Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Skiferien 2020, Tag 4

Am vierten Ferientag gingen wir im See baden.

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Sightseeing.

Zunächst aber begannen wir den Tag mit Sightseeing. Ich bin ja nicht der Meinung, dass man in jede Kirche reinmuss. Aber den Dom von Tampere wollte ich den Kindern schon lange mal zeigen. Aus Gründen.

Der Dom, anders als ehrwürdige Sakralbauten anderswo, wurde erst 1902-1907 gebaut und ist eigentlich unserer  KitschkircheMikaelinkirkko sehr ähnlich. Aber was wirklich, wirklich sehenswert ist, sind die Gemälde im Dom!

Die wunderlichen Interpretionen der biblischen Geschichten in den Wandgemälden von Hugo Simberg nämlich: Die Schlange aus dem Paradies, die von der Decke guckt, mit kleinen Fledermausflügelchen, den Apfel noch im Mund, die aber von Engelsflügeln umgeben ist und niemandem mehr schaden kann. Die zwölf nackigen – wo gibt’s denn sowas in einer Kirche?! – Jungs, die die Apostel darstellen sollen und gleichzeitig ganz normale Leute, die jeder auf seine Art die Bürde ihres Lebens – ein Gewinde aus Rosen, Blättern und Dornen – tragen. Die sanftmütigen Tode im Garten des Todes. Und der berühmte Verwundete Engel.

Und auch das Altargemälde von Magnus Enckell, das keinen Jesus am Kreuz – überhaupt keinen Jesus! – zeigt, sondern die Auferstehung der Toten.

Nichts davon ist im biblischen Palästina angesiedelt. Für die Gemälde standen Kinder und Erwachsene aus Tampere Modell, im Hintergrund der Landschaft, durch die der verwundete Engel getragen wird, stehen zwei grosse Fabrikschornsteine, und neben dem brennenden Dornbusch fliegt eine Elster. Das gefällt mir alles sehr.

Weil Tampere nach Mailand, Paris und Brüssel die vierte Stadt in Europa war, in der elektrisches Licht eingeführt wurde, wurde der Dom nicht mit Kronleuchtern, sondern einfach mit nackten Glühbirnen ausgestattet. Wo die doch damals der neueste Schrei waren!

Sogar die Teenagerin, die vorher ein bisschen gemotzt hatte, wozu wir denn eine Kirche angucken müssten, stand andächtig vor den Wandgemälden. Und der grosse Herr Maus gab uns den Fremdenführer, denn er hatte das alles schon im Religionsunterricht durchgenommen.

Neu gelernt habe ich diesmal: die drei Glocken des Doms wurden in Apolda gegossen! Und da wäre ich fast ein bisschen rührselig geworden.

(Ich hatte mal ein Schlittenglöckchen aus Apolda.)

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Spielplatztourismus.

Immer noch besuchen wir keine Stadt, ohne nicht wenigstens einem ihrer Spielplätze einen Besuch abgestattet zu haben.

Der kleine Herr Maus beförderte mich mit Schiff, Eisenbahn und Bus in die Malá Fatra. „So, angelegt!“, rief er nach dem ersten Teil der Reise. „Angelegt!“, piepste der zweijährige finnische Junge, der uns auf Schritt und Tritt folgte. Ich hatte ein Déjá-vu.

Dann wechselten wir auf den Teil für grössere Kinder, wo man unter Anderem möglichst schnell Rechenaufgaben lösen und zur richtigen Lösung springen muss. Ich bin kläglich gescheitert. Zwar bin ich längst aus dem Stadium hinaus, in dem ich mir finnische Sätze erst übersetze bevor ich sie verstehe oder mir erst deutsche Sätze zurechtlege bevor ich etwas auf Finnisch sage – aber Rechnen auf Finnisch kann ich nicht.

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Saunatourismus.

Vor ein paar Jahren suchte ich ein Video übers Eisbaden. Schliesslich fand ich eins, das so unspektulär wie schön ist und die Stimmung in so einer finnischen Eisbadesauna perfekt wiedergibt. Es war jetzt nicht so, dass ich seitdem unbedingt mal da hin gewollt hätte, aber als wir überlegten, in welche Sauna wir in Tampere diesmal gehen könnten, fiel mir das Video wieder ein, und die Wahl fiel auf das 1929 am Ufer des Näsijärvi errichtete „Volksbad“.

Schnee und Eis allerdings muss man sich leider wegdenken.

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Wir fuhren nach des Ähämanns Arbeit mit dem Bus hin und schafften es gerade noch rechtzeitig zur blauen Stunde. Und hach, dieses goldene, weiche Seewasser…!


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Lesen bildet

Neulich in der Bibliothek fiel mir ein, dass ich mal wieder nach einem Buch gucken könnte, das, weil es 2016 den Finlandia-Preis gewonnen hatte, auf Monate ausgeliehen und vorbestellt war. Ich hatte Glück – und war wahrscheinlich so ungefähr die vorletzte Turkuerin, die es noch nicht gelesen hatte – denn es standen zehn Exemplare im Regal.

Nun lese ich ja eigentlich keine finnische Literatur mehr. Aber als ich bei Allu über das fiktive Tagebuch des Architekten Engel las, wusste ich gleich, dass ich es auch damit nochmal probieren müsste.

Carl Ludwig Engel, der deutsche Architekt, der Helsinki sein russisches klassizistisches Gesicht gegeben hat und auf dessen Bauwerke wir auch schon an ganz unerwarteten Orten gestossen sind.

Beim Lesen habe ich ständig nachgeschlagen – obwohl ich das sonst fast nie mache, weil es mir beim Lesen zu aufwändig ist – was dieses und jenes Bauwerk ist und wer diese und jene Person war, und habe mich abendelang von einer Wikipedia-Seite zur anderen gelesen. So vieles, das ich noch nicht wusste…!

Die Domstufen in Helsinki, auf denen ich so gern sitze, die hat der Herr Engel eigentlich gar nicht so gewollt. Und die vier Seitentürmchen, die hat erst sein Nachfolger in die Baupläne eingebracht, weil man Angst hatte, der ganze Dom könnte ohne sie zusammenstürzen!

Ich wusste, dass er in Turku das Observatorium und die orthodoxe Kirche entworfen hat, aber dass sich in Turku auch das allererste Gebäude, das der Herr Engel in Finnland geplant hat, nämlich das ehemalige Wohnhaus eines Zuckerfabrikanten, an dem ich schon tausendmal ahnungslos vorbeigelaufen und -geradelt bin, befindet, das wusste ich bisher nicht.

Schlimmer noch. Ich wohne hier seit 14 ½ Jahren, und seit 14 ½ Jahren liebe ich den Turkuer Dom. Auch wegen seines ungewöhnlichen Turms, den er erst nach dem Turkuer Grossbrand bekam. Ich habe mich nie gefragt, warum die Turmhaube so gar nicht und doch so wunderbar zu dem mittelalterlichen Ziegelbau passt. Die hat auch der Herr Engel entworfen!

(Foto von vor einer Woche. Inzwischen ist alles grün!)

Vor allem hat das Buch mir bei der Beantwortung einer Frage geholfen, die, wem immer ich sie stelle, mehr oder weniger auf Unverständnis stösst.

„Jaaaa, der hat doch in Tampere eine Textilfabrik gegründet!“ oder „Na der hat doch in Finnland eine Schokoladenfabrik gehabt!“ oder eben „Der hat ja den Senatsplatz in Helsinki entworfen!“ ist die Antwort. Als ob ich das nicht wüsste!

Aber warum?! Was hat einen einen schottischen Unternehmer oder einen Schweizer Kürschner oder eben einen deutschen Architekten vor zweihundert Jahren nach Finnland gelockt?!

Vor zweihundert Jahren lag hier Schnee von Oktober bis Mai. Helsinki hatte 3000 Einwohner, das war ein besseres Dorf. Finnland war arm, immer abwechselnd ein Anhängsel von entweder Schweden oder Russland, und es war, von Mitteleuropa aus gesehen, am Ende der Welt. Es gab keine berühmten Skispringer und Rocksänger, die man anhimmeln konnte, es gab kein vielgelobtes Bildungssystem, das man hätte studieren wollen, es gab keine Schüleraustausche, kein ERASMUS-Programm und keine Sprachreisen, bei denen man Land und Leute und vielleicht auch seinen zukünftigen Lebenspartner kennen und lieben lernen konnte.

Der Herr Engel, das weiss ich jetzt, kam schlicht und ergreifend – und das gab es also damals schon – weil er in Deutschland keine Arbeit fand. Und weil es sich herumsprach, dass er seine Arbeit gut machte – das gab es also damals auch schon, dass einem gute Beziehungen halfen – wurde er schliesslich mit dem Neuaufbau der neuen Haupstadt Helsinki betraut und schliesslich zum Generalbauintendanten für ganz Finnland berufen.

Er hat Deutschland nie wieder gesehen. Er hat den finnischen Winter nur schwer ertragen, aber sich letztendlich arrangiert. Neben seinem Wohnhaus hat er den ersten Ziergarten Finnlands angelegt, und für seine Rosen hat er ein beheiztes Gewächshaus gebaut. Er ist nicht reich geworden mit seiner Arbeit, aber glücklich. Eine ganze Stadt bauen zu dürfen! Und selbst einem Leuchtturm konnte er noch Säulen neben der Eingangstür verpassen! Er hat Berlin sein Leben lang vermisst, aber in seiner selbstentworfenen Stadt eine Heimat gefunden.

Immer, wenn ich jetzt den Domturm sehe, denke ich: Wie schön, dass Sie hier waren, Herr Engel! Und: Wie gut wir beide es doch getroffen haben!

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(Und jetzt bitte, liebe deutsche Verlage: Bevor ihr den nächsten finnischen Krimi übersetzen lasst… ich hätte da einen viel besseren Buchtipp!)


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Dumbledore und 33 Harfen

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor etlichen Jahren mit den Kindern am Markt an der Haltestelle stand, die Kinder kichernd auf das grosse Werbeplakat mit dem gewaltigen bärtigen Mann zeigten, und ein Passant lachend zu ihnen sagte: „Das ist aber nicht Dumbledore!“ (Er sagte – wie Finnen das so tun – „Dumm-ple-do-rrre“, und es dauerte eine Weile, bis ich kapiert hatte, was er meinte.) „Nein“, sagte ich zu den Kindern, „das ist der Chefdirigent des Turkuer Philharmonieorchesters!“

Gestern spielte das Fräulein Maus im Lieblingsdom auf einem Harfenkonzert, gemeinsam mit 32 anderen Harfenisten und Harfenistinnen vom Anfänger bis zum Berufsmusiker. Und Dumbledore dirigierte. So grossartig!

Es war ein sehr langer Tag für das Fräulein Maus und mich – mit Harfe-hin-und-her-fahren und Generalprobe und allem Drum und Dran; der Ähämann, die Herren Maus und die Papaoma direkt vom Flughafen kamen erst abends zum eigentlichen Konzert – aber das mitgebrachte Buch blieb in der Tasche. So viel zu gucken! So viel zu hören! Und überhaupt, so toll!!!