Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Heiligabend 2020

Die Weihnachtsfriedensverkündung fand dieses Jahr ohne Publikum und deshalb auch für uns im Fernsehen statt. Es war erst das dritte Mal, seit wir in Turku wohnen, dass wir nicht live dabeiwaren: einmal waren wir alle krank, und als der kleine Herr Maus erst sieben Wochen alt war, war es viel zu kalt, um mit ihm hinzugehen.

Auch der Weihnachts-Kindergottesdienst, zu dem unsere Kinder immer noch Jahr für Jahr gehen wollen, fand in diesem Jahr online statt: mit lauter kleinen Engeln, die sich sehr menschenkinderhaft benahmen, und mit einem echten Baby auf Marias Arm! ♥

Zum, ich glaube, ersten Mal in diesem Monat schien die Sonne. Obwohl sie schon kurz nach drei unterging, war es gegen vier immer noch ziemlich hell; das war fast anderthalb Stunden länger als am Tag zuvor. (So ist das hier nämlich.) Dabei hatten es die Kinder eilig, endlich die letzten der 24 erleuchteten Fenster im Museumsdorf angucken zu gehen, weil hinterher Geschenke unterm Weihnachtsbaum liegen würden.

Der Rest war wie immer: Milchreis essen, Geschenke bejubeln, Weihnachtssauna, Märchenfilm gucken, und alle gingen erst gegen Mitternacht ins Bett.


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Skiferien 2020, Tag 4

Am vierten Ferientag gingen wir im See baden.

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Sightseeing.

Zunächst aber begannen wir den Tag mit Sightseeing. Ich bin ja nicht der Meinung, dass man in jede Kirche reinmuss. Aber den Dom von Tampere wollte ich den Kindern schon lange mal zeigen. Aus Gründen.

Der Dom, anders als ehrwürdige Sakralbauten anderswo, wurde erst 1902-1907 gebaut und ist eigentlich unserer  KitschkircheMikaelinkirkko sehr ähnlich. Aber was wirklich, wirklich sehenswert ist, sind die Gemälde im Dom!

Die wunderlichen Interpretionen der biblischen Geschichten in den Wandgemälden von Hugo Simberg nämlich: Die Schlange aus dem Paradies, die von der Decke guckt, mit kleinen Fledermausflügelchen, den Apfel noch im Mund, die aber von Engelsflügeln umgeben ist und niemandem mehr schaden kann. Die zwölf nackigen – wo gibt’s denn sowas in einer Kirche?! – Jungs, die die Apostel darstellen sollen und gleichzeitig ganz normale Leute, die jeder auf seine Art die Bürde ihres Lebens – ein Gewinde aus Rosen, Blättern und Dornen – tragen. Die sanftmütigen Tode im Garten des Todes. Und der berühmte Verwundete Engel.

Und auch das Altargemälde von Magnus Enckell, das keinen Jesus am Kreuz – überhaupt keinen Jesus! – zeigt, sondern die Auferstehung der Toten.

Nichts davon ist im biblischen Palästina angesiedelt. Für die Gemälde standen Kinder und Erwachsene aus Tampere Modell, im Hintergrund der Landschaft, durch die der verwundete Engel getragen wird, stehen zwei grosse Fabrikschornsteine, und neben dem brennenden Dornbusch fliegt eine Elster. Das gefällt mir alles sehr.

Weil Tampere nach Mailand, Paris und Brüssel die vierte Stadt in Europa war, in der elektrisches Licht eingeführt wurde, wurde der Dom nicht mit Kronleuchtern, sondern einfach mit nackten Glühbirnen ausgestattet. Wo die doch damals der neueste Schrei waren!

Sogar die Teenagerin, die vorher ein bisschen gemotzt hatte, wozu wir denn eine Kirche angucken müssten, stand andächtig vor den Wandgemälden. Und der grosse Herr Maus gab uns den Fremdenführer, denn er hatte das alles schon im Religionsunterricht durchgenommen.

Neu gelernt habe ich diesmal: die drei Glocken des Doms wurden in Apolda gegossen! Und da wäre ich fast ein bisschen rührselig geworden.

(Ich hatte mal ein Schlittenglöckchen aus Apolda.)

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Spielplatztourismus.

Immer noch besuchen wir keine Stadt, ohne nicht wenigstens einem ihrer Spielplätze einen Besuch abgestattet zu haben.

Der kleine Herr Maus beförderte mich mit Schiff, Eisenbahn und Bus in die Malá Fatra. „So, angelegt!“, rief er nach dem ersten Teil der Reise. „Angelegt!“, piepste der zweijährige finnische Junge, der uns auf Schritt und Tritt folgte. Ich hatte ein Déjá-vu.

Dann wechselten wir auf den Teil für grössere Kinder, wo man unter Anderem möglichst schnell Rechenaufgaben lösen und zur richtigen Lösung springen muss. Ich bin kläglich gescheitert. Zwar bin ich längst aus dem Stadium hinaus, in dem ich mir finnische Sätze erst übersetze bevor ich sie verstehe oder mir erst deutsche Sätze zurechtlege bevor ich etwas auf Finnisch sage – aber Rechnen auf Finnisch kann ich nicht.

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Saunatourismus.

Vor ein paar Jahren suchte ich ein Video übers Eisbaden. Schliesslich fand ich eins, das so unspektulär wie schön ist und die Stimmung in so einer finnischen Eisbadesauna perfekt wiedergibt. Es war jetzt nicht so, dass ich seitdem unbedingt mal da hin gewollt hätte, aber als wir überlegten, in welche Sauna wir in Tampere diesmal gehen könnten, fiel mir das Video wieder ein, und die Wahl fiel auf das 1929 am Ufer des Näsijärvi errichtete „Volksbad“.

Schnee und Eis allerdings muss man sich leider wegdenken.

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Wir fuhren nach des Ähämanns Arbeit mit dem Bus hin und schafften es gerade noch rechtzeitig zur blauen Stunde. Und hach, dieses goldene, weiche Seewasser…!


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Helsinki-Kurzurlaub, Schlechtwetterversion

Es hätte schlimmer sein können. Denn die Wettervorhersage hatte uns auf Sturm und Dauerregen von Freitagabend bis Sonntagnachmittag vorbereitet – was uns die Vorfreude aber nicht getrübt hatte, denn die liebste Freundin und ich haben Jahr für Jahr die gleichen wetterunabhängigen Pläne für unseren gemeinsamen Helsinki-Kurzurlaub: stundenlang in Cafés sitzen und ungestört reden, stundenlang planlos durch die Stadt laufen und ungestört reden und stundenlang in der Sauna sitzen und ungestört reden.

(Und man kann ja auch nicht jedes Jahr solches Glück mit dem Wetter haben wie wir es letztes Jahr hatten.)

Aber der Regen kam dann erst, als wir schon zwei Stunden kreuz und quer über Suomenlinna spaziert waren und dabei immer noch neue Ecken entdeckt hatten.

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Politische Sakralarchitektur.

Irritierenderweise habe ich auch erst diesmal gelernt, dass die gewaltige Kirche von Suomenlinna bis zur Unabhängigkeit Finnlands eine orthodoxe Kirche mit Zwiebeltürmen und allem Drum und Dran war. Dann entschied man, dass gleich zwei orthodoxe Kirchen nicht in das Bild einer finnischen Stadt passen und besonders für Suomenlinna eine Kirche, die an die russische Besatzung erinnert, unpassend ist. Innen drin wurden alle Ikonen und aller Prunk entfernt und ein schlichter evangelischer Altar errichtet, die vier kleinen Zwiebeltürme wurden abgerissen, und der Hauptturm bekam eine neue Turmhaube samt Leuchtfeuer unterm nunmehr nur noch einfachen Kreuz. Die martialische Begrenzung aus Kanonenrohren und armdicken Ketten durfte allerdings stehenbleiben.

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Suomenlinna-Lektüre.

Das Buch – bisher leider nur auf Finnisch und Italienisch erhältlich – fiel mir letztes Jahr in der Bibliothek in die Hände, und ich nahm es für den grossen Herrn Maus mit. Was ihn dazu brachte, das Buch nach zwei Kapiteln wegzulegen – „Ich kenne diese ganzen Orte da ja gar nicht, und die haben auch alle ganz seltsame Namen!“ – fand ich wiederum besonders toll. Es ist kein Muss, sich auf Suomenlinna auszukennen, um die Handlung zu verstehen – zumal vorn sogar eine Karte, auf der alle wichtigen Plätze eingezeichnet sind, abgedruckt ist – aber es ist andererseits besonders vergnüglich, wenn man den Ort der Handlung so genau kennt. (Ausserdem habe ich mich natürlich schon im dritten Kapitel in die gürteltierähnlichen Erwins, die die Bastionen und unterirdischen Gänge Suomenlinnas bewohnen, verliebt.)

Umgekehrt liebe ich es, Orte aus Büchern aufzusuchen – ich bin auch schon auf Jaroslav Seiferts Spuren durch Prag spaziert – und ohne dieses Buch hätten wir den einzigen Park Suomenlinnas samt Süsswasserteich vermutlich auch dieses Mal immer noch nicht entdeckt!

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Bahnfahren.

Die liebste Freundin und ich stimmen unsere Reisepläne immer so ab, dass wir möglichst gleichzeitig ankommen und abfahren. So kam ich nach Jahren – ich glaube, das letzte Mal war mit dem kleinen Fräulein Maus im Kinderwagen – mal wieder dazu, Pendolino zu fahren. Allerdings fehlen in Finnland die entsprechenden Kurven fürs richtige Fahrvergnügen. Kann ich auch nächstes Mal wieder Doppelstock-Intercity fahren.

„Die Schaffnerin auf der Hinfahrt sah aus wie eine Balletttänzerin“, erzählte ich dem Ähämann Sonntagabend.
„Ach, Niina?“
„Ja, genau, Konduktööri Niina! Wer das auf der Rückfahrt war, weiss ich nicht, der hatte kein Namensschild dran, und bei der Ansage hab‘ ich’s auch nicht verstanden.“
„Dann war’s vielleicht der savolainen konduktööri, der nuschelt immer so.“
„Der hatte so ’ne riesige Gürteltasche…“
„Ja, genau. Und sieht immer bisschen abgerissen aus…“
„Und schwarze Haare? Und geht so’n bisschen vornübergebeugt?“
„Ja, genau. Das war Savolainen konduktööri!“ (Der hat beim Ähämann seinen Spitznamen daher, dass mal, nachdem er eine Ansage gemacht hatte, der ganze Waggon unisono „Ein Schaffner aus Savo!“ – ausrief, denn die Leute aus Savo sind die Sachsen Finnlands oder so.)

Der Ähämann kennt sie alle.
(Dabei fährt er eine völlig andere Strecke. Finnland ist wirklich ein Dorf.)


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Heiligabend 2019

Heute erst guckten wir die am Heiligabend aufgenommene Spezial-Maus an. Warum die denn so lang sei, fragten die Kinder. „Damit es die deutschen Kinder ein bisschen einfacher haben beim Warten auf die Bescherung“, antwortete ich.

Verstanden sie nicht, unsere Kinder. Denn bei uns ist Heiligabend immer ruckzuck um.

9:00 Uhr: Der Ähämann hat uns den Wecker gestellt. Hier schlafen schon seit Beginn der Weihnachtsferien alle bis mindestens um zehn. Aber heute müssen wir ein bisschen eher aufstehen. Zu Heiligabend haben wir immer viel vor. Viel Ruhiges und viel Schönes.

10:00 Uhr: Der Ähämann hat den Frühstückstisch gedeckt, ich habe Milchreis vorgekocht. Die Kinder sind nach und nach aufgestanden, ich bringe den Milchreis zu Bett, wir frühstücken.

11:15 Uhr: Wir steigen in den Bus. Er wird an jeder Haltestelle voller; wir haben alle das gleiche Ziel. Weil unsere Buslinie ja seit einem Jahr eine veränderte Route fährt, beschliessen wir, diesmal noch eine Haltestelle weiter zu fahren zu sonst. Dort werden gerade zwei Sisu-LKWs in Stellung rangiert, die Ampeln blinken gelb, und mitten auf der grossen Kreuzung tänzeln zwei Polizisten und schwenken wie immer in solchen Situationen eher unbeholfen ihre Stäbe, um den Verkehr zu regeln.

(In meiner Geburtsstadt gab es noch lange Zeit mehrere grosse Kreuzungen, auf denen der Verkehr von Hand geregelt wurde. Die Polizisten standen würdevoll in der Mitte und vollführten eine exakte Choreographie, die alle verstanden. Einmal versuchte ich, mich mit dem Fahrrad an einer T-Kreuzung einfach hinter dem Rücken des Verkehrspolizisten vorbeizuschleichen, was mir einen sofortigen Anpfiff desselben, ohne dass er seine Handzeichen auch nur eine Millisekunde dafür unterbrochen hätte, einbrachte.)

12:00 Uhr: Weihnachten fängt an.

12:30 Uhr: Unser Bus ist der erste, der sich durch die sich auflösende Menschenmenge geschoben hat. Fast alle Busfahrer tragen Wichtelmützen (einmal fuhr uns auch der Weihnachtsmann nach Hause) – unser Busfahrer fährt ein echtes kleines Weihnachtsbäumchen mit sich herum.

13:00 Uhr: Wir decken schnell den Tisch, wecken den Milchreis auf und essen. In einer Stunde müssen wir ja schon wieder los.

14:30 Uhr: Kinderkirche. Weihnachten muss ja sein wie immer.

15:15 Uhr: Leider ist gestern der Einkaufsbeutel mit dem frischen Fisch fürs Weihnachtsessen unausgepackt in der Küche stehengeblieben – wir knobeln noch aus, wer daran schuld ist – und wir merkten es erst, als heute nach dem Frühstück jemand nach Bananen fragte, die sich auch nicht im Obstkorb befanden. Wir brauchen also neuen Fisch. Nicht unbedingt sofort, weil wir an Heiligabend eigentlich schon seit Jahren nichts Besonderes mehr essen, weil keiner Zeit und Lust zum Kochen und auch niemand wirklich Hunger hat abends, und weil man, seit die Ladenöffnungszeiten hier noch weiter gelockert wurden, auch an den Weihnachtsfeiertagen einkaufen könnte, aber dann haben wir wahrscheinlich noch weniger Lust dazu als jetzt. Im Prisma sind die Regale voll, vier Kassen geöffnet und zehn Leute am Einkaufen, und wir beschliessen spontan, dass wir ab nächstem Jahr unseren gesamten Weihnachtseinkauf immer um diese Zeit machen.

15:45 Uhr: Bevor wir heimfahren, besuchen wir noch die beiden Über-Weihnachten-Pflegekatzen. Sie bekommen natürlich ein extra Weihnachtsleckerli.

16:30 Uhr: Es liegen Geschenke unterm Weihnachtsbaum!

17:30 Uhr: Alle Geschenke sind ausgepackt und bejubelt. Der Ähämann räumt zum zweiten Mal heute den Geschirrspüler ein, das Fräulein Maus schneidet Gemüse und rührt Dippi an, ich verräume Geschenkband und mache einen Pappmüllpappkarton für Legoverpackungen und Packpapier auf, mit dem wir wohl in den nächsten Tagen zum grossen Container hinterm Supermarkt fahren werden müssen, weil unser hausgemeinschaftseigener Pappcontainer schon seit Tagen überquillt und sich die Situation erfahrungsgemäss an Heiligabend drastisch verschärft.

18:30 Uhr: Weihnachtssauna. Die Herren Maus wollen eigentlich lieber an ihrem neuen Lego weiterbauen, kommen dann aber doch für zwei Saunagänge mit, weil es so schön ist, dampfend auf der Gartenbank neben dem Weihnachtsbaum zu sitzen. Nebenher essen wir, süss und salzig und gesund und ungesund durcheinander, draussen, drinnen, wie jeder will. (Ich trinke alkoholfreie Bierbrause – die mit den hübschen Kronkorken – und verstosse damit wenigstens gegen eine deutsche Saunaregel nicht.)

20:00 Uhr: Es wird ein Märchenfilm gewünscht. Zum Glück wurden und werden gerade mehrere neue ARD-Märchenfilme gesendet. Die „Regentrude“ ist schon immer mein Lieblingsmärchen gewesen, und der Film ist auch ganz prima. Wenn auch vielleicht nicht so gaaanz zu Weihnachten passend. Zum ersten Mal heute haben wir Zeit rumzubringen. Als der Film zu Ende ist, haben wir noch eine Viertelstunde Zeit, um uns anzuziehen. Gutes Timing!

22:00 Uhr: Wir waren dieses Jahr noch gar nicht Weihnachtslieder singen, und deshalb nutzen wir die allerletzte Chance. Womit wir nicht gerechnet hatten: in der Kitschkirche zweitgrössten Kirche der Stadt haben sich um diese Uhrzeit noch um die tausend Leute versammelt, um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen, und wir finden kaum noch einen Platz. (Und leider quetschen sich dann kurz vor knapp direkt hinter uns noch zwei Männer, die zum traditionellen Weihnachtschinken offensichtlich schon reichlich Alkohol genossen haben und besonders lautstark und… äh… schön… mitsingen.) Eine Stunde lang singen wir fast das gesamte Weihnachtsliederheftchen durch, der Pfarrer ist sehr cool, und wir erfahren, dass Finnlands einziger Kantor, der sowohl Orgel spielen als auch Dampflok fahren kann, unser Singen begleitet, und er antwortet mit einem sehr echt klingenden Dampflokpfeifen von der Orgelempore.

23:30 Uhr: Die Kinder sind jetzt dermassen bettreif, dass sie direkt vom Flur ins Bad ins Bett gescheucht werden müssen. Wir wollten doch noch Bowle trinken, beschwert sich der kleine Herr Maus. Und er wolle eigentlich noch bis in die Nacht mit seinen Weihnachtsgeschenken spielen.

Hör zu, kleiner Herr Maus, sage ich, als ihm schon fast die Augen zufallen, zum Glück fängt Weihnachten ja gerade erst an.


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kolmesataakolmekymmentäyhdeksän

Als wir am Dienstagabend mit den letzten paar noch nicht abgeholten Kindern vom Spielplatz zum Hort zurückliefen und mir dabei die 339 entgegenkam, freute ich mich sehr.

Nicht nur über die 339. Auch darüber, dass ich bis zu den Sommerferien nur noch einen Arbeitstag hätte. Und auf den Mittwoch. Auf den hatte ich mich schon seit Wochen gefreut; schon seit ich wusste, dass ich dank der Kollegin, die nur als Stundenkraft angestellt ist, aber auch schon im April während meines letzten Praktikums mehr Stunden für mich übernommen hatte und jederzeit flexibel ist, dank unserer zuverlässigen Dienstag-und-Mittwoch-Ehrenamtsdeutschen und dank des Zivis, den wir seit Ende April haben und der aus vielerlei Gründen für alle im Hort gut ist, an der Abschlussfeier in meiner Schule teilnehmen kann.

Der Mittwoch fing dann aber damit an, dass ich um vier mit rasenden Kopfschmerzen aufwachte und erstmal ins Bad wankte, um eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Ich habe das seit der Sache mit der Schulter öfter, und normalerweise gibt sich das wieder, wenn ich erstmal aufgestanden bin, einen Kaffee getrunken habe und mich bewege. Leider war mir diesmal wegen der Schmerzen und wegen der Tablette auf nüchternen Magen so schlecht, dass ich bis zum Weckerklingeln um halb sieben nur noch minutenweise schlief. Mich nochmal eine Stunde aufs Ohr zu hauen, wenn die Kinder in die Schule gegangen wären, war auch keine Option, denn der Herr Picasso hatte einen ArztWerkstatttermin, der sowieso schon nur zu schaffen war, indem ich ihn früh hinfahren und der Ähämann einen Zug eher heimfahren und ihn wieder abholen würde. Der erste Schluck Kaffee kam auch direkt wieder raus. Danach ging’s aber tatsächlich aufwärts. Ich schickte also das Fräulein Maus in die Schule, fragte den grossen Herrn Maus, der sowieso krank war und zu Hause bleiben würde, nach seinen Frühstückswünschen, packte schon mal meinen Krempel zusammen und ging den kleinen Herrn Maus wecken. Der allerdings lag im Bett und wimmerte, hutschte ins Bad, rollte sich direkt wieder auf dem Badteppich zusammen und erklärte mir, er hätte links in der Brust ganz schlimme Schmerzen, und er könne auch gar nicht tief einatmen. Ich sah meine Abschlussfeier für mich schon im Krankenhaus stattfinden, aber immerhin ging in der Notaufnahme sofort jemand ans Telefon, wurde ich sofort weiterverbunden und entschied die Krankenschwester am anderen Ende nach eingehender Abfrage aller Symptome, dass es vermutlich ein Muskelkrampf wäre und wir ihm zuerst mal ein Schmerzmittel geben sollten, und der kleine Herr Maus, der am Abend zuvor Schmetterlingsschwimmen geübt hatte, sagte auch gleich, ja, genau, an der Stelle hat es schon beim Training gezogen. In die Schule konnte er so allerdings trotzdem nicht gehen, also musste ich noch schnell wilmaen und ausserdem warten, bis das Schmerzmittel wirkte, und noch eine Weile ein Auge auf den kleinen Herrn Maus haben, ob es wirklich nichts Schlimmeres ist. Der Ähämann bot sich an, in Tampere direkt wieder in den Zug nach Turku einzusteigen, aber zwei Zugstunden Entfernung sind eben zwei Zugstunden Entfernung, und der Ähämann ging dann doch wenigstens für ein paar Stunden auf Arbeit, die Herren Maus blieben gemeinsam zu Hause, und ich verliess mit dem Herrn Picasso doch noch halbwegs pünktlich das Haus.

Weil so schönes Wetter war und ich anderthalb Stunden Zeit hatte, beschloss ich, den ganzen Weg von der Werkstatt zu laufen, denn ich hätte sowieso nur drei Haltestellen Bus fahren können. (Als ich aber an der Haltestelle noch schnell meinen Rucksack ein bisschen umpackte, kam da die Elektro-1 lautlos an die Haltestelle gerollt und wollte mich mitnehmen, obwohl ich gar nicht gewinkt hatte, und meistens ist das ja genau umgekehrt.) Und dann lief ich durch maiglöckchenduftenden Wald und an der Waschmittelfabrik vorbei und dann musste ich mal ganz dringend und machte einen kurzen Umweg über die Schule, an der ich mal einen ganz schrecklichen Finnischkurs hatte, und die Sonne schien und der Sprosser sang und die Kopfschmerzen waren ganz weg, nur die Müdigkeit nicht und das Gefühl von Watte im Kopf, das ich von Ibuprofen immer kriege, auch nicht.

Aber egal. Abschlussfeier!

Das haben die Finnen nämlich echt drauf. Ich hatte hier in Finnland ja immerhin eine wirklich feierliche Doktorfeier, aber des Ähämanns Doktorarbeit fand in Deutschland mit einer halbstündigen Befragung durch ein eher genervtes Prüfungskomitee und – und auch das nur, weil er liebe Kollegen hatte – einer Grillparty auf dem Institutshof seinen Abschluss. Unsere Diplomzeugnisse durften wir uns seinerzeit ohne weiteres Aufhebens von einer mürrischen Dekanatssekretärin in – immerhin! – Goethes Inspektorhäuschen abholen. Und mein Abitur war trotz Abiball auch nicht sonderlich feierlich.

Ausgedehnte Abschlussfeierlichkeiten waren das jedenfalls gestern. Mit Gottesdienst und Segnung der Absolventen für den Beruf – ähnlich der Schulanfängersegnung – in der nahegelegenen Kirche, mit gemeinsamem Mittagessen, anschliessendem Festakt mit Zeugnis- und Rosenübergabe und abschliessendem Kaffeetrinken und Torteessen.

Und zum ersten – und vermutlich einzigen – Mal in meinem Leben wurde für mich das Suvivirsi gesungen. ♥

Ich bin so froh, dass ich dabei sein konnte.

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Weihnachten wie immer

„Nein, Mama, wir wollen alles so machen wie immer!“, protestierten drei Kinder, als ich vorschlug, dieses Jahr vielleicht nicht mehr zum Kindergottesdienst zu gehen, sondern ein bisschen später zu einem anderen.

Unser Weihnachten war also wie immer: mit Weihnachtsfriedensverkündung, Milchreis (der unterm Federbett quillt in unserem Bett schläft, während wir weg sind) zum Mittagessen, Kindergottesdienst, Geschenken unterm Baum und Weihnachtssauna.

Und mit -10 Grad und Schnee!!!
(Und das ist sehr viel mehr, als wir an einem „Weihnachten wie immer“ erwarten dürfen!)

Mein schönster Moment des Tages – neben dem, als alle schon aus der Kirche hinausströmten und der Organist noch in der kerzenbeleuchteten Kirche Händels „Ave Maria“ spielte – war dann auch, nach der Sauna dampfend auf der Bank im verschneiten Garten neben dem schneebedeckten, funkelnden Weihnachtsbaum zu sitzen.


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13. Dezember

Gestern Abend waren wir schon wieder auf der überübernächsten Insel: in der Waldkirche.

Die dortigen Pfadfinder hatten den Weg mit Kerzen beleuchtet und läuteten die „Glocken“ der Kirche – der Altar ein moosbewachsener Felsen, das Kreuz aus zwei unbearbeiteten Fichtenstämmen – die wir schon lange hörten, während wir bergauf durch den dunklen, stillen Wald stapften. Die Pfarrerin erzählte eine kurze Geschichte über drei Engel und den Weihnachtsbaum, wir sangen vier Weihnachtslieder, es war genau kalt genug und der Wald duftete nach nassem Moos und harzigen Fichten. Danach gab’s Pfefferkuchen und Glögi am nahegelegenen Gutshaus.

Wie schön die Adventszeit hier ist! <3

Am schönsten aber war, dass wir alle drei Kinder dabeihatten. Das kommt nämlich neuerdings gerade nicht so oft vor.


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9. Dezember

Heute wurde es zwar gar nicht erst hell, dafür aber waren wir Weihnachtslieder singen.

Da wir letztes Jahr endlich drauf gekommen sind, dass man nicht nur im Dom schöne Weihnachtslieder singen kann, haben wir beschlossen, dieses Jahr jede Gelegenheit zu nutzen: zu singen – und neue Kirchen kennenzulernen.

Heute waren wir auf Kakskerta, der überübernächsten Insel – es gibt hier in drei Himmelsrichtungen nächste, übernächste und überübernächste Inseln; heute also die überübernächste Insel, die noch zum Stadtgebiet von Turku gehört – auf der wir schon seit bestimmt zehn Jahren nicht mehr waren.

Im Jahr 1686 zogen die dortigen Fischer eines Tages einen Rekordfang an Land. Dankbar beschlossen sie, an der Stelle eine Kirche zu errichten. Der Erlös der einhundert Fässer Fisch, die sie auf dem Turkuer Markt verkauften, bildete den Grundstock zur Finanzierung des Kirchenbaus. Kriege und Missernten verzögerten den Baubeginn, schliesslich wurde eine preiswerte Holzkirche errichtet. Aber die Inselbewohner hielten an ihrer Idee einer richtigen Steinkirche fest. Der Gutsherr von Kakskerta gab Geld und stellte das Baugrundstück zur Verfügung, die Inselbewohner arbeiteten auf der Baustelle. 1769 war ihre Steinkirche endlich fertig. Direkt am Meer und so auch von noch weiter entfernten Inseln gut mit Kirchbooten zu erreichen.

So schön. Nächstes Wochenende möchte ich bitte wieder Weihnachtslieder singen gehen.