitsabstand über Vorlesungen per Videokonferenz, Hybridgänse und Möglichkeiten für gemeinsame Pfadfinderunternehmungen ohne physisches Zusammensein. Das finde ich gerade wirklich sehr schön.