Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Immerhin war die Wahlbeteiligung mit 72% sehr hoch. Nicht nur, dass man in den Wahllokalen anstehen musste, es waren auch den ganzen Sonntag lang auffallend und aussergewöhnlich viele Menschen unterwegs. Sehr viele zu Fuss, aber es herrschte auch auf den Strassen mehr Verkehr als sonst sonntags. Die 333 sah ich auch, als ich mit dem kleinen Herrn Maus vom Schwimmtraining zurückkam.

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Palmsonntag 2019

Die Hexen flogen tief. Und am hellerlichten Tag.

Während die Hexe mit dem einen schwarzen Kater um die Häuser zog und geschmückte Weidenzweige verteilte und einen ganzen Korb voll Süssigkeiten einheimste, blieb der andere – kranke – schwarze Kater zu Hause und nahm seinerseits geschmückte Weidenzweige entgegen und reichte Süssigkeiten.

Der Ähämann und ich machten derweil eine Radtour ins Wahllokal, wo übrigens der Andrang so gross war, dass man anstehen musste.

Dann traf sich die Hexe mit einer Freundin zum Ostereierbemalen, der gesunde schwarze Kater ging zum Schwimmtraining, wir werkelten ein bisschen in Haus und Garten und liessen uns die Sonne auf die Nasen scheinen.

Ganz unnötig spannend wurde der Tag erst abends, nach Schliessung der Wahllokale um 20 Uhr.

Wir sind vor Jahren ja mal mit dem Zug von Turku nach Bonn und zurück gefahren. Auf der Rückfahrt hatten wir es ein bisschen knapp mit dem Anschluss in Hamburg. Es sah aber bis Bremen recht gut aus. Dann gab es einen Zwischenfall in Wagen 10 in dessen Folge eine Scheibe kaputtgegangen war und der Zug daraufhin mit maximal 50 km/h weiter nach Hamburg zuckeln konnte. Anschluss weg. In der langen Schlange an der Auskunft war erst das Schlimmste, was wir uns vorstellen konnten, dass im darauffolgenden Zug unsere Sitzplatzreservierung hinfällig sei und wir mit den drei noch recht kleinen Kindern bis Kopenhagen stehen müssten. Je weiter wir in der Schlange vorrückten und je mehr Leute mit dem gleichen Reiseziel einfach abgewiesen wurden, umso egaler wurden uns unsere Sitzplätze: wenn wir nur überhaupt irgendwie mit dem nächsten Zug mitkommen würden!

So ähnlich fühlte ich mich gestern Abend.

Nach den vier Jahren mit der letzten unsäglich kompetenten Regierung, der ersten Regierung unter Beteiligung der rechtspopulistischen Wahren Finnen, der Regierung, die nach zwei Jahren fast auseinandergebrochen wäre, weil die Wahren Finnen einen Rechtsextremen zum Parteivorsitzenden gewählt hatten, worauf sich der moderate Teil der Partei abspaltete um in der Regierung bleiben zu können und Ministerpräsident Sipilä, der sich mal eben selbst ans Steuer eines kleinen Flugzeuges gesetzt hatte, um dem im Sommer von Naantali aus seinen Staatsgeschäften nachgehenden Präsidenten das Rücktrittsgesuch der Regierung zu überbringen, kurz in Turku landete, eine Pressekonferenz gab, dass mit dem moderaten Teil der Wahren Finnen die Regierung einfach weitermachen könne und zurück nach Helsinki flog… äh… kann noch jemand folgen? Nach all diesem Hickhack jedenfalls sahen die Prognosen für die Wahren Finnen für die nächste Wahl eher düster aus.

Und wie hoffnungsvoll wir alle am Palmsonntag 2017 waren!

Dann gab es im Dezember einen Vorfall, an dem Flüchtlinge beteiligt waren, dann schrieben sich plötzlich alle Parteien Klimaschutz auf die politischen Fahnen, und schwupps, hatten Ausländerhasser, EU-Kritiker, Klimawandelleugner und Leute mit Nach-mir-die-Sintflut-Einstellung ihre Protestpartei gefunden. Letzte Woche lagen die Wahren Finnen plötzlich laut Umfragen auf Platz zwei. Als ich das erste Mal die Wahlergebnisse anguckte, kurz vor halb neun, sah es dennoch gar nicht so schlecht aus: die Sozialdemokraten klar vorn, die Wahren Finnen deutlich auf Platz drei. Aber offensichtlich ticken Leute, die vorwählen gehen, eben doch anders. Der Abstand wurde mit jedem weiteren ausgezählten Wahlkreis kleiner, irgendwann waren die Wahren Finnen auf Platz zwei, irgendwann nur noch einen knappen Prozentpunkt hinter den Sozialdemokraten, und als ich halb zwölf schliesslich ins Bett ging, anderthalb Stunden später als ich eigentlich wollte, war ich fast darauf gefasst, am nächsten Tag aufzuwachen und mich von einem finnischen Trump regiert zu sehen.

Am Ende haben die Sozialdemokraten mit einem hauchdünnen Stimmvorsprung von 0,2 (in Worten: nullkommazwei!) Prozentpunkten, entsprechend genau einem Sitz im Parlament, gewonnen. Mit nur 17,5% aller Stimmen.

Es werden lustige Zeiten auf uns zukommen. Nicht.