Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Nördlich der dritten Welle

Gestern klingelte bei uns seit langem der Wecker zum ersten Mal wieder um 6:10 Uhr. (Grässlich!) Das Fräulein Maus ging nach fünf Wochen Distanzunterricht – geplant waren anfangs drei, dann wurde nochmal um die zwei kurzen Wochen vor und nach Ostern verlängert – zum ersten Mal wieder in die Schule. Für die nächsten drei Wochen wird sie nach jeweils zwei Präsenzschultagen einen Distanzunterrichtsschultag haben. Die Klassen werden dabei nicht geteilt, aber es ist jeweils eine ganze Klassenstufe weniger in der Schule.

Finnland gibt sich übrigens gerade optimistisch, dass bis Juli alle Erwachsenen, die das wollen, geimpft sein können, und vielleicht sogar bis zum Beginn des nächsten Schuljahres schon alle Teenager. Das wäre prima! Nachdem wir ein Jahr lang wie hypnotisierte Kaninchen die steigenden Fallzahlen oder Inzidenzwerte angestarrt haben, finde ich es gerade sehr angenehm, täglich die aktuellen finnischen Impfzahlen anzugucken. (Und die Hochrechnung, an welchem Tag bei der derzeitigen Impfrate eine 70%-ige Durchimpfung der Bevölkerung erreicht sein wird. Das ist zur Zeit immer irgendein Tag im August.)

Dieser Impfneid allerorten – „Warum ist der vor mir dran?“, „Wieso darf die sich denn schon impfen lassen?“ – nervt mich übrigens unsäglich. Abgesehen davon, dass wir natürlich alle am liebsten möglichst bald selbst geimpft sein wollen, senkt doch jeder Einzelne, der schon geimpft ist, indirekt auch mein eigenes Infektionsrisiko. Ist es wirklich zu viel verlangt, statt seines eigenen Bauchnabels mal das grosse Ganze angucken?! Die finnische Regierung hat sich übrigens strikt gegen einen Impfpass, der schon Geimpften den Besuch von Veranstaltungen, Restaurants oder Museen erlauben würde, ausgesprochen, weil das gegen das Prinzip der Gleichbehandlung aller verstossen würde. (Grosse Finnlandliebe dafür, schon immer.)

Was eigentlich aus den geplanten Ausgangsbeschränkungen geworden ist? Die hat aus dem gleichen Grund der Grundgesetzausschuss des Parlaments gekippt. Wenn man private Feiern – die zuletzt der Hauptgrund für das Ansteigen der Fallzahlen waren – verhindern will, kann man nicht pauschal allen Bürgern ein Grundrecht entziehen, sondern muss gezielt dagegen angehen. Was ich sage.

Die Zahlen in Finnland sinken übrigens tatsächlich wieder. Es freut mich sehr, aber andererseits bin ich ein bisschen entsetzt, dass es reicht, Restaurants und Fitnessstudios zu schliessen. Ich wäre sehr froh über eine Beschränkung unserer vielen unfreiwilligen Sozialkontakte gewesen, denn freiwillige Kontakte haben wir alle doch sowieso schon zur Genüge reduziert. Dachte ich. Aber gut. Immerhin sind die Finnen Meister im Sich-an-Coronaregeln-Halten.


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Jeden Tag ein Fensterchen (4)

Wir hatten uns zu früh gefreut: natürlich fällt der letzte Schultag nicht einfach aus, nur weil die Kinder Fernunterricht haben.

Die Herren Maus hatten ihre Zeugnisausgabe letzte Schulstunde heute um neun, das Fräulein Maus halb zehn. Der Wecker klingelte trotzdem erst halb neun, denn der Schulweg war denkbar kurz. Die Achtklässlerin huschte im Schlafanzug vor ihren Schullaptop, um der Weihnachtsansprache ihres Rektors zu lauschen. Der kleine Herr Maus kam zehn nach neun schon wieder aus seinem Zimmer und verkündete: „So. Fertig. Ferien.“ Dann überlegte er kurz und verschwand nochmal zurück in den Videochat, weil ihm der Abschied von seiner Lehrerin – die die Klasse nach den Skiferien kurzfristig als Vertretung übernommen und noch nicht richtig kennengelernt hatte, als drei Wochen später die Schulen wegen Corona geschlossen wurden, aber den engagiertesten und tollsten Fernunterricht, den sich die Klasse nur hätte wünschen können, gemacht hat – so schwer fiel und er noch ein bisschen mit ihr reden wollte. „Wir haben Nelli gefragt, was sie jetzt macht, ob sie eine andere Klasse übernimmt, und sie hat gesagt, sie möchte gerne weiterhin Vertretungen machen, aber lieber nur tageweise, dann hat sie Zeit, einen Hühnerstall zu bauen. Sie will sich nämlich Hühner anschaffen.“ Hach.

Dann waren offiziell Ferien.

Eigentlich wollten wir heute unseren Weihnachtsbaum aus dem Wald holen. Aber es nieselte nicht nur wie vorhergesagt, sondern regnete in Strömen, und so verschoben wir das Vorhaben auf morgen.

So, wie wir auch unseren eigentlich für gestern geplanten Abendspaziergang zu den nächsten erleuchteten Fenstern im Museumsdorf auf heute Abend – da hatte es dann endlich aufgehört zu regnen; nur der Weg durch den Wald war eine einzige Rutscherei auf Matsch und nassem Gras – verschoben haben.

Wohin wir dieses Jahr an Heiligabend statt zur Weihnachtsfriedensverkündung und zum Kindergottesdienst gehen werden, wissen wir auch schon.


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Kurz vor Weihnachtsferien

Die Klasse des kleinen Herrn Maus hat ihre Quarantäne hinter sich gebracht. Heute durfte sie zum ersten Mal wieder in die Schule gehen. Und zum letzten Mal in diesem Jahr.

Ab morgen haben alle Turkuer 4. bis 9. Klassen – die Abiturstufe macht schon seit Wochen Onlineunterricht – für den Rest der Woche, also bis Weihnachtsferienbeginn bzw. Halbjahresende, Fernunterricht.

Das heisst auch, dass wir heute zum letzten Mal in diesem Jahr um 6:10 Uhr aufstehen mussten. Und dass wir um die Zeugnisausgabe am Samstagmorgen drumrumkommen werden. (Es wird dieses Jahr einfach gar keine gedruckten Halbjahreszeugnisse geben. Stattdessen werden die Halbjahresnoten ab Samstag um neun im Wilma stehen.) Wir werden unsere Weihnachtsferien so ausgeschlafen wie noch nie beginnen!

Beste Nachricht des Tages übrigens (gänzlich coronafrei): Finnland hat die Bildungspflicht bis 18 beschlossen. Das heisst, dass niemand mehr als Hilfsarbeiter von der Schule abgehen darf, sondern nach der 9. Klasse entweder einen Berufsabschluss oder das Abitur machen muss. Und das heisst auch, dass man als Familie und bei den hiesigen Buchpreisen nicht mehr verarmt, wenn vielleicht drei Kinder Abitur machen wollen und man für die letzten drei Schuljahre – anders als in den neun Schuljahren zuvor, in denen das Schulkind sämtliche Bücher, Hefte, Stifte, Malsachen, Bastelutensilien und ein digitales Endgerät kostenlos zur Verfügung gestellt sowie jeden Tag ein kostenloses Mittagessen vorgesetzt bekommen hat – alle Schulmaterialien selbst bezahlen muss. Denn: Bildungspflicht gleich Lernmittelfreiheit.

(Grösser könnte übrigens der Unterschied zwischen unserer vorherigen und unserer jetzigen Regierung kaum sein. Falls ich es noch nicht erwähnt haben sollte…)


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Coronaalltag

Montagmorgen kam dann der obligatorische Anruf – den wir eigentlich schon am Sonntag erwartet hatten, wir waren ja dank Wilma vorgewarnt – wegen des Quarantänekinds.

„War er denn die ganze letzte Woche in der Schule?“ „Nein, am Freitag nicht, da war er krank.“ „Krank? Was hatte er denn für Symptome?“ „Also eigentlich…*weitaushol*… war die ganze Familie die ganze letzte Woche krank. Uns geht’s aber allen wieder gut, nur die grosse Schwester hat noch bisschen Halsschmerzen.“ „Na dann sollten die beiden unbedingt nochmal zum Test gehen! Habt ihr ein Auto? Passt euch heute Abend halb acht? Hast du noch Fragen?“ „Naja, also, ich möchte in der Situation eigentlich nicht so gerne auf Arbeit gehen, ich arbeite in einem Schulhort, und…“ „Musst du ja nicht. Du hast ja Anspruch auf Quarantänegeld, wenn du mit einem Kind unter Quarantäne zu Hause bleibst.“ „Ja, nee, klar, die Frage ist eher, ob ich überhaupt auf Arbeit darf. Also wenn ich das richtig verstanden habe, darf ich, solange ich keine Symptome habe, und ich werde auch ganz dringend gebraucht auf Arbeit, aber ich habe da wirklich kein gutes Gewissen dabei, dass wir anderen aus der Familie jetzt weiter ganz normal auf Arbeit und in die Schule gehen, noch dazu, wo man ja auch schon ansteckend ist, bevor man Symptome hat…“ „Ja, da bin ich ganz deiner Meinung. Wenn es irgendwie geht*, dann bleib zu Hause. Aber wenn wir alle Familienmitglieder offiziell unter Quarantäne stellen würden, dann würde hier gleich wieder alles zusammenbrechen. Zum Glück gibt’s nächstes Jahr die Impfung!“

Im Parkhaus war’s eisig kalt. Wir mussten ja nur mal kurz das Autofenster runterlassen, aber die armen Krankenschwestern, die da stundenlang arbeiten müssen…! Die eine hatte zwischen Mütze und Maske fürchterlich müde Augen. Die andere, die unseren Kindern die Teststäbchen in die Nase schob, hatte sich einen kleinen Schmetterling auf das Visier ihres Weltraumhelms geklebt und war so fröhlich und nett, dass die Kinder vermuteten, sie arbeite sonst sicher auf der Kinderstation. Sogar in so einem eiskalten, zugigen, neonlichtbeleuchteten Parkhaus kann man sich in diesem Krankenhaus noch gut aufgehoben fühlen!

Fernunterricht läuft genauso prima wie im Frühjahr. Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Klasse jetzt immer erst um neun mit Schule anfängt – etwas, das, wenn auch aus anderen Gründen, im Dezember genauso willkommen ist wie im Mai – ansonsten gibt es Videounterricht nach Stundenplan, und in den Pausen stecken sie über den gleichen Kanal die Köpfe zusammen, erzählen sich die neuesten Neuigkeiten, giggeln oder spielen gemeinsam Minecraft. Es hat dann auch nur einen Tag gedauert, bis sie herausgefunden hatten, wer aus der Klasse den positiven Coronatest hatte: ein Kind, das mit dem kleinen Herrn Maus am gleichen Tisch sitzt. Hm.

Dass Dienstagabend der negative Testbescheid für das Fräulein Maus und den kleinen Herrn Maus kam, war da zumindest vorläufig zumindest ein bisschen beruhigend.
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*Nein, es geht gerade überhaupt nicht.


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Einschläge, näherkommende

Diese Woche waren wir alle krank.

Der grosse Herr Maus hat es uns eingeschleppt; er fing schon letztes Wochenende an zu husten und ging deshalb am Montag zum Coronatest.

Am Dienstag hatte der Ähämann Halsschmerzen und fing an zu husten, und das Fräulein Maus kam völlig fertig und mit Halsschmerzen aus der Schule heim. Dienstagabend kam das negative Testergebnis des grossen Herrn Maus, deshalb verzichteten der Ähämann und das Fräulein Maus auf einen eigenen Test.

Am Mittwochmorgen wachte ich völlig gerädert und mit Halsschmerzen auf. Wenn ich nicht die Arbeit hätte, die ich eben habe, hätte ich vermutlich auch auf den Coronatest verzichtet, aber so quälte ich mich aus dem Bett, rief Punkt acht beim Turkuer Coronatelefon an, wurde um 8:26 Uhr zurückgerufen und bekam noch schneller als die Kinder sonst immer einen Termin: „Kannst du um 10:20 Uhr? Ach, nee, schade, der ist gerade vergeben worden… warte… passt dir 11:45 Uhr?“ Und so kam ich als letztes Familienmitglied auch endlich zu einem Ausflug ins Krankenhausparkhaus zur Turkuer Drive-in-Teststation. Wir kamen um 11:42 Uhr an, vor uns waren zwei Autos, alle drei Container Teststationen waren besetzt – Fussgänger und Radfahrer haben inzwischen eine eigene Wartespur, werden aber auch wie alle anderen im Parkhaus getestet – dann wurden wir rangewinkt, Autofenster auf, ich musste Name und Personenkennzahl ansagen, bekam sehr routiniert ein Teststäbchen in die Nase geschoben – weswegen ich, im Gegensatz zum Coronatest auf der „Norröna“ im Sommer, die Testerin diesmal auch nicht erstmal anniesen musste – ich lehnte dankend das dreiseitige Infopamphlet über die Quarantänevorschriften, das wir nun wirklich schon auswendig herbeten können, ab, und 11:48 Uhr – da standen hinter uns in der Schlange dann ungefähr sechs Autos – fuhren wir wieder heim.

Am Donnerstag verliess der kleine Herr Maus als einziger das Haus. Donnerstagnachmittag hatte er Halsschmerzen und wollte abends freiwillig ins Bett. Kurz vor halb zehn kam die SMS mit meinem Testergebnis, weswegen wir darauf verzichteten, uns den Wecker für Freitag auf fünf vor acht zu stellen, um Punkt acht beim Schüler-Coronatelefon anzurufen und einen Testtermin für den kleinen Herrn Maus zu machen.

Am Freitag schliefen wir alle fünf aus und versuchten, jetzt dann möglichst schnell und möglichst alle wieder gesund zu werden.

Samstagabend halb zehn kam eine Wilma-Nachricht vom Rektor der Herren Maus. Allerdings nur eine – normalerweise kommen die Nachrichten vom Rektor der Grundschule bei uns ja in doppelter Ausführung an – und noch bevor ich sie aufmachte, war mir deshalb klar, was darin stehen würde; spannend war nur noch, ob es sich um die Klasse des grossen oder des kleinen Herrn Maus handelt.

Der kleine Herr Maus und seine Klasse haben ab Montag wieder Fernunterricht. Und stehen die nächsten zehn Tage unter Quarantäne.

Noch zehn Schultage bis Weihnachtsferien.


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Das ging schnell

Das erste Kind sitzt wieder in seinem Zimmer vor seinem Schullaptop und hat Fernunterricht.

Das Fräulein Maus, das bei jeder Krankheit, die rumgeht, laut „Hier! Ich!“ schreit, war in diesem Schuljahr bisher weniger in der Schule als zu Hause. Zwischendurch ist sie ein paar Tage oder eine ganze Woche gesund, dann hat sie wieder Halsschmerzen und ist schlapp. Normalerweise würde sie an vielen von diesen Tagen trotzdem zur Schule gehen, aber zur Zeit darf sie das dank der Coronavorschriften ja nicht.

Unter anderem deshalb haben wir ihr gestern einen Ausflug mit dem Auto ins abgelegenste Parkhaus des Krankenhauses organisiert, wo ihr von einer Frau im Raumanzug in der Nase herumgepokelt wurde.

Wenn das Ergebnis des Coronatests negativ ist, darf sie nämlich wieder in die Schule gehen, auch mit Halsschmerzen. Allerdings kann es bis zu vier Tage dauern, bis das Ergebnis da ist. (Es hat auch nur 26 Stunden vom Anruf bei der städtischen Coronahotline bis zum Testtermin gedauert.)

Das Fräulein Maus freute sich deshalb sehr, als gestern Abend die Wilma-Nachricht eintraf, dass wegen eines Coronafalls in ihrer Schule ab heute bis zu den Herbstferien für die gesamte Oberstufe Fernunterricht stattfindet. So kann sie nämlich heute schon wieder in die Schule gehen am Unterricht teilnehmen statt möglicherweise erst am Dienstag. Und ihre Flunssa endlich mal richtig auskurieren.

Andererseits ist das Warten aufs Testergebnis jetzt deutlich spannender geworden.


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Coronaklausur, Tag 56

Finnland hat 6003 bestätigte Coronafälle.

Obwohl der grosse Herr Maus dasjenige unserer Kinder ist, das unbedingt wieder in die Schule will, hat er sich doch gefreut, als die erstmal für vier Wochen gedachten Schulschliessungen schon recht bald bis zum 13. Mai verlängert wurden. „Dann muss ich an meinem Geburtstag noch nicht in die Schule!“, jubelte er.

Schon der zweite Geburtstag, an dem wir alle gemeinsam aufstehen, dem Geburtstagskind ein Lied singen, beim Geschenkeauspacken zugucken und gemeinsam frühstücken konnten, ohne dass einer schon mal los musste in die Schule. Sehr schön.

Der grosse Herr Maus jubelte über alle seine Geschenke – die kleinen, die grossen, die, die gar nichts gekostet hatten, und die teureren – gleichermassen. Das Fräulein Maus hatte ihm ein Rätselbuch gebastelt und der kleine Herr Maus ganz allein einen Dinosaurier aus Holz ausgesägt und bemalt. Die Patentante schickte ein Geschenk, das nicht besser sowohl zu ihr als auch zum Beschenkten passen könnte. ♥

(Ich selbst musste auch gleich noch vorm Frühstück ein paar Seiten darin lesen.)

Fast ein Geburtstagsgeschenk war auch die Wilma-Nachricht seiner Klassenlehrerin an den grossen Herrn Maus und uns Eltern, in der sie ihn jetzt am Ende der acht Wochen Fernunterricht ausführlich dafür gelobt hat, dass er sich immer aktiv an den Unterrichtsstunden per Videochat beteiligt hat, dass er keine Stunde verpasst hat, dass er immer pünktlich seine Aufgaben eingereicht hat, wie selbstständig er in der Zeit geworden ist. „Du, ich und wir alle haben viel gelernt in dieser Zeit – falls wir nochmal so eine Situation haben werden, dann sind wir gut darauf vorbereitet. Danke für deine Flexibiliät und deinen Fleiss, ich bin stolz auf dich!“ Jedem einzelnen ihrer 18 Schüler*innen hat sie so eine ganz persönliche Nachricht geschickt! Ich war sehr gerührt, und der grosse Herr Maus leuchtete von innen.

Dann auf Arbeit geradelt – dank Pankratius mit Sonnenbrille, Sonnencreme, Mütze, Handschuhen und Anorak – und gemeinsam mit der besten Chefin weitere Feinplanungen vorgenommen. Viele Emails von Eltern beantwortet und mich gefreut über ein Lob für unser „professionelles Engagement“. Da wir alle ja nichts weiter an die Hand bekommen haben als diese grandiosen offiziellen Hygieneregeln, ist in den letzten beiden Wochen recht deutlich geworden, dass es Rektoren, Lehrer, Kindergarten- und Hortbetreuer*innen gibt, die sehr durchdachte und detaillierte Pläne haben, und andere, die… eher keine Pläne haben. Es wird… spannend ab Donnerstag.

Hinterher fuhr ich auf dem Markt vorbei, um ein Bund dringend benötigte Zwiebeln zu besorgen, ohne dafür in den Supermarkt zu müssen – leider vergebens, und das liegt eher nicht an Corona. Grmpf.

Als ich heimkam, waren die Herren Maus mit einem der Geburtstagsgeschenke des grossen Herrn Maus draussen unterwegs. Das Fräulein Maus hatte sich mit ihrer besten Freundin zum gemeinsamen Joggen verabredet. Sie rannte durch unseren Wald, die beste Freundin an einem mittelfinnischen See entlang.

Abends letzte Klavier- und Klarinettenstunde für den kleinen Herrn Maus. Das Schuljahr ist wirklich fast um.


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Coronaklausur, Tag 52

Finnland hat 5738 bestätigte Coronafälle.

Wie es aussieht, bleibt es jetzt an den Rektoren hängen, bis nächsten Donnerstag ein coronataugliches Konzept für ihre Schule aus dem Boden zu stampfen, das sie Schülern und Eltern gegenüber verantworten können. Die Lehrerin des grossen Herrn Maus stellte es heute früh als erstes ihrer Klasse vor, ausserdem kamen zwei Nachrichten vom Rektor der Herren Maus mit jeweils einer Kurz- und einer Langfassung der geplanten Hygienemassnahmen, die sich durchaus recht durchdacht anhören. Also nach immerhin ein bisschen Schadenslimitierung, wenn 700 Schüler gleichzeitig in voller Klassenstärke zurück in die Schule stürmen.

Der grosse Herr Maus bekam diese Woche übrigens zum ersten Mal in seiner Schullaufbahn einen Wilma-Eintrag wegen Zuspätkommens. Das war sehr lustig, ausgerechnet jetzt – aber was will man machen, wenn man seinen Englisch-Videochat um eine halbe Stunde verbaselt hat.

Wetterstatus:

Es geht jetzt ohne Wollsocken. Aber noch nicht barfuss.


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Coronaklausur, Tag 44

Finnland hat 4995 bestätigte Coronafälle.

Wie man nach allem, was die Bildungsministerin in den letzten Tagen hat durchblicken lassen, schon ahnen konnte, müssen die Schüler*innen und Lehrer*innen nun doch nochmal für elf Tage in die Schule zurück in diesem Schuljahr. Und war gestern noch die Rede von schrittweise zurück in die Schule, heisst es heute schon „Alle 1. bis 9. Klassen fangen am 14. Mai wieder mit Präsenzunterricht an“.

Gleichzeitig wird Druck auf die Eltern ausgeübt, ihre Kinder auch wirklich hinzuschicken – denn hierzulande bekommt man ja relativ leicht eine zeitlich begrenzte Freistellung von der Schule oder die Genehmigung zum Homeschooling, weil es eben keine Schulpflicht gibt – denn in verschiedenen Umfragen haben jeweils über 65% der finnischen Eltern angegeben, ihre Kinder dieses Schuljahr nicht mehr zurück in die Schule zu schicken, selbst wenn die Schulen offiziell wieder öffnen sollten.

Sowieso darf man noch gespannt sein auf die Hygienevorschriften, die sich bis jetzt eher unkonkret auf „verstärktes Händewaschen“, „Abstand halten“ und „ungenutzte Räume nutzen“ beschränken. Alles natürlich wunderbar machbar mit Unterstufenschüler*innen in sowieso aus allen Nähten platzenden Grundschulen und wenn alle Klassenstufen gleichzeitig in die Schule zurückkehren…!

Ist aber ja auch sowieso völlig egal, wenn es nach den zu Rate gezogenen Fachleuten der finnischen Gesundheitsbehörde geht. Die verbreiten ja ganz offiziell den Standpunkt, Kinder würden weder an COVID-19 erkranken noch es verbreiten.

Ich bin es ja von Berufs wegen gewöhnt, Statistiken interpretieren zu müssen – und abgesehen davon, dass in Finnland ja kaum gestestet wird und man schon allein deshalb keine allgemeingültigen Schlüsse aus den Daten ziehen kann, hat Herr Drosten im letzten Coronapodcast Worte gefunden für etwas, das mir auch schon durch den Kopf ging:

„Wenn wir in der Situation von Kontaktsperren sind, also die Schulen sind geschlossen und wir haben eigentlich keine Möglichkeit, uns in der freien Umgebung zu infizieren, sondern die Infektionen finden vor allem im Haushalt statt, dann ist die Frage: Wer schleppt jetzt die Infektion in den Haushalt rein? Ist es das Kind? Oder ist es der Vater oder die Mutter oder die Großeltern? Da ist die Antwort: Das ist wahrscheinlich die Altersgruppe in der Bevölkerung, die das Haus verlässt. Dann ist das auch gleichzeitig die Altersgruppe, in die in der Bevölkerung am meisten die Infektion eingetragen wurde[…] die Altersgruppe zwischen vielleicht 30 und 45.“

Im Übrigen gibt es auch in Finnland noch andere kompetente Stimmen als die offizielle der Gesundheitsbheörde, und die sind mehrheitlich gegen Lockerungen zum derzeitigen Zeitpunkt, gerade weil (und nicht: obwohl) die bisherigen Restriktionen so erfolgreich waren – wir haben derzeit im ganzen Land gerade mal 48 Menschen wegen COVID-19 in Intensivbehandlung! – dass man tatsächlich eine Chance haben könnte, das alles so weit runterzudrücken, dass man wirklich wieder Infektionsketten nachverfolgen könnte.

Wenn man aufmerksam Nachrichten gelesen hat in den letzten Tagen, dann wird man den Eindruck nicht los, Finnland hat sich immer noch nicht von Schweden emanzipiert. Dass man da jetzt guckt und sagt, die waren schlau, die haben ihre Schulen nie zugemacht, und jetzt sind sie schon fast über den Berg, vielleicht können wir das ja auch noch so hinkriegen, wenn wir jetzt einfach alles wieder aufmachen. Aber sind die Schweden wirklich über den Berg?! Und zu welchem Preis?!

***

Erfreulicheres.

Morgen ist Vappu. Und am Tag davor gehen die Kinder traditionell eigentlich nur zum Feiern in die Schule. Vappu fällt nicht aus, nur weil die Schulen geschlossen sind.

Die Klasse des kleinen Herrn Maus durfte sich verkleiden, und jeder durfte im Videochat sein Kostüm vorstellen. Ausserdem spielten sie gemeinsam Spiele. Ihre Haushaltsaufgabe für diesen Tag war, die Wohnung für Vappu zu schmücken, und die Anleitung für ein Vappuhütchen war auch im heutigen Tagesplan enthalten. Ausserdem hatten sie abgestimmt über einen Film, den sie gemeinsam angucken wollten, und der Lehrerin sei Dank, dass diesmal nicht nur Disneyscheiss zur Auswahl stand, sondern ausschliesslich finnische Kinderfilme, mit echten Schauspielern! Das Schöne an diesem Unterricht zu Hause ist ja, dass jeder vom anderen das mitmachen kann, was er gern will und was der eigene Zeitplan erlaubt, und so fand sich die halbe Familie zur Mittagszeit vorm Fernseher ein.

Der grosse Herr Maus hatte früh noch einen Finnischtest, aber dann machten sie auch verschiedene Spiele, zum Beispiel spielten sie jeweils zu zweit „Alias“ per Videochat.

Die Klassenlehrerin des Fräulein Maus erschien heute mit Studentenmütze und lustigen Zöpfchen vorm Bildschirm, und die Hauswirtschaftsaufgabe der Siebtklässlerin für diese Woche war, eine Vappuspeise zuzubereiten.

Dem Anlass angemessenes Abendbrot.