Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Jeden Tag ein Fensterchen (4)

Wir hatten uns zu früh gefreut: natürlich fällt der letzte Schultag nicht einfach aus, nur weil die Kinder Fernunterricht haben.

Die Herren Maus hatten ihre Zeugnisausgabe letzte Schulstunde heute um neun, das Fräulein Maus halb zehn. Der Wecker klingelte trotzdem erst halb neun, denn der Schulweg war denkbar kurz. Die Achtklässlerin huschte im Schlafanzug vor ihren Schullaptop, um der Weihnachtsansprache ihres Rektors zu lauschen. Der kleine Herr Maus kam zehn nach neun schon wieder aus seinem Zimmer und verkündete: „So. Fertig. Ferien.“ Dann überlegte er kurz und verschwand nochmal zurück in den Videochat, weil ihm der Abschied von seiner Lehrerin – die die Klasse nach den Skiferien kurzfristig als Vertretung übernommen und noch nicht richtig kennengelernt hatte, als drei Wochen später die Schulen wegen Corona geschlossen wurden, aber den engagiertesten und tollsten Fernunterricht, den sich die Klasse nur hätte wünschen können, gemacht hat – so schwer fiel und er noch ein bisschen mit ihr reden wollte. „Wir haben Nelli gefragt, was sie jetzt macht, ob sie eine andere Klasse übernimmt, und sie hat gesagt, sie möchte gerne weiterhin Vertretungen machen, aber lieber nur tageweise, dann hat sie Zeit, einen Hühnerstall zu bauen. Sie will sich nämlich Hühner anschaffen.“ Hach.

Dann waren offiziell Ferien.

Eigentlich wollten wir heute unseren Weihnachtsbaum aus dem Wald holen. Aber es nieselte nicht nur wie vorhergesagt, sondern regnete in Strömen, und so verschoben wir das Vorhaben auf morgen.

So, wie wir auch unseren eigentlich für gestern geplanten Abendspaziergang zu den nächsten erleuchteten Fenstern im Museumsdorf auf heute Abend – da hatte es dann endlich aufgehört zu regnen; nur der Weg durch den Wald war eine einzige Rutscherei auf Matsch und nassem Gras – verschoben haben.

Wohin wir dieses Jahr an Heiligabend statt zur Weihnachtsfriedensverkündung und zum Kindergottesdienst gehen werden, wissen wir auch schon.


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Jeden Tag ein Fensterchen (3)

Wir läuteten das Wochenende mit Sauna ein. Hinterher sassen wir dampfend auf der Gartenbank unterm Weihnachtsbaum und freuten uns, dass der Garten weiss bepudert war. Samstagfrüh regnete es in Strömen. Wir schrieben und malten den ganzen Tag Weihnachtspost.

Am Sonntag warteten wir nur darauf, dass es endlich dunkel wurde – mal davon abgesehn, dass es sowieso den ganzen Tag nicht richtig hell geworden war – um zum Museumsdorf zu stapfen und die nächsten drei beleuchteten Fenster zu suchen.


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Jeden Tag ein Fensterchen (2)

An manchen Abenden ist ein Spaziergang dringender als an anderen.

(Zum Beispiel, weil der Ähämann schon seit März zu Hause arbeitet und zur Zeit sogar das Kinder-zu-ihren-Hobbys-Fahren ausfällt. Oder weil dem Quarantänekind die Decke auf den Kopf fällt. Oder beides.)

Zum Glück haben wir jetzt, wenn es sein muss, jeden Abend ein Ziel.

Es ist kein Ersatz fürs Erzgebirge. Aber es ist um Welten besser, als durch die wie eine Erdölraffinerie beleuchtete Nachbarschaft zu spazieren.


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Jeden Tag ein Fensterchen

In Turku gibt es seit Donnerstag – denn die 14-Tage-Inzidenzrate marschiert hier in der Region gerade stracks auf die 100 zu – neue Coronaregeln: Museen, Theater und Schwimmhallen bleiben geschlossen, Bibliotheken darf man nur noch zur Rückgabe von Büchern oder zum Abholen vorbestellter Bücher betreten, Veranstaltungen dürfen nur noch mit maximal 10 Personen in Innenräumen bzw. 20 Personen im Freien stattfinden – womit sich die einzige Adventsveranstaltung, zu der wir dieses Jahr gehen wollten, auch erledigt haben dürfte – es gibt jetzt auch eine Maskenempfehlung für Schüler*innen ab der 7. Klasse aufwärts, und der Hobbykalender der Kinder hat sich ganz überraschend schon zwei Wochen vor Weihnachten fast komplett geleert.

Im Museumsdorf nebenan, das sonst in der Adventszeit immer ein paar Tage geöffnet hat, fällt der Advent auch dieses Jahr nicht ganz aus.

Jeden Abend wird dort ein Fenster mehr erleuchtet.

Manchmal hängt nur ein Adventsstern im Fenster – gestern natürlich eine Lichterkette mit finnischen Fähnchen! – aber manchmal kann man durch das Fenster in den ganzen Raum gucken: da hat der Stallwichtel einen kleinen Weihnachtsbaum aufgestellt oder in der Sauna ist schon der Ofen angeheizt.

Kann man auch gut mit dem Quarantänekind hingehen. War ausser uns keine Menschenseele da.

Das machen wir in den nächsten zweieinhalb Wochen sicher noch öfter.


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Am Sonntag waren wir nach dreizehn Jahren mal wieder im Automuseum in Uusikaupunki.

Damals hatten wir alle unsere Mittsommerpläne wegen einer Ohrenentzündung des Fräulein Maus‘ verschieben müssen, aber den Automuseumsbesuch habe ich trotzdem in bester Erinnerung: vielleicht, weil das fiebernde Fräulein Maus, das von Geburt an tagsüber zu schlafen doof fand, sich ganze drei Stunden schlafend (!) im Kinderwagen durch halb Uusikaupunki und das ganze Automuseum schieben liess.

Im Automuseum sind ein paar nette Raritäten ausgestellt – das allererste in Finnland gebaute Auto oder ein in Finnland zugelassener Trabi zum Beispiel – aber viel toller ist, dass jedes Modell, das jemals im Autowerk in Uusikaupunki hergestellt wurde, dort steht. Früher wurden dort hauptsächlich Saabs gebaut, aber später auch der Opel Calibra, der Lada Samara oder zwei verschiedene Porsche-Modelle. Zur Zeit wird unter Anderem die Mercedes-A-Klasse dort gebaut. Von der gab’s allerdings nur eine halbe Karosserie zu sehen, und überhaupt scheint im Museum seit 2007 die Zeit stehengeblieben zu sein. „Habt ihr Bargeld?“, fragte uns die Kassenfrau, und wir bekamen dann handschriftlich eine Rechnung zum Überweisen des Eintrittsgelds ausgestellt. Ich habe mich dann auch nicht mehr sooo sehr gewundert, dass wir unsere vorsorglich eingepackten Masken gar nicht brauchten, sondern im ganzen Museum die Einzigen waren.

Mehr noch als die vielen Automodelle haben mich diesmal die Kennzeichen beeindruckt. Der allererste Saab, der 1969 in Uusikaupunki vom Band rollte, ein Saab 96, mit dem Kennzeichen „EKA 96“ (= „Erster 96“) oder der erste Talbot aus Uusikaupunki – im Volksmund auch kurz U:ki genannt – mit dem Kennzeichen „UKI 1″oder der erste Calibra, der 1991 gebaut wurde, mit dem Kennzeichen „CAL 91“.

Weil wir gerade von Kennzeichen sprechen: ich suche schon ewig die 374. Die 373 habe ich bestimmt schon zehn Mal gesehen: das erste Mal am Tag bevor wir nach Island fuhren und das letzte Mal letzte Woche. Vielleicht fährt mir nur keine 374 über den Weg, solange ich die 373 nicht protokolliert habe. Was dann hiermit endlich geschehen wäre.

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206, 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222, 223, 224-225, 226, 227, 228, 229-230, 231, 232, 233, 234, 235, 236, 237, 238, 239, 240, 241, 242, 243, 244, 245,246, 247, 248, 249-250, 251, 252, 253, 254, 255, 256, 257, 258, 259, 260, 261, 262, 263, 264, 265, 266, 267, 268-269, 270, 271, 272, 273, 274, 275, 276, 277, 278-279, 280-281, 282, 283, 284-285, 286, 287, 288, 289-290, 291, 292, 293-294, 295, 296, 297-298, 299, 300, 301, 302-303, 304, 305, 306, 307, 308, 309, 310-311, 312, 313, 314-315, 316, 317-318, 319, 320, 321-322, 323, 324, 325, 326, 327, 328, 329, 330, 331-332, 333, 334, 335, 336-337, 338, 339, 340, 341, 342, 343-344, 345, 346, 347, 348, 349, 350, 351, 352, 353-355, 356, 357, 358, 359, 360, 361, 362, 363, 364, 365, 366-367, 368, 369, 370, 371, 372]


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Heureka!

Eigentlich fotografiere ich ja keine gedeckten Tische und keine Wochenendfrühstücke. Aber manchmal muss man eine Ausnahme machen.

Samstagsfrühstück im Zug! ♥

Wenn man im Zug frühstückt, kann man länger schlafen. Und trotzdem zeitig genug fahren, um zum Beispiel eine Stunde nach Öffnung im Wissenschaftsmuseum Heureka einzutreffen und bis zur Schliessung sieben Stunden später dort zu bleiben. (Und dann eigentlich immer noch nicht gehen wollen.)

Ich wollte da schon immer mal hin, aber es ist da immer sehr voll – in den Ferien und an Wochenenden besonders – und das hat mich dann doch ein bisschen abgeschreckt. Aber neulich sah der grosse Herr Maus an der Bushaltestelle Werbung für eine Dinosaurier-Sonderausstellung im Heureka, und naja, zwei Tage später fand ich mich für uns alle fünf Zugtickets und Eintrittskarten buchend vorm Laptop wieder.

Leider hatte vorletzten Samstag die Coronapanik in Finnland noch nicht zugeschlagen, und so war es so voll wie immer – was besonders nervig ist, da man im Heureka fast alles anfassen und selbst ausprobieren kann und dann eben immer warten muss. Ausserdem habe ich mir – obwohl ich sonst ein Verfechter von „Kein Kind ist zu klein fürs Museum!“ bin – zum ersten Mal ein Mindestalter für ein Museum gewünscht. Wenn der Neunjährige und der Elfjährige hochkonzentriert ein interaktives Spiel spielen, ist es schon eher ärgerlich, wenn plötzlich eine Dreijährige gerannt kommt und fröhlich mit beiden Händen auf den Touchscreen patscht, und nein, das war keine Ausnahme, das ging den ganzen Tag so. (Statt Mindestalter täte es auch eine „Nehmt eure Kinder an die Hand und erklärt!“-Verpflichtung.)

Es war trotzdem schön.

Wir machten unzählige Pendel-, Roll- und Schallversuche. Der kleine Herr Maus legte sich auf ein Fakirbrett mit spitzen Nägeln. Die Herren Maus bauten einen riesigen Turm aus Holzklötzen und schraubten Autos zusammen, die man anschliessend eine Achterbahn hinabsausen lassen konnte – mit Zeitstoppen, um sie anschliessend noch weiter zu verbessern. Wir spielten Pupsmemory und fuhren Hochseilfahrrad. Wir sahen uns eine Vorstellung im Planetarium an. (Die uns allerdings – wir sind leider völlig verwöhnt – nicht so vom Hocker gehauen hat.) Wir schlüpften mit Hilfe einer VR-Brille als kleiner Dinosaurier aus dem Ei. Wir versuchten uns als Fluglotsen und Recyclingspezialisten. Und zur Erinnerung liessen wir uns jeder eine Münze mit unserem eigenen Konterfei prägen.

Am allerschönsten aber war es in der letzten Stunde, als sich die Ausstellungsräume schon deutlich geleert hatten.


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Skiferien 2020, Tag 5

Den fünften Ferientag verbrachten wir im Museum.

Es regnete, stürmte, und die Enten an der Stromschnelle, auf die sich die Kinder so gefreut hatten, waren auch nicht da. Ein Winter ohne Schnee und Eis ist eben Mist, aus allen erdenklichen Gründen.

Ein perfekter Tag fürs Museum also. Zunächst aber gingen wir mit dem Ähämann mittagessen, in der Hoffnung, dass wir es dieses Jahr länger im Museum aushalten würden und es nicht wegen knurrender Mägen vorzeitig verlassen müssten.

Aber ach…!

Das Vapriikki – oder „diese Museumssammlung“, wie der kleine Herr Maus zu sagen pflegt – ist ebenso wunderbar wie viel zu gross für einen halben Tag. In den Hallen einer ehemaligen Maschinenfabrik befinden sich das Postmuseum, das Eishockeymuseum, ein Naturkundemuseum, ein Mineralienmuseum, das Spielemuseum, ein Museum über den Bürgerkrieg in Tampere – in das man aber nicht mit Kindern gehen soll – ein Medienmuseum sowie mindestens zwei Wechselausstellungen: dieses Jahr eine über Tampere als Theaterstadt und eine über das alte Rom.

Allein im Spielemuseum könnte man den ganzen Tag zubringen, weil man dort jede Menge Computer- und Automatenspiele – von den ersten in den 1970ern entwickelten bis zu den aktuellsten – ausprobieren darf.

Wir spielten ausserdem – passend zu den diesjährigen Skiferien! – Eishockey im Simulator, krochen durch einen engen Gang, um uns das Leben in der Stromschnelle von unten anzugucken, versuchten uns im Morsen von Texten, lasen Briefe berühmter Finnen, guckten uns im Postkino einen Film über die finnische Post zu ungefähr der Zeit, als ich das erste Mal nach Finnland kam, an, der mich die ganze Zeit seufzen liess, denn damals war die finnische Post tatsächlich noch schnell, zuverlässig und hatte eine Filiale in jedem kleinsten Ort. Zum Schluss spielten mir die Kinder – zu dritt kann man ja schon was auf die Beine stellen – ein kleines Theaterstück vor, für das nicht nur die Bühne bereitstand, sondern auch verschiedenste Verkleidungen sowie ein Licht- und Tonmischpult.

Dann hatten die Kinder es gerade so geschafft, alle im Museumskomplex zu findenden Objekte abzuhaken, bis wir wirklich allerspätestens losmussten.

Mit kurzem Zwischenstopp im Waffelcafé im kleinsten Steinhaus von Tampere eilten wir zum Bahnhof.

***

Bahnfahren.

Während wir auf unseren Zug warteten, sah ich zum ersten Mal eine Sr3 in echt. Hm, ja. Muss ich mich erst noch dran gewöhnen, an den Anblick.

Ansonten fühlten wir uns diesmal durchsagenmässig ein bisschen wie auf der „Nils Dacke“, auf der die Nächte sowieso schon immer so kurz sind, aber auf der man noch eine halbe Stunde mit Durchsagen in vier Sprachen wachgehalten wird.

Wir fahren mit fünf Wagen, wir halten dort und dort und dort, ich bin Konduktööri Ville, bitte schon mal die Fahrkarten in der App öffnen, ich komme gleich kontrollieren, das Kaffeewägelchen fährt durch den Zug, bitte keine mitgebrachten alkoholischen Getränke konsumieren, in Turku ist es glatt auf dem Bahnsteig, Vorsicht!

Man kann sie dennoch nur lieben für ihre Informationspolitik, die finnische Bahn. Highlight diesmal – Durchsage vom Schaffner beim Halt in Toijala: „Wir müssen noch auf Passagiere aus dem Süden warten. Es wird ungefähr zehn Minuten dauern und der andere Zug wird am Gleis gegenüber halten, falls also jemand frische Luft schnappen möchte, wäre jetzt eine gute Gelegenheit dazu.“

Am Tisch gegenüber machte ein junger Mann Deutschaufgaben. Irgendwann beugte er sich über den Gang zum Fräulein Maus und fragte sie auf Finnisch, ob sie ihm mal die eine Aufgabenstellung erklären könne. Konnte sie.


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Skiferien 2020, Tag 3

Am dritten Ferientag fuhren wir 165 km nach Norden.
Obwohl dort auch kein Schnee liegt.

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Busfahren.

Busse sind in Finnland ein viel wichtigeres Transportmittel als die Eisenbahn. In meinem ersten halben Jahr in Finnland fuhr ich nur Bus. Weil es nicht anders ging – von der Forschungsstation im mittelfinnischen Nirgendwo in die nächstgelegene 60 km entfernte Stadt oder am Wochenende zu meiner finnischen Gastfamilie in den nächstgrösseren Ort – aber auch, weil es die preiswerteste Möglichkeit für weitere Reisen war, denn Studenten zahlten nur den halben Fahrpreis. Unvergessen die fünf Stunden Busfahrt von Rovaniemi nach Inari über vereiste Strassen und durch dick verschneite Wälder, die ich mit dem Ähämann gleich nach dem Milleniumsjahreswechsel machte, weil wir wissen wollten, wie es ist, wenn die Sonne den ganzen Tag nicht aufgeht. In Sodankylä und in Ivalo konnte man aussteigen, sich die Beine vertreten, einen Kaffee trinken und seinen Reiseproviant im Supermarkt aufstocken, während der Busfahrer Briefe und Pakete ein- und auslud. Sonst hielt der Bus alle halbe Stunde irgendwo an der Strasse, jemand stieg aus und verschwand irgendwohin in die Nacht.

Der Turkuer Busbahnhof.
Offenbar haben die Turker ein Faible für runde öffentliche Gebäude. Die furchtbare Akustik stört nicht, da der Turkuer ja nicht redet.

Seit wir in Turku wohnen, bin ich nur noch alle paar Jahre mal Überlandbus gefahren. Wir wohnen hier an zwei wichtigen Zugstrecken, und Zugfahren ist ja sowieso schöner, erst recht mit kleinen Kindern. Und ohne Studentenrabatt ist Busfahren auch nur noch unwesentlich preiswerter als Zugfahren. Also normalerweise. Als ich vor ein paar Wochen wie im letzten Jahr Zugtickets nach Tampere kaufen wollte, gab es keine Spartickets, und nach einiger Rumprobierei mit verschiedenen Daten hatte ich herausgefunden, dass es offensichtlich in der Skiferienwoche überhaupt keine Spartickets gibt. Tja, und so fuhren wir seit langer Zeit mal wieder Bus. Onnibus, weil oben in der ersten Reihe zu sitzen fast so schön ist wie Zugfahren. Zwar ist der Onnibus nicht mehr ganz so preiswert wie in den ersten Jahren, aber dafür muss man jetzt nicht mehr um die besten Plätze rennen, denn wie bei der Bahn gehört eine Sitzplatzreservierung jetzt zum Fahrpreis. Für die Plätze in der ersten Reihe zahlt man zwar einen kleinen Aufpreis, aber das war es uns wert, und ausserdem war der Fahrpreis für uns auch damit immer noch nicht mal halb so teuer wie die Zugtickets gewesen wären, und so schaukelten wir zwei Stunden mit bester Aussicht über die Landstrasse – dem Ähämann hinterher, der dreieinhalb Stunden früher schon mit seinem Monatsticket einen Zug nach Tampere bestiegen hatte.

***

Zeitverbringdings.

Weil es regnete und wir nach einem späten Mittagessen mit dem Ähämann noch ein bisschen Zeit rumzubringen hatten, während der Ähämann noch ein bisschen arbeiten musste, gingen wir ins Arbeitermuseum. Das ist perfekt für solche Gelegenheiten, denn der Eintritt ist kostenlos und man kann da auch für eine halbe Stunde hingehen. Das Museum befindet sich in einem Teil der ehemaligen Finlayson-Baumwollspinnerei, und man kann dort zum Beispiel Helene und Marie besuchen, zwei Schweizer Dampfmaschinen, die seinerzeit ein gewaltiges Schwungrad und damit alle Maschinen in der Fabrik antrieben. Oder sich ein kleines Stadtmuseum angucken. Oder eine Ausstellung über die jüngere finnische Geschichte seit der Unabhängigkeit. Wir waren am Ende jedenfalls wieder viel länger dort als geplant.

***

Geschichtsunterricht.

Für mich am beeindruckendsten war diesmal eine kleine, unscheinbare Sonderausstellung mit Fotos vom Baltischen Weg. Am 23. August 1989, genau 50 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt, fanden sich über eine Million Lithauer, Letten und Esten zu einer 600 km langen Menschenkette, die lückenlos über alle drei baltischen Staaten reichte, zusammen, um für ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion zu demonstrieren.

Ich hatte davon noch nie vorher gehört. Alle Welt guckte damals ja nach Ungarn. Und nach Berlin.

Man lernt nie aus.

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Gesunde Ernährung.

Abendbrot im Waffelcafé.


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Advent im Erzgebirge: Alles kommt vom Bergwerk her

Nirgends ist es im Advent schöner als im Erzgebirge.

Ich bin aufgewachsen mit Lichterengeln und -bergmännern, mit Schwibbögen in den Fenstern und Pyramiden auf den Marktplätzen. Beim Wort Weihnachtsdeko rollen sich mir die Fussnägel hoch. Die Adventszeit ist die einzige Zeit im Jahr, in der ich manchmal ein bisschen Heimweh habe.

Ich bin sozusagen von einer Gegend, in der Licht im Winter besonders wichtig ist, in eine andere gezogen. Denn die Bergmänner im Erzgebirge – und der Bergbau hat da eine seeehr lange Tradition: im 12. Jahrhundert wurde das erste Silber gefunden, und noch zu DDR-Zeiten wurde in den Berg gefahren, um WismutUran und Zinn zu fördern – sahen den ganzen Winter über kein Tageslicht, weil sie in den Stollen einfuhren, bevor es hell wurde, und wieder heraufkamen, als es schon wieder dunkel war. Die Frauen stellten ihren unter Tage arbeitenden Männern und Söhnen kerzentragende Schutzengel in die Fenster, die ihnen heimleuchten sollten, und auch die Schwibbögen und Weihnachtspyramiden gehen auf den Bergbau zurück. Zudem machte der Silberbergbau zwar die ganze Gegend reich – was sehr schön an sehr prächtigen Kirchen in ganz kleinen Orten zu sehen ist – aber die Bergleute und ihre Familien waren trotzdem arm und verdienten sich mit Klöppeln, Schnitzen und Spielzeugmachen ein Zubrot, weswegen auch der Nussknacker, das Räuchermännchen und die Reifentiere aus dem Erzgebirge stammen.

Mein allerliebstes erzgebirgisches Weihnachtsding aber sind die Weihnachtsberge. Grosse Landschaftsmodelle mit geschnitzten Figuren, die sich darin bewegen, mit Beleuchtung, manchmal mit echtem Wasser, das über einen kleinen Wasserfall in einen Teich fliesst, auf dem Ruderer ihre Kreise ziehen. Es gibt uralte Weihnachtsberge und erst ein paar Jahrezehnte alte. Ein richtiger Weihnachtsberg zeigt eine biblische Landschaft, aber viel schöner sind die, die ein verschneites Dorf im Erzgebirge darstellen, mit Skilift und Schlittenfahrern, und es gibt auch einen, auf dem man den Bau der Talsperre Sosa sehen kann. Am allerschönsten aber sind die, die einem einen Blick unter Tage gewähren: oben dreht sich ein Pferdegöpel, da fahren Bergmänner in einen Stollen ein, es wird gehämmert und geklopft, einer dreht eine Winde, einer schiebt einen Hunt, zwei machen Pause und essen eine Fettbemme und bemerken gar nicht, dass der Berggeist neben ihnen aus einer kleinen Tür kommt und wieder darin verschwindet.

Ich weiss nicht, warum wir bis zu diesem Jahr noch nie da waren, aber in Schneeberg gibt es das Museum für bergmännische Volkskunst, das neben ein bisschen Stadt- und Bergbaugeschichte, alten Pyramiden und vielen beeindruckenden Schnitzereien vor allem jede Menge Weihnachtsberge zeigt. Stunden hätte ich da zubringen können und gucken! Der kleine Herr Maus durfte eine Bergmannstracht anlegen, originalgetreu samt Arschleder und Knieschützern und gelben Hosen, die nur die Schneeberger Bergleute tragen, weil einmal zu irgendeinem Jubiläum des sächsischen Königshauses eine Bergparade stattfinden sollte, aber nicht genügend Stoff für die Paradehosen aufzutreiben war, weswegen die Soldaten des in Schneeberg stationierten Regiments ihre – zufällig gelben – Hosen zur Verfügung stellen mussten. Warum unser Lichterbergmann zu Hause eigentlich gar keine Knieschützer anhat, war die erste Frage der Kinder nach unserer Rückkehr.

Wie es im Inneren eines Weihnachtsbergs aussieht, damit sich auch alles bewegt.

Raum für einen Weihnachtsberg ist in der kleinsten Hütte Nuss

Weihnachtsberge und andere schöne Dinge angucken, abseits von Seiffen und Co. – eine Liste unserer Lieblingsmuseen:
Museum für bergmännische Volkskunst, Schneeberg
Museum sächsisch-böhmisches Erzgebirge, Marienberg
Turmmuseum in Geyer
Mauersberger Museum


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Urlaub, gemeinsamer

Ferien ohne eine Reise sind gar keine richtigen Ferien.

Wir hatten auch schon einen Plan. Aber dann hatte der grosse Herr Maus die Gelegenheit, mit den Pfadfindern für fünf Tage nach Nordkarelien zu fahren zum Skifahren, Eisangeln, im Schnee schlafen, und wer weiss, ob er jemals wieder so perfekte Skiferien haben würde! Wir liessen ihn also fahren und verzichteten auf unsere Reisepläne, und der Ähämann war gar nicht so traurig, weil er gerade mitten in einem schwierigen Projekt steckt und so ausserdem ein paar Urlaubstage sparen konnte.

Aber so gar nicht wegfahren?!

Am Ende hatten wir einen Plan, der für uns alle passte: sobald der grosse Herr Maus wieder da war, fuhren wir für zwei Tage in die Stadt, in der der Ähämann seit August arbeitet. Er konnte arbeiten, aber trotzdem seine Mittagspausen und die Abende mit uns verbringen. (Und er konnte auch mal einfach so auf Arbeit spazieren, statt zwei Stunden mit dem Fahrrad, dem Zug und zu Fuss unterwegs zu sein.)

Die Kinder und ich bestiegen also am Donnerstagmorgen einen Zug – und fuhren dem Ähämann, der zwei Stunden eher aufgebrochen war, hinterher. Frühstück gab’s erst im Zug, damit wir früh so lange wie möglich schlafen konnten. Zwei Stunden fuhren wir bei schönstem Märzwetter durch blauweisse Landschaft, und als wir da waren, waren wir uns einig, dass wir alle gern noch länger zuggefahren wären.

Ich fahre nicht nur gerne Zug, ich bin auch wirklich sehr, sehr gerne in Tampere.

Ich mag das viele Wasser – und die grosse Stromschnelle, die von Anfang an die Lebensader der Stadt gewesen ist – und auch die alten Industriebauten mitten in der Stadt sehr. Leider sind bis auf die beiden Wasserkraftwerke und eine PapierKartonfabrik keine davon mehr in Betrieb, sondern werden heutzutage als Museen, Veranstaltungsräume oder Einkaufszentren genutzt, aber Himmel, sind die trotzdem immer noch schön!

Als der Ähämann seinen Kollegen von unseren Reiseplänen erzählte, schlug ihm eine Kollegin, da wir ja mit Kindern unterwegs wären, allen Ernstes zwei Indoorspielplätze vor, die wir unbedingt besuchen müssten. Ich soll in einer Stadt, die voller Natur, Kultur und Sehenswürdigkeiten ist, in einen Indoorspielplatz gehen?! Der Ähämann und ich haben schon lange nicht mehr so heftig mit den Augen gerollt.

Tatsächlich bin ich ja auf die Idee mit dem Ausflug nach Tampere gekommen, als ich auf Instagram ein bisschen nach Bildern mit dem finnischen Hashtag für #eisbaden herumsuchte. Tampere hat neuerdings da, wo die Stromschnelle aufhört, mitten in der Stadt eine ganzjährig geöffnete Sauna. Da müssen wir hin, waren wir uns alle fünf einig.

Wir holten also den Ähämann von Arbeit ab, gingen mit ihm Mittagessen und danach gemeinsam in die Sauna, die wir zwei Stunden lang fast ganz für uns alleine hatten. Und zur Abwechslung badeten wir mal in goldenem Seewasser statt in grauem Meerwasser. So schön! Und erwähnte ich schon das Märzwetter?!

Leider sieht es mit Eisbahnen ja dieses Jahr überall ein bisschen schlecht aus, sonst hätten wir die Schlittschuhe mitgenommen, denn in einer Stadt mit so viel Wasser kann man auch (fast) mitten in der Stadt auf dem See eislaufen.

Fürs Museum war das Wetter fast ein bisschen zu schön.

Andererseits sind die finnischen Museen – mal vom ebenfalls in Tampere befindlichen Spionagemuseum abgesehen – alle viel zu schön, um nicht hinzugehen. Diesmal waren wir im Vapriikki, einem Komplex mit neun verschiedenen Museen sowie zusätzlichen wechselnden Ausstellungen unter einem Dach. Zum Glück hatten wir gut gefrühstückt, so hielten wir es immerhin drei Stunden dort aus, bis uns allen der Magen knurrte. Tage könnte man da zubringen!

Ihr Ururopa war tatsächlich stolzer Besitzer und Fahrer eines solchen Dings!

„Mama, was muss man denn da machen?“
(Ich bin Ich-kann-ein-Wählscheibentelefon-bedienen-alt.)

Kleiner Postillion.

Wir liefen kreuz und quer durch die Stadt. Wir entdeckten auch in Tampere Spuren unseres Freundes Engel. Wir bestaunten fasziniert und neidisch die Strassenbahnbaustelle. Sogar zum Entenfüttern kamen die Kinder nach Jahren zum ersten Mal wieder. (Und ja, ich weiss, dass Brot keine artgerechte Nahrung ist.)

Manche Städte bauen eine Strassenbahn.
(Andere eine Tiefgarage.)

Freitagabend fuhren wir gemeinsam mit dem Ähämann zurück nach Turku.

Aber in den nächsten Ferien machen wir das wieder, haben wir beschlossen. Ich will auch mal wieder auf den Harju. Und den Kindern die lustigen Gemälde im Dom zeigen. Und im neuen Muminmuseum waren wir auch immer noch nicht. Und überhaupt ist es ganz wunderbar, wenn wir alle zusammensein können, auch wenn einer gar nicht frei hat.