Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Finnisierung XLV

Am Freitag waren wir alle gemeinsam im Kino.

Neu für die Kinder dabei war: sie waren zum ersten Mal in einem Film in Originalsprache mit finnischen (und schwedischen) Untertiteln.

Filme werden hierzulande üblicherweise nicht synchronisiert, nur Kinderfilme für ganz Kleine. Manch einer behauptet, die Lesekompetenz der finnischen Schulkinder sei nicht auf das super Schulsystem, sondern auf die Untertitel im Fernsehen zurückzuführen, und ich halte das für nicht ausgeschlossen.

Jedenfalls hatte das Fräulein Maus von ihrem Geburtstag noch einen Kinogutschein, der demnächst abgelaufen wäre, und hatte sich den neuen „König der Löwen“ dafür ausgesucht, und dann ergab es sich, dass natürlich die ganze Familie mitwollte. Das Fräulein Maus recherchierte Kinozeiten, und irgendwie hatten wir uns dann auf eine Vorstellung festgelegt, die, ups, Englisch mit Untertiteln war. (Den „König der Löwen“ hätte es auch auf Finnisch gegeben.)

Es machte aber genau gar nichts: alle können lesen, alle können ein bisschen Englisch. Im Gegenteil, mir hat der Film gleich nochmal so gut gefallen, weil ich synchronisierte Filme üblicherweise ganz furchtbar finde: auf Deutsch, weil da immer alle so gehetzt sprechen müssen, und auf Finnisch, weil ich da die Stimmen immer völlig unpassend finde. (Überhaupt hat er mir dreimal besser gefallen als das Original, weil ich persönlich Zeichentrickfilmen so gar nichts abgewinnen kann.)

Sehr finnisch war auch, dass die drei Geschwister, die gemeinsam mit dem Bus in die Stadt kamen, während der Ähämann direkt vom Bahnhof und ich direkt von Arbeit zum Kino radelten, erst noch den benachbarten Süssigkeitenladen aufsuchten und sich jeder eine kleine Tüte lose Süssigkeiten abwogen und eine Flasche Limo kauften und die dann wie professionelle Kinogänger auspackten und auf ihren Armlehnen aufbauten. Ich finde dieses GefresseEssen und Geknurpse und Tütengeraschel im Kino ganz furchtbar, aber angesichts der Tatsache, dass ich auch direkt von Arbeit kam, bin ich vorher auch nochmal in einem Laden eingekehrt, und es war dann doch sehr gemütlich so.

Hinterher liefen wir gemeinsam zur Haltestelle und fuhren nach Hause um die Wette: die Kinder mit dem Bus, der Ähämann und ich mit dem Fahrrad. „Wir sind schon da!“, riefen wir Eltern an der Endstelle. (Und zwar schon seit fünf Minuten.)

[Finnisierung I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, VIIIa, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII, XIX, XX, XXI, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, XXVIII, XXIX, XXX, XXXI, XXXII, XXXIII, XXXIV, XXXV, XXXVI, XXXVII, XXXVIII, XXXIX, XL, XLI, XLII, offizielle, XLIII, XLIV]


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Neulich im Kino

Vor drei Wochen war ich im Kino.

Das kommt selten genug vor. Aber als der Ähämann irgendwann im September mit den Worten: „Dein finnisches Lieblingsbuch gibt’s demnächst als Film!“ aus dem Kino zurückkam – wir gehen oft einzeln ins Kino, wegen Keiner-da-der-inzwischen-die-Kinder-hütet und noch mehr wegen oft unvereinbarem Filmgeschmack – da war mir klar, dass ich den unbedingt sehen will.

Fast hätte es nicht geklappt. Kurz vor der Premiere nämlich kam es zu einem Streit zwischen Produktionsfirma und Finnkino, der quasi einzigengrössten Kinokette in Finnland.

Das ist ja sowieso irgendwie traurig: als wir hierherzogen, gab es in Turku noch zwei grosse, zu jeweils einer Kette gehörende Kinos sowie ein kleines, unabhängiges, in dem ich z.B. mit der finnischen Freundin nochmal „Good bye Lenin“ geguckt habe oder mit dem Damals-noch-nicht-Ähämann „Gegen die Wand“, in den wir gingen, weil wir dachten, super – denn hier werden Filme nicht synchronisiert – verstehen wir mal alles… und dann über weite Strecken, in denen nur Türkisch gesprochen wurde, auf die finnischen Untertitel angewiesen waren, die uns zum damaligen Zeitpunkt noch keine grosse Hilfe waren. Seit Jahren jedoch schon gibt es nur noch eins, das hier fröhlich die Preise und das Programm diktieren darf. (Und vielleicht gehe ich auch deshalb so selten ins Kino.)

Die Produktionsfirma jedenfalls cancelte in der Woche vor der Premiere alle Verträge mit Finnkino. Und das war prima, denn sonst hätte ich noch lange nicht von dem ganz neuen, kleinen Kino am Rande der Stadt erfahren.

Man glaubt es ja kaum, aber ausser zwei Vorschauen auf ebenfalls finnische Filme kam vor dem Film überhaupt keine Werbung! Nicht eine einzige! Fünf Minuten nach offiziellem Vorstellungsbeginn war der Film schon angelaufen!

Der Film selbst hat mir übrigens auch gefallen. Man hätte den sehr viel dramatischer, aber genauso auch sehr viel klamaukiger machen können – aber das Drehbuch hat da genau wie die Romanvorlage einen sehr herzerwärmenden Mittelweg gefunden.

Ein bisschen irritierend fand ich, dass das Baby immer die teuersten Klamotten anhat und die Wohnung der Pasanens immer so durchdesignt aussieht, obwohl ja im Buch sehr realistisch dargestellt wird, wie Antti – plötzlich alleinerziehend und alleinverdienend, noch dazu in so nicht geplanter mindestens einjähriger Elternzeit – nicht nur physisch und psychisch, sondern auch ganz konkret finanziell ins Schwimmen kommt. Während der Buch-Paavo deshalb hauptsächlich Sachen aus dem Stadtteil-Second-Hand-Laden trägt, ist der Film-Paavo stets trendbewusst in Mützchen, Bodys und Schneeanzüge der teuren schwedischen Kinderbekleidungskette gehüllt, die den Film allerdings grosszügig – und wir sprechen hier ja schliesslich nicht von Hollywood, sondern einer eher kleinen, finnischen Produktionsfirma – gesponsert hat.

Und mir ging der Film zu schnell. Ein ganzes Jahr in 84 Minuten zu pressen scheint ja sowieso schon kaum möglich. Ich fand zwar, dass die Auswahl der Ereignisse, die im Film gezeigt, und der, die weggelassen wurden, sehr gelungen ist, aber was mir gefehlt hat, sind die im Buch so ausführlich beschriebenen Charaktere und zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Frauen, mit denen Antti Tag für Tag, bei jedem Wetter auf der langen Bank auf dem Spielplatz hockt, die bleiben im Film alle ganz farblos: „Einkaufstüten-Julia“, die alle für eine Kassiererin im Supermarkt halten und die in Wahrheit Ärztin ist, das aber verschweigt, weil sonst alle von ihr erwarten würden, dass sie mal eben nebenher auf dem Spielplatz Diagnosen abgibt. Die „Müde Linda“, die Frau eines Eishockeyprofis, die es sich leisten könnte, sich Tag und Nacht bei der Betreuung ihrer Kinder von einem Kindermädchen unterstützen zu lassen, aber ihre eigenen Gründe hat, warum sie sich ganz allein um ihre Kinder kümmert und so müde ist, dass sie meist mit geschlossenen Augen auf der langen Bank sitzt. Die „Pinke Janita“, die selbst noch ein halbes Kind ist und gerade innerhalb kürzester Zeit zum zweiten Mal ungewollt schwanger geworden ist. Mir fehlten im Film ihre langen Gespräche, in denen sie wie nebenher von ihren Beziehungen, ihren Geburten, ihrer Langeweile und Einsamkeit während der Elternzeit berichten, während sie Rotznasen abwischen, Kinder von der Schaukel heben oder Sandspielzeug zusammensuchen, bevor sie schnell nach Hause eilen müssen, damit das Kind rechtzeitig Mittagessen bekommt. Nur der Satz, der auch im Buch die Perspektive wieder geraderückt, hat es auch in den Film geschafft:

„Und jetzt denkst du, du bist ein Held, Antti Pasanen, weil du dich ein Jahr lang um ein Baby kümmerst und auf dein eigenes Leben verzichtest und jeder Tag wie der andere ist?! Was glaubst du eigentlich, was wir alle hier machen?!“


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Tatu und Patu, live und in Farbe, quasi

Während das Fräulein Maus und der Ähämann gestern den ganzen Tag auf Wettkampfreise waren und es in Turku den ganzen Tag regnete und stürmte, gingen die Herren Maus und ich endlich mal wieder ins Kino.

Wir sind ja alle grosse Fans von Filmen mit echten Schauspielern, und überraschenderweise ist „Tatu und Patu“, der ja auf den tollen gezeichneten Büchern beruht, so einer. Und das ist kein bisschen seltsam, sondern ganz wunderbar.

Tatus und Patus Erfindungen kommen natürlich auch im Film zum Einsatz – der Monstervertreiber, der Fussbodenputzanzug, die Haarwuchsmaschine… und ohne die Menschenmeerrettungsweste gäbe es vielleicht kein Happyend.

Der Film ist ausserdem für Erwachsene mindestens genauso lustig wie für Kinder.
Und er spielt in Helsinki! <3

Die Filmevorschau vor dem Film war übrigens gut – ich weiss jetzt, dass wir "Petterson und Findus" eher nicht angucken werden, aber sicher den neuen Teil von "Onneli und Anneli".

Erwähnte ich schon, dass ich finnische Kinderfilme sehr, sehr mag?!