Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Zwölf Orte im Baltikum

An unserem dritten Urlaubstag verkündete die finnische Gesundheitsministerin, dass für die besorgniserregende Coronasituation in Finnland nicht nur die aus St. Petersburg zurückgekehrten Fußballtouristen verantwortlich zu machen seien, sondern auch die ausländischen Arbeiter und die finnischen Auslandsreisenden.

Ich war kurz davor, etwas anzuzünden.

Verantwortungsvolles Coronawandern.

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Finnischer Meerbusen.

Jede Reise beginnt auf dem Meer.

Diesmal begann sie auf einer fast spiegelblanken Ostsee bei 31°C. Die für die zweistündige Überfahrt auf dem Oberdeck eingepackten langärmeligen Sachen blieben in ihrem Beutel. Im Gegenteil, wir waren froh, als ein bisschen Fahrtwind aufkam.

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Tallinn (1)

Unsere Lieblings-Rhabarberlimonade, die wir erst vor ein paar Jahren in Estland entdeckt hatten, gibt es leider seit Neuestem weder in den Supermärkten der estnischen, lettischen schwedischen oder litauischen Kette. Der Ähämann recherchierte ein wenig und fand heraus, dass es sie nur noch in den wenigen Filialen einer grossen finnischen Supermarktkette, die wir bisher in Estland gemieden haben, gibt. Überhaupt scheint es sämtliche Getränke mit Rhabarber nur da zu geben. Wir entliessen einen uns mitten auf dem Meer zugeflogenen Marienkäfer in die Freiheit, freuten uns über die Familienparkplätze vor dem Supermarkt und luden uns anschliessend die Lücken im Kofferraum mit Rhabarbergetränken voll.

Extrabreite Familienparkplätze haben wir hier übrigens auch vor jedem grösseren Supermarkt, aber nicht so niedliche.
(Ich quietsche auch sehr oft angesichts estnischer Käsepackungen oder Schokoladentafeln.)
((Oder wegen der Niedlichkeit der estnischen Sprache.))

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Tallinna-Narva-maantee (Autobahn Nr. 1)

In Estland kann es passieren, dass man zum Abfahren von der Autobahn wenden muss.
(Zum Auffahren auch.)

Da Estland nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten Geschwindigkeiten ist und sich die Verkehrsdichte ausser auf der Via Baltica in Grenzen hält, funktioniert das recht gut. Wir haben dann diesmal auch gelernt, dass man nach dem Wenden, statt sich direkt in den Verkehr einzufädeln, eigentlich erstmal unverzüglich auf die an diesen Stellen extra angelegte dritte, äusserste Spur fahren und diese dann als Beschleunigungsspur nutzen soll.

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Lahemaa-Nationalpark.

Schon als wir vor acht Jahren die allerersten vier Herbstferientage des Fräulein Maus dort verbrachten, haben wir uns in die Gegend, die schon 1971 als erster Nationalpark der Sowjetunion unter Schutz gestellt wurde, verliebt. Es gibt dort ausgedehnte Urwälder, unendliche Moore und wilde Sandstrände voller Findlinge, aber auch sanft gewellte Felder und Wiesen, auf denen Kühe weiden, Dörfer, die nur aus einer Handvoll gelb oder grün gestrichener Holzhäuschen bestehen, und prächtige Gutshäuser, auf deren Schornsteine die Störche ihre Nester gebaut haben.

Das Beste war: diesmal gingen wir – es war keinen Tag kälter als 28°C – jeden Tag baden. Lahemaa, das Land der Buchten, ist allüberall von der Ostsee umgeben. Der Grossteil der Küste ist mit Schilf zugewachsen, aber es gibt auch Sandstrände, manche mit riesigen Findlingen, die die letzte Eiszeit aus Finnland an die estnische Küste geschoben hat und zwischen denen man in wunderbar klarem Wasser, das auf unserer Seite des finnischen Meerbusens schon seit Juni nicht mehr annähernd so sauber ist, herumschwimmen kann. Sogar in den schwarzen Moorsee durfte man springen – zum Glück hatte ich mich daran erinnert, dass wir so eine Badestelle mitten im Hochmoor schon mal in den vorletzten Herbstferien in einem anderen estnischen Moor entdeckt hatten, und wohlweislich Badesachen in den Rucksack gepackt – er war fast badewannenwarm. Und die Störche waren da – die Jungstörche kurz vorm Ausfliegen und die Eltern unermüdlich Frösche fangend. (Meist neben der Autobahn. Oder hinter dem Traktor, der das erste abgeerntete Getreidefeld umpflügte.) Im Moor wucherte der Sonnentau bis an den Weg und streckte seine klebrigen Fliegenfallen in die Sommerhitze. Die Heidelbeeren wuchsen uns riesig und aromatisch vom Wegesrand in den Mund. Und abends nach der Sauna sahen wir halb elf die Sonne über dem Meer untergehen und liessen uns dabei Abend für Abend von 87364 Mücken und Bremsen zerstechen. (Immerhin juckt es tatsächlich nach 20 Stichen, wie man mir schon in meinem allerersten finnischen Sommer glaubhaft versichert hat, nur noch die ersten fünf Minuten.) Der Himmel blieb die ganze Nacht blau.

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Narva.

Ich bin mit Grenzen aufgewachsen: solchen, die nur ein bisschen gesichert waren, und solchen, von denen man annehmen musste, dass man sie sein Leben lang nicht übertreten dürfen wird. Unsere Kinder sind bisher völlig ohne Grenzen aufgewachsen: wir reisen im Urlaub durch halb Europa und müssen nie irgendwo einen Pass vorzeigen. Wir standen deshalb mit ungefähr den gleichen Gefühlen – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – vor der stacheldrahtbewehrten EU-Aussengrenze zwischen Estland und Russland.

Die Städte auf beiden Seiten des Grenzflusses – das estnische Narva und das russische Iwangorod – werden beide von riesigen Festungen beherrscht. Schon seit Jahrhunderten wurde über den Grenzfluss hinweg Krieg geführt und säbelgerasselt.

Auf der Hermannsfeste wehte die estnische Fahne, und die Ausflügler schauten hinüber zur Festung Iwangorod, wo die die russische Fahne wehte und die Ausflügler auf die Hermannsfeste herüberschauten – keine 100 m voneinander entfernt und doch ohne Visum unerreichbar weit weg.

Sowjetischer als in Narva wird’s diesseits der EU-Aussengrenze auch nicht mehr. In Narva steht die letzte Lenin-Statue des Baltikums, vom Stadtzentrum in den Innenhof der Hermannsfeste umgesiedelt, und ich fand die Strasse der Kosmonauten, in der sich wie in der ganzen Stadt geziegelte, unverputzte Wohnblöcke aneinanderreihten, das eine Modell, wie es in allen Städten des Baltikums und wahrscheinlich auch Russlands zu finden ist.

95% der Bevölkerung Narvas spricht russisch; die estnische Bevölkerung durfte nach dem Krieg lange nicht in das komplett zerstörte Narva zurückkehren, stattdessen wurden russische Zuwanderer dort angesiedelt, um die Industrie Narvas am Laufen zu halten bzw. wieder aufzubauen. Es sind auch nur noch 140 km bis nach St. Petersburg. Ein Klacks mit dem Auto. Wenn, ja, wenn.

Wenn man weiterfährt an der Narva entlang nach Norden, bis zu ihrer ebenfalls stacheldrahtbewehrten Mündung in die Ostsee, neben der sich kilometerweite, breite Sandstrände erstrecken, kommt man alle paarhundert Meter an irgendwelchen Soldatenfriedhöfen und Kriegsdenkmälern vorbei.

Eine Welt ohne Grenzen und ohne Krieg, das wär’s…!

Die DDR-Glühlampenmarke hatte übrigens bei aller Freundschaft zu den sozialistischen Bruderländern nichts mit der gleichnamigen estnischen Stadt zu tun: Narva stand in dem Fall für für Stickstoff („N“), Argon („Ar“) und Vakuum („Va“).

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Sillamäe.

Sillamäe ist wie Bielefeld. Nur umgekehrt.

Zu Sowjetzeiten gab es Sillamäe wegen seiner Urananreicherungsanlagen offiziell nicht. Die Stadt war auf keiner Karte verzeichnet – und wir haben lachend festgestellt, dass Google Maps auch im Jahr 2021 noch nicht weiss, auf welcher Seite der Hauptstrasse ein Park und auf welcher ein Wohngebiet ist – die Bewohner hatten keine Postadressen, sondern bekamen ihre Post über Codeanschriften zugestellt, Nicht-Ortsansässige durften die Stadt nur mit Sondergenehmigung, Ausländer überhaupt nicht betreten.

Die Stadt strahlt (haha) heute noch den morbiden Charme verfallender, grössenwahnsinniger Stalin-Prachtbauten aus, den ich auch aus dem Stadtteil meiner Geburtsstadt, in dem ich aufgewachsen bin, kenne. Der grosse Herr Maus fasste es mit „Das ist alles antik, nur nicht echt“ recht treffend zusammen. Am bezeichnendsten für diesen Baustil ist vielleicht das Rathaus von Sillamäe, das mit seinem spitzen Turm einer nordischen evangelischen Kirche ähnelt, ohne die sich die Stadtplaner eine Stadt am Meer nicht vorstellen konnten, obgleich doch Atheismus offizielle Staatsreligion war.

Immerhin sind manche dieser Prachtbauten schon recht hübsch restauriert, Sillamäe hat eine sehr moderne Strandpromenade mit jeder Menge Spielgeräten, Umkleidehäuschen und fest installierten Grillen, und statt einer Urananreicherungsanlage gibt es heutzutage eine Fabrik, die sich auf die Verarbeitung seltener Erden und Metalle spezialisiert hat. Die Arbeitslosigkeit ist trotzdem hoch, die Umwelt vermutlich noch immer verseucht.

Auch in Sillamäe wird überwiegend Russisch gesprochen. Der Ähämann, dem der Rasierschaum ausgegangen war, fand einen kleinen Laden, in dem von Brot und Milch über Drogerieartikel, Klamotten und Süssigkeiten bis zum Wodka alles verkauft wurde – alles in ehemaligen Ostblockstaaten hergestellt – und die Bedienung erfolgte ausschliesslich auf Russisch. Vor der Theke lag die Ladenkatze und räkelte sich in der Sonne, die durch die Eingangstür hereinfiel.

Das Fräulein Maus hat übrigens – zu Recht! – mehr als einmal in diesem Urlaub darüber geschimpft, dass sie statt Russisch Französisch lernen muss.

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Kohtla-Nõmme.

Die nordöstliche Ecke Estlands ist voll von Plätzen, die laut „Nie wieder!“ schreien. Die Schauplätze von Krieg, Vertreibungen, Holocaust, sowjetischer Diktatur und Umweltzerstörung könnte man, so man denn wolle, alle nacheinander an ein, zwei Tagen besuchen, ohne weit fahren zu müssen.

Rund um Kohtla-Nõmme befindet sich ein ausgedehntes Bergbaugebiet mit unter Anderem der höchsten Abraumhalde des Baltikums. (Wir wären gern auf der Rückfahrt von Narva im Abendsonnenschein da raufgestiegen, aber wir fanden den Einstieg nicht.) Der Uranabbau in der Gegend wurde schon 1952 eingestellt, aber bis heute wird Ölschiefer in der Gegend abgebaut und weiterverarbeitet und auch zu Strom und Wärme verbrannt.

(Ein Ort in der Gegend heisst Kiviõli (=Steinöl), was wir genauso lustig fanden wie den Ort Heršpice ein paar Kilometer hinter Austerlitz.)

Im Estnischen Bergbaumuseum kann man sich nicht nur ausgemustertes riesiges Bergbaugerät angucken, sondern auch in einem alten Schacht unter Tage erleben, wie der Ölschieferabbau vonstatten ging. (Oder geht, sehr viel hat sich da nämlich nicht geändert.) Ölschiefer wird sehr knapp unter Tage (oder sogar über Tage) abgebaut, so dass man eher das Gefühl hat, in eine Höhle zu laufen als in ein Bergwerk einzufahren, aber schön fand ich, dass wir alles Gerät, das noch funktionstüchtig ist, vorgeführt bekamen: wir fuhren ein Stück mit einer Grubenbahn, bekamen demonstriert, wie laut so ein Ventilator ist, der nach der Sprengung Rauch und Staub absaugt, und wie sich so ein Schrämlader laut scheppernd vorwärtsbewegt, ohrenbetäubend schon, wenn sich seine Walze nur leer in der Luft dreht statt Gestein aus dem Fels zu kratzen.

Die Spruchbänder mit den sozialistischen Losungen machten offensichtlich auch vor Bergwerksschächten nicht halt: „Wir produzieren ausschliesslich Qualitäts-Ölschiefer“ hängt über der Sortierstation unter Tage.

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Tallinn (2)

In Tallinn kann man die billigsten am wenigsten teuren Corona-Schnelltests in ganz Estland machen lassen.

In einem Kleinbus auf einem Parkplatz an der Ausfallstrasse nach Süden. Das Testpersonal sprach ausschliesslich Russisch. Die Testerin trug ausser einer einfachen medizinischen Maske keinerlei Schutzkleidung, der Mitarbeiter am Computer nicht einmal das.

Die Wartezeit auf das Testergebnis und das Austellen der Visa Testzertifikate verbrachten wir im gegenüber gelegenen Pfannkuchenhaus. Um das Pfannkuchenhaus herum führt die Wendeschleife mehrerer Tallinner Strassenbahnlinien, und wir konnten beim Essen den Strassenbahnen – „Hallo Paula!“, „Hallo Triinu!“, „Hallo Annika!“, „Hallo Sirje!“, „Hallo Kersti!“ – zuwinken.

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Ainaži.

2010 machten wir in Südestland eine Woche Mökkiurlaub. Eines Tages waren wir über Mittag ein bisschen am Strand im Sand buddeln, eine kleine Runde Naturlehrpfad laufen, und danach wollten wir in der nächsten grösseren Stadt mittagessen. Der damals zweijährige grosse Herr Maus sollte vorher aber noch seinen Mittagsschlaf halten, weshalb wir beschlossen, vom Strand aus erst noch der kleinen Landstrasse ein Stückchen weiter nach Süden zu folgen, ehe wir auf die Fernverkehrsstrasse einbiegen und nach Norden Richtung Stadt fahren würden, damit er lange genug Zeit hätte zum Schlafen. Wir fuhren durch verschlafene Dörfer, und als wir durch das dritte davon fuhren, kam uns irgendwas komisch vor. Und tatsächlich – wir befanden uns, ohne dass wir etwas von einer Grenze bemerkt hätten, inzwischen in Lettland!

An diese kleine Strasse und den nicht vorhandenen Grenzübergang erinnerten wir uns diesmal aus zwei Gründen.

Erstens ist der Verkehr auf der E67, der Via Baltica, völlig irre. Auf der zweispurigen Landstrasse fahren die LKWs Stossstange an Stossstange wie auf der rechten Spur einer deutschen Autobahn, es wird halsbrecherisch überholt, auch von Bussen, auch die LKWs sich gegenseitig, und das alles bei Gegenverkehr, der sich genauso verhält, und ohne jegliche Überholspur, manchmal sogar ohne nennenswerten Seitenstreifen, auf den die zu Überholenden ausweichen könnten. Es gibt leider nicht so viele Nord-Süd-Verbindungen im Baltikum, dass man auf eine weniger befahrene Strecke ausweichen könnte, aber wenigstens ab und zu die Gelegenheit, für 20, 30 Kilometer auf kleine Nebenstrassen abzubiegen.

Zweitens braucht man für die Einreise nach Lettland derzeit, wenn man nicht voll geimpft ist, ein negatives Coronatestergebnis. Wenn das von jedem an der Grenze kontrolliert würde, würden wir da bei der Verkehrsdichte sicher ewig im Stau stehen, fürchteten wir. Wir könnten es ja einfach mal probieren, die Grenze statt auf der Via Baltica auf der kleinen Nebenstrasse zu überqueren. Dort wäre ganz sicher nicht so viel los.

Und tatsächlich fanden wir uns ähnlich schnell in Lettland wieder wie vor elf Jahren mit dem schlafenden grossen Herrn Maus im Auto – ohne jegliche Grenzkontrolle. (Schade um die vier – der kleine Herr Maus musste nicht – teuren Coronatests!)

Wir hatten übrigens Glück mit unseren Reisedaten: am Tag nach unserer Einreise nach Lettland stieg sowohl in Estland als auch in Finnland – man weiss ja in so einem Fall immer nicht so richtig, was nun als Einreiseland gilt – die 14-Tage-Inzidenz über den Grenzwert von 75, was bedeutet hätte, dass wir in Lettland in Quarantäne gemusst hätten.

(Tatsächlich hatten wir uns den ganzen Urlaub darauf eingestellt, eventuell in Estland bleiben zu müssen, sollte sich die Coronalage drastisch verschlechtern.)

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Saulkrasti.

Saulkrasti war seit 14 Jahren der Inbegriff unserer Träume. Soweit sie sich auf Strand und Meer bezogen, jedenfalls.

2007 fuhren wir mit dem anderthalbjährigen Fräulein Maus durchs Baltikum und Polen in die Slowakei. Der irre Verkehr auf der Via Baltica setzte damals erst in Polen ein; im Baltikum war es recht ruhig auf den Strassen, dafür wurde überall der Ausbau der E67 vorangetrieben. An einer Baustelle wurden wir durch Saulkrasti umgeleitet, mitten durch den langgestreckten Badeort und am kilometerlangen Strand entlang, der mit seinen Dünen und seinem gelben Sand und dem Meer, das ohne Inseln dazwischen bis zum Horizont reichte, ganz anders als die Strände in Südfinnand, unserer in Mecklenburg geprägten Vorstellung von einem Ostseestrand entsprach. Saulkrasti wäre leichter zu erreichen als Zingst. Lass uns da mal hinfahren, wenn wir mal an einen schönen Strand wollen, sagten wir zueinander.

Es hat 14 Jahre gedauert. Dann aber musste es gleich und sofort sein, obwohl wir abends noch bis nach Riga mussten. Zum Glück sind die Abende lang im Sommer im Norden…!

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Rīga.

Riga war #aufgrundderaktuellensituation genauso leer, wie wir uns das erhofft hatten.

Wir zogen vier Tage lang planlos durch die Altstadt, gingen in jede Kirche, stiegen fuhren auf jeden Turm. Mit Verwunderung sah ich von oben zum ersten Mal, dass Riga nicht nur am Meer liegt, so wie Stockholm oder Helsinki oder Tallinn, sondern an einem mächtigen Strom. Die Daugava kommt direkt aus den weiten Mooren Russlands und Weissrusslands und Lettlands; ihr rübensirupfarbenes Wasser bringt den Moorgeruch mit bis in die Stadt.

Wenn es abends zu dämmern anfing – gegen halb zehn, und das ist für uns sensationell zeitig – gingen wir Cocktails bzw. Milchshakes trinken und danach die beleuchtete Stadt anhimmeln. Wenn die Kinder dann kurz vor Mitternacht im Bett lagen, sassen der Ähämann und ich noch lange auf unserem Balkon über den Dächern der Altstadt, lauschten dem fernen Rauschen des Verkehrs auf der grossen Brücke und dem Geschrei der Möwen, die auf den Dächern ihre Nester haben und noch mitten in der Nacht um die Kirchtürme segeln.

Die Rigaer Strassenbahnen haben übrigens O-Bus-Stromabnehmer.

Ausserdem hat Riga eine sehr beeindruckende Nationalbibliothek; sieben Etagen Bücher in moderner Architektur, das letzte grosse Werk des in Lettland geborenen US-amerikanischen Architekten Gunnar Birkerts. Vom 11. und 12. Stockwerk, dem Krönchen, aus hat man einen sehr schönen Blick über die Daugava auf die Stadt. Dafür hätten wir eigentlich am nächsten Tag nochmal wiederkommen müssen, aber eine freundliche Bibliotheksmitarbeiterin fuhr mit uns, weil so wenig los war – wir haben tatsächlich in dem ganzen riesigen Gebäude ausser uns vielleicht noch sechs Menschen getroffen – doch gleich hoch. Dann brachte sie uns zurück ins 7. Stockwerk, von wo wir Stockwerk für Stockwerk nach unten zurückliefen und staunten. (Die Kinder hatten viel Spass mit den gläsernen Fahrstühlen.)

Die befreundete Deutschlehrerin, die sich immer um unseren Garten kümmert, während wir auf Reisen sind, wofür wir ihre Katzen füttern, wenn sie auf Reisen ist, hatte uns bei der Schlüsselübergabe zuallerletzt noch zugerufen: „Geht unbedingt in die Markthallen hinterm Bahnhof!“ Nun ist es so, dass mein Verhältnis zu Markthallen ein eher ungutes ist. Die Markthalle in meiner Geburtsstadt wurde nach der Wende aufwändig restauriert, hat aber mit einem Markt wenig gemein. Turku bildet sich viel auf seine historische Markthalle ein, aber letztendlich findet man da auch nur die üblichen Kaffeeketten, einen ramschigen Souvenierladen und einen einzigen Fleischstand, der wirklich in die Markthalle passt. Aber die Markthallen in Riga, Leute! Es sind fünf Stück ingesamt, ehemalige Zeppelinhallen der deutschen Wehrmacht, und in jeder gibt es etwas anderes: Obst und Gemüse in der einen, Fisch in einer anderen, Brot, Backwaren und Milchprodukte in der nächsten, in der hintersten werden Textilien verkauft und in der, die ein bisschen abseits steht, Fleisch. Rund um die Markthalle befinden sich, ohne Übertreibung, hunderte Marktstände für Obst und Gemüse. Wir gingen von Stand zu Stand, staunten, kauften ein, radebrechten auf Russisch – denn wie überall im Baltikum ist die russische Minderheit nicht sonderlich beliebt, bestreitet aber jegliche Verkaufsstände quasi allein – freuten uns an der Freundlichkeit und Gesprächigkeit der Verkäufer*innen und hatten am Ende fast einen halben Nachmittag da verbracht.

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Schloss Rundāle.

Mitten im lettischen Nirgendwo, nahe der litauischen Grenze, befinden sich 85 Hektar Versailles.

Auch da waren wir 2007 schon mal. Aber wann hat jemand, der schon lange in Finnland lebt, schon mal die Gelegenheit, ein wirklich prächtiges Schloss zu besichtigen?

Schloss Rundāle liess Zarin Anna Iwanowna 1735 als Sommerresidenz (!) für den deutschbaltischen Herzog von Kurland bauen. Das Schloss hat 138 prächtig eingerichtete Zimmer und Säle, von denen man sehr, sehr viele besichtigen kann. „Wer braucht so viele Zimmer?!“, fragten die Kinder. Es ist purer Grössenwahn.

Hinterher fuhren wir – 30 Kilometer über unbefestigte Landstrassen zwischen Feldern, auf denen Störche staksten und Mähdrescher ihre Runden zogen; kein Dorf, nur Staub und Mittagshitze – in die nächstgrössere Stadt, um etwas zu essen. Die Kellnerin fragte uns nach unserem Woher und Wohin und sagte dann lachend: „Ich bin aus Rundāle! Aber ein Schloss haben wir hier auch. Ein grösseres als in Rundāle.“ „Noch grösser?!“, fragten wir ungläubig. Aber: tatsächlich!

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Jūrmala.

Noch ein Strand. 33 km lang und mit dem feinsten Sand, den wir je an der Ostsee unter den Füssen hatten.

„Können wir bis zum Sonnenuntergang hierbleiben?“, fragte das Fräulein Maus, als wir sowieso schon recht spät da ankamen. Nicht ganz. Dafür kamen sie einfach anderthalb Stunden lang nicht wieder raus aus dem lauwarmen Wasser.

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Tallinn (3)

Bereit für die Rückreise.


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Vier Herbstferientage

Man hat’s nicht leicht als finnisches Schulkind. Zwei Tage Herbstferien…!

Wir hatten trotzdem prima Ferien: mit einer richtigen Schiffsreise, mit Sandbuddeln und Wandern, mit Meer und Wald, mit Sonne und Hagelschauern.

Das Fräulein Maus durfte eine Stunde eher aus der Schule gehen. Die beiden Herren Maus waren Mittagskinder. Im Sonnenuntergang kamen wir in Tallinn an.

Bis die bis auf den allerletzten Platz ausgebuchte Fähre leer war, war es draussen stockfinster. Als wir die letzten Lichter der Stadt hinter uns gelassen hatten, begleitete uns der Mond neben der Autobahn. Die Mäusekinder zählten Sterne. Ich erfreute mich an weissen Elchwarnschildern und den Wegweisern für Blitzmerker. So Kleinigkeiten, die ein anderes Land so besonders machen.


(Wie man bei zugelassenen 110 km/h auf der Autobahn unfallfrei erfassen soll, wo und wie man wohin an der Ausfahrt abbiegen muss, ist mir ja ein Rätsel…)

Wir verliessen die Autobahn an einer weniger spektakulären Abfahrt (aber mit nicht weniger Ortsangaben – die sich dann allesamt als Ansammlung von maximal fünf Häusern entpuppten). Die vollkommen dunkle, schmale Strasse wand sich durch einen undurchdringlichen nächtlichen Märchenwald, der so dicht an die Strasse heranwuchs, dass einmal sogar ein kleines, reflektierendes, rot-weisses Schildchen vor einem knorrigen Kiefernast, der über die Strasse ragte, warnte. Ein Fuchs lief elegant über die Strasse, ein Reh kehrte wieder um, mehrere funkelnde Augen verfolgten uns aus dem Unterholz am Strassenrand. Dann wieder führte die Strasse über mondbeschienene Felder, auf denen sich Kühe zusammendrängten. Ich wusste gleich, dass wir uns mit dem ersten Nationalpark der Sowjetunion für das richtige Reiseziel entschlossen hatten.

Am ersten Tag besuchten wir das Meer. Das gleiche Meer, das doch so ganz anders aussieht als bei uns. Und allüberall finnische Findlinge!

Am zweiten Tag besuchten wir die Biber. Das nämlich hatte den Ausschlag gegeben für den Nationalpark: dass es dort jede Menge Rundwanderwege gibt. Der Biberlehrpfad ist ein ganz besonders liebevoll angelegter, der tatsächlich an mehreren Biberdeichen und benagten Bäumen vorbeiführt. Der grosse Herr Maus behauptete sogar, er habe eine Biberpfote gesehen, und wollte unbedingt warten, bis er einen ganzen, echten Biber gesehen hätte. Leider regnete es in Strömen, und das Fräulein Maus, das mir im Frühling die lustigen Krokodilgummistiefel abgetrotzt hatte, hatte nasse Füsse, weil ebenjene Gummistiefel nach nur ein paar Monaten an der Sohle durchgelaufen waren. (Unser erster Weg zu Hause führte in den grossen Supermarkt, ordentliche Nokia-Gummistiefel kaufen. Solche, die das Fräulein Maus und der grosse Herr Maus schon jeweils zwei Jahre getragen haben, und die der kleine Herr Maus jetzt immer noch mit wunderbar trockenen und warmen Füssen trägt.)

Am dritten Tag fuhren wir ans andere Ende des Nationalparks. Über winzige Strassen, vorbei an immer nur einzelnen Häuschen – oft grüne oder dunkelgelbe Holzhäuschen, die mich immer an „Timur und sein Trupp“ erinnern. Vorbei an verfallenen Ställen und Fabrikruinen, vorbei an prunkvollen Landgütern. Und überall Storchennester: auf Schornsteinen, auf Strommasten. Da wäre ich gern mal im Sommer. Als wir noch eine Kleinststadt mit trostlosen Plattenbauten, aber einem supermodernen, riesigen Spielplatz passiert hatten, waren wir am Ausgangspunkt unserer ausgewählten Wanderroute: zum sieben Meter hohen drittgrössten Findling Estlands (die beiden grösseren liegen vor der Küste im Meer rum). Es fing dann auch gleich erstmal an zu hageln. Der Weg schlängelte sich sieben Kilometer durch hohe Fichten mit Flechtenbartzotteln an den Ästen, durch Moor, über eine lange, mit Rentierflechte bewachsene Düne, durch Birkenwäldchen und an einem Bach entlang. Von einem Aussichtsturm sahen wir bis zum fernen Tallinn. „Ob man auf den Findling auch draufklettern kann?“ hatte das Fräulein Maus vorher gefragt. „Ich glaube nicht. Den kann man sich bestimmt nur von unten angucken. Sieben Meter sind ja ganz schön hoch, da kann man nicht einfach so hochklettern“, hatte ich ihr geantwortet. Und dann entdeckte sie die Leiter als erste: „Da kann man ja doch draufklettern!“ Das war das Allerbeste.

Wir assen leckere Sachen, und die Kinder freuten sich über die Spielzimmer oder wenigstens Spielecken in jedem Restaurant. (Über das deutsche Restaurant, in das es uns zufällig verschlagen hat, und das wir aus verschiedenen Gründen schnellstmöglich wieder verliessen, sage ich jetzt besser nichts…)

Am vierten Tag kauften wir im Supermarkt genug estnische Kekse, Bonbons, nostalgisch verpackte Schokolade, Käse und slowakische Käsenudeln für das nächste halbe Jahr die nächsten vier Wochen.

Dann betankten wir den Herrn Picasso mit preiswertem Benzin, fuhren zurück nach Tallinn, bestiegen eine völlig ausgebuchte Fähre, ärgerten uns ein wenig über bekloppte „Kreuzfahrer“… und als wir am blinkenden Leuchtturm von Suomenlinna vorbei in den Helsinkier Hafen einfuhren, habe ich mich schon ganz schrecklich auf die nächste Reise gevorfreut.