Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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kolmesataaseitsemänkymmentäseitsemän, kolmesataaseitsemänkymmentäkahdeksan

Oder: Was hier so los war in den zwei Wochen nach den Herbstferien.

Traditionell bekommt der kleine Herr Maus nach den Herbstferien seine neongelben Anzippdinger an den Ranzen – nach den Skiferien können sie dann wieder ab – und fast hätten wir uns dazu hinreissen lassen, den Herren Maus sonntagabend noch schnell Spikereifen auf die Räder zu machen. Wir entschieden uns dann dagegen, weil es nach den beiden kalten Nächten – die dann nicht mal so kalt waren wie vorhergesagt und demzufolge die Radwege auch nicht glatt – jetzt vermutlich wieder etliche Wochen dauern wird, bis man eventuell das nächste Mal Spikereifen brauchen wird.

Weil es immer noch keine richtige Frostnacht gegeben hat und nach Aila auch keinen richtigen Herbststurm mehr, sind noch ziemlich viele gelbe Blätter an den Bäumen, die normalerweise bei uns nach den Herbstferien – Herbstferien in Estland sind immer so eine Gnadenfrist – schon komplett kahl sind. Das tut gut, vor allem an den Tagen, an denen es unter der Wolkendecke erst gar nicht richtig hell wird und ich den ganzen Tag denke, ich hätte versehentlich die Sonnenbrille auf.

Letzten Montag fuhr ich auf dem Heimweg noch am Baumarkt vorbei, um einen mittelgrossen S-Haken zu kaufen. Die Haken waren komplett ausverkauft. Es ist ja jetzt die Zeit, wo alle wieder Laternen in die Bäume und vor ihre Haustüren hängen. (Der Ähämann hatte aber, das wusste ich nicht, noch einen zu Hause rumliegen, also hätte ich den unnötigen Umweg gar nicht machen müssen – ausser natürlich, um auf dem Weg vom Baumarkt nach Hause einer 377 zu begegnen.)

Auf Arbeit haben wir direkt nach den Herbstferien damit begonnen, die Erst- und Zweitklässler in getrennten Räumen zu betreuen. Darüber nachgedacht hatten wir schon länger, aber da sich in der Schule alle immer noch lockerlustig vermischen dürfen, hatten wir es noch aufgeschoben. Es macht keinen Spass – aber was muss, das muss, und lieber sind wir mit allem zwei Schritte voraus – siehe Maskentragen – als zwei Schritte hinterher.

Letzten Freitag überraschte mich der Ähämann nach der Arbeit neben meinem Fahrrad wartend mit Kaffee in der Thermoskanne, selbstgebackenen Waffeln und Schlagcreme, und wir setzten uns damit in den kleinen Park neben dem Fahrradständer. Mal wieder ausgehen wäre schön, aber wenn man hierzulande in fast keinem Restaurant und keinem Café mehr draussen sitzen kann, muss man sich eben so behelfen.

Seit der Zeitumstellung – die letzte, hatte man uns ja eigentlich versprochen, aber wer will sich im Moment mit solchen Lappalien befassen – ist es gefühlt noch dunkler geworden als in der Woche zuvor, denn jetzt stehen wir nicht nur im Stockfinstern auf, sondern ich komme auch erst im Stockfinstern wieder nach Hause. Ich bin so froh, dass ich jeden Mittag zwei Kilometer durchs Stadtzentrum wandern und jeden Nachmittag mindestens eine Stunde auf Spielplätzen herumstehen muss und wenigtens ein bisschen Tageslicht sehe! (Oder mir eben dabei die 378 über den Weg fährt.)

In der Schule der Herren Maus gab es diese Woche den ersten Coronafall. Leider gibt es offensichtlich grosse Unterschiede zwischen den Schulen – denn während es in der Schule des Fräulein Maus noch am gleichen Tag eine Pressemitteilung gab, alle Eltern per Wilma-Nachricht benachrichtigt wurden und alle Klassen am nächsten Tag für zwei Wochen auf Fernunterricht umstiegen, erfuhren wir diesmal eher nebenher und überhaupt erst mit vier Tagen Verzögerung davon, und für alle ausser die, die in Quarantäne müssen, läuft der Unterricht ganz normal weiter. Finde ich jetzt nicht ganz so lustig.

Am Donnerstag hatte sich übrigens die finnische Gesundheitsbehörde vorsichtig positiv geäussert, weil sich die Kurve der Neuinfektionen in den letzten zwei Wochen deutlich abgeflacht hatte. Aber wie alle Mütter wissen, die jemals laut ausgesprochen haben, dass ihr Kind jetzt durchschläft, kam es, wie es kommen musste: am Freitag wurde eine Rekordzahl an Neuinfektionen (sowohl in Turku als auch in ganz Finnland) innerhalb der letzten 24 Stunden verkündet.

Trotzdem sieht es in Finnland noch vergleichsweise gut aus.

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206, 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222, 223, 224-225, 226, 227, 228, 229-230, 231, 232, 233, 234, 235, 236, 237, 238, 239, 240, 241, 242, 243, 244, 245,246, 247, 248, 249-250, 251, 252, 253, 254, 255, 256, 257, 258, 259, 260, 261, 262, 263, 264, 265, 266, 267, 268-269, 270, 271, 272, 273, 274, 275, 276, 277, 278-279, 280-281, 282, 283, 284-285, 286, 287, 288, 289-290, 291, 292, 293-294, 295, 296, 297-298, 299, 300, 301, 302-303, 304, 305, 306, 307, 308, 309, 310-311, 312, 313, 314-315, 316, 317-318, 319, 320, 321-322, 323, 324, 325, 326, 327, 328, 329, 330, 331-332, 333, 334, 335, 336-337, 338, 339, 340, 341, 342, 343-344, 345, 346, 347, 348, 349, 350, 351, 352, 353-355, 356, 357, 358, 359, 360, 361, 362, 363, 364, 365, 366-367, 368, 369, 370, 371, 372, 373, 374-375, 376]


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Zweisprachig vorlesen

Seit ich im Hort arbeite, lesen wir jeden Tag zweisprachig vor. Immer abwechselnd jeweils einen Abschnitt – oder manchmal auch nur ein, zwei Sätze – erst auf Deutsch, dann auf Finnisch.

Es ist aber gar nicht so einfach, passenden Lesestoff zu finden.

Nicht alle Kinderbücher gibt es natürlich in beiden Sprachen. Und selbst wenn, kann die Übersetzung noch völlig schlecht und ungeeignet sein. „Petterson und Findus“ ist auf Finnisch nicht halb so lustig wie auf Deutsch. „Latte Igel“ ist so frei übersetzt, dass ganze Abschnitte in einer anderen Reihenfolge oder ganz weggelassen sind. Von der „Kleinen Hexe“, die wir in einer ganz neuen, überarbeiteten Auflage besitzen, war in der Bibliothek auf Finnisch nur eine uralte Version aufzutreiben, in der in einem Kapitel wilde Neger und blutrünstige Chinesen vorkamen, was die Kollegin dann ohne Vorwarnung auf der Stelle irgendwie umimprovisieren musste. Und in der finnischen Version von „Mini muss in die Schule“ hat Mini am ersten Schultag statt einer Zuckertüte ein Proviantpaket dabei. Ein Proviantpaket! Wo sogar unsere finnischen Deutschklässler*innen eine Zuckertüte bekommen!

Nebenher muss es sich natürlich auch noch um für Erst- und Zweitklässler*innen geeigneten Lesestoff handeln. Und entweder muss ich das Buch auf Deutsch zu Hause haben und die Bibliothek das gleiche Buch auf Finnisch, oder die Bibliothek das Buch in beiden Sprachen. Alle zwei Jahre könnten wir die Bücher natürlich auch wieder von vorn lesen, aber ich will beim Vorlesen schliesslich auch ein bisschen Spass haben…!

Deswegen habe ich mich so gefreut, als ich zufällig über den Blog von Heidi Viherjuuri, einer in Köln lebenden finnischen Autorin, gestolpert bin – diese spiegelverkehrte Sicht auf die Dinge finde ich nämlich immer sehr spannend – und dann dort gesehen habe, dass sie nicht nur genau solche Kinderbücher schreibt, von denen wir mehr gebrauchen könnten für unsere Hortkinder, sondern dass es die sogar auch auf Deutsch gibt.

Und grossartig, wie unsere Bibliothek ist, brauchte es nur einen Online-Buchanschaffungsvorschlag, und schwupps, waren die ersten zwei Hilja-Bücher auf Deutsch – und das Weihnachtsbuch, das auf Deutsch gerade erst erschienen ist, kommt auch noch – für die Turkuer Bibliothek bestellt und für mich reserviert.

Vorgestern haben wir angefangen vorzulesen.

Und schon auf der zweiten Seite musste ich sehr lachen.

Tanja Küddelsmann hat das Buch übrigens so wunderbar fast wortwörtlich übersetzt, ohne dass die Sprache darunter leidet, wie man es sich für unsere Zwecke nur wünschen kann. Und das Allerbeste ist: es gibt einen Saunawichtel in der deutschen Fassung, keinen Saunaelf. Jetzt kann ich mich uneingeschränkt auf „Hilja und der Weihnachtszauber“ vorfreuen!


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Urlaub!

Mit einer Woche Verspätung habe ich jetzt auch Sommerferien.

Die vergangene Arbeitswoche war allerdings sehr befriedigend: wir haben tonnenweise Bücher ausgemistet, Bürosedimente von Jahrzehnten geordnet und alte, abgeschrabbelte Kindergartengarderoben in hübsche, weisse Garderobenfächer für die neuen Hortkinder verwandelt.

Am Ende der Ferien müssen wir nur noch unsere Schränke wieder einräumen und darauf warten, dass die Hortkinder die Räume mit neuem Leben erfüllen. Ich freu‘ mich jetzt schon auf Mitte August. (Aber erstmal sehr viel mehr auf die nächsten acht Wochen, die ich gemeinsam mit den Kindern komplett freihabe.)

Diese Sommerabende mit dem wunderbaren Licht, wegen denen ich immer ein bisschen wehmütig bin, wenn wir im Sommer „nach Europa“ fahren – weil man eigentlich keinen einzigen davon verpassen möchte – versöhnen mich übrigens gerade sehr damit, dass wir dieses Jahr hierbleiben werden.


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Sommerferien minus 1

Finnland hat 6776 bestätigte Coronafälle.

Er kam dann doch sehr plötzlich, der letzte Schultag.

Nicht, dass wir vorher nichts gemacht hätten, aber irgendwie ist es schon sehr komisch, nach nur zweieinhalb Wochen Schulen die Sommerferien zu beginnen.

Immerhin das Wetter stimmte.

Die beste Chefin und ich waren ein bisschen wehmütig. Weil wir keines der Hortkinder umarmen konnten. Und weil wir uns vom Grossteil der Zweitklässler, die ja nach den Sommerferien grosse Drittklässler, die keine Nachmittagsbetreuung mehr brauchen, sein werden, nicht einmal verabschieden konnten. Zwei Jahre sind eine lange Zeit, und diese kleinen Schulanfänger wachsen einem ans Herz, während sie zu grossen, selbstständigen Fast-Drittklässlern werden.

Im Laufe des Nachmittags trafen rührselige Wilma-Nachrichten von den Klassenlehrerinnen der Mäusekinder ein, mit Rückblicken auf dieses seltsame Schuljahr.

Um vier war das letzte Kind abgeholt, wir packten die letzten Spielzeugkisten und die Taschen mit Bällen und Springseilen in unsere Autos und fuhren sie nach zwei Jahren zurück in unsere alten Horträume. Uff.


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Sommerferien minus 3

Oder: kolmesataakuusikymmentäkahdeksan

Finnland hat 6692 bestätigte Coronafälle.

Weil für unseren Geschmack unsere Vorstellung von Abstandsregeln der Schulhof der Grundschule heute viel zu voll war, als die ersten Hortkinder aus der Schule kamen, zogen wir um auf den Hof der gegenüberliegenden Oberschule, wo wir bis vor kurzem unseren Hortraum hatten.

Wenn die Schule wegen des Schimmelproblems jetzt endlich abgerissen würde, wäre das kein Verlust. Im Gegenteil. Es ist so ungefähr die hässlichste und heruntergekommenste Schule der Stadt.

Aber sie hat ganz sicher den allerschönsten Schulhof.

Es dauerte keine halbe Minute, bis sich alle auf Felsen verteilt hatten und die ersten Kinder Äste schleppten.

Wir holten auch die Kiste mit dem Vesper dorthin, und dann kam endlich doch so ein bisschen Kurz-vor-den-Sommerferien-Gefühl auf.

(Auf dem Heimweg überholte mich die 368.)

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206, 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222, 223, 224-225, 226, 227, 228, 229-230, 231, 232, 233, 234, 235, 236, 237, 238, 239, 240, 241, 242, 243, 244, 245,246, 247, 248, 249-250, 251, 252, 253, 254, 255, 256, 257, 258, 259, 260, 261, 262, 263, 264, 265, 266, 267, 268-269, 270, 271, 272, 273, 274, 275, 276, 277, 278-279, 280-281, 282, 283, 284-285, 286, 287, 288, 289-290, 291, 292, 293-294, 295, 296, 297-298, 299, 300, 301, 302-303, 304, 305, 306, 307, 308, 309, 310-311, 312, 313, 314-315, 316, 317-318, 319, 320, 321-322, 323, 324, 325, 326, 327, 328, 329, 330, 331-332, 333, 334, 335, 336-337, 338, 339, 340, 341, 342, 343-344, 345, 346, 347, 348, 349, 350, 351, 352, 353-355, 356, 357, 358, 359, 360, 361, 362, 363, 364, 365, 366-367]


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Sommerferien minus 15

Finnland hat 6228 bestätigte Coronafälle.

Die Eisheiligen haben uns fest im Griff. Als ich früh das Rollo hochzog, fielen dicke, weisse Flocken vom Himmel. Der Garten war schon mit einer dünnen weissen Decke überzogen. Später kam die Sonne raus, aber wesentlich wärmer wurde es nicht.

Mein Arbeitsoutfit besteht derzeit also wieder aus Winterschuhen, Thermoleggins, Wollkniestrümpfen, Anorak, Mütze und Handschuhen. Und Handdesinfektionsflasche natürlich.

Mit nur zehn Kindern im Hort ging das alles prima. Und die Zeit vergeht irgendwie viel schneller, seit wir nur draussen sind und uns der Rhythmus von reinkommen und rausgehen fehlt. Ausserdem fehlte das Freitagsgefühl. Ich habe acht von zehn Kindern mit „Bis morgen!“ statt „Schönes Wochenende!“ verabschiedet, als ich ihnen die letzte Portion Käsidesi des Tages auf die Handflächen pumpte.

Das Fräulein Maus hatte vormittags den letzten Mathetest des Schuljahres. Er fand für alle elektronisch statt; für die, die in der Schule waren, genauso wie für die, die bis zu den Sommerferien nicht mehr in die Schule zurückkehren werden.

Am Ende des Tages gab es übrigens die aktuellen Zahlen, wieviele Kinder tatsächlich nicht zum Präsenzunterricht erschienen sind: je nach Stadt und Region zwischen 5 und 25%. Das ist, vor allem angesichts des Drucks, der vorher gemacht wurde, doch recht viel. (In die Turkuer Kindergärten zum Beispiel kehrten sogar nur 55% der Kindergartenkinder zurück, obwohl es auch da seit Donnerstag keine Empfehlung mehr gibt, sein Kind zu Hause zu lassen.)

Ich bin immer noch der Meinung, man hätte das alles gestaffelter ablaufen lassen können, statt alle Kinder von 0 bis 16 auf einmal zurück in Kindergarten und Schule zu schicken. Aber gerechter und für alle sinnvoller als das deutsche „dritte Klassen montags und mittwochs 8 bis 10, sechste Klassen dienstags 12 bis 15 und achte Klassen jede zweite Woche von 10 bis 14“ finde ich es mittlerweile schon. Allerdings hätte man hier auch einfach bei Fernunterricht bleiben können, so prima wie der lief. (Was inzwischen auch durch Umfrageergebnisse unter Viert- bis Zwölftklässlern untermauert und nicht mehr nur meine subjektive Wahrnehmung ist.) Egal. Wir sind die nächsten drei Monate raus.

Abends hatte der kleine Herr Maus zum ersten Mal seit neun Wochen wieder sowas wie normales Training. Nur einfaches Fitnesstraining im Freien, aber immerhin gemeinsam: in Kleingruppen von neun Kindern und einer Trainerin. Die städtischen Schwimmhallen sind noch mindestens bis Juni geschlossen, aber des kleinen Herrn Maus‘ Schwimmverein hat jetzt Zeiten in Turkus kleinster Schwimmhalle reserviert, da wird er jetzt einmal in der Woche für eine Stunde mit seiner Kleingruppe endlich wieder schwimmen können.

Der abendliche Blick in die Nachrichten ist erfreulich: Finnland scheint erneut seine Coronastrategie geändert zu haben; selbst die Gesundheitsbehörde, die vor zwei Wochen noch der Meinung war, der Epidemieverlauf in Finnland sei bisher zu langsam gewesen, hält es jetzt doch für machbar, die Infektionszahlen auf nahezu Null zu drücken. Mal sehen, wie es zu Sommerferienbeginn nach zwei Wochen Schule aussieht.


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Sommerferien minus 16

Finnland hat 6154 bestätigte Coronafälle.

Der Wecker klingelte heute eine halbe Stunde eher als in den letzten acht Wochen. Der grosse Herr Maus musste um acht in der Schule sein. Fröhlich radelte er von dannen.

Das Fräulein Maus stand auf wie immer, hatte dann aber nicht viel zu tun, weil die Hausaufgaben für den Tag immer erst nach der jeweiligen Unterrichtsstunde ins Wilma kommen. Ausserdem hatte sie die ersten zwei Stunden Handarbeiten, und ihr Handarbeitsprojekt für dieses Halbjahr ist abgeschlossen. Sie fand es gewöhnungsbedürftig, dass sie um acht nicht vorm Laptop sitzen musste. Stattdessen war schon vormittags Zeit zum Harfeüben. Auch nicht schlecht.

Der kleine Herr Maus wachte aussergewöhnlich zeitig auf und fing sofort nach dem Frühstück an mit Arbeiten. Seine Lehrerin schickt weiterhin Tagespläne wie in den letzten acht Wochen. Der Unterschied ist, dass der kleine Herr Maus jetzt nach seinem eigenen Zeitplan arbeiten darf. Wie erwartet war er nach einer Stunde fertig: zu einem Zeitpunkt – weil er heute eine halbe Stunde früher angefangen hatte als sonst – zu dem die anderen, wie er vermutete, gerade erstmal bis zur Belehrung über die Schul-Coronaregeln vorgedrungen waren und noch gar nicht mit Unterricht angefangen hatte. Dann spielte er ein bisschen Klavier und entwarf und baute die nächsten anderthalb Stunden etwas Tatu-und-Patu-Mässiges aus Lego Duplo.

Dann musste ich auf Arbeit. Am Flussufer sassen die Leute in der Sonne, aber brav an verschiedenen Enden der Bänke. Am Kaffeefahrrad hatte sich eine kleine Schlange mit grossen Lücken gebildet. Zwei ältere Frauen unterhielten sich mit Stoffmaske vorm Mund.

Im Hort lief alles nach Plan. Das mag aber hauptsächlich daran gelegen haben, dass wir gerade mal dreizehn Kinder hatten. (Was ich so von der Schule gesehen habe, fand ich weniger überzeugend. In Zweierreihe, dem Vordermann jeweils fast in die Ferse tretend, wand sich zum Beispiel eine Klasse aus dem Speisesaal durchs enge Treppenhaus zu ihrem Klassenzimmer. Hm.) Die beste Chefin hatte sich lauter Spiele ausgedacht, die man mit Abstand spielen kann. Ich rannte den Kindern mit der Handdesinfektionsflasche hinterher. Der Zivi putzte den ganzen Nachmittag Bälle, Springseile und Reifen, bevor sie den Benutzer wechselten. Wir verbrachten keine Minute drin, sondern assen sogar draussen. Die Kinder sassen mit ihrer Pirogge und ihrem Pillimehu wie die Hühner auf der Stange – aber mit viel grösseren, gleichmässigen Abständen – auf dem Mäuerchen in der Mitte des Schulhofs. Und alle gingen viel früher als sonst nach Hause.

Noch bevor ich heimkam, waren die Medien voll von Berichten über tausende glückliche Schüler*innen, die endlich wieder in die Schule durften. Ich war gespannt, was der grosse Herr Maus zu berichten haben würde.

Nun. Als ich heimkam, teilte mir der grosse Herr Maus als erstes mit, er fühle sich krank – und er sah auch wirklich ganz schlecht aus; er war offensichtlich völlig unter Stress und in Panik – und er gehe morgen nicht wieder in die Schule, weil ausser ihm keiner auf Abstandsregeln achte, da könne er soviel er wolle versuchen, den anderen aus dem Weg zu gehen. Ach, Kind.

Der Tag endete mit dem Stellen eines dritten Antrags auf Freistellung von der Schule bis zu den Sommerferien. Er wurde umgehend genehmigt.


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Coronaklausur, Tag 56

Finnland hat 6003 bestätigte Coronafälle.

Obwohl der grosse Herr Maus dasjenige unserer Kinder ist, das unbedingt wieder in die Schule will, hat er sich doch gefreut, als die erstmal für vier Wochen gedachten Schulschliessungen schon recht bald bis zum 13. Mai verlängert wurden. „Dann muss ich an meinem Geburtstag noch nicht in die Schule!“, jubelte er.

Schon der zweite Geburtstag, an dem wir alle gemeinsam aufstehen, dem Geburtstagskind ein Lied singen, beim Geschenkeauspacken zugucken und gemeinsam frühstücken konnten, ohne dass einer schon mal los musste in die Schule. Sehr schön.

Der grosse Herr Maus jubelte über alle seine Geschenke – die kleinen, die grossen, die, die gar nichts gekostet hatten, und die teureren – gleichermassen. Das Fräulein Maus hatte ihm ein Rätselbuch gebastelt und der kleine Herr Maus ganz allein einen Dinosaurier aus Holz ausgesägt und bemalt. Die Patentante schickte ein Geschenk, das nicht besser sowohl zu ihr als auch zum Beschenkten passen könnte. ♥

(Ich selbst musste auch gleich noch vorm Frühstück ein paar Seiten darin lesen.)

Fast ein Geburtstagsgeschenk war auch die Wilma-Nachricht seiner Klassenlehrerin an den grossen Herrn Maus und uns Eltern, in der sie ihn jetzt am Ende der acht Wochen Fernunterricht ausführlich dafür gelobt hat, dass er sich immer aktiv an den Unterrichtsstunden per Videochat beteiligt hat, dass er keine Stunde verpasst hat, dass er immer pünktlich seine Aufgaben eingereicht hat, wie selbstständig er in der Zeit geworden ist. „Du, ich und wir alle haben viel gelernt in dieser Zeit – falls wir nochmal so eine Situation haben werden, dann sind wir gut darauf vorbereitet. Danke für deine Flexibiliät und deinen Fleiss, ich bin stolz auf dich!“ Jedem einzelnen ihrer 18 Schüler*innen hat sie so eine ganz persönliche Nachricht geschickt! Ich war sehr gerührt, und der grosse Herr Maus leuchtete von innen.

Dann auf Arbeit geradelt – dank Pankratius mit Sonnenbrille, Sonnencreme, Mütze, Handschuhen und Anorak – und gemeinsam mit der besten Chefin weitere Feinplanungen vorgenommen. Viele Emails von Eltern beantwortet und mich gefreut über ein Lob für unser „professionelles Engagement“. Da wir alle ja nichts weiter an die Hand bekommen haben als diese grandiosen offiziellen Hygieneregeln, ist in den letzten beiden Wochen recht deutlich geworden, dass es Rektoren, Lehrer, Kindergarten- und Hortbetreuer*innen gibt, die sehr durchdachte und detaillierte Pläne haben, und andere, die… eher keine Pläne haben. Es wird… spannend ab Donnerstag.

Hinterher fuhr ich auf dem Markt vorbei, um ein Bund dringend benötigte Zwiebeln zu besorgen, ohne dafür in den Supermarkt zu müssen – leider vergebens, und das liegt eher nicht an Corona. Grmpf.

Als ich heimkam, waren die Herren Maus mit einem der Geburtstagsgeschenke des grossen Herrn Maus draussen unterwegs. Das Fräulein Maus hatte sich mit ihrer besten Freundin zum gemeinsamen Joggen verabredet. Sie rannte durch unseren Wald, die beste Freundin an einem mittelfinnischen See entlang.

Abends letzte Klavier- und Klarinettenstunde für den kleinen Herrn Maus. Das Schuljahr ist wirklich fast um.


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Coronaklausur, Tag 17

Finnland hat 1615 bestätigte Coronafälle.

Der grosse Herr Maus hatte heute früh als erstes wirklich einen Mathetest, online. Der Ähämann zog für seine tägliche 9-Uhr-Videokonferenz mit den Kollegen extra ins Wohnzimmer, damit der grosse Herr Maus sich besser konzentrieren kann. War aber halb so wild, denn nach einer halben Stunde war der grosse Herr Maus schon fertig mit dem für zwei Stunden (!) angesetzten Test. „Und wie wird das kontrolliert, dass du dir dabei nicht helfen lässt? Oder einen Taschenrechner benutzt oder sowas?“, fragte ich ihn. „Sie vertraut uns, hat unsere Lehrerin gesagt“.

Ich hatte heute meinen wöchentlichen Leider-muss-ich-doch-mal-unter-Leute-Tag.

Zuerst Arbeit. Den Hortkindern vorlesen neuen Vorlesestoff aufnehmen.

Dann den Einkauf für die nächsten mindestens sieben Tage erledigen. Lidl war eine gute Entscheidung. Der ist bei Finnen eher verpönt und war dementsprechend leer an Menschen und voll an Waren. Ausserdem gingen sich fast alle höflich aus dem Weg, Kinder und Partner blieben im Auto, und der Sicherheitsabstand wurde auch hinter der Kasse noch eingehalten. Das war letzte Woche im Prisma leider komplett anders.

Ja, es schneit.

Zu Hause war miese Stimmung. Die Herren Maus hatten akuten Lagerkoller. Der grosse Herr Maus wütete, weil wir ihm untersagten, seine Freunde rauszuholen und versicherte uns, er würde es ganz sicher keine sechs Wochen mehr nur mit seinen Geschwistern aushalten. Der kleine Herr Maus weigerte sich, fürs Training den Schlafanzug auszuziehen und schloss sich dann wütend im Bad ein, weil der Ähämann schon mal alles fürs Ferntraining vorbereitete und der kleine Herr Maus befüchtete, seine Mannschaftskameraden hätten ihn jetzt doch im Schlafanzug gesehen. Später nahm er doch noch teil – in Sportklamotten – und hatte hinterher ausreichend gute Laune, um sich an seine Deutschhausaufgabe, die er gestern verweigert hatte, zu setzen. Die gute Laune hielt allerdings nur fünf Minuten an, bis ihm das Schreiben – er übt jetzt Schreibschrift, die hier ja nicht mehr gelehrt wird, und fand die Deutschhausaufgaben eine gute Gelegenheit, sie anzuwenden – zu mühselig wurde, woraufhin Heft, Stift und seine gesamte Elefantenfamilie quer durch die Wohnung flogen.

Das Fräulein Maus räumt und putzt derweil zum Zeitvertreib, und langsam frage ich mich, ob wir uns Sorgen machen müssen, wenn sie, weil sich in ihrem Zimmer kein Staubkörnchen mehr findet, anfängt, die Leihharfe von zwanzig Jahre lang angesammeltem Staub in irgendwelchen unzugänglichen Ritzen zu befreien.

Es ist für alle schwer.