Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Coronaklausur, Tag 19

Finnland hat 1927 bestätigte Coronafälle.

Palmsonntag.

„Virvon, varvon…“ fiel dieses Jahr aus Gründen aus. Das war besonders schade, denn die Kinder wollten dieses Jahr eine sehr kleine, noch nicht ganz zweijährige Hexe, die wir schon viel zu lange nicht mehr gesehen haben, in diesen finnischen Osterbrauch einführen.

Ich hatte kurz überlegt, eine Vase für Zweige und eine Schüssel mit Schokoladeneiern vor die Tür zu stellen, falls trotz allem Hexen kämen, aber wenn in Finnland Regierung und Kirchen sagen: „Dieses Jahr bitte nicht von Haustür zu Haustür ziehen!“, dann zieht auch wirklich niemand von Haustür zu Haustür.

Wir suchten also auch wieder ein einsames Fleckchen Natur auf. Apropos einsam: ich habe das Gefühl, der In-den-Wald-renn-Boom hat schon wieder nachgelassen.

Allerdings war das heute zugegebenermassen nicht der malerischste Wanderweg.

Ich war dort bisher überhaupt erst ein Mal, und zwar mit dem Tretschlitten auf dem See, um den der Wanderweg führt, denn dort gibt es jeden Winter immer wenn es kalt genug ist, eine 2 km lange Eisbahn, und die ist auf jeden Fall immer schon eher befahrbar als die Eisbahn auf dem Meer.

An der einen Seite des Sees führt eine stark befahrene Strasse vorbei, und auf der anderen Seite steht ein Kraftwerk. Dazwischen aber ist es schön. Und neuerdings darf man wegen des Kraftwerks nicht mehr ganz um den See herumlaufen, stattdessen gibt es jetzt eine 120 m lange Pontonbrücke quer über den See, die ist sehr toll.

Die Landschaft ist noch aprilgrau. Aber die Sonne…!!! Und die Knospen stehen schon hufescharrend in den Startlöchern.

Was für ein Glück, der Frühling! Dieses Jahr ganz besonders.


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Palmsonntag 2019

Die Hexen flogen tief. Und am hellerlichten Tag.

Während die Hexe mit dem einen schwarzen Kater um die Häuser zog und geschmückte Weidenzweige verteilte und einen ganzen Korb voll Süssigkeiten einheimste, blieb der andere – kranke – schwarze Kater zu Hause und nahm seinerseits geschmückte Weidenzweige entgegen und reichte Süssigkeiten.

Der Ähämann und ich machten derweil eine Radtour ins Wahllokal, wo übrigens der Andrang so gross war, dass man anstehen musste.

Dann traf sich die Hexe mit einer Freundin zum Ostereierbemalen, der gesunde schwarze Kater ging zum Schwimmtraining, wir werkelten ein bisschen in Haus und Garten und liessen uns die Sonne auf die Nasen scheinen.

Ganz unnötig spannend wurde der Tag erst abends, nach Schliessung der Wahllokale um 20 Uhr.

Wir sind vor Jahren ja mal mit dem Zug von Turku nach Bonn und zurück gefahren. Auf der Rückfahrt hatten wir es ein bisschen knapp mit dem Anschluss in Hamburg. Es sah aber bis Bremen recht gut aus. Dann gab es einen Zwischenfall in Wagen 10 in dessen Folge eine Scheibe kaputtgegangen war und der Zug daraufhin mit maximal 50 km/h weiter nach Hamburg zuckeln konnte. Anschluss weg. In der langen Schlange an der Auskunft war erst das Schlimmste, was wir uns vorstellen konnten, dass im darauffolgenden Zug unsere Sitzplatzreservierung hinfällig sei und wir mit den drei noch recht kleinen Kindern bis Kopenhagen stehen müssten. Je weiter wir in der Schlange vorrückten und je mehr Leute mit dem gleichen Reiseziel einfach abgewiesen wurden, umso egaler wurden uns unsere Sitzplätze: wenn wir nur überhaupt irgendwie mit dem nächsten Zug mitkommen würden!

So ähnlich fühlte ich mich gestern Abend.

Nach den vier Jahren mit der letzten unsäglich kompetenten Regierung, der ersten Regierung unter Beteiligung der rechtspopulistischen Wahren Finnen, der Regierung, die nach zwei Jahren fast auseinandergebrochen wäre, weil die Wahren Finnen einen Rechtsextremen zum Parteivorsitzenden gewählt hatten, worauf sich der moderate Teil der Partei abspaltete um in der Regierung bleiben zu können und Ministerpräsident Sipilä, der sich mal eben selbst ans Steuer eines kleinen Flugzeuges gesetzt hatte, um dem im Sommer von Naantali aus seinen Staatsgeschäften nachgehenden Präsidenten das Rücktrittsgesuch der Regierung zu überbringen, kurz in Turku landete, eine Pressekonferenz gab, dass mit dem moderaten Teil der Wahren Finnen die Regierung einfach weitermachen könne und zurück nach Helsinki flog… äh… kann noch jemand folgen? Nach all diesem Hickhack jedenfalls sahen die Prognosen für die Wahren Finnen für die nächste Wahl eher düster aus.

Und wie hoffnungsvoll wir alle am Palmsonntag 2017 waren!

Dann gab es im Dezember einen Vorfall, an dem Flüchtlinge beteiligt waren, dann schrieben sich plötzlich alle Parteien Klimaschutz auf die politischen Fahnen, und schwupps, hatten Ausländerhasser, EU-Kritiker, Klimawandelleugner und Leute mit Nach-mir-die-Sintflut-Einstellung ihre Protestpartei gefunden. Letzte Woche lagen die Wahren Finnen plötzlich laut Umfragen auf Platz zwei. Als ich das erste Mal die Wahlergebnisse anguckte, kurz vor halb neun, sah es dennoch gar nicht so schlecht aus: die Sozialdemokraten klar vorn, die Wahren Finnen deutlich auf Platz drei. Aber offensichtlich ticken Leute, die vorwählen gehen, eben doch anders. Der Abstand wurde mit jedem weiteren ausgezählten Wahlkreis kleiner, irgendwann waren die Wahren Finnen auf Platz zwei, irgendwann nur noch einen knappen Prozentpunkt hinter den Sozialdemokraten, und als ich halb zwölf schliesslich ins Bett ging, anderthalb Stunden später als ich eigentlich wollte, war ich fast darauf gefasst, am nächsten Tag aufzuwachen und mich von einem finnischen Trump regiert zu sehen.

Am Ende haben die Sozialdemokraten mit einem hauchdünnen Stimmvorsprung von 0,2 (in Worten: nullkommazwei!) Prozentpunkten, entsprechend genau einem Sitz im Parlament, gewonnen. Mit nur 17,5% aller Stimmen.

Es werden lustige Zeiten auf uns zukommen. Nicht.


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Palmsonntag 2018

Letztes Jahr kam auf Instagram die Diskussion auf, ab wann die Kinder eigentlich zu alt sind – oder sich zu alt fühlen – um am Palmsonntag als Hexe und Kater verkleidet mit geschmückten Weidenkätzchen um die Häuser zu ziehen.

Ich kann dann jetzt vermelden: mit 12, 9 und 7 sind sie überhaupt erstmal im perfekten Alter dafür angekommen!

Mein Anteil am diesjährigen Palmsonntag bestand nämlich ausschliesslich darin, die Kinder zu einem geeigneten Weidenbusch zu kutschieren sowie Federn, Pfeifenputzer und Klebeband zur Verfügung zu stellen. Verziert haben sie eine Woche lang ganz allein in jeder freien Minute: „Wir müssen unbedingt mehr Zweige machen als letztes Jahr! Letztes Jahr waren nämlich die Zweige alle, bevor wir überall waren, wo wir hinwollten!“ Der Ähämann musste die Verkleidungskiste aus dem obersten Schrankfach herunterreichen und ich zweimal Schnurrhaare und einmal Sommersprossen schminken, und dann zogen sie auch schon los, um erst drei Stunden später mit mehreren Kilo Schokolade – wer soll die bloss essen?! – wiederzukommen.

„Wir haben’s gut!“, sagte der kleine Herr Maus heute beim Frühstück. „Wir können alle deutschen Feste feiern und alle finnischen!“

Und da hat er wohl recht!


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Palmsonntagsvorbereitungen

Nein, die stehen hier nicht unter Naturschutz. (Denn bis die Weidenkätzchen blühen, blüht sowieso alles auf einmal. Und es gibt sehr, sehr viele davon.)

Aber sie spielen eine sehr wichtige Rolle am Palmsonntag. Und dass sie dafür schön bunt geschmückt werden, ist nur gut so.

Denn an Farbe, da fehlt es hier noch. Sehr.