Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


Hinterlasse einen Kommentar

Reiserückblick (7): Die Lieblingsstadt

Als wir aus Jena wegfuhren, waren wir alle ein bisschen wehmütig.
Aber von einer Lieblingsstadt in die nächste zu fahren, liess die Wehmut schnell verfliegen.

Der Ähämann und ich waren schon so oft in Prag, dass es sich tatsächlich jedes Mal ein bisschen wie nach Hause kommen anfühlt (und wir auch völlig frei von „Das und das und das alles müssen wir uns angucken!“ sind). Und auch die Kinder hatten uns schon seit Jahren in den Ohren gelegen, wann wir denn endlich mal wieder nach Prag fahren könnten.

Wir wohnten in einem idyllischen Vorort, wo in jedem Vorgarten ein Hund bellte, und fuhren jeden Tag Metro. (Juhuu, Metrofahren!) Wir liefen planlos durch die Gässchen der Kleinseite, wir kletterten auf Türme und sahen uns satt an roten Dächern, wir spazierten durch Parks, wir fuhren Strassenbahn, wir hielten die Hände in Springbrunnen, wir assen Trdelník zum Mittagessen und uns am Abend durch die Speisekarte der Vorstadtkneipe, die nicht nur eine wunderbare Terrasse in der Abendsonne, sondern auch einen noch viel wunderbareren Spielplatz hatte. (Und wir tranken Kozel, und auf der Rückfahrt, als vor Prag Stau auf der Autobahn war und wir den umfuhren, fuhren wir sogar noch an der Brauerei vorbei, an deren hohem Schornstein auch ein Ziegenbock prangt.)

Und am nächsten Tag machten wir das Gleiche nochmal.


37 Kommentare

Kleine Reisende

Vorletzte Woche erzählte ich einer anderen Mutter in der Musikschule, dass wir ein paar Tage nach Prag fahren würden, in den Frühling, hoffentlich. „Oh, wie schön!“ sagte sie. Dann zögerte sie kurz und fragte: „Mit allen drei Kindern?!“

Wir sollten das während der Tage in Prag noch öfter hören. „Guck mal, mit drei so kleinen Kindern!“ hörte ich im Vorbeigehen eine amerikanische Touristin zur anderen sagen. „Wir haben auch zwei Kinder“, erwähnte das deutsche Ehepaar am Nachbartisch beim Frühstück, „aber die sind bei Oma und Opa.“

Ich sag‘ mal so: mal ein Tag ohne Kinder täte dem Ähämann und mir sicherlich gut. Aber Urlaub ohne die Kinder?! Ohne die Kinder, die seit Wochen vorfreudig von den „schönen Häusern“ und „goldenen Kirchen“ in Prag gesprochen hatten? Ohne die Kinder, die schon seit Wochen für die Reise gepackt hatten? Ohne den kleinen Herrn Maus, der jeden von uns, der sagte: „Wir fahren nach Prag!“ sofort berichtigt hatte: „Wir fliiieeegen nach Prag!“?
Wir hätten in jeder Kirche gesagt: „Wenn der grosse Herr Maus das sehen könnte!“ Wir hätten im Flugzeug gesessen, oder in der Metro, oder in der Strassenbahn, und gedacht: „Wieviel Spass der kleine Herr Maus da dran hätte!“ Wir hätten durch keinen Park spazieren können ohne zu denken: „Hier würde das Fräulein Maus jetzt ein Rad nach dem anderen schlagen!“

Prag ist meine allerliebste Lieblingsstadt. Ich war so alt wie der kleine Herr Maus jetzt, als ich das erste Mal in Prag war. (Halt, stimmt nicht. Meine Mutter trug mich schon im Bauch durch Prag. So wie ich bei unserem letzten Besuch das Fräulein Maus.) Als wir ein Jahr später wieder hinfuhren, soll ich sofort gefragt haben, ob wir auch wieder in die Kirche mit den bunten Fenstern und die goldene Kirche gehen. Unsere erste gemeinsame Reise machten der Damals-noch-nicht-Ähämann und ich: nach Prag.

Es war höchste Zeit, die Lieblingsstadt den Kindern zu zeigen.

Natürlich besichtigten wir die Kirche mit den schönen bunten Fenstern und die goldene Kirche. Noch besser gefielen uns allen aber all die Kirchen, die ein bisschen abseits der Touristenstrassen liegen, die Kirchen, für die man keinen Eintritt bezahlen muss. Der grosse Herr Maus, der kleine Kirchenfan, der in seinem Leben noch keine einzige katholische Kirche gesehen hat, stand staunend vor den goldenen Heiligenstatuen. Die Kinder suchten in jeder Kirche um die Wette, wer uns als erstes zeigen konnte: „Da ist das ewige Licht!“ Wir verglichen geschnitzte Jesusse: „Der da ist mit vier Nägeln ans Kreuz genagelt!“ Wir sprachen darüber, was auf den Kreuzwegbildern und auf den Deckengemälden dargestellt ist. Im Veitsdom übte jemand an der Orgel. „Ist das Kirchenmusik, Mama?“ fragte der kleine Herr Maus, andächtig lauschend. In einer Kirche winkte uns eine Nonne in die Sakristei und liess die Kinder eine zweihundert Jahre alte Wachspuppe – das Jesuskind darstellend – in einer Wiege schaukeln. Früher, ohne diese Kinder, waren Kirchenbesichtigungen eigentlich langweilig.

Wir kletterten auf den Turm des Veitsdoms, auf den Aussichtsturm auf dem Petřín, auf den Altstädter Rathausturm und sahen uns satt an roten Dächern.

Zwischendurch gingen wir stundenlang auf Spielplätze. Ich dachte, wir seien verwöhnt, was Spielplätze betrifft. Aber an die Prager Spielplätze kommt keiner unserer Spielplätze hier heran. Einer war vollständig aus Holz, einer sah aus wie eine Musteraustellung eines bekannten dänischen Spielplatzausstatters, alle waren eingezäunt, die meisten hatten Toiletten, einer sogar einen eigenen Parkwächter. Wir liessen die Kinder laufen, sassen auf der Bank und hielten das Gesicht in die Sonne. Und während die Mäusekinder oft entsetzt sind über die Ellenbogenmentalität auf deutschen Spielplätzen, geht es auf den Prager Spielplätzen zu wie auf unseren finnischen.

Ich hatte überhaupt ganz vergessen, wie viele Kinder es in Tschechien gibt und wie kinderfreundlich die Tschechen sind. Wenn wir in eine Strassenbahn oder die Metro einstiegen, machte sofort jemand einen Sitzplatz frei für den grossen Herrn Maus und das Fräulein Maus, und gleichzeitig bot mir – mit dem kleinen Herrn Maus auf dem Rücken – jemand anders einen Sitzplatz an. Einmal schlief mir der kleine Herr Maus so in der Strassenbahn ein. Die Bahn ruckelte und hüpfte fürchterlich, des kleinen Herrn Maus‘ Kopf flog genauso hin und her. Ich angelte nach dem an der Trage festgenähten Tuch, das man dem schlafenden Kind über den Kopf ziehen und an den Trägern festknöpfen kann, was allein ein bisschen schwierig ist – der Ähämann sass mit den beiden Grossen mehrere Reihen weiter hinten – da reichte mir schon eine ältere Frau das Band zum Festknöpfen nach vorn und fragte, ob das so richtig sei. Als der kleine Herr Maus kurz darauf das Tuch überm Kopf doof fand und ich beschloss, den schlafenden kleinen Kerl lieber samt Trage von meinem Rücken auf meinen Bauch zu drehen, sprang mir sofort eine andere Frau zu Hilfe, eine weitere bückte sich gleichzeitig nach unserer dabei auf den Boden gefallenen Wasserflasche. Kann ich empfehlen, mit drei Kindern nach Prag zu reisen.

Wir versuchten, die grössten Touristenanziehungspunkte zu meiden. Klar, wir liefen auch einmal über die Karlsbrücke und guckten die „minikleinen Häuser“ im Goldenen Gässchen an. Aber sobald man eine Gasse neben den üblichen Touristentrassen betrat, in eine Kirche ging, die in keinem Reiseführer genannt ist, oder auf einen Turm kletterte, auf den kein Fahrstuhl führte, war es wunderbar ruhig. Wir suchten uns Restaurants abseits der üblichen Touristenkneipen und fuhren dafür kreuz und quer mit Metro und Strassenbahn durch die Stadt. Etwas, das sich die Kinder sowieso ausdrücklich gewünscht hatten. Wir verbrachten viel Zeit in Gärten und Parks. Es war ja auch Frühling! „Ich dachte, da liegt noch Schnee!“, sagte das Fräulein Maus verblüfft zu den blühenden Kirschbäumen auf dem Petřín. Wir führten Kleider, Röcke und kurze Hosen spazieren. (Nur in den Kirchen war es noch bitterkalt.) An einem besonders lauen Abend überkam uns auf dem Weg von der Metrostation zu unserer Wohnung, quer über den Vyšehrad, das dringende Bedürfnis nach einem Bier irgendwo draussen. Wir pfiffen auf Schlafenszeiten und tranken Bier und Erdbeersaft bei Glockenspiel und Abendläuten von der Vyšehrader Kirche. „Wollt ihr nicht heute wieder ein Abendbierchen trinken?!“ fragte der grosse Herr Maus am nächsten Tag. Ihm hatte das offensichtlich gefallen. Wir fanden es ein bisschen zu kalt dafür – aber wir beschlossen spontan, unser unterwegs gekauftes „Abendbrot“ – lauter Zuckerbäckerteilchen – gleich auf einer Bank oben an der Festungsmauer des Vyšehrad einzunehmen – und sahen, wie die Lichter angingen im gegenüberliegenden Park, auf dem Petřín und auf der grossen Brücke, die einen ganzen Stadtteil überspannt und durch deren Betonröhre die Metro fährt, sahen, wie die Burg angestrahlt wurde und nach und nach die unzähligen Kirchen, und hörten die Amseln im Chor singen.

Wir reisten mit Kindern, die sich selbständig ihr Frühstück vom Buffet holten und die man auch schon mal allein im Restaurant aufs Klo schicken kann. Wir waren auch unterwegs mit Kindern, die schon vor dem Frühstück zeterten, weil ihnen die bereitgelegte Kleidung nicht zusagte, mit Kindern, die unter gar keinen Umständen auch nur einen Augenblick irgendwo still stehen bleiben konnten, mit Kindern, von denen das eine Drahtseilbahn fahren, das zweite endlich essen gehen, das dritte nirgendwohin ausser auf einen Spielplatz wollte, mit Kindern, die brüllten und stritten und sich an den Haaren zogen und dann doch jeden Abend, einander umarmend, selbsterdachte Lieder grölend und sich ausschüttend vor Lachen, durch die stille Strasse zurück zu unserer Wohnung wankten. Der grosse Herr Maus trug ausdauernd seinen Stadtplan – auf dem er uns jeweils zeigte, wo wir uns gerade befanden und wo wir noch hinwollten – durch die Gegend, dazu diverse Stöcke, die er bereitwillig vor Restaurants und Kirchen abstellte, um sie hinterher weiterzutragen. Der kleine Herr Maus belud sich die Hosentaschen mit Steinen und trug imaginäre Autoschlüssel in den Händen mit sich herum. „Nein, kann dich nich‘ anfassen, Mama, hab‘ keine Hand frei!“ Wir reisten zum ersten Mal seit langem ohne Kinderwagen. Der kleine Herr Maus lief und lief und lief. Nur zum Mittagsschlaf, auf Aussichtstürmen, an zu gefährlichen Strassen und bei zu grossen Menschenmassen musste er in die Trage. Widerwillig, versteht sich. Für mich war das daher eher so eine Art Aktivurlaub, mit den 13 kg auf dem Rücken Hügel und Türme zu erklettern.

Ich war so alt wie der grosse Herr Maus jetzt, als ich zum ersten Mal auf einem Flughafen zum Flugzeugeangucken war. In Prag. Bei jedem landenden Flugzeug sprang ich auf die Bank der Aussichtsterrasse, bei jedem startenden wieder herunter. Ich stand lange Zeit auf oder vor der Bank, denn sehr viel los war damals dort nicht. Beeindruckt war ich trotzdem. Und deshalb ein bisschen gerührt, als ich jetzt selbst in einem dort landenden Flugzeug sass.

Die Kinder gingen routiniert durch den Sicherheitscheck. Wir leerten – die immer gleich nervige Prozedur! – vorher alle drei Trinkflaschen aus und füllten sie danach wieder auf – und vergassen den Tetrapack mit dem halben Liter Ananassaft, der sich noch in des Fräulein Maus‘ Rucksack befand – was dann auch niemanden störte. Der kleine Herr Maus, der bisher auf meinem Schoss fliegen musste, setzte sich, als hätte er nie etwas anderes getan, neben den grossen Herrn Maus und versuchte sich anzuschnallen. Das Fräulein Maus hörte Musik, der grosse Herr Maus machte „Aufgaben“, der kleine Herr Maus turnte ein bisschen herum. Auf dem Rückflug musste ich ein paar Mal mit ihm das Flugzeug vermessen, „Nochmal wo der Pilot sitzt!“ und „Nochmal wo die Küche ist!“ und wieder zurück und nochmal von vorn. Dann fand er einen leeren Platz und untersuchte zehn Minuten lang das Gurtschloss. Dann ging das Flugzeug in den Sinkflug, und der kleine Herr Maus eilte beflissen zurück zu seinem Sitz und versuchte sich anzuschnallen. Wir flogen über das verschneite Riesengebirge, wir sahen einen wunderbaren Sonnenuntergang und ein glitzernd erleuchtetes Helsinki. Beim Aussteigen winkte der Pilot die Kinder ins Cockpit. „Überall sind da Knöpfe! Oben und unten und in der Mitte und vorne! Und sogar an den Sitzen! Mama, überall!“, berichtete das Fräulein Maus begeistert.

Wir hätten ungestörter essen, länger in der Sonne sitzen, sorgloser am Metrobahnsteig stehen können, der Ähämann und ich, ohne die Kinder. Aber den Teufel im Veitsdom hätten wir glatt übersehen. Wir hätten nicht mit dem grossen schwarzen Hund auf der Restaurantterrasse Wurfscheibe gespielt. Wir hätten nicht erlebt, wie der kleine Herr Maus winkend „Na shledanou!“ krähte. Keiner hätte auf der Wiese im Park Rad geschlagen. Und keiner wäre gleich nach dem Aufstehen ans Fenster gesprungen und hätte freudig gerufen: „Da! Eine Strassenbahn! Da! Ein Zug!“

Das Wichtigste hätte gefehlt.