Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Das war ein sehr musikalisches Wochenende.

Gestern hatte das Fräulein Maus ein Konzert in der Kirche des Nachbarorts.

Ich mag diese Kirche sehr. Vielleicht vor allem deshalb, weil ich mit ihr so gute Erinnerungen verbinde: dort haben wir schon drei wunderbare Konzerte erlebt. Und weil ich sie von innen – so hässlich sie von aussen ist – wunderschön finde mit ihrer modernen Holzvertäfelung und den grossen Fenstern.

Es wurde Harfenmusik gespielt und zwischendurch gemeinsam Frühlingslieder gesungen. Es ist wirklich unglaublich, wie viele Kirchenlieder zum Thema Frühling und Sommer die Finnen haben!

Hinterher durfte das Fräulein Maus die goldene Harfe ihrer Lehrerin ausprobieren. (Sie hätte auch damit auftreten dürfen, aber die Pedale sind schwergängiger als bei ihrer eigenen, und deswegen wollte sie lieber auf ihrer eigenen spielen.) Die Harfe übrigens, die früher dem Turkuer Sinfonieorchester gehört hat und von der Lehrerin ihrer Harfenlehrerin, als diese noch keine fertige Harfenlehrerin und das Fräulein Maus ihr Versuchskaninchen ihre Übungsschülerin war, gespielt wurde. Die finnische Harfengemeinschaft ist so klein, dass man nicht nur immer die gleichen Leute trifft, sondern auch immer die gleichen Harfen, nur dass sie in der Zwischenzeit vielleicht ihre Besitzer*innen gewechselt haben.

Jesus am Kreuz oder fliegender Schwan?

Moderne Kirche hin oder her: ein Votivschiff muss sein. Schliesslich wohnen wir am Meer.

Heute fuhr der kleine Herr Maus mit seinem Orchester nach Tampere zu einem Orchesterwettbewerb.

Er hatte übrigens im Herbst, nachdem er im Sommer im Musiklager unheimlich viel gelernt hatte, ein grösseres Motivationsproblem. Orchester sei langweilig, ob er da hingehen müsse, ob ich ihn nicht abmelden könne, nein, er würde da nicht mehr hingehen zu diesem Kackorchester. Nach drei Wochen nahm er all seinen Mut zusammen und fragte seine Orchesterleiterin, ob er nicht in das nächsthöhere Orchester gehen dürfe. Er durfte es ausprobieren, und seitdem ist keine Rede mehr von Abmelden. Obwohl er jetzt mit Abstand der Kleinste und Jüngste ist. Oder vielleicht eher deswegen. Das kennen wir ja schon aus seinen Kindergartenzeiten: er wurde prompt ein braves Kindergartenkind, als er aus logistischen Gründen schon als Vierjähriger in die Vorschulgruppe aufrücken durfte und endlich genug gefordert wurde.

Jedenfalls hatte ich geglaubt, Wettkampfreisen gehörten für unsere Familie der Vergangenheit an, aber es war fast alles so wie immer: das Kind in „Uniform“ stecken und im Morgengrauen zum Bus – sogar des gleichen Busunternehmens – bringen und abends ein ein wenig erschöpftes, aber glückliches Kind wieder abholen. Sogar eine offizielle Vor-Wettkampfs-Schau mit allen teilnehmenden Turkuer Mannschaften Orchestern hatte es gegeben, ebenfalls wie früher beim Turnen. Die war vorletzten Montag, und da hatte ich auch die 450 und die 451 gesehen: erst die 451 auf dem Weg zur Arbeit, dann die 450 gegenüber meiner Arbeit (Mist, falschrum!), abends waren der Ähämann, der kleine Herr Maus und ich gemeinsam ins Konservatorium und später zurück nach Hause geradelt, aber obwohl das mein alter Arbeitsweg ist, an dessen Rand immer jede Menge Autos parken, sah ich die 451 dann erst am Dienstag.

Morgen nochmal schulfrei. Letzter Streiktag.

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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 7: Vilnius-Riga

Beim Frühstück waren wir alle ein bisschen wehmütig: von jetzt an würde es nicht mehr weitergehen, sondern nur noch den ganzen Weg wieder zurück. Aber dann fiel uns ein, dass das bis vor zwei Jahren überhaupt erst unser erster Ferientag gewesen wäre, und was für Glückspilze wir sind, dass wir jetzt immer eine ganze Woche Herbstferien haben und schon sechs wunderbare Reisetage hinter uns!

Wir sammelten unseren verstreuten Krimskrams wieder ein, falteten die gewaschene Wäsche wieder zurück in die Rucksäcke und zogen wehmütig die Ferienwohnungstür hinter uns zu, um uns auf den Weg zum Bahnhof zu machen. Natürlich auf einem Weg, der uns in den verbleibenden fünfeinhalb Stunden sowohl an einem Geocache als auch an möglichst vielen noch nicht besuchten Kirchen vorbeiführen würde.

Ferientagebuchillustration zu Tag 7 vom kleinen Herrn Maus

Man kann nicht behaupten, dass dieser Weg sehr zielgerichtet gewesen wäre. Dafür führte er uns durch wunderbar touristenleere Gassen und Gässchen, die wir sonst nie zu Gesicht bekommen hätten, und zu einigen ziemlich kuriosen Kirchen.

Wir sahen zum Beispiel eine Kirche, die zur Hälfte aufwändig restauriert war, zur Hälfte fast komplett verfallen. Über 50 Kirchen, die zu Sowjetzeiten aktiv oder passiv zerstört wurden, wieder aufzubauen und zu restaurieren, ist eine gewaltige Aufgabe.

Auf vielen der vor den Kirchen aufgestellten Infotafeln lasen wir „In dieser Kirche durfte zu Sowjetzeiten kein Gottesdienst stattfinden“ oder „Diese Kirche diente zu Zeiten der sowjetischen Besatzung als Lagerhalle“ oder „In dieser Kirche war seit den 1950er Jahren eine Turnhalle untergebracht“, aber auch „Diese Kirche wurde 1987 der katholischen Kirche zurückgegeben“ oder „Seit 1988 finden in dieser Kirche wieder Gottesdienste in litauischer Sprache statt“ oder „Die Franziskaner erhielten 1989 ihre Kirche zurück“. Woran man auch mal wieder sehr schön sieht, dass die Wende nicht erst 1989 an der ungarischen Grenze oder in der Deutschen Botschaft in Prag oder auf den Strassen Leipzigs anfing, sondern mit Gorbatschows Glasnost, durch die alles Folgende überhaupt erst möglich wurde.

Die einzige evangelische Kirche von Vilnius lag auch am Weg. Wie macht man am einfachsten aus einer katholischen Kirche eine evangelische? Man verpasst ihr einen neuen Turm und stellt ein Luther-Denkmal davor auf. Hallo, Martynas Liuteris, was machst du denn hier, so weit im Osten?

Auch an der heute einzigen Synagoge der Stadt kamen wir vorbei.

Vilnius war seit seiner Gründung eine der liberalsten Städte Europas gewesen und hatte im Laufe der Geschichte in Mitteleuropa oder Russland verfolgten Juden Schutz geboten. Um 1900 hatten Juden – vor Polen, Russen und nur 2% Litauern – den grössten Teil der Vilniuser Bevölkerung ausgemacht, und vor dem Zweiten Weltkrieg hatte es unvorstellbare 105 Synagogen in der Stadt gegeben.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Litauen 1941 endeten hunderte Jahre jüdischer Geschichte in Vilnius, und heute erinnern ausser der einzigen Synagoge nur noch die Wandmalereien im ehemaligen jüdischen Ghetto daran.

Apropos konvertierte Kirchen: das geht nicht nur von orthodox zu katholisch, von katholisch zu evangelisch, sondern auch von katholisch zu orthodox. Das war allerdings, vor allem von innen, die seltsamste orthodoxe Kirche, die wir je gesehen haben.

Nachdem wir uns im Bliny-Restaurant die Bäuche mit herzhaften und süssen Eierkuchen und Kartoffelpuffern vollgeschlagen hatten, war es an der Zeit, die Altstadt Richtung Bahnhof zu verlassen. Wir taten das durch das Tor der Morgenröte, in dessen Innerem sich ein unglaublich prunkvoller Marienschrein befindet und auf dessen von der Altstadt abgewandten Aussenseite die schon erwähnte zu Sowjetzeiten einzige Abbildung des Vytis in Litauen zu sehen ist.

„Guck mal da!“, sagten die Kinder fünf Minuten später. „Der sieht aus wie Willi Wiberg!“

Und ich so: sowas hab‘ ich doch schon mal gesehen?! Wo war das denn?! Ach ja, genau, in Jyväskylä! Da gibt es eine im gleichen Stil bemalte Wand, nur mit Birken! Ob das der selbe Künstler war? Tatsächlich! Der italienische Künstler Millo hat schon unzählige Hauswände auf der ganzen Welt mit seinen sympathischen Riesen bemalt.

Vorm Bahnhof in Vilnius gibt es übrigens eine interessante Installation: Leute aus verschiedenen Städten – wir fanden erst hinterher heraus, dass sich die Menschen, denen wir zuwinkten, im polnischen Lublin befanden – können sich per Videokonferenz sehen. Leute blieben stehen, winkten sich zu, schickten sich Luftküsse, imitierten einander. Wir winkten wild einem Radfahrer in oranger Leuchtjacke, der uns vermutlich nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte und aus dem Bild fuhr, aber kurz darauf nochmal zurückkam, um uns zurückzuwinken. Alle lächelten. Vielleicht müsste man nur überall auf der Welt sowas aufstellen, und dann würde es klappen mit dem Weltfrieden?!

Nachdem wir ein paar Minuten lang unbekannten Menschen zugewinkt hatten, gingen wir leider nicht in den Bahnhof hinein, sondern… zum Busbahnhof. Da wir, wie schon auf der Hinfahrt, wegen Corona und Flüchtlingskrise an der weissrussischen Grenze nicht mit der ukrainischen Bahn fahren konnten, mussten wir den Bus nehmen von Vilnius nach Riga.

Der Busfahrer verlud nicht nur das Gepäck und kontrollierte Tickets, sondern liess sich auch Corona- und Reisepässe zeigen. Dauerte eine Weile. Zum Glück war der Bus nicht komplett ausgebucht.

Die vier Stunden Busfahrt gingen dann unerwartet schnell rum.

Zuerst fuhren wir noch Autobahn, aber sobald wir die Via Baltica erreichten, wurde die Strasse zweispurig. Es war mit dem Bus nicht halb so nervig wie mit dem Auto – aber nervig genug. Es ist wirklich LKW an LKW unterwegs da, in beide Richtungen, und es wäre wirklich allerhöchste Zeit für einen Autobahnausbau oder, besser noch, ein Verlagern des Frachtverkehrs auf die Schiene, oder am allerbesten beides.

Halb zehn, eine Viertelstunde eher als geplant, kamen wir wieder in Riga an. Hallo Fernsehturm! Hallo Eisenbahnbrücke! Hallo „Esst mehr Karotten“-Haus!

Wir stopften unsere Proviant- und Beschäftigungsbeutel wieder zurück in die im Laderaum gereisten Rucksäcke und machten uns auf einen weiteren nächtlichen Spaziergang zu einer Rigaer Ferienwohnung in der Altstadt.

Mit super Aussicht, natürlich.

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius
Tag 6: Vilnius


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Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 6: Vilnius

In Vilnius gibt es über 50 (!) Kirchen. Der Plan war schnell klar: so viele davon wie möglich besuchen.

Wir besuchten katholische Kirchen und orthodoxe, unheimlich prunkvolle Kirchen mit Altären aus Gold und Marmor und weniger prunkvolle Kirchen mit Altären aus Holz, aufwändig restaurierte Kirchen und verfallene Kirchen – eine gar war gar keine Kirche mehr, sondern ein Restaurant –  wir gerieten in einen Gottesdienst der Kirche eines Dominikanerklosters, guckten durch Schlüssellöcher verschlossener Kirchen, und die Kinder ahmten noch lange die Gesänge eines orthodoxen Priesters nach.

Weil auf Instagram die Frage aufkam, ob die minderjährigen Reiseteilnehmer*innen tatsächlich dafür zu begeistern wären: ja.

Grundsätzlich bin ich ja der Meinung, dass man Kindern Dinge einfach nur zumuten zutrauen muss und dass Städtereisen gerade mit kleinen Kindern schön und auch ganz besonders wichtig sind, weil dann, wenn die Kinder gross sind, der Zug, sie für Kirchen und Museen zu begeistern, ganz sicher abgefahren ist.

Der grosse Herr Maus lief schon als Dreijähriger begeistert von Kirche zu Kirche und fragte auch dann noch: „Können wir da auch noch reingehen?!“, als wir Eltern längst schlappgemacht hätten. Überhaupt – möglichst viele Kirchen zu besuchen ähnelt ja auch eher einer Schatzsuche oder Schnitzeljagd, und während wir kreuz und quer – „Dort ist auch noch ein Kirchturm!“ – durch Vilnius liefen, entdeckten wir sehr viele Dinge am Weg, die wir sonst ganz sicher verpasst hätten.

Wir reden fast nie über Jahreszahlen oder Baustile – obwohl die Kinder mittlerweile sehr sicher eine evangelische von einer katholischen von einer orthodoxen Kirche unterscheiden und auch ungefähr einordnen können, ob die Kirche schon sehr alt oder nur ein bisschen alt ist. Viel wichtiger ist uns, was jede*r einzelne von uns entdeckt: der Kirchturm, der wie eine Krone aussieht, der hölzerne Engel mit dem Marmeladenglas in der Hand, die mittelalterlichen Comics an der Wand, der Apostel, der seiner Kuh von einer Schriftrolle vorliest, die Orgel, die fehlt, weil sie gerade restauriert wird, der Engel mit dem goldenen Mond in der Hand.

Einen Grossteil der folgenden Fotos hat übrigens der kleine Herr Maus gemacht. Kinder sehen einfach viel mehr als Erwachsene!

Für eine Kirche, die wir Eltern unbedingt sehen wollten, mussten wir weit aus der Altstadt herauslaufen, bis zu „Papst Johannes Paul II. seinem Kreisverkehr“, wie wir den nach ihm benannten Platz, der eigentlich nur ein riesiger, stark befahrener Kreisverkehr ist, fortan nannten. Der polnische Papst war 1993 der erste Papst überhaupt, der Litauen besuchte. Wir sahen mehrere Kirchen, deren Wiederaufbau von polnischen Stiftungen unterstützt wurde, und es ist nicht verwunderlich: noch immer lebt eine grosse polnische Minderheit in Vilnius.

Die Kinder hatten ziemlich wegen des weiten Umwegs gezetert, auch dann noch, als wir vor der Kirche standen: „Und was soll an der jetzt Besonderes sein?!“

Sie übertraf unser aller Erwartungen. Die Peter-und-Pauls-Kirche ist ein Traum in Stuck!

Noch nie haben wir etwas Ähnliches, auf diese Art Prunkvolles gesehen. Wir hätten Stunden dort zubringen können und hätten immer noch neue Figuren, neue Blumenranken, neue Verzierungen entdeckt. „Hier müsste man im Gottesdienst liegen dürfen!“, seufzte das Fräulein Maus.

Der letzte Kirchturm des Tages entpuppte sich als Turm der Universitätskirche, auf den man sogar hoch durfte, wahlweise mit dem Fahrstuhl oder über eine Holztreppe, die frei in dem sonst hohlen Turm steht. Wir nahmen natürlich dieTreppe und wurden mit einem wunderbaren Blick über Vilnius im Abendlicht belohnt.

Zum Abendbrot gab’s Pilze.

(Man darf das ja keiner finnischen Schulschwester erzählen, aber unsere Mahlzeiten bestehen auf dieser Art Reisen üblicherweise aus spätem Frühstück, spätem Mittagessen und Kaffeetrinken.)

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Tag 1: Turku-Tallinn
Tag 2: Tallinn-Riga
Tag 3: Riga-Šiauliai
Tag 4: Šiauliai-Vilnius
Tag 5: Vilnius


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Heiligabend 2020

Die Weihnachtsfriedensverkündung fand dieses Jahr ohne Publikum und deshalb auch für uns im Fernsehen statt. Es war erst das dritte Mal, seit wir in Turku wohnen, dass wir nicht live dabeiwaren: einmal waren wir alle krank, und als der kleine Herr Maus erst sieben Wochen alt war, war es viel zu kalt, um mit ihm hinzugehen.

Auch der Weihnachts-Kindergottesdienst, zu dem unsere Kinder immer noch Jahr für Jahr gehen wollen, fand in diesem Jahr online statt: mit lauter kleinen Engeln, die sich sehr menschenkinderhaft benahmen, und mit einem echten Baby auf Marias Arm! ♥

Zum, ich glaube, ersten Mal in diesem Monat schien die Sonne. Obwohl sie schon kurz nach drei unterging, war es gegen vier immer noch ziemlich hell; das war fast anderthalb Stunden länger als am Tag zuvor. (So ist das hier nämlich.) Dabei hatten es die Kinder eilig, endlich die letzten der 24 erleuchteten Fenster im Museumsdorf angucken zu gehen, weil hinterher Geschenke unterm Weihnachtsbaum liegen würden.

Der Rest war wie immer: Milchreis essen, Geschenke bejubeln, Weihnachtssauna, Märchenfilm gucken, und alle gingen erst gegen Mitternacht ins Bett.


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Skiferien 2020, Tag 4

Am vierten Ferientag gingen wir im See baden.

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Sightseeing.

Zunächst aber begannen wir den Tag mit Sightseeing. Ich bin ja nicht der Meinung, dass man in jede Kirche reinmuss. Aber den Dom von Tampere wollte ich den Kindern schon lange mal zeigen. Aus Gründen.

Der Dom, anders als ehrwürdige Sakralbauten anderswo, wurde erst 1902-1907 gebaut und ist eigentlich unserer  KitschkircheMikaelinkirkko sehr ähnlich. Aber was wirklich, wirklich sehenswert ist, sind die Gemälde im Dom!

Die wunderlichen Interpretionen der biblischen Geschichten in den Wandgemälden von Hugo Simberg nämlich: Die Schlange aus dem Paradies, die von der Decke guckt, mit kleinen Fledermausflügelchen, den Apfel noch im Mund, die aber von Engelsflügeln umgeben ist und niemandem mehr schaden kann. Die zwölf nackigen – wo gibt’s denn sowas in einer Kirche?! – Jungs, die die Apostel darstellen sollen und gleichzeitig ganz normale Leute, die jeder auf seine Art die Bürde ihres Lebens – ein Gewinde aus Rosen, Blättern und Dornen – tragen. Die sanftmütigen Tode im Garten des Todes. Und der berühmte Verwundete Engel.

Und auch das Altargemälde von Magnus Enckell, das keinen Jesus am Kreuz – überhaupt keinen Jesus! – zeigt, sondern die Auferstehung der Toten.

Nichts davon ist im biblischen Palästina angesiedelt. Für die Gemälde standen Kinder und Erwachsene aus Tampere Modell, im Hintergrund der Landschaft, durch die der verwundete Engel getragen wird, stehen zwei grosse Fabrikschornsteine, und neben dem brennenden Dornbusch fliegt eine Elster. Das gefällt mir alles sehr.

Weil Tampere nach Mailand, Paris und Brüssel die vierte Stadt in Europa war, in der elektrisches Licht eingeführt wurde, wurde der Dom nicht mit Kronleuchtern, sondern einfach mit nackten Glühbirnen ausgestattet. Wo die doch damals der neueste Schrei waren!

Sogar die Teenagerin, die vorher ein bisschen gemotzt hatte, wozu wir denn eine Kirche angucken müssten, stand andächtig vor den Wandgemälden. Und der grosse Herr Maus gab uns den Fremdenführer, denn er hatte das alles schon im Religionsunterricht durchgenommen.

Neu gelernt habe ich diesmal: die drei Glocken des Doms wurden in Apolda gegossen! Und da wäre ich fast ein bisschen rührselig geworden.

(Ich hatte mal ein Schlittenglöckchen aus Apolda.)

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Spielplatztourismus.

Immer noch besuchen wir keine Stadt, ohne nicht wenigstens einem ihrer Spielplätze einen Besuch abgestattet zu haben.

Der kleine Herr Maus beförderte mich mit Schiff, Eisenbahn und Bus in die Malá Fatra. „So, angelegt!“, rief er nach dem ersten Teil der Reise. „Angelegt!“, piepste der zweijährige finnische Junge, der uns auf Schritt und Tritt folgte. Ich hatte ein Déjá-vu.

Dann wechselten wir auf den Teil für grössere Kinder, wo man unter Anderem möglichst schnell Rechenaufgaben lösen und zur richtigen Lösung springen muss. Ich bin kläglich gescheitert. Zwar bin ich längst aus dem Stadium hinaus, in dem ich mir finnische Sätze erst übersetze bevor ich sie verstehe oder mir erst deutsche Sätze zurechtlege bevor ich etwas auf Finnisch sage – aber Rechnen auf Finnisch kann ich nicht.

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Saunatourismus.

Vor ein paar Jahren suchte ich ein Video übers Eisbaden. Schliesslich fand ich eins, das so unspektulär wie schön ist und die Stimmung in so einer finnischen Eisbadesauna perfekt wiedergibt. Es war jetzt nicht so, dass ich seitdem unbedingt mal da hin gewollt hätte, aber als wir überlegten, in welche Sauna wir in Tampere diesmal gehen könnten, fiel mir das Video wieder ein, und die Wahl fiel auf das 1929 am Ufer des Näsijärvi errichtete „Volksbad“.

Schnee und Eis allerdings muss man sich leider wegdenken.

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Wir fuhren nach des Ähämanns Arbeit mit dem Bus hin und schafften es gerade noch rechtzeitig zur blauen Stunde. Und hach, dieses goldene, weiche Seewasser…!


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Helsinki-Kurzurlaub, Schlechtwetterversion

Es hätte schlimmer sein können. Denn die Wettervorhersage hatte uns auf Sturm und Dauerregen von Freitagabend bis Sonntagnachmittag vorbereitet – was uns die Vorfreude aber nicht getrübt hatte, denn die liebste Freundin und ich haben Jahr für Jahr die gleichen wetterunabhängigen Pläne für unseren gemeinsamen Helsinki-Kurzurlaub: stundenlang in Cafés sitzen und ungestört reden, stundenlang planlos durch die Stadt laufen und ungestört reden und stundenlang in der Sauna sitzen und ungestört reden.

(Und man kann ja auch nicht jedes Jahr solches Glück mit dem Wetter haben wie wir es letztes Jahr hatten.)

Aber der Regen kam dann erst, als wir schon zwei Stunden kreuz und quer über Suomenlinna spaziert waren und dabei immer noch neue Ecken entdeckt hatten.

***

Politische Sakralarchitektur.

Irritierenderweise habe ich auch erst diesmal gelernt, dass die gewaltige Kirche von Suomenlinna bis zur Unabhängigkeit Finnlands eine orthodoxe Kirche mit Zwiebeltürmen und allem Drum und Dran war. Dann entschied man, dass gleich zwei orthodoxe Kirchen nicht in das Bild einer finnischen Stadt passen und besonders für Suomenlinna eine Kirche, die an die russische Besatzung erinnert, unpassend ist. Innen drin wurden alle Ikonen und aller Prunk entfernt und ein schlichter evangelischer Altar errichtet, die vier kleinen Zwiebeltürme wurden abgerissen, und der Hauptturm bekam eine neue Turmhaube samt Leuchtfeuer unterm nunmehr nur noch einfachen Kreuz. Die martialische Begrenzung aus Kanonenrohren und armdicken Ketten durfte allerdings stehenbleiben.

***

Suomenlinna-Lektüre.

Das Buch – bisher leider nur auf Finnisch und Italienisch erhältlich – fiel mir letztes Jahr in der Bibliothek in die Hände, und ich nahm es für den grossen Herrn Maus mit. Was ihn dazu brachte, das Buch nach zwei Kapiteln wegzulegen – „Ich kenne diese ganzen Orte da ja gar nicht, und die haben auch alle ganz seltsame Namen!“ – fand ich wiederum besonders toll. Es ist kein Muss, sich auf Suomenlinna auszukennen, um die Handlung zu verstehen – zumal vorn sogar eine Karte, auf der alle wichtigen Plätze eingezeichnet sind, abgedruckt ist – aber es ist andererseits besonders vergnüglich, wenn man den Ort der Handlung so genau kennt. (Ausserdem habe ich mich natürlich schon im dritten Kapitel in die gürteltierähnlichen Erwins, die die Bastionen und unterirdischen Gänge Suomenlinnas bewohnen, verliebt.)

Umgekehrt liebe ich es, Orte aus Büchern aufzusuchen – ich bin auch schon auf Jaroslav Seiferts Spuren durch Prag spaziert – und ohne dieses Buch hätten wir den einzigen Park Suomenlinnas samt Süsswasserteich vermutlich auch dieses Mal immer noch nicht entdeckt!

***

Bahnfahren.

Die liebste Freundin und ich stimmen unsere Reisepläne immer so ab, dass wir möglichst gleichzeitig ankommen und abfahren. So kam ich nach Jahren – ich glaube, das letzte Mal war mit dem kleinen Fräulein Maus im Kinderwagen – mal wieder dazu, Pendolino zu fahren. Allerdings fehlen in Finnland die entsprechenden Kurven fürs richtige Fahrvergnügen. Kann ich auch nächstes Mal wieder Doppelstock-Intercity fahren.

„Die Schaffnerin auf der Hinfahrt sah aus wie eine Balletttänzerin“, erzählte ich dem Ähämann Sonntagabend.
„Ach, Niina?“
„Ja, genau, Konduktööri Niina! Wer das auf der Rückfahrt war, weiss ich nicht, der hatte kein Namensschild dran, und bei der Ansage hab‘ ich’s auch nicht verstanden.“
„Dann war’s vielleicht der savolainen konduktööri, der nuschelt immer so.“
„Der hatte so ’ne riesige Gürteltasche…“
„Ja, genau. Und sieht immer bisschen abgerissen aus…“
„Und schwarze Haare? Und geht so’n bisschen vornübergebeugt?“
„Ja, genau. Das war Savolainen konduktööri!“ (Der hat beim Ähämann seinen Spitznamen daher, dass mal, nachdem er eine Ansage gemacht hatte, der ganze Waggon unisono „Ein Schaffner aus Savo!“ – ausrief, denn die Leute aus Savo sind die Sachsen Finnlands oder so.)

Der Ähämann kennt sie alle.
(Dabei fährt er eine völlig andere Strecke. Finnland ist wirklich ein Dorf.)


Ein Kommentar

Heiligabend 2019

Heute erst guckten wir die am Heiligabend aufgenommene Spezial-Maus an. Warum die denn so lang sei, fragten die Kinder. „Damit es die deutschen Kinder ein bisschen einfacher haben beim Warten auf die Bescherung“, antwortete ich.

Verstanden sie nicht, unsere Kinder. Denn bei uns ist Heiligabend immer ruckzuck um.

9:00 Uhr: Der Ähämann hat uns den Wecker gestellt. Hier schlafen schon seit Beginn der Weihnachtsferien alle bis mindestens um zehn. Aber heute müssen wir ein bisschen eher aufstehen. Zu Heiligabend haben wir immer viel vor. Viel Ruhiges und viel Schönes.

10:00 Uhr: Der Ähämann hat den Frühstückstisch gedeckt, ich habe Milchreis vorgekocht. Die Kinder sind nach und nach aufgestanden, ich bringe den Milchreis zu Bett, wir frühstücken.

11:15 Uhr: Wir steigen in den Bus. Er wird an jeder Haltestelle voller; wir haben alle das gleiche Ziel. Weil unsere Buslinie ja seit einem Jahr eine veränderte Route fährt, beschliessen wir, diesmal noch eine Haltestelle weiter zu fahren zu sonst. Dort werden gerade zwei Sisu-LKWs in Stellung rangiert, die Ampeln blinken gelb, und mitten auf der grossen Kreuzung tänzeln zwei Polizisten und schwenken wie immer in solchen Situationen eher unbeholfen ihre Stäbe, um den Verkehr zu regeln.

(In meiner Geburtsstadt gab es noch lange Zeit mehrere grosse Kreuzungen, auf denen der Verkehr von Hand geregelt wurde. Die Polizisten standen würdevoll in der Mitte und vollführten eine exakte Choreographie, die alle verstanden. Einmal versuchte ich, mich mit dem Fahrrad an einer T-Kreuzung einfach hinter dem Rücken des Verkehrspolizisten vorbeizuschleichen, was mir einen sofortigen Anpfiff desselben, ohne dass er seine Handzeichen auch nur eine Millisekunde dafür unterbrochen hätte, einbrachte.)

12:00 Uhr: Weihnachten fängt an.

12:30 Uhr: Unser Bus ist der erste, der sich durch die sich auflösende Menschenmenge geschoben hat. Fast alle Busfahrer tragen Wichtelmützen (einmal fuhr uns auch der Weihnachtsmann nach Hause) – unser Busfahrer fährt ein echtes kleines Weihnachtsbäumchen mit sich herum.

13:00 Uhr: Wir decken schnell den Tisch, wecken den Milchreis auf und essen. In einer Stunde müssen wir ja schon wieder los.

14:30 Uhr: Kinderkirche. Weihnachten muss ja sein wie immer.

15:15 Uhr: Leider ist gestern der Einkaufsbeutel mit dem frischen Fisch fürs Weihnachtsessen unausgepackt in der Küche stehengeblieben – wir knobeln noch aus, wer daran schuld ist – und wir merkten es erst, als heute nach dem Frühstück jemand nach Bananen fragte, die sich auch nicht im Obstkorb befanden. Wir brauchen also neuen Fisch. Nicht unbedingt sofort, weil wir an Heiligabend eigentlich schon seit Jahren nichts Besonderes mehr essen, weil keiner Zeit und Lust zum Kochen und auch niemand wirklich Hunger hat abends, und weil man, seit die Ladenöffnungszeiten hier noch weiter gelockert wurden, auch an den Weihnachtsfeiertagen einkaufen könnte, aber dann haben wir wahrscheinlich noch weniger Lust dazu als jetzt. Im Prisma sind die Regale voll, vier Kassen geöffnet und zehn Leute am Einkaufen, und wir beschliessen spontan, dass wir ab nächstem Jahr unseren gesamten Weihnachtseinkauf immer um diese Zeit machen.

15:45 Uhr: Bevor wir heimfahren, besuchen wir noch die beiden Über-Weihnachten-Pflegekatzen. Sie bekommen natürlich ein extra Weihnachtsleckerli.

16:30 Uhr: Es liegen Geschenke unterm Weihnachtsbaum!

17:30 Uhr: Alle Geschenke sind ausgepackt und bejubelt. Der Ähämann räumt zum zweiten Mal heute den Geschirrspüler ein, das Fräulein Maus schneidet Gemüse und rührt Dippi an, ich verräume Geschenkband und mache einen Pappmüllpappkarton für Legoverpackungen und Packpapier auf, mit dem wir wohl in den nächsten Tagen zum grossen Container hinterm Supermarkt fahren werden müssen, weil unser hausgemeinschaftseigener Pappcontainer schon seit Tagen überquillt und sich die Situation erfahrungsgemäss an Heiligabend drastisch verschärft.

18:30 Uhr: Weihnachtssauna. Die Herren Maus wollen eigentlich lieber an ihrem neuen Lego weiterbauen, kommen dann aber doch für zwei Saunagänge mit, weil es so schön ist, dampfend auf der Gartenbank neben dem Weihnachtsbaum zu sitzen. Nebenher essen wir, süss und salzig und gesund und ungesund durcheinander, draussen, drinnen, wie jeder will. (Ich trinke alkoholfreie Bierbrause – die mit den hübschen Kronkorken – und verstosse damit wenigstens gegen eine deutsche Saunaregel nicht.)

20:00 Uhr: Es wird ein Märchenfilm gewünscht. Zum Glück wurden und werden gerade mehrere neue ARD-Märchenfilme gesendet. Die „Regentrude“ ist schon immer mein Lieblingsmärchen gewesen, und der Film ist auch ganz prima. Wenn auch vielleicht nicht so gaaanz zu Weihnachten passend. Zum ersten Mal heute haben wir Zeit rumzubringen. Als der Film zu Ende ist, haben wir noch eine Viertelstunde Zeit, um uns anzuziehen. Gutes Timing!

22:00 Uhr: Wir waren dieses Jahr noch gar nicht Weihnachtslieder singen, und deshalb nutzen wir die allerletzte Chance. Womit wir nicht gerechnet hatten: in der Kitschkirche zweitgrössten Kirche der Stadt haben sich um diese Uhrzeit noch um die tausend Leute versammelt, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen, und wir finden kaum noch einen Platz. (Und leider quetschen sich dann kurz vor knapp direkt hinter uns noch zwei Männer, die zum traditionellen Weihnachtschinken offensichtlich schon reichlich Alkohol genossen haben und besonders lautstark und… äh… schön… mitsingen.) Eine Stunde lang singen wir fast das gesamte Weihnachtsliederheftchen durch, der Pfarrer ist sehr cool, und wir erfahren, dass Finnlands einziger Kantor, der sowohl Orgel spielen als auch Dampflok fahren kann, unser Singen begleitet, und er antwortet mit einem sehr echt klingenden Dampflokpfeifen von der Orgelempore.

23:30 Uhr: Die Kinder sind jetzt dermassen bettreif, dass sie direkt vom Flur ins Bad ins Bett gescheucht werden müssen. Wir wollten doch noch Bowle trinken, beschwert sich der kleine Herr Maus. Und er wolle eigentlich noch bis in die Nacht mit seinen Weihnachtsgeschenken spielen.

Hör zu, kleiner Herr Maus, sage ich, als ihm schon fast die Augen zufallen, zum Glück fängt Weihnachten ja gerade erst an.


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Als wir am Dienstagabend mit den letzten paar noch nicht abgeholten Kindern vom Spielplatz zum Hort zurückliefen und mir dabei die 339 entgegenkam, freute ich mich sehr.

Nicht nur über die 339. Auch darüber, dass ich bis zu den Sommerferien nur noch einen Arbeitstag hätte. Und auf den Mittwoch. Auf den hatte ich mich schon seit Wochen gefreut; schon seit ich wusste, dass ich dank der Kollegin, die nur als Stundenkraft angestellt ist, aber auch schon im April während meines letzten Praktikums mehr Stunden für mich übernommen hatte und jederzeit flexibel ist, dank unserer zuverlässigen Dienstag-und-Mittwoch-Ehrenamtsdeutschen und dank des Zivis, den wir seit Ende April haben und der aus vielerlei Gründen für alle im Hort gut ist, an der Abschlussfeier in meiner Schule teilnehmen kann.

Der Mittwoch fing dann aber damit an, dass ich um vier mit rasenden Kopfschmerzen aufwachte und erstmal ins Bad wankte, um eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Ich habe das seit der Sache mit der Schulter öfter, und normalerweise gibt sich das wieder, wenn ich erstmal aufgestanden bin, einen Kaffee getrunken habe und mich bewege. Leider war mir diesmal wegen der Schmerzen und wegen der Tablette auf nüchternen Magen so schlecht, dass ich bis zum Weckerklingeln um halb sieben nur noch minutenweise schlief. Mich nochmal eine Stunde aufs Ohr zu hauen, wenn die Kinder in die Schule gegangen wären, war auch keine Option, denn der Herr Picasso hatte einen ArztWerkstatttermin, der sowieso schon nur zu schaffen war, indem ich ihn früh hinfahren und der Ähämann einen Zug eher heimfahren und ihn wieder abholen würde. Der erste Schluck Kaffee kam auch direkt wieder raus. Danach ging’s aber tatsächlich aufwärts. Ich schickte also das Fräulein Maus in die Schule, fragte den grossen Herrn Maus, der sowieso krank war und zu Hause bleiben würde, nach seinen Frühstückswünschen, packte schon mal meinen Krempel zusammen und ging den kleinen Herrn Maus wecken. Der allerdings lag im Bett und wimmerte, hutschte ins Bad, rollte sich direkt wieder auf dem Badteppich zusammen und erklärte mir, er hätte links in der Brust ganz schlimme Schmerzen, und er könne auch gar nicht tief einatmen. Ich sah meine Abschlussfeier für mich schon im Krankenhaus stattfinden, aber immerhin ging in der Notaufnahme sofort jemand ans Telefon, wurde ich sofort weiterverbunden und entschied die Krankenschwester am anderen Ende nach eingehender Abfrage aller Symptome, dass es vermutlich ein Muskelkrampf wäre und wir ihm zuerst mal ein Schmerzmittel geben sollten, und der kleine Herr Maus, der am Abend zuvor Schmetterlingsschwimmen geübt hatte, sagte auch gleich, ja, genau, an der Stelle hat es schon beim Training gezogen. In die Schule konnte er so allerdings trotzdem nicht gehen, also musste ich noch schnell wilmaen und ausserdem warten, bis das Schmerzmittel wirkte, und noch eine Weile ein Auge auf den kleinen Herrn Maus haben, ob es wirklich nichts Schlimmeres ist. Der Ähämann bot sich an, in Tampere direkt wieder in den Zug nach Turku einzusteigen, aber zwei Zugstunden Entfernung sind eben zwei Zugstunden Entfernung, und der Ähämann ging dann doch wenigstens für ein paar Stunden auf Arbeit, die Herren Maus blieben gemeinsam zu Hause, und ich verliess mit dem Herrn Picasso doch noch halbwegs pünktlich das Haus.

Weil so schönes Wetter war und ich anderthalb Stunden Zeit hatte, beschloss ich, den ganzen Weg von der Werkstatt zu laufen, denn ich hätte sowieso nur drei Haltestellen Bus fahren können. (Als ich aber an der Haltestelle noch schnell meinen Rucksack ein bisschen umpackte, kam da die Elektro-1 lautlos an die Haltestelle gerollt und wollte mich mitnehmen, obwohl ich gar nicht gewinkt hatte, und meistens ist das ja genau umgekehrt.) Und dann lief ich durch maiglöckchenduftenden Wald und an der Waschmittelfabrik vorbei und dann musste ich mal ganz dringend und machte einen kurzen Umweg über die Schule, an der ich mal einen ganz schrecklichen Finnischkurs hatte, und die Sonne schien und der Sprosser sang und die Kopfschmerzen waren ganz weg, nur die Müdigkeit nicht und das Gefühl von Watte im Kopf, das ich von Ibuprofen immer kriege, auch nicht.

Aber egal. Abschlussfeier!

Das haben die Finnen nämlich echt drauf. Ich hatte hier in Finnland ja immerhin eine wirklich feierliche Doktorfeier, aber des Ähämanns Doktorarbeit fand in Deutschland mit einer halbstündigen Befragung durch ein eher genervtes Prüfungskomitee und – und auch das nur, weil er liebe Kollegen hatte – einer Grillparty auf dem Institutshof seinen Abschluss. Unsere Diplomzeugnisse durften wir uns seinerzeit ohne weiteres Aufhebens von einer mürrischen Dekanatssekretärin in – immerhin! – Goethes Inspektorhäuschen abholen. Und mein Abitur war trotz Abiball auch nicht sonderlich feierlich.

Ausgedehnte Abschlussfeierlichkeiten waren das jedenfalls gestern. Mit Gottesdienst und Segnung der Absolventen für den Beruf – ähnlich der Schulanfängersegnung – in der nahegelegenen Kirche, mit gemeinsamem Mittagessen, anschliessendem Festakt mit Zeugnis- und Rosenübergabe und abschliessendem Kaffeetrinken und Torteessen.

Und zum ersten – und vermutlich einzigen – Mal in meinem Leben wurde für mich das Suvivirsi gesungen. ♥

Ich bin so froh, dass ich dabei sein konnte.

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Weihnachten wie immer

„Nein, Mama, wir wollen alles so machen wie immer!“, protestierten drei Kinder, als ich vorschlug, dieses Jahr vielleicht nicht mehr zum Kindergottesdienst zu gehen, sondern ein bisschen später zu einem anderen.

Unser Weihnachten war also wie immer: mit Weihnachtsfriedensverkündung, Milchreis (der unterm Federbett quillt in unserem Bett schläft, während wir weg sind) zum Mittagessen, Kindergottesdienst, Geschenken unterm Baum und Weihnachtssauna.

Und mit -10 Grad und Schnee!!!
(Und das ist sehr viel mehr, als wir an einem „Weihnachten wie immer“ erwarten dürfen!)

Mein schönster Moment des Tages – neben dem, als alle schon aus der Kirche hinausströmten und der Organist noch in der kerzenbeleuchteten Kirche Händels „Ave Maria“ spielte – war dann auch, nach der Sauna dampfend auf der Bank im verschneiten Garten neben dem schneebedeckten, funkelnden Weihnachtsbaum zu sitzen.