Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Auslandsreise, verantwortungslose

Seit Monaten, wenn man den Verlautbarungen der entsprechenden Behörden und der finnischen Presse Glauben schenkt, kommen sämtliche neuen Coronafälle in Finnland aus dem Ausland, und wer jetzt ins Ausland reist, verhält sich höchst verantwortungslos.

Nun ist es so, dass ich mich durchaus privilegiert fühle, die Pandemie in Finnland aussitzen zu können. Es gibt hier keine Panikmache, keinen Impfneid, einen Coronatesttermin zu bekommen ist denkbar einfach und mit den Impfungen geht es auch voran, und zwar ohne dass man seine Ellenbogen einsetzen muss. Die Schulen waren fast durchgängig geöffnet, und wenn nicht, kam der Distanzunterricht so nahe an Präsenzunterricht heran, wie man es sich nur wünschen kann. Wir hatten nie Ausgangssperren, durften uns zu jeder Zeit im ganzen Land – bis auf die drei Wochen, in denen Uusimaa abgeriegelt war – frei bewegen und haben wunderbare Ausflugs- und Reiseziele in der finnischen Natur.

Aber Finnland ist eben doch überall Finnland. Schon seit den ausgefallenen Herbstferien hatten wir Estlandweh, und nach fast einem Jahr war die Sehnsucht nach Tapetenwechsel fast übermächtig geworden.

Wir packten die erstbeste Gelegenheit beim Schopf und bestiegen letzten Dienstag gemeinsam mit den zur Konfirmation angereisten (und zum Glück schon voll geimpften) Grosseltern ein Schiff nach Tallinn.

Unser Verständnis für Reiserestriktionen ist mittlerweile aufgebraucht. Seit anderthalb Jahren trägt unsere Familie Maske – auch da, wo wir nicht müssten. Seit anderthalb Jahren haben wir kein Museum, keine Schwimmhalle, kein Restaurant von innen gesehen – auch dann nicht, als wir es gedurft hätten. Seit anderthalb Jahren können wir die Gelegenheiten, an denen wir oder die Kinder Freunde getroffen haben, an zehn Fingern abzählen – obwohl es hier nie strenge Restriktionen gab, wie viele Haushalte und wie viele Personen sich treffen dürfen. Seit Juni dürften wir wieder Karaoke singen in Bars und auf Konzerte mit hunderten von anderen Leuten gehen – aber ins estnische Moor wandern gehen dürfen wir nicht?!

(Bezeichnenderweise drängelten sich auf der Fähre die Finn*innen, die eine Quarantänefreie Kreuzfahrt ohne Landgang machten, im Tax-Free-Shop und am Buffet, während wir die zwei Stunden Überfahrt in beide Richtungen auf dem Sonnendeck absassen. Und wenn es dann auf einem dieser Schiffe, wie letztes Wochenende auf der „Baltic Princess“, die zwischen Turku und Stockholm pendelt, unter den Kreuzfahrern zu einem Covid-19-Ausbruch kommt, dann wird das auch noch den Auslandsreisenden angelastet. Ich erwähnte schon, dass mein Verständnis für Reiserestriktionen aufgebraucht ist?!)

Tallinn war tatsächlich noch leerer als im letzten Jahr. Es fehlten nicht nur die Touristen, sondern auch die Tallinner selbst, denn sie hatten zwei aufeinanderfolgende Feiertage: den Siegestag am 23. und Mittsommer am 24. Juni. Es fiel nicht schwer, den Anweisungen der finnischen Gesundheitsbehörde – „Im Ausland besondere Vorsicht walten lassen!“ – Folge zu leisten. Wir spazierten durch menschenleere Gassen, die wir uns nur mit Tauben und Möwen teilen mussten, und assen auf Terrassen. Zudem sinkt die estnische 14-Tages-Inzidenz, die sich irgendwann im Winter bei schwindelerregenden 1500 befunden hatte, seit Wochen rapide und ist kaum noch höher als die finnische.

Ich badete in heisser Luft und freute mich am ersten echten Sommergewitter seit Jahren, das zur Mittagszeit den Himmel verdunkelte, die Gassen in Bäche verwandelte, über Gullydeckeln gewaltige Strudel erzeugte und nach einer Stunde der Sonne den Platz wieder räumte. Der Ähämann und ich überliessen einen Abend die Kinder den Grosseltern und gingen im Spätabendsonnenschein aus. Und weil es in Tallinn so leer war, reifte gleich der nächste Reiseplan.

Der dreitägige Ausflug endete offiziell erst gestern mit dem Freitesten aus der Quarantäne.
Wir sind erwartungsgemäss alle negativ – aber wenn wir uns angesteckt hätten, dann garantiert nicht bei unserer verantwortungslosen Auslandsreise, sondern beim Konfirmationsgottesdienst, wo wir dicht an dicht mit rund einhundert grossteils nicht-masketragenden Angehörigen der anderen Konfirmand*innen in der kleinen Kirche sitzen mussten. Ich wünschte, die Leute würden ihren Verstand benutzen, statt Sündenböcke zu suchen.


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Quarantänefreuden

Vorgestern haben drei von fünf Familienmitgliedern mal wieder einen Ausflug ins Parkhaus und anschliessende Quarantäne gewonnen. Es ging uns eigentlich allen gut, aber bisschen Husten, bisschen Halsweh und bei den beiden beiden Kindern auch bisschen Bauchweh sind eben derzeit nichts, womit man einfach weiter auf Arbeit und in die Schule gehen würde.

Wir haben unsere Quarantäne in vollen Zügen genossen.

Am Mittwoch war der Winter zurückgekommen, und der kleine Herr Maus und ich machten noch vor seiner Skype-Klavierstunde eine kleine Skitour gleich von der Haustür aus in den wieder weissen Wald. Bei Tageslicht!

Und gestern gingen das Fräulein Maus, der kleine Herr Maus und ich gleich vormittags – das haben wir zum letzten Mal 2009 gemacht! – auf den zu dieser Tageszeit völlig leeren Schlittenberg. Später kamen noch – nicht gleichzeitig; wir waren wie immer die, die am längsten blieben – drei andere Kinder mit jeweils einem Elternteil auf den Schlittenberg, und alle hörten wir ein bisschen husten. Wir mussten sehr lachen über unsere Quarantänewinterveranstaltung.

24 Stunden nach Testnahme trafen hintereinander drei SMSe auf meinem Telefon ein: drei negative Testergebnisse.


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Coronaalltag

Montagmorgen kam dann der obligatorische Anruf – den wir eigentlich schon am Sonntag erwartet hatten, wir waren ja dank Wilma vorgewarnt – wegen des Quarantänekinds.

„War er denn die ganze letzte Woche in der Schule?“ „Nein, am Freitag nicht, da war er krank.“ „Krank? Was hatte er denn für Symptome?“ „Also eigentlich…*weitaushol*… war die ganze Familie die ganze letzte Woche krank. Uns geht’s aber allen wieder gut, nur die grosse Schwester hat noch bisschen Halsschmerzen.“ „Na dann sollten die beiden unbedingt nochmal zum Test gehen! Habt ihr ein Auto? Passt euch heute Abend halb acht? Hast du noch Fragen?“ „Naja, also, ich möchte in der Situation eigentlich nicht so gerne auf Arbeit gehen, ich arbeite in einem Schulhort, und…“ „Musst du ja nicht. Du hast ja Anspruch auf Quarantänegeld, wenn du mit einem Kind unter Quarantäne zu Hause bleibst.“ „Ja, nee, klar, die Frage ist eher, ob ich überhaupt auf Arbeit darf. Also wenn ich das richtig verstanden habe, darf ich, solange ich keine Symptome habe, und ich werde auch ganz dringend gebraucht auf Arbeit, aber ich habe da wirklich kein gutes Gewissen dabei, dass wir anderen aus der Familie jetzt weiter ganz normal auf Arbeit und in die Schule gehen, noch dazu, wo man ja auch schon ansteckend ist, bevor man Symptome hat…“ „Ja, da bin ich ganz deiner Meinung. Wenn es irgendwie geht*, dann bleib zu Hause. Aber wenn wir alle Familienmitglieder offiziell unter Quarantäne stellen würden, dann würde hier gleich wieder alles zusammenbrechen. Zum Glück gibt’s nächstes Jahr die Impfung!“

Im Parkhaus war’s eisig kalt. Wir mussten ja nur mal kurz das Autofenster runterlassen, aber die armen Krankenschwestern, die da stundenlang arbeiten müssen…! Die eine hatte zwischen Mütze und Maske fürchterlich müde Augen. Die andere, die unseren Kindern die Teststäbchen in die Nase schob, hatte sich einen kleinen Schmetterling auf das Visier ihres Weltraumhelms geklebt und war so fröhlich und nett, dass die Kinder vermuteten, sie arbeite sonst sicher auf der Kinderstation. Sogar in so einem eiskalten, zugigen, neonlichtbeleuchteten Parkhaus kann man sich in diesem Krankenhaus noch gut aufgehoben fühlen!

Fernunterricht läuft genauso prima wie im Frühjahr. Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Klasse jetzt immer erst um neun mit Schule anfängt – etwas, das, wenn auch aus anderen Gründen, im Dezember genauso willkommen ist wie im Mai – ansonsten gibt es Videounterricht nach Stundenplan, und in den Pausen stecken sie über den gleichen Kanal die Köpfe zusammen, erzählen sich die neuesten Neuigkeiten, giggeln oder spielen gemeinsam Minecraft. Es hat dann auch nur einen Tag gedauert, bis sie herausgefunden hatten, wer aus der Klasse den positiven Coronatest hatte: ein Kind, das mit dem kleinen Herrn Maus am gleichen Tisch sitzt. Hm.

Dass Dienstagabend der negative Testbescheid für das Fräulein Maus und den kleinen Herrn Maus kam, war da zumindest vorläufig zumindest ein bisschen beruhigend.
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*Nein, es geht gerade überhaupt nicht.


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Einschläge, näherkommende

Diese Woche waren wir alle krank.

Der grosse Herr Maus hat es uns eingeschleppt; er fing schon letztes Wochenende an zu husten und ging deshalb am Montag zum Coronatest.

Am Dienstag hatte der Ähämann Halsschmerzen und fing an zu husten, und das Fräulein Maus kam völlig fertig und mit Halsschmerzen aus der Schule heim. Dienstagabend kam das negative Testergebnis des grossen Herrn Maus, deshalb verzichteten der Ähämann und das Fräulein Maus auf einen eigenen Test.

Am Mittwochmorgen wachte ich völlig gerädert und mit Halsschmerzen auf. Wenn ich nicht die Arbeit hätte, die ich eben habe, hätte ich vermutlich auch auf den Coronatest verzichtet, aber so quälte ich mich aus dem Bett, rief Punkt acht beim Turkuer Coronatelefon an, wurde um 8:26 Uhr zurückgerufen und bekam noch schneller als die Kinder sonst immer einen Termin: „Kannst du um 10:20 Uhr? Ach, nee, schade, der ist gerade vergeben worden… warte… passt dir 11:45 Uhr?“ Und so kam ich als letztes Familienmitglied auch endlich zu einem Ausflug ins Krankenhausparkhaus zur Turkuer Drive-in-Teststation. Wir kamen um 11:42 Uhr an, vor uns waren zwei Autos, alle drei Container Teststationen waren besetzt – Fussgänger und Radfahrer haben inzwischen eine eigene Wartespur, werden aber auch wie alle anderen im Parkhaus getestet – dann wurden wir rangewinkt, Autofenster auf, ich musste Name und Personenkennzahl ansagen, bekam sehr routiniert ein Teststäbchen in die Nase geschoben – weswegen ich, im Gegensatz zum Coronatest auf der „Norröna“ im Sommer, die Testerin diesmal auch nicht erstmal anniesen musste – ich lehnte dankend das dreiseitige Infopamphlet über die Quarantänevorschriften, das wir nun wirklich schon auswendig herbeten können, ab, und 11:48 Uhr – da standen hinter uns in der Schlange dann ungefähr sechs Autos – fuhren wir wieder heim.

Am Donnerstag verliess der kleine Herr Maus als einziger das Haus. Donnerstagnachmittag hatte er Halsschmerzen und wollte abends freiwillig ins Bett. Kurz vor halb zehn kam die SMS mit meinem Testergebnis, weswegen wir darauf verzichteten, uns den Wecker für Freitag auf fünf vor acht zu stellen, um Punkt acht beim Schüler-Coronatelefon anzurufen und einen Testtermin für den kleinen Herrn Maus zu machen.

Am Freitag schliefen wir alle fünf aus und versuchten, jetzt dann möglichst schnell und möglichst alle wieder gesund zu werden.

Samstagabend halb zehn kam eine Wilma-Nachricht vom Rektor der Herren Maus. Allerdings nur eine – normalerweise kommen die Nachrichten vom Rektor der Grundschule bei uns ja in doppelter Ausführung an – und noch bevor ich sie aufmachte, war mir deshalb klar, was darin stehen würde; spannend war nur noch, ob es sich um die Klasse des grossen oder des kleinen Herrn Maus handelt.

Der kleine Herr Maus und seine Klasse haben ab Montag wieder Fernunterricht. Und stehen die nächsten zehn Tage unter Quarantäne.

Noch zehn Schultage bis Weihnachtsferien.


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Unkomplizierte Ausflüge ins Parkhaus für alle

Seit letzter Woche ist der grosse Herr Maus das einzige Familienmitglied, das noch nicht in den Genuss eines Coronatests gekommen ist.

Mittlerweile ist auch das schon Routine. Seit ein paar Wochen gibt es in Turku ein eigenes Coronatelefon für Schulkinder; wenn man da gleich früh um acht anruft, wird man nach ein paar Minuten zurückgerufen und bekommt einen Testtermin noch am gleichen Tag. Getestet wird hier derzeit auch wieder bei den kleinsten Symptomen, denn Turku war zwei Wochen lang einer der Coronahotspots Finnlands, und vor allem auch Kinder, denn viele Fälle waren vor allem in Schulen aufgetreten. Nur wenn schon ein Familienmitglied beim Test war und die anderen die gleichen Symptome haben, müssen sie nicht zum Test, und so ging vor zwei Wochen nur das Fräulein Maus zum Test (schon zum zweiten Mal), während die Herren Maus, die erst am nächsten Tag Halsweh bekamen, zu Hause auf dem Sofa blieben und gemeinsam mit der grossen Schwester aufs Testergebnis warteten. Letzten Donnerstag gewann dann der kleine Herr Maus mit einer sehr rauen und tiefen Stimme seinen ersten Coronatest.

„Ja, wir wissen, in welchem Parkhaus getestet wird, wir waren da schon öfter“, erklärte ich donnerstagfrüh der Frau am Coronatelefon, und „Nein, danke, wir wissen inzwischen auswendig, was auf dem Infozettel steht“, lehnte der Coronatestchauffeur Ähämann sechs Stunden später den dreiseitigen Papierstapel ab.

Das Testergebnis kommt mittlerweile recht zuverlässig ca. 25 Stunden nach Testnahme per SMS. Und inzwischen muss da auch keine arme Krankenschwester mehr sitzen und den ganzen Tag SMSe tippen, sondern es kommt – im Falle eines negativen Testergebnisses; bei einem positiven würde man umgehend angerufen – eine automatisch erstellte SMS; so eine, wie auch 24 Stunden vor einem Arzt- oder Zahnarzttermin als Erinnerung geschickt wird oder als Benachrichtigung, dass ein e-Rezept ausgestellt wurde und eingelöst werden kann. Apropos. Dafür muss man neuerdings nicht mal mehr in der Poliklinik anrufen, sondern kann sich einfach in seine digitale Patientenakte einloggen, bei dem Medikament, das man gern neu verschrieben hätte, ein Häkchen setzen und damit ein neues Rezept dafür beantragen. Das letzte Mal hat es keine Stunde gedauert, bis das e-Rezept fertig war und ich in die Apotheke gehen konnte.

Die Erinnerung an die Tage – ach was, Wochen! – die ich in meinem Leben schon in deutschen Wartezimmern abgesessen habe, erscheint mir mittlerweile wie ein schlechter Traum.


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Das ging schnell

Das erste Kind sitzt wieder in seinem Zimmer vor seinem Schullaptop und hat Fernunterricht.

Das Fräulein Maus, das bei jeder Krankheit, die rumgeht, laut „Hier! Ich!“ schreit, war in diesem Schuljahr bisher weniger in der Schule als zu Hause. Zwischendurch ist sie ein paar Tage oder eine ganze Woche gesund, dann hat sie wieder Halsschmerzen und ist schlapp. Normalerweise würde sie an vielen von diesen Tagen trotzdem zur Schule gehen, aber zur Zeit darf sie das dank der Coronavorschriften ja nicht.

Unter anderem deshalb haben wir ihr gestern einen Ausflug mit dem Auto ins abgelegenste Parkhaus des Krankenhauses organisiert, wo ihr von einer Frau im Raumanzug in der Nase herumgepokelt wurde.

Wenn das Ergebnis des Coronatests negativ ist, darf sie nämlich wieder in die Schule gehen, auch mit Halsschmerzen. Allerdings kann es bis zu vier Tage dauern, bis das Ergebnis da ist. (Es hat auch nur 26 Stunden vom Anruf bei der städtischen Coronahotline bis zum Testtermin gedauert.)

Das Fräulein Maus freute sich deshalb sehr, als gestern Abend die Wilma-Nachricht eintraf, dass wegen eines Coronafalls in ihrer Schule ab heute bis zu den Herbstferien für die gesamte Oberstufe Fernunterricht stattfindet. So kann sie nämlich heute schon wieder in die Schule gehen am Unterricht teilnehmen statt möglicherweise erst am Dienstag. Und ihre Flunssa endlich mal richtig auskurieren.

Andererseits ist das Warten aufs Testergebnis jetzt deutlich spannender geworden.


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Masken und Coronahunde

Jeden Abend, wenn ich unser Maskensüppchen gekocht habe, wünsche ich mir so eine kleine isländische Badeanzugschleuder.

Überhaupt sehne ich mich sehr nach unserem fast coronafreien Sommer zurück.

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Presseschau.

Halleluja! Finnland hat sich zu einer Maskenempfehlung durchgerungen.

Kein unangenehmes Gefriemel in der Nase und kein tagelanges Warten auf Laborergebnisse mehr: Auf dem Helsinkier Flughafen übernehmen Kössi, Valo, Miina und ET den Coronatest. (War auch der New York Times einen ausführlichen Bericht wert.)


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Reiserückblick: Langsam reisen

Den Floh hatte uns vor drei Jahren ein deutsches Ehepaar, das wir auf einem norwegischen Zeltplatz trafen, ins Ohr gesetzt.

Bis dahin hatte ich geglaubt, nach Island käme man als Tourist nur mit dem Flugzeug, aber sie berichteten uns von der Fähre, die einmal pro Woche in 48 Stunden von Norddänemark nach Island fährt und mit der sie mit ihren drei Kindern und ihrem Wohnmobil schon mehrmals gefahren waren.

Seit wir in Finnland wohnen, sind wir daran gewöhnt, dass jede unserer Reisen auf dem Meer beginnt. Dass jede unserer Reisen immer einen Grossteil „Der Weg ist das Ziel“ beinhaltet. Für mich ist tatsächlich die Welt nicht durch die Möglichkeit des Fliegens kleiner geworden, sondern seit der Ähämann und ich mit dem Auto, erst ohne und dann auch mit den Kindern, kreuz und quer durch Europa reisen: von Deutschland nach Tunesien, von Finnland in die Schweiz, über Schweden nach Ungarn, durchs Baltikum in die Slowakei. Man muss nicht fliegen, um weiter als bis ins Nachbarland zu kommen. Das muss einem in der heutigen Zeit ja auch erstmal klar werden.

Ich fliege gern: weil ich Flugzeuge toll finde. Aber ich reise nicht gern mit dem Flugzeug: aus Klimaschutzgründen, weil es zu fünft nahezu unerschwinglich ist, weil man am Zielort dann sowieso in den meisten Fällen noch ein Mietauto braucht, weil man mit dem Flugzeug nicht genug Krempel – schon gar kein Fünf-Personen-Zelt plus Zubehör! – transportieren kann. Und weil mir beim Fliegen das Gefühl für Entfernungen fehlt. Nach dem Fliegen fühle ich mich immer ein bisschen orientierungslos, ein bisschen wie an einem unbekannten Ort gestrandet.

Vier Nächte und drei Tage lang von Finnland nach Island zu reisen fühlte sich der Entfernung angemessen an. Als wir eine Woche später am westlichsten Punkt Islands standen, waren wir schliesslich fast in Grönland!

Für ein paar Stunden allerdings dachten wir, Schifffahren sei vielleicht doch eine Schnapsidee gewesen. Ich bin noch nie seekrank geworden – auch nicht bei der stürmischen 24stündigen Überfahrt von Genua nach Tunis oder im Herbststurm auf der Ostsee zwischen Helsinki und Rostock – aber die „Norröna“, kleiner als unsere Schwedenfähren, fing sofort hinter der Hafenausfahrt in Hirtshals mit dem Schaukeln an – und zwar nicht so ein bisschen hin und her oder auf und ab, sondern eher so achterbahnmässig – und in Verbindung mit Schlafmangel, zu wenig Frühstück und zu allem Überfluss einer Kopfschmerztablette auf nahezu nüchternen Magen war das dann doch zu viel. Dem Rest der Familie ging es auch nicht besser. Wir waren jedoch so müde, dass wir den Grossteil des Nachmittags, Abends und der Nacht einfach verschliefen.

Am nächsten Morgen überliess uns eine deutsche Familie eine ihrer zahlreichen Reisetablettenpackungen – etwas, woran wir, obwohl uns durchaus bewusst war, dass es auf dem Nordatlantik schaukeln würde, schlicht nicht gedacht hatten, weil wir sowas erstens noch nie gebraucht hatten und zweitens in Finnland noch nie auch nur eine einzige Werbung für Reisetabletten gesehen hatte. Die Tabletten und ein ordentliches Frühstück im Bauch halfen jedenfalls schnell, worauf wir den Rest der Reise wieder geniessen konnten.

Beim Frühstück, nach 21 Stunden Fahrt, tauchte Schottland auf. Gewaltige grüne Inseln. Und die ersten Basstölpel segelten neben dem Schiff her. (Da hatten wir freilich noch nicht recherchiert, um was für Vögel es sich handelte. Der grosse Herr Maus taufte sie einstweilen sehr passend Jetmöwen.)

Was man alles verpasst, wenn man fliegt…!

Als die letzte schottische Insel wieder hinterm Horizont verschwunden war, erfreuten wir uns noch lange an den das Schiff begleitenden Jetmöwen. Und an der Sonne und den hundert verschiedenen Blautönen von Wasser und Himmel. Und fast ein bisschen auch an der Schaukelei. Ich zumindest.

Abends hatte die Schaukelei kurzzeitig ein Ende: die Fähre legte für eine halbe Stunde in Tórshavn, der Hauptstadt der Färöerinseln, an. Über dem Hafen hing ein vollständiger Regenbogen, und ich hatte Herzchenaugen: so weit draussen, und plötzlich taucht da wieder eine bewohnte Gegend auf!

In der Nacht und am nächsten Morgen schaukelte es nicht weniger als vorher, aber keiner von uns wurde mehr seekrank. Als Island am Horizont auftauchte, als die ersten schneebedeckten Berge unsere Herzen hüpfen liessen und wir in Seyðisfjörður einliefen, hatte ich eine Ahnung, wie sich die frühen Entdecker gefühlt haben müssen, wenn nach Wochen auf See ein unbekanntes Land, ein neuer Kontinent auftauchte.

(Vor dem Landgang mussten wir allerdings noch an Bord unseren Coronatest absolvieren, dessen Ergebnis uns noch am gleichen Abend per App mitgeteilt wurde.)

Island schwankte übrigens noch zwei Tage lang unter unseren Füssen.

***

Auf der Rückfahrt fühlten wir uns auf der „Norröna“ schon fast zu Hause. Wir erlebten fünf Meter hohe Wellen auf dem Nordatlantik, die das Schiff wie ein grosses Schaukelpferd auf und ab bewegten, und eine nahezu langweilig glatte Nordsee. Wir sahen einen Wal gleich neben dem Schiff! Nachmittags sassen wir in einer heissen Badewanne auf dem Oberdeck, während wir am Leuchtturm von Muckle Flugga vorbeifuhren. Und beim Abendessen nahmen wir alle paar Bissen das Fernglas zur Hand und bestaunten gigantische norwegische Bohrinseln.

Die 46 gemächlichen Stunden Heimfahrt auf der „Norröna“ halfen auch beim Abschiednehmen von Island, das uns überraschend schwer fiel. Es war dann auch durchaus passend, dass wir mit dem Löwen Balthasar die Letzten waren, die von Bord rollten.