Suomalainen Päiväkirja

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Die schönen deutschen Autobahnen

„Ihr habt ja so schöne Autobahnen!“, höre ich manchmal vor oder nach einem unserer Deutschlandurlaube, wenn ich mit jemandem über Reiserouten rede.

„Da kann man sicher gut so lange Strecken fahren“, sagen die einen.
„Und kein Tempolimit!“, schwärmen die anderen.

Leute, sage ich dann, ihr habt ja überhaupt keine Vorstellung.

Erstens nämlich sind die deutschen Autobahnen voll. Voller Autos, und voller Baustellen, und statt schön schnell voranzukommen, steht man oft einfach im Stau.

Oder es ist superanstrengend, da zu fahren. Wisst ihr eigentlich, wie so eine dreispurige Autobahn funktioniert?!

Ich sag’s euch mal: auf der rechten Spur reihen sich Stossstange an Stossstange die LKWs. Auf der mittleren Spur muss man mindestens 140 km/h fahren, weil man sonst zum Hemmschuh wird und Gegenstand des Unmuts aller Mitautobahnbenutzer. Wenn allerdings ein LKW zwei km/h schneller fährt als ein anderer, muss der natürlich überholen, völlig klar, und weil es ja ein LKW ist, denn auf der deutschen Autobahn gilt grundsätzlich das Recht des Stärkeren, drängelt er sich einfach auf die mittlere Spur und bremst die PKWs dort aus. Für den Fall gibt es noch die linke Spur. Allerdings kann man da nicht einfach blinken und mit seinen 140 km/h drauffahren, um einen 97 km/h fahrenden LKW zu überholen, denn die linke Spur, damit das mal gleich klar ist, die ist für die Leute reserviert, die in Deutschland ihr letztes Refugium haben: die auf der Autobahn mal so richtig die Sau rauslassen wollen.

Wir halten fest: die rechte Spur ist quasi gesperrt. Auf der mittleren Spur braucht man extrem gute Nerven. Und auf der linken Spur lauert – und ich empfinde das tatsächlich so – permanent der Verkehrstod.

„Oh“, sagen die Leute dann und kriegen erschrockene Augen, „das ist doch super gefährlich! Kann man da nicht irgendwelche Regeln aufstellen?“

Tja, liebe Leute, sage ich dann, ein Tempolimit wäre schon mal eine gute Lösung. Klar, hält sich auch nicht jeder dran, aber ich bin mir sicher, es würde deutlich weniger gerast. Und überhaupt wäre das Fahren viel stressfreier.

Es ist nämlich so: einmal habe ich den Herrn Picasso von Stockholm bis Eckernförde gefahren, über 1000 km, ohne Fahrerwechsel, weil der Ähämann Fieber hatte. Es war Sommer, es war hell, ich war ausgeschlafen, und auf den skandinavischen Autobahnen fährt es sich entspannt dahin: wenig Verkehr, Tempolimit auf 120 km/h. Das Ganze war kein Problem. Ab Kopenhagen war der Verkehr deutlich dichter, aber ich rollte einfach mit den anderen dahin oder überholte ab und zu. Dann kam die deutsche Grenze. Die Autobahn wurde weder breiter noch schmaler noch besser noch schlechter, und die Verkehrsdichte änderte sich kein bisschen. Nur das Tempolimit war weg. Und damit die Entspanntheit beim Fahren. Ringsum begann ein Gerase, als hätte man wilde Tiere aus einem Käfig gelassen. Nichts mehr mit entspanntem Dahinrollen. Stattdessen: Lenkrad umklammern, Bremsfuss in Habachtstellung, permanent den Rückspiegel im Auge behalten. Diese letzten 50 km von insgesamt 1100 waren die schlimmsten.

Und warum? Weil man eine kleine Minderheit, die den Motor unterm Hintern für ihr Selbstwertgefühl braucht, nicht in ihrer Freiheit einschränken darf.

Die schönen deutschen Autobahnen bereiten mir Unbehagen. So schlimm, dass ich da nicht mehr fahre, weil ich diese Art des Autofahrens nach 15 Jahren in Finnland völlig verlernt habe. So schlimm, dass ich jedes Mal froh bin, wenn wir da heil wieder runter sind.

Und das ist jetzt nur mein persönliches Empfinden. Die Fakten zum CO2-Ausstoss und die Unfallstatistiken sprechen eine noch viel deutlichere Sprache. Überhaupt ist das unbegrenzte Tempolimit ja kein bisschen mehr zeitgemäss: als pro Kilometer Autobahn nicht mehr als zehn Autos unterwegs waren, da war das sicher prima – aber bei der heutigen Verkehrsdichte?

Die schönen deutschen Autobahnen, liebe finnische Mitbürger, sind nichts, was im Geringsten erstrebenswert wäre. Im Gegenteil.

Und das unbegrenzte Tempolimit gehört endlich weg.

(Da kann man unterschreiben. Ich hab‘ auch schon.)