Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Alle irre

Als ich vor einer Woche von der Schule nach Hause radelte, war mein Heimweg besonders schön.

Die Sonne war gerade untergegangen, aber die Bäume glühten noch eine Weile weiter, fast, als hätten sie das Sonnenlicht gespeichert und würden es erst nach und nach abgeben. Ich fuhr durch gelbleuchtende Laubtunnel, und als ich am Fluss ankam, der glatt wie ein Spiegel war und schon ein klitzekleines bisschen in der kalten Abendluft dampfte, war es schon fast ganz finster, nur im Westen leuchtete der Himmel noch orange.

Ich finde es immer sehr gewöhnungsbedürftig, wenn es nach dem langen, hellen Sommer auf einmal wieder dunkel ist: als ob man das Sehen und Laufen und Radfahren und Autofahren bei Nacht erst wieder lernen müsse.

Aber es hätte schöner nicht sein können.

Zwischen all dem Gelb, Orange und Schwarz allerdings, das zart und weich über der Landschaft lag, blendeten leider grellweiss die ersten Weihnachtsbeleuchtungen über Bäume und Sträucher geworfenen Lichterketten.

(Als ich die erste Lichterkette sah, dachte ich noch: da hat’s jemand aber sehr eilig. Dann sah ich im Nachbargarten auch eine, und eine Strasse weiter noch eine, und dann noch eine, und als ich zu Hause ankam, hatte ein Nachbar tatsächlich schon einen beleuchteten Stern ins Fenster gehängt.)

Es macht mich von Jahr zu Jahr wütender.

Nicht, weil keiner mehr zu verstehen scheint, wie kostbar Vorfreude ist; das kann meinetwegen jeder halten, wie er will. Aber weil es mir fast körperliches Unbehagen bereitet, dieses grelle Geleuchte und Geblinke.

Zumal jetzt, wo die Natur selbst noch in allen Farben leuchtet.

(Es gibt ja ausser grellen LED-Lämpchen auch durchaus noch andere Möglichkeiten, Wärme und Licht in dunkle Herbstabende zu bringen.)


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Neulich war, mal wieder, unsere Hofbeleuchtung kaputt.

Die drei Strassenlaternen entlang unserer Strasse brannten, aber sonst war alles schwarz, als ich heimkam: Kein Licht im ehemaligen Müllhäuschen. Keine Hausnummernbeleuchtung. Kein Licht an jedem einzelnen Schuppen. Kein Licht an den Stirnseiten der Häuser und keins am Schutzraum. Keine einzige Laterne an.

Alle 35 Lampen an unseren gerade mal sieben Häusern aus!

Ich musste ein bisschen nach dem Schlüsselloch vom Schuppen tasten. Dann stellte ich das Fahrrad in den Schuppen, schmiss die Tür zu, guckte mich um und… fühlte mich augenblicklich besser.

Alles schwarz. Sterne am Himmel. Die Nachbarn, die direkt am Wald wohnen, hatten ungefähr zehn Laternen aufgestellt, in denen Kerzen flackerten.

Die ganze unerträgliche Mischung aus Novembermüdigkeit und -unruhe war weg. Von jetzt auf gleich.

Als ich nachts einmal ins Bad wankte, blieb ich wohlig müde: die Laterne vorm Gartenzaun, wegen der wir oft witzeln, dass wir eigentlich keine Wohnzimmerlampe bräuchten, stach mir nicht in die Augen. Wir hätten in allen drei Schlafzimmern ohne Verdunkelungsrollo schlafen können. Ich sank zurück ins Bett, und nicht mal durch den Rollospalt quoll Licht. Ich schlief wie ein Stein. Und als ich früh aufwachte und in die Dunkelheit ringsum hinausguckte, hatte ich nur einen einzigen Wunsch: dass diese Beleuchtung nie, nie wieder repariert werden würde.

Es kam mir ja selbst paradox vor: sollte man in der dunklen Jahreszeit nicht froh sein über jedes zusätzliche Licht?!

Die einzige Beleuchtung, unter der ich mich im November und Dezember je wohlgefühlt habe, ist das Flutlicht auf dem Kindergartenspielplatz. Dort blieb ich früher oft noch mit den Kindern nach dem Abholen. Es spielte sich da auch viel schöner als auf dem Spielplatz vor dem Haus, der trotz der drölfzig Laternen ringsrum immer finster ist, und das warme, gelbe Licht fühlte sich immer wie echtes Sonnenlicht spät am Abend an.

Aber diese grellen Lampen allüberall…! Sie stechen einem in die Augen, aber machen es nicht hell. Sie beleuchten so, wie ein Lagerfeuer wärmt, nicht wie ein Kachelofen.

Es sind nicht die kurzen Tage und die viele Dunkelheit, die mich allemachen.
Es ist die Abwesenheit echter Dunkelheit.