Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


Hinterlasse einen Kommentar

13. Dezember

Gestern Abend waren wir schon wieder auf der überübernächsten Insel: in der Waldkirche.

Die dortigen Pfadfinder hatten den Weg mit Kerzen beleuchtet und läuteten die „Glocken“ der Kirche – der Altar ein moosbewachsener Felsen, das Kreuz aus zwei unbearbeiteten Fichtenstämmen – die wir schon lange hörten, während wir bergauf durch den dunklen, stillen Wald stapften. Die Pfarrerin erzählte eine kurze Geschichte über drei Engel und den Weihnachtsbaum, wir sangen vier Weihnachtslieder, es war genau kalt genug und der Wald duftete nach nassem Moos und harzigen Fichten. Danach gab’s Pfefferkuchen und Glögi am nahegelegenen Gutshaus.

Wie schön die Adventszeit hier ist! <3

Am schönsten aber war, dass wir alle drei Kinder dabeihatten. Das kommt nämlich neuerdings gerade nicht so oft vor.


2 Kommentare

9. Dezember

Heute wurde es zwar gar nicht erst hell, dafür aber waren wir Weihnachtslieder singen.

Da wir letztes Jahr endlich drauf gekommen sind, dass man nicht nur im Dom schöne Weihnachtslieder singen kann, haben wir beschlossen, dieses Jahr jede Gelegenheit zu nutzen: zu singen – und neue Kirchen kennenzulernen.

Heute waren wir auf Kakskerta, der überübernächsten Insel – es gibt hier in drei Himmelsrichtungen nächste, übernächste und überübernächste Inseln; heute also die überübernächste Insel, die noch zum Stadtgebiet von Turku gehört – auf der wir schon seit bestimmt zehn Jahren nicht mehr waren.

Im Jahr 1686 zogen die dortigen Fischer eines Tages einen Rekordfang an Land. Dankbar beschlossen sie, an der Stelle eine Kirche zu errichten. Der Erlös der einhundert Fässer Fisch, die sie auf dem Turkuer Markt verkauften, bildete den Grundstock zur Finanzierung des Kirchenbaus. Kriege und Missernten verzögerten den Baubeginn, schliesslich wurde eine preiswerte Holzkirche errichtet. Aber die Inselbewohner hielten an ihrer Idee einer richtigen Steinkirche fest. Der Gutsherr von Kakskerta gab Geld und stellte das Baugrundstück zur Verfügung, die Inselbewohner arbeiteten auf der Baustelle. 1769 war ihre Steinkirche endlich fertig. Direkt am Meer und so auch von noch weiter entfernten Inseln gut mit Kirchbooten zu erreichen.

So schön. Nächstes Wochenende möchte ich bitte wieder Weihnachtslieder singen gehen.


Ein Kommentar

Mit dem Boot zum Gottesdienst

Ausser der Sache mit der Koiramäki-Kirche hat sich dabei auch noch ein anderes Mysterium aufgeklärt: was es mit den Kirchbooten auf sich hat, nämlich.

Ich habe hier schon oft welche gesehen – auch in meinem finnischen „Heimatort“ wird im Sommer ein altes Kirchboot rausgeholt und feierlich von zwanzig Männern über den See und durch die Stromschnelle gerudert – aber so richtig klar war mir die Verbindung von „Boot“ und „Kirche“ bisher nicht.

Bis wir eben die Koiramäkikirche und eine andere, nur ein paar Kilometer entfernte und tatsächlich noch ganz alte Kirche besuchten.

Beide liegen weitab vom nächsten Ort, auf Halbinseln im See sich zum See ausgebreiteten Fluss. Damit sie sicher vor Angriffen waren, damals, vor 500 Jahren.

Und deshalb ruderten die Kirchgänger dann sonntags gemeinsam in grossen Booten zum Gottesdienst.

Also zumindest in der Zeit im Jahr, in der sie nicht einfach mit dem Pferdeschlitten übers Eis fahren konnten.


4 Kommentare

Wie im Bilderbuch

Als ich letzten Dienstag mit den Kindern wieder 150 km nach Norden fuhr, um den zweiten Teil unserer Skiferien anzutreten, kamen wir kurz vorm Ziel an einer einzeln stehenden, im Abendlicht leuchtenden, kleinen Kirche vorbei. „Guckt mal“, rief ich den Kindern zu, „die sieht ja aus wie die Koiramäki-Kirche!“

Koiramäki („Hundehügel“) ist ein historisches, von Hunden bewohntes Dorf aus den Bilderbüchern von Mauri Kunnas – der auch unser liebstes Weihnachtsmannbuch gemalt und geschrieben hat – die den Kindern auf kurzweilige Art das Leben auf dem Lande vor 200 Jahren nahebringen sollen. Vor Weihnachten erst hat der kleine Herr Maus das Buch über den Weihnachtsgottesdienst in der Kirche von Koiramäki gelesen!

Am nächsten Tag sassen wir mit unserer Gastgeberin in der Sauna und kamen vom Hölzchen aufs Stöckchen und erfuhren eher zufällig, dass die Kirche, die wir gesehen hatten, nicht nur aussieht wie die Koiramäki-Kirche, sondern tatsächlich das Vorbild für die Koiramäki-Kirche ist! 1997 brannte die 500 Jahre alte Kirche, die in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen werden sollte, vollständig ab, als ein Einbrecher seine Spuren verwischen wollte. Mauri Kunnas zeichnete daraufhin das Weihnachtskirchenbuch und spendete den gesamten Verkaufserlös für den Wiederaufbau, eine grosse finnische Papierfirma spendete das für den Druck des Buches benötigte Papier. Über 1000 Leute halfen ehrenamtlich beim Wiederaufbau.

Nun steht sie wieder. Und es war klar, dass wir auf dem Rückweg da unbedingt nochmal anhalten müssten.

„Mama! Mama! Das ist ja wirklich die Kirche aus dem Buch!“, juchzten drei Kinder von der Rückbank, als ich auf die kleine Zufahrtsstrasse einbog. „Das ist so toll!“

Der kleine Herr Maus wollte sich gern auch noch die Kirche von innen angucken: „Da sind doch die schönen Bilder an der Emporen. Da, wo auf einer Seite nur die Männer sitzen durften und auf der anderen die Frauen!“ Aber dafür müssen wir, wie das in Finnland so üblich ist, im Sommer nochmal wiederkommen.


3 Kommentare

22

Während in den Supermärkten und Einkaufszentren der Stadt in diesen Tagen die Hölle los ist, wanderten wir gestern Abend durch den stillen Wald zur Weihnachtskrippe. Über uns der Sternenhimmel, der Pfad von Kerzen beleuchtet.

Auf der Nachbarinsel wird dieser kleine Weihnachtspilgerweg seit Jahren an einem Abend kurz vor Weihnachten aufgebaut. Am Anfang des Pfades bekommt jeder eine Kerze in die Hand gedrückt, die man dann an der Krippe abstellt und wo es mit jedem, der ankommt, ein bisschen heller wird. (Natürlich werden an der Krippe auch Weihnachtslieder gesungen.)

Schöner kann man den kürzesten Tag des Jahres eigentlich nicht begehen.


2 Kommentare

Heiligabend

Spätestens, als wir unter den mit echten Kerzen bestückten Kronleuchtern in der kleinen Kirche sassen, die schon immer unsere Weihnachts- und Oster- (und neuerdings Unabhängigkeitstags-) kirche ist, statt des hier unüblichen Krippenspiels in der Predigt eine echte KELA-Kiste – mit Geschenken fürs Jesuskind: ein Lammfell von den Hirten, ein gestrickter Strampler von der Anna-Grossmutter, eine Taufkerze vom Cousin Johannes… – eine wichtige Rolle spielte, ich feststellte, dass mir sämtliche gesungenen Lieder mehr ans Herz gewachsen sind als es irgendein deutsches Kirchenlied je ist, alle mitsangen und mitbeteten und der Familiengottesdienst weit entfernt war von der Theaterhaftigkeit vieler deutscher Weihnachtsgottesdienste, und wir danach auf den mit Kerzen übersäten Friedhof traten, da wusste ich wieder ganz genau, warum zwar die Adventszeit nirgends so schön ist wie im Erzgebirge, aber Weihnachten nirgends so schön wie hier.


4 Kommentare

„Danke, Gott, für unser schönes Land“

Einmal war ich im Juni zu einem finnischen Konfirmationsgottesdienst. Noch nie zuvor hatte ich so viele Kirchenlieder mit so weltlichem Inhalt gesungen.

Vogelgesang. Grüne Wälder und Wiesen. Blumen. Sonne.

Gestern war ich – weil der grosse Herr Maus da mit seiner Pfadfindergruppe hinging – zum ersten Mal am Unabhängigkeitstag in der Kirche. Noch nie zuvor habe ich so viele Kirchenlieder mit so patriotischem Inhalt gesungen.

Vaterland. Wälder und Seen. Der Kampf der Vorfahren. Frieden. Freiheit.

Aber von Dankbarkeit für ein Zuhause, für wilde Wälder und glänzende Seen, von der Bitte um Weisheit für die Regierung (!) und um Frieden auf der ganzen Welt kann ich aus vollstem Herzen mitsingen.

(Und die Predigt der Pfarrerin fand ich im Übrigen sehr viel eindringlicher als alles, was ich gestern vom Präsidenten gehört habe.)