Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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60 m2 Mai

Als wir vor zehn Jahren hier einzogen, befanden sich im Garten hinterm Haus eine halbtote Eberesche, ein mannshohes Weihnachtsbäumchen und eine kahle Rasenfläche voller Zigarettenkippen.

Es ist erstaunlich, wie einfach man so einen toten Garten zum Leben erwecken kann, wenn man ein paar dem hiesigen Klima angepasste Bäume, Büsche, Nutzpflanzen und Blumen pflanzt, den Rasen länger als 3 cm hoch wachsen lässt und nicht jedes wilde Pflänzchen, das sich von allein in den Garten verirrt hat, auf der Stelle niedermetzelt.

Ich könnte von früh bis abends wie so eine dicke Hummel von Blüte zu Blüte ziehen und vor Glück brummen.


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Sommerferien minus 6

Finnland hat 6579 bestätigte Coronafälle.

Wir sind jetzt wieder bei den „Egal wie das Wetter ist, abends kommt noch für ein paar Stunden die Sonne raus“-Sommerabenden angekommen.

Weil es den ganzen Tag geregnet hatte, beschlossen wir, abends die Sauna anzumachen, und dann war das so ein Abend, an dem die Kinder in Badehose von der Sauna in die Hängematte und auf die Schaukeln auf dem Spielplatz rennen und an dem es auf der Gartenbank so warm ist, dass man erst nach einer halben Stunde wieder in die Sauna reingeht.

Wir haben wieder Saunabier.
(Die 10% sind nicht der Alkoholgehalt!)

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Presseschau.

Die erste Strassenbahn wurde gestern vom Werk in Kajaani knapp 600 km über Landstrassen nach Tampere gefahren.


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Sommerferien minus 9

Finnland hat 6493 bestätigte Coronafälle.

Heute war der erste Tag in dieser Woche, an dem ich nicht gefroren habe.

Das lag aber auch nur daran, dass ich nicht den halben Tag auf zugigen Schulhöfen und Sportplätzen herumstehen musste, sondern den ganzen Tag auf unserer windgeschützten Gartenbank sitzen und den Hummeln beim Nektarsammeln, den Blaumeisen beim Jungefüttern, dem Rhabarber beim Wachsen und den Gänseblümchen, den Tulpen, den wilden Veilchen und dem Löwenzahn beim Blühen zusehen konnte.

Die Herren Maus sind in ein italienisches Fertighaus umgezogen. Besuch und Post kamen auch schon.


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Coronaklausur, Tag 51

Finnland hat 5673 bestätigte Coronafälle.

Die Druckmittel, sein Kind am 14. Mai für gerade mal elf Tage statt erst Mitte August wieder in die Schule zu schicken, nehmen von Tag zu Tag – wahrscheinlich korrelierend mit der Menge an eingehenden Anträgen auf Freistellung oder Homeschooling – groteskere Züge an.

Angeblich wollte man ja die Schulen so dringend wieder öffnen, weil so viele Kinder es zu Hause nicht mehr aushalten und so viele Eltern Entlastung brauchen. Tja nun. Sehr viele Eltern sind offensichtlich anderer Meinung. Und die Kinder könnte man ja auch mal fragen: wir jedenfalls haben ein Kind, das aus Angst, sich selbst oder uns anzustecken, auf gar keinen Fall in die Schule will, eins, das auf jeden Fall in die Schule will, und eins, das schon wollen würde, aber unter diesen Bedingungen lieber nicht. Und diese Entscheidungen werden wir Eltern nach bestem Wissen und Gewissen unterstützen.

***

Heute war Sonnenbrandwetter mit eisigem Nordwind. Zum Glück hatten wir keine Radtour geplant. Nachdem ich meine Arbeit erledigt hatte – neuerdings gehe ich meinem Broterwerb ja eher vormittags nach als nachmittags – zog ich für den Rest des Tages in unseren windgeschützten Garten um, misstrauisch aus dem Weihnachtsbaum beäugt von einem Ringeltaubenpaar. (Familie Blaumeise in der Untermietwohnung hat schon piepsende Junge!) Die Komposterde, von der wir wundersamerweise immer ziemlich genau so viel produzieren wie wir brauchen, wartet jetzt gesiebt und abgefüllt auf Tomaten und Gurken.

Ausserdem wurden im Garten Deutschhausaufgaben erledigt, Klarinette geübt und der neue Sonnenschirm ausgepackt. Aber den Wind könnte jetzt trotzdem jemand mal wieder abstellen.


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Coronaklausur, Tag 35

Finnland hat 4014 bestätigte Coronafälle.

Der Ähämann war gestern Abend zum ersten Mal seit neun Tagen wieder Lebensmittel einkaufen. Er kam erst nach zehn wieder heim, danach verstaute er noch eine halbe Stunde die Einkäufe nach einem ausgeklügelten, mittlerweile ganz gut etablierten System. Wie ich mich freue auf die Zeit, wenn wir uns die ersten Tage nach einem Einkauf in unserer Küche endlich nicht mehr verhalten müssen wie damals im Labor beim Mikrobiologiegrundpraktikum…!

Wir gingen zu spät ins Bett. Zum Glück hatte das Fräulein Maus heute eine Stunde später Schule und auch wir Eltern konnten bis um acht schlafen!

Kurz nach neun fühlte ich mich wie im Grossraumbüro: vier Personen murmelten gleichzeitig in ihre digitalen Endgeräte.

Die beste Chefin rief mich erst mittags altmodisch auf dem Handy an. Bis dahin gab ich mein Bestes, den dieses Jahr ausfallenden Tag der offenen Tür in unserem Hort, den wir normalerweise Anfang Mai für die zukünftigen Erstklässler und ihre Eltern veranstalten, durch einen ansprechenden Flyer zu ersetzen. Und mir natürlich ein Wissenschaftsdienstagsexperiment aus den Fingern zu saugen. (Das Heureka hat da ein paar nette Sachen auf seiner Seite.)

Ansonsten brach heute der Sommer aus, und zumindest ein Teil der schulbildungspflichtigen Kinder zog zumindest für den analogen Teil des Schultags in den Garten um.

Auch Mittagessen gab es auf der Terrasse. Nach und nach entledigten wir uns eines Kleidungsstücks nach dem anderen. Früh waren die Autos auf dem Parkplatz vorm Haus noch bereift gewesen, nachmittags liefen wir barfuss durch den Garten.

Wir holten zum ersten Mal dieses Jahr die Sonnencreme raus, und wo ich vor ein paar Monaten noch gedacht hatte: vielleicht haben wir es ein bisschen übertrieben mit der Vorratshaltung, wo wir doch im Juni guten und preiswerten Nachschub kaufen können, bin ich jetzt froh, dass wir gleich mehrere Tuben im Schrank stehen haben. An Sonnencreme wird es uns nicht mangeln diesen Sommer. (An festem Shampoo, an Bierbrause, an Spee, Fit und vor allem an einem neuen Fahrrad für den grossen Herrn Maus dagegen schon.)

Um drei schnappte sich der grosse Herr Maus seine „1,2 oder 3“-Tasche und sprang zur Buswendeschleife. Seine Lehrerin brachte Schulmaterialien: Arbeitsblätter, grosses, dickes Papier für die nächsten Kunstarbeiten, bei Bedarf auch Bücher aus der Schulbibliothek und Hefte, Bleistifte oder Radiergummis. Dem kleinen Herrn Maus brachte sie auf unsere Bitte hin ein paar Hefte mit einer Speziallineatur mit, die es im Supermarkt nicht gibt. Und für jeden hatte sie eine persönliche Karte gebastelt.

Ich habe das dann jetzt jedenfalls endlich mal zum Anlass genommen, mich bei allen drei Klassenlehrerinnen ausführlich dafür zu bedanken, dass unsere Kinder in diesen Zeiten in Finnland zur Schule gehen Unterricht haben dürfen.


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Coronaklausur, Tag 30

Finnland hat 3369 bestätigte Coronafälle.

Der Schultag begann mit einem Geschichtstest für den grossen Herrn Maus und einem Mathetest für den kleinen Herrn Maus. Das Fräulein Maus zeigte dem kleinen Herrn Maus, der das noch nie gemacht hatte, wie er seinen fertigen Test im Teams hochladen kann. Den grossen Herrn Maus interviewte ich nochmal dazu, wie denn die Ehrlichkeit der Prüflinge gewährleistet wird, und er berichtete, wenn man nicht weiterkäme, dürfe man auch das Buch zu Hilfe nehmen, aber wenn man gar nichts gelernt hätte, dann wisse man ja auch gar nicht, wo man nach passenden Informationen suchen müsse. Die Kinder werden am Ende dieser Zeit so viel gelernt haben! Weit über den Lehrplan hinaus.

Nachmittags fanden in zwei Kinderzimmern längere Facetime-Sesssions mit den jeweiligen besten Freund*innen statt. Es war sehr lustig, aus dem einen Zimmer Finnisch und aus dem anderen Deutsch zu hören. Die beiden telefonierenden Mädchen räumten gemeinsam ihre Zimmer auf, die beiden telefonierenden Jungs stellten unter Anderem fest, dass sie beide das gleiche Kunstprojekt in der Schule im Fernunterricht gemacht hatten.

Ich räumte derweil die Ostersachen weg.

Irgendwie stelle ich von Jahr zu Jahr mehr fest, dass mir Ostern nicht so… äh… liegt. Das mag hauptsächlich an den finnischen Rahmenbedingungen liegen – die umgekehrt vermutlich auch erklären, warum Weihnachten hier fast genauso schön ist wie da, wo ich herkomme. Dass den Kindern Weihnachten auch wichtiger ist als Ostern, merkten wir übrigens neulich, als eins der Kinder etwas über unser – auch aus dem Erzgebirge stammendes – Hasenpaar sagen wollte und von „Engel und Bergmann“ sprach.

Aber jetzt: sommerwärts!

Hinten: zukünftige Möhren, Radieschen und Salat.
Vorne: Stachelbeeren in Startlöchern.

Ansonsten bin ich inzwischen ein bisschen müde, Leuten immer wieder… äh… grundlegende Dinge über das Wesen der Coronapandemie zu erklären. (Nein, man braucht kein Biologiestudium, um die zu verstehen. Dachte ich zumindest bisher.) Vor allem werden wir ganz sicher nicht, was immer die finnische Boulevardpresse dazu zu sagen hat, in absehbarer Zeit einfach da weitermachen, wo wir Mitte März aufgehört haben. Ich bin da ganz bei meinem Lieblingsministerpräsidenten.


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Sisu-Glöckchen

Darf ich vorstellen? Das Sisu-Glöckchen:

Schneeglöckchen gedeihen in Finnland nicht so richtig. Wir haben schon unendlich viele Schneeglöckchenzwiebeln an allen möglichen Stellen verbuddelt. Für immer und ewig.

Und jetzt streckt dieses eine nach Jahren einfach so seine grünen Ärmchen in die Luft, trotzt allen Widrigkeiten – zuletzt noch, als es schon ein paar Zentimeter über den Boden ragte, einer schneefreien Frostnacht mit -12 Grad – und bimmelt zart im Frühlingswind. <3

(Vielleicht hat ihm der wunderbare Rekordsommer genausoviel Kraft gegeben wie mir.)