Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Reiserückblick (1): Bäume, die aus Häusern wachsen

„Was?! Wir sind schon seit zwei Wochen wieder zu Hause?!“ rief der grosse Herr Maus gestern ganz entsetzt.

(Und: „Dann haben wir ja nur noch fünf Wochen Ferien!“, rechnete er ebenso entsetzt nach. Fünfeinhalb, um genau zu sein. Und ja, das ist Jammern auf hohem Niveau.)

Jedenfalls wird es jetzt höchste Zeit für einen Reiserückblick.

Unsere „Europa“reisen fangen wir seit ein paar Jahren, seit wir immer in aller Herrgottsfrühe schon in Rostock ankommen, immer schon auf dem Weg an. Irgendwo, wohin wir schon immer mal (wieder) wollten: im Wörlitzer Park oder im Irrgarten Altjeßnitz oder mit einer Fährfahrt über die Elbe.

Diesmal war es so, dass das Fräulein Maus kurz vor unserer Reise zum ersten Mal von einem Baumwipfelpfad gehört hatte. „Sowas will ich auch mal machen!“, sagte sie, und mir fiel ein, dass ich da irgenwann mal was gelesen hatte über einen Baumwipfelpfad, der direkt an unserer Reiseroute liegen würde. Gleich hinterm Berliner Ring, in Beelitz, fuhren wir von der Autobahn ab.

Dort gibt es einen ganz besonderen Baumwipfelpfad: er führt nicht einfach über Wald, sondern über das Gelände der ehemaligen Lungenheilstätten – und über Bäume, die aus deren Ruinen wachsen.

Leider nämlich wurden die für ihre Zeit sehr modernen Lungenheilstätten, die Anfang des 20. Jahrhunderts, als in Berlin die Tuberkulose grassierte, wohldurchdacht in einem grossen Waldgebiet in der Nähe errichtet wurden, nur vergleichsweise kurze Zeit als solche genutzt. In beiden Weltkriegen dienten sie als Lazarett. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde eins der grössten Gebäude, das, aus dem heute die grössten Bäume wachsen, zerstört und nie wieder aufgebaut. Die noch erhaltenen Gebäude dienten – und dabei wurden sie auch nicht gerade pfleglich behandelt; dass das Luftbad zu einem Schweinestall umfunktioniert wurde, kann man da ruhig symbolisch sehen – bis 1994 als sowjetisches Militärkrankenhaus. Seitdem verfallen alle Gebäude, und die Natur erobert sich zurück, was ihr zusteht, und zwar volle Kanne: da wachsen nicht nur ein paar zarte Birkenstämmchen aus den Dächern, sondern ganze Kiefernwälder!

Ein bisschen gruslig, und sehr beeindruckend.

Es gibt dort auch Führungen, teilweise auch mit Schutzhelm in die alten Gebäude, aber dazu fehlte uns einerseits die Zeit, andererseits waren die Kinder – es gibt eine Altersbeschränkung – noch zu klein dafür. Allerdings kannten wir das meiste schon aus dem von Alvar Aalto entworfenen Tuberkulosesanatorium in Paimio, und die Infotafeln entlang des Baumwipfelpfades und neben den abgesperrten Gebäuden sind wirklich sehr gut.

Hingehen sollte man auf jeden Fall, wenn es sich einrichten lässt, an einem Wochentag. Wir waren an einem Montag und fast allein, der Parkplatzwächter aber erzählte uns, am Tag zuvor wären 4000 (!) Leute dagewesen. Da wären wir direkt wieder umgekehrt. Und das wäre ja doch schade gewesen.

[Nachtrag: Frau Nessy hat sehr ausführlich und informativ über die Beelitzer Heilstätten gebloggt.]


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Die schönen deutschen Autobahnen

„Ihr habt ja so schöne Autobahnen!“, höre ich manchmal vor oder nach einem unserer Deutschlandurlaube, wenn ich mit jemandem über Reiserouten rede.

„Da kann man sicher gut so lange Strecken fahren“, sagen die einen.
„Und kein Tempolimit!“, schwärmen die anderen.

Leute, sage ich dann, ihr habt ja überhaupt keine Vorstellung.

Erstens nämlich sind die deutschen Autobahnen voll. Voller Autos, und voller Baustellen, und statt schön schnell voranzukommen, steht man oft einfach im Stau.

Oder es ist superanstrengend, da zu fahren. Wisst ihr eigentlich, wie so eine dreispurige Autobahn funktioniert?!

Ich sag’s euch mal: auf der rechten Spur reihen sich Stossstange an Stossstange die LKWs. Auf der mittleren Spur muss man mindestens 140 km/h fahren, weil man sonst zum Hemmschuh wird und Gegenstand des Unmuts aller Mitautobahnbenutzer. Wenn allerdings ein LKW zwei km/h schneller fährt als ein anderer, muss der natürlich überholen, völlig klar, und weil es ja ein LKW ist, denn auf der deutschen Autobahn gilt grundsätzlich das Recht des Stärkeren, drängelt er sich einfach auf die mittlere Spur und bremst die PKWs dort aus. Für den Fall gibt es noch die linke Spur. Allerdings kann man da nicht einfach blinken und mit seinen 140 km/h drauffahren, um einen 97 km/h fahrenden LKW zu überholen, denn die linke Spur, damit das mal gleich klar ist, die ist für die Leute reserviert, die in Deutschland ihr letztes Refugium haben: die auf der Autobahn mal so richtig die Sau rauslassen wollen.

Wir halten fest: die rechte Spur ist quasi gesperrt. Auf der mittleren Spur braucht man extrem gute Nerven. Und auf der linken Spur lauert – und ich empfinde das tatsächlich so – permanent der Verkehrstod.

„Oh“, sagen die Leute dann und kriegen erschrockene Augen, „das ist doch super gefährlich! Kann man da nicht irgendwelche Regeln aufstellen?“

Tja, liebe Leute, sage ich dann, ein Tempolimit wäre schon mal eine gute Lösung. Klar, hält sich auch nicht jeder dran, aber ich bin mir sicher, es würde deutlich weniger gerast. Und überhaupt wäre das Fahren viel stressfreier.

Es ist nämlich so: einmal habe ich den Herrn Picasso von Stockholm bis Eckernförde gefahren, über 1000 km, ohne Fahrerwechsel, weil der Ähämann Fieber hatte. Es war Sommer, es war hell, ich war ausgeschlafen, und auf den skandinavischen Autobahnen fährt es sich entspannt dahin: wenig Verkehr, Tempolimit auf 120 km/h. Das Ganze war kein Problem. Ab Kopenhagen war der Verkehr deutlich dichter, aber ich rollte einfach mit den anderen dahin oder überholte ab und zu. Dann kam die deutsche Grenze. Die Autobahn wurde weder breiter noch schmaler noch besser noch schlechter, und die Verkehrsdichte änderte sich kein bisschen. Nur das Tempolimit war weg. Und damit die Entspanntheit beim Fahren. Ringsum begann ein Gerase, als hätte man wilde Tiere aus einem Käfig gelassen. Nichts mehr mit entspanntem Dahinrollen. Stattdessen: Lenkrad umklammern, Bremsfuss in Habachtstellung, permanent den Rückspiegel im Auge behalten. Diese letzten 50 km von insgesamt 1100 waren die schlimmsten.

Und warum? Weil man eine kleine Minderheit, die den Motor unterm Hintern für ihr Selbstwertgefühl braucht, nicht in ihrer Freiheit einschränken darf.

Die schönen deutschen Autobahnen bereiten mir Unbehagen. So schlimm, dass ich da nicht mehr fahre, weil ich diese Art des Autofahrens nach 15 Jahren in Finnland völlig verlernt habe. So schlimm, dass ich jedes Mal froh bin, wenn wir da heil wieder runter sind.

Und das ist jetzt nur mein persönliches Empfinden. Die Fakten zum CO2-Ausstoss und die Unfallstatistiken sprechen eine noch viel deutlichere Sprache. Überhaupt ist das unbegrenzte Tempolimit ja kein bisschen mehr zeitgemäss: als pro Kilometer Autobahn nicht mehr als zehn Autos unterwegs waren, da war das sicher prima – aber bei der heutigen Verkehrsdichte?

Die schönen deutschen Autobahnen, liebe finnische Mitbürger, sind nichts, was im Geringsten erstrebenswert wäre. Im Gegenteil.

Und das unbegrenzte Tempolimit gehört endlich weg.

(Da kann man unterschreiben. Ich hab‘ auch schon.)