Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Entschleunigung

Oft beginnen hier die Weihnachtsferien ja erst am Tag vor Heiligabend.

Ich finde das sehr anstrengend. Die Kinder sind vor Weihnachten immer so aufgeregt, dass dieses Wir-müssen-uns-zu-Beginn-der-Ferien-erst-wieder-dran-gewöhnen-von-früh-bis-abends-zusammenzusein mit besonders viel Gezänk und Gezeter verbunden ist und erst am zweiten Weihnachtsfeiertag allmählich abklingt. (Soviel zum Thema Weihnachtsfrieden…) Ausserdem ist überhaupt keine Zeit, sich noch ein bisschen in Ruhe auf Weihnachten vorzufreuen.

Dieses Jahr ist es besser. Die Ferien fingen schon fünf Tage vor Heiligabend an! Rekord!

Heute riss uns halb zehn das Klingeln des Paketboten aus dem Ferienschlaf. Nach dem Frühstück spielten wir verkehrte Welt packte der Ähämann seinen Arbeitslaptop und eine Portion eingefrorenes Mittagessen ein und radelte zu meinem Arbeitsplatz, um seit langer Zeit mal wieder in Ruhe arbeiten zu können. Die Kinder und ich widmeten uns den Rest des Tages zeitaufwändigen Weihnachtsvorbereitungen.

Gegen Abend gingen uns der Zuckerkleber und die gelbe und rote Lebensmittelfarbe aus. Der grosse Herr Maus sprang beflissen auf sein Fahrrad und radelte zum nächstgelegenen Supermarkt, wo leider alle dieses Dinge ausverkauft waren. Aber was soll’s. Morgen ist auch noch ein Ferientag. Welch ein Glück!


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Skiferien 2020, Tag 5

Den fünften Ferientag verbrachten wir im Museum.

Es regnete, stürmte, und die Enten an der Stromschnelle, auf die sich die Kinder so gefreut hatten, waren auch nicht da. Ein Winter ohne Schnee und Eis ist eben Mist, aus allen erdenklichen Gründen.

Ein perfekter Tag fürs Museum also. Zunächst aber gingen wir mit dem Ähämann mittagessen, in der Hoffnung, dass wir es dieses Jahr länger im Museum aushalten würden und es nicht wegen knurrender Mägen vorzeitig verlassen müssten.

Aber ach…!

Das Vapriikki – oder „diese Museumssammlung“, wie der kleine Herr Maus zu sagen pflegt – ist ebenso wunderbar wie viel zu gross für einen halben Tag. In den Hallen einer ehemaligen Maschinenfabrik befinden sich das Postmuseum, das Eishockeymuseum, ein Naturkundemuseum, ein Mineralienmuseum, das Spielemuseum, ein Museum über den Bürgerkrieg in Tampere – in das man aber nicht mit Kindern gehen soll – ein Medienmuseum sowie mindestens zwei Wechselausstellungen: dieses Jahr eine über Tampere als Theaterstadt und eine über das alte Rom.

Allein im Spielemuseum könnte man den ganzen Tag zubringen, weil man dort jede Menge Computer- und Automatenspiele – von den ersten in den 1970ern entwickelten bis zu den aktuellsten – ausprobieren darf.

Wir spielten ausserdem – passend zu den diesjährigen Skiferien! – Eishockey im Simulator, krochen durch einen engen Gang, um uns das Leben in der Stromschnelle von unten anzugucken, versuchten uns im Morsen von Texten, lasen Briefe berühmter Finnen, guckten uns im Postkino einen Film über die finnische Post zu ungefähr der Zeit, als ich das erste Mal nach Finnland kam, an, der mich die ganze Zeit seufzen liess, denn damals war die finnische Post tatsächlich noch schnell, zuverlässig und hatte eine Filiale in jedem kleinsten Ort. Zum Schluss spielten mir die Kinder – zu dritt kann man ja schon was auf die Beine stellen – ein kleines Theaterstück vor, für das nicht nur die Bühne bereitstand, sondern auch verschiedenste Verkleidungen sowie ein Licht- und Tonmischpult.

Dann hatten die Kinder es gerade so geschafft, alle im Museumskomplex zu findenden Objekte abzuhaken, bis wir wirklich allerspätestens losmussten.

Mit kurzem Zwischenstopp im Waffelcafé im kleinsten Steinhaus von Tampere eilten wir zum Bahnhof.

***

Bahnfahren.

Während wir auf unseren Zug warteten, sah ich zum ersten Mal eine Sr3 in echt. Hm, ja. Muss ich mich erst noch dran gewöhnen, an den Anblick.

Ansonten fühlten wir uns diesmal durchsagenmässig ein bisschen wie auf der „Nils Dacke“, auf der die Nächte sowieso schon immer so kurz sind, aber auf der man noch eine halbe Stunde mit Durchsagen in vier Sprachen wachgehalten wird.

Wir fahren mit fünf Wagen, wir halten dort und dort und dort, ich bin Konduktööri Ville, bitte schon mal die Fahrkarten in der App öffnen, ich komme gleich kontrollieren, das Kaffeewägelchen fährt durch den Zug, bitte keine mitgebrachten alkoholischen Getränke konsumieren, in Turku ist es glatt auf dem Bahnsteig, Vorsicht!

Man kann sie dennoch nur lieben für ihre Informationspolitik, die finnische Bahn. Highlight diesmal – Durchsage vom Schaffner beim Halt in Toijala: „Wir müssen noch auf Passagiere aus dem Süden warten. Es wird ungefähr zehn Minuten dauern und der andere Zug wird am Gleis gegenüber halten, falls also jemand frische Luft schnappen möchte, wäre jetzt eine gute Gelegenheit dazu.“

Am Tisch gegenüber machte ein junger Mann Deutschaufgaben. Irgendwann beugte er sich über den Gang zum Fräulein Maus und fragte sie auf Finnisch, ob sie ihm mal die eine Aufgabenstellung erklären könne. Konnte sie.


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Im Weihnachtsbaumwald

Seit heute morgen 10 Uhr – wegen Zeugnisausgabe grundsätzlich samstags mit Eltern – haben wir Ferien. Ich habe meine Flunssa vom 1. Advent über den ganzen Erzgebirgsurlaub verschleppt, es nieselt und wird den ganzen Tag nicht richtig hell, und ich fühle mich gerade so, als ob ich bis zum 7. Januar einfach durchschlafen möchte.

(Der kleine Herr Maus baute sich auch direkt nach der Zeugnisausgabe ein Deckenlager im Wohnzimmer, nahm seinen Riesenriesig in den Arm und schloss die Augen. Leider kam dann das Fräulein Maus von ihrer Zeugnisausgabe heim, woraufhin der kleine Herr Maus wieder hochschnipste und ein paar Stunden später von uns zu einem Mittagsschlaf gezwungen werden musste.)

Während alle Welt in die Einkaufszentren strömte, fuhren wir in den Wald. Wir sind spät dran dieses Jahr mit einem Weihnachtsbaum, aber im Weihnachtsbaumwald muss man sich nicht mit einem übriggebliebenen, schon seit Wochen ohne Wasser herumstehenden Kümmerling begnügen. Wir fanden eine ganz perfekte mittelgrosse Fichte, die wir morgen schmücken werden, und die ganz sicher auch in diesem Jahr wieder bis zum 13. Januar bei uns bleiben darf.

Im Wald war’s schön. Trotz Nieselregen und Finsternis war ich dort für eine Stunde kein bisschen müde.


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Herbstliche Verschnaufpause

„Freust du dich schon auf die Herbstferien?“, fragte die Zahnärztin den grossen Herrn Maus, als ich mit ihm am Donnerstag mal wieder in der Lieblingszahnklinik war. Er nickte heftig. „Na, nur noch morgen Schule…“, sagte die Zahnärztin, und dann musste ich sie leider unterbrechen und sagen „Schön wär’s…!“, denn wir Turkuer haben auch in diesem Schuljahr wieder nur Donnerstag und Freitag frei.

Wir freuen uns alle sehr auf die Ferien, denn wir werden auch in diesem Jahr wieder das Beste draus machen. Aber wir fühlen uns diesmal nicht wie Marathonläufer kurz vor dem Ziel, sondern eher wie vor der Rast auf einer kleinen Wanderung durch sonnige Herbstwälder.

Nämlich. Das Fräulein Maus, das im Frühljahr zwischen der völlig verrückten Trainingsmenge von fünfmal die Woche mindestens drei Stunden von einer nicht völlig auskurierten Infektion zur nächsten und von einer Verletzung zur nächsten gestolpert ist, hat ungefähr im März beschlossen, dass sie nach der Saison aufhören möchte. Das war keine leichte und auch emotional eher schwierige Entscheidung: weil dieses Turnen genau ihr Ding ist, weil die Mannschaft so gut war, dass sie überall Medaillen abgeräumt haben – und weil der Flohzirkus ihre allerbesten Freundinnen waren.

Aber aufzuhören, wenn es am schönsten ist, ist ja nicht das Verkehrteste, und die Entscheidung sehr erleichtert hat dann letztendlich die Tatsache, dass ihre Mannschaft nach dem Sommer wegen ungünstiger Altersunterschiede sowieso komplett auseinandergenommen worden wäre.

Jedenfalls hatten wir schon lange keine Sommerferien mehr so ganz für uns – ohne Sommertraining und ohne schlechtes Gewissen, weil wir eben aus Gründen im Juni wegfahren und nicht wie alle anderen im Juli. Spätestens da hat sich die Entscheidung richtig angefühlt.

Seit Schuljahresbeginn geht das Fräulein Maus ein- bis dreimal in der Woche zum Training in rhythmischer Sportgymnastik, weil sie ganz ohne Turnen eben doch nicht kann, aber jetzt kann sie genau so viel oder wenig trainieren, wie es sich für sie gut anfühlt – ohne den Zwang, bei jedem Training dabeizusein, weil es sonst der ganzen Mannschaft schadet.

Das hat sich übrigens auch positiv auf den kleinen Herrn Maus ausgewirkt, der ja seit dem Frühjahr auch viermal in der Woche Training hat – und seit September neben Klavier auch noch Klarinette spielen lernt – der geht jetzt nämlich auch nur dreimal in der Woche zum Training, weil die Montagszeit für uns einfach nicht machbar ist, und er lässt auch mal ohne schlechtes Gewissen das Training am Sonntag oder Freitagabend ausfallen, wenn wir da schon irgendwas anderes vorhaben.

Der grosse Herr Maus hat mit Klavierspielen aufgehört und geht jetzt endlich – das hat er sich seit vielen Jahren gewünscht – zum Klettern, und sowohl zum Klettern als auch zu den Pfadfindern fährt er allein mit dem Fahrrad oder mit dem Bus. Gefahren werden muss eigentlich nur noch der kleine Herr Maus, der praktischerweise Klavier- und Klarinettenstunde am selben Platz und direkt hintereinander hat, wonach passenderweise das Fräulein Maus gleich noch von der Musiktheorie eingesammelt werden kann.

Jedenfalls haben wir jetzt sogar manchmal alle gemeinsam einen ganzen Abend frei, und das Fräulein Maus hat jetzt wieder Zeit zum Hausaufgabenmachen, zum Harfeüben, um zum Deutschunterricht zu gehen – oder um stundenlang Dinge für die Halloweenparty zu basteln, die sie für ihre Freundinnen aus ihrer alten Mannschaft geben will.

Das Beste an den diesjährigen Herbstferien ist, dass wir uns nicht mit letzter Kraft durch die letzten Schul- und Arbeitsstunden auf sie zuschleppen.

Das Allerbeste aber an den diesjährigen Herbstferien ist, dass sie die letzten sein werden, die nur vier Tage lang sind. Ab nächstem Schuljahr haben endlich auch wir Turkuer eine ganze Woche Herbstferien!


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Wollsocken im Klassenzimmer (5)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend. Heute aus aktuellem Anlass.

Wie lange haben finnische Kinder Ferien?

Diese Frage ist schnell beantwortet: Finnische Kinder haben sowohl unheimlich wenig als auch unheimlich viel Ferien.

Das Schuljahr zieht sich manchmal wie Kaugummi. Das Herbsthalbjahr beginnt Mitte August und endet ein, zwei Tage vor Heiligabend. Mitte Oktober gibt es, je nach Gemeinde, zwei bis fünf Tage Herbstferien. Das Frühlingshalbjahr beginnt im besten Fall erst nach dem Feiertag am 6. Januar, im schlimmsten schon am 2. Januar, und endet Ende Mai. Mitte Februar gibt es eine Woche Skiferien – die Skiferien sind übrigens die einzigen Ferien, die gestaffelt stattfinden, weil da alle sehr viele Familien entweder nach Lappland fahren oder in den Süden fliegen – und dann gibt es noch Karfreitag, Ostermontag, Vappu und Himmelfahrt. Einzelne Tage, wohlgemerkt – unsere Schule allerdings lässt die Kinder immer den Freitag nach Himmelfahrt an einem Samstag vorarbeiten, was wenigstens noch ein langes Wochenende ergibt – und Pfingstmontag ist auch kein Feiertag in Finnland.

Aber dann: Sommerferien von Anfang Juni bis Mitte August! Zehn Wochen mindestens; bei uns in Turku – wir bezahlen das dann mit zwei Tagen statt einer ganzen Woche Herbstferien – elf Wochen! Schier unendlich!

(Die Kinder singen tatsächlich zum Schuljahresende immer – ausser dem Suvivirsi natürlich – das Lied von den warmen, unendlichen Ferien.)

Aber es geht auch nicht anders. Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der man sich nicht in drölfzig Kleidungsschichten hüllen muss. Es sind die drei Monate im Jahr, in denen man abends einfach nicht ins Bett gehen kann, weil die Sonne die halbe Nacht scheint und das Abendlicht so schön ist, und in denen tatsächlich kein finnisches Kind vor zehn ins Bett geht. „Bis um Mitternacht aufbleiben“ heisst für unsere Kinder: Silvester. Oder Juhannus. Oder „Wenn wir Besuch haben im Sommer“.

Es ist schon okay so, mit den Ferien, wie es hier ist.

Und immer hat man zusätzlich noch die Möglichkeit, auch ausserhalb der Ferien freizunehmen. Es gibt keine Schulpflicht, nur eine Bildungspflicht in Finnland, und so kann man sein Kind mit Genehmigung des Klassenlehrers bis zu drei Tage oder mit Genehmigung des Rektors auch länger von der Schule freistellen lassen. Was übrigens auch für Lehrer gilt: die Lehrerin des grossen Herrn Maus war dieses Jahr zehn Tage im März auf Teneriffa im Urlaub, und der Lehrer des Fräulein Maus macht manchmal ein langes Wochenende bei seiner Freundin in Stockholm. (Was auch deswegen ganz unproblematisch ist, weil es genügend Vertretungslehrer gibt. In den neun Schuljahren, die unsere Kinder insgesamt schon in der Schule verbracht haben, ist noch nie eine einzige Stunde ausgefallen.)

In diesem Sinne: wir fangen unsere Sommerferien schon heute Abend an, eine Woche vor offiziellem Ferienbeginn. Und wenn wir von vier Wochen Reise zu all unseren Lieblingsplätzen „in Europa“, an denen wir schon länger nicht mehr waren, zurückkommen, werden wir immer noch unendliche acht Wochen Ferien vor uns haben.

Ich bin unendlich froh und dankbar dafür!

***

Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester


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Jeden Tag eine gute Tat

Immer am Donnerstag nach Weihnachten gehen die Pfadfinder die vielen, vielen Grabkerzen, die hier nicht nur zu Allerheiligen, sondern auch am Heiligabend auf den Friedhof gebracht werden, einsammeln.

Wir gehen immer, wie viele andere, mit der ganzen Familie hin, und in allerhöchstens einer Stunde ist die ganze Sache erledigt. Obwohl jedes Mal zwei riesige Container mit Plastemüll und zwei Mülltonnen voller Blech zusammenkommen.

Hinterher Abstecher zur Bibliothek, heisses Bad, weiter mit Ferien.


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Jähes Ende

Als wir uns am Neujahrsmorgen gegen 0:40 Uhr von den letzten Nachbarn, die noch so lange vor dem Haus ausgeharrt und mit ihren und unseren Kindern auch noch die allerletzten Vorräte an Knallfröschen und Feuerrädern gezündet hatten, verabschiedeten, sagte der eine grinsend zu unseren Kindern: „Gute Nacht! Und morgen geht’s wieder in die Schule!“

Solche Art Scherze sind nicht ihr Humor. Sie diskutierten lange erbost darüber, ob man „morgen“ sagen dürfe, wenn man doch noch zweimal schliefe.

Als heute früh um 6:35 Uhr der Wecker klingelte, war mir jedoch auch das Lachen vergangen.

(Nächstes Jahr wieder Weihnachtsferien bis zum 7. Januar. Gott seis getrommelt und gepfiffen!)