Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Farben tanken

Der Samstag begann damit, dass ich gegen acht, kurz vor Sonnenaufgang, aufs Klo wankte und es vor dem Fenster so aussah:

Statt direkt wieder ins Bett zu kriechen, holte ich erstmal die Kamera. Dann schlich ich mich zurück ins Bett und freute mich nicht nur, dass ich mindestens noch eine Stunde schlafen könnte, sondern auch, dass wir ausnahmsweise einen komplett freien Tag vor uns hatten. Mit besten Wetteraussichten noch dazu.

An so einem Tag, an denen schon vor Sonnenaufgang die Bäume wie von innen heraus leuchten, kann man aber nicht in den Wald und auch nicht ins Moor. Da muss man irgendwohin, wo es viele Laubbäume gibt! Und waren wir nicht schon ewig nicht mehr in Rauma?! Wir würden alles stehen und liegen lassen und gleich nach dem Frühstück losfahren. („Gleich nach dem Frühstück“ entpuppte sich dann als um zwölf, weil alle das Ausschlafen bitter nötig hatten, aber die Sonne steht ja – Sommerzeit sei Dank! – immer noch erst um eins am höchsten, und abends ist es noch leidlich lange hell.)

Wir konnten uns schon auf der Hinfahrt nicht sattsehen an den gelb und orange leuchtenden Bäumen am Strassenrand. Und in Rauma fanden wir sogar überraschend eine Gelegenheit zum Laubflössen. Nachdem die Herren Maus den Stock, der sich quer im Bach verfangen hatte, entdeckt und herausgezogen hatten, setzte sich ein Riesenplacken angestauter Herbstblätter in Bewegung und wollte in der Strömung gehalten werden. Drei Kinder besorgten sich in Windeseile lange Stöcke und rannten am Ufer auf und ab und stocherten mit Hingabe im Bach herum.
So lange jedenfalls, bis der kleine Herr Maus mit einem gewaltigen PLATSCH rücklings in den Bach flog und mit bis über die Hüfte triefnassen Klamotten – die einzigen beiden Kleidungsstücke, die noch trocken waren, waren Mütze und Halstuch – wieder herausstieg. Zum Glück fahren wir immer noch wie in Kleinkinderzeiten einen Beutel mit drei vollständigen Sätzen Kinderersatzklamotten im Auto spazieren, war das Auto nicht allzuweit weg und war es nicht sehr kalt.

Und so liefen wir, nachdem der kleine Herr Maus sich umgezogen hatte und wir die nassen Klamotten im Auto ausgebreitet hatten, weiter durch Gässchen voller Holzhäuser, gingen sehr lecker und gemütlich italienisch essen, statteten dem Lieblingsspielplatz einen Besuch ab und liessen die Kinder – da die drei Kinderfahrräder inzwischen wirklich nicht mehr ins Auto passen – noch mehrere Runden rullern.

Es war alles ganz wunderbar.

Auch wenn das wohl eher nicht so unser Glückstag war, gestern. Denn auf der Hinfahrt hatte uns ein entgegenkommender LKW einen Stein an die Frontscheibe geschleudert, und die ist jetzt leider hin.

Wir fuhren dann auf der Heimfahrt auch sehr, sehr vorsichtig, denn nach Glasbruch und unfreiwilligem Bad im Bach hätte es mich nicht gewundert, wenn wir in der Dämmerung auch noch einem Elch begegnet wären.


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kolmesataakaksitoista

Wir haben kein Glück mit Autowerkstätten.

Vor zwei Jahren, kurz bevor wir nach Jena fuhren, zickte der Herr Picasso rum. Wir brachten ihn in die Werkstatt, die guckten ihn sich eine Stunde lang an, knöpften uns 60 € dafür ab, hatten aber keinen Fehler gefunden und demzufolge auch nichts repariert. Wir machten einen Termin in der Werkstatt in Jena, der Herr Picasso schleppte sich die 1200 km hin, in der Werkstatt hatten sie von Anfang eine Vermutung, was kaputt sein könnte, ersetzten einen Sensor durch einen neuen, und wir beschlossen, uns in Turku endlich eine neue Werkstatt zu suchen.

Neulich, kurz bevor wir nach Jena fuhren, zickte der Herr Picasso rum. Wir erwogen gar nicht erst, ihn hier in die Werkstatt zu bringen, sondern machten einen Termin in der Werkstatt in Jena, der Herr Picasso fuhr die 1200 km hin und brüllte uns nach jeder Pause an, wir hätten seine linke Vordertür nicht richtig zugemacht. In der Werkstatt guckten sie ihn sich kurz an, fanden aber keinen Fehler und reparierten demzufolge auch nichts. (Aber knöpften uns wenigstens kein Geld dafür ab.) Der Herr Picasso brüllte uns in Prag an und in der Slowakei und auf der Rückfahrt und bei jeder Fahrt zum Strand, und als er sich nicht mal mehr von aussen verriegeln liess, brachten wir ihn in die andere die Werkstatt in Turku, zu der wir inzwischen gewechselt hatten. Die stellten fest, dass da nur ein Kabel locker sei, machten das Kabel wieder fest, alles gut.

Also fast. Leider ist nämlich, wenn in dieser Werkstatt etwas repariert wurde, hinterher etwas anderes kaputt. Vor ein paar Monaten eine Zündspule. Diesmal die Klimaanlage.

(Erst klapperte und rödelte zwei Tage lang die Lüftung, so dass sie sich bisweilen anhörte wie ein Motorrad oder ein startendes Flugzeug, und als wir vorgestern vom Strand zurückkamen, machte es plötzlich „Piiiiip!“ und wurde daraufhin sehr heiss und feucht im Auto. Und wir rissen die Fenster auf und rollten gemächlich nach Hause und standen an einer Ampel neben einer 312.)

Tolles Timing…! Wir fahren dann jetzt bis Montag bei 34 Grad mit offenen Fenstern rum und halten die Wege zu den Stränden möglichst kurz.

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Immer muss ich alles sollen

Im Morgengrauen rufen die verstopfte Nase und der Kratzehals um die Wette: „Mach uns ein Dampfbad, wenn du noch ein Stündchen schlafen willst!“ und setzen höhnisch hinzu: „Du warst ja den ganzen Winter nicht krank!“

Dann ruft – und er versteckt es hinterhältig unter einem lieblichen Hornkonzert – der Wecker: „Mach mich schnell aus, bevor das Kind, das eine Stunde später Schule hat, aufwacht!“

Der Toaster und die Mikrowelle rufen: „Bing! Brötchen und Honigmilch auf den Tisch stellen, aber flott!“ (Die Kaffeemaschine ruft netterweise nicht, sondern überreicht mir meinen Kaffee mit einem „Bitteschön!“ in rotleuchtenden Buchstaben. Mehr höfliche Haushaltsgeräte, bitte!)

Drei Kinder rufen um die Wette: „Ich brauche / muss / will…! Der kleine Herr Maus ärgert mich! Ihr seid alle doof!“

Das Telefon ruft: „Drei neue Wilma-Nachrichten aus der Schule! Hol den Kalender, hopphopp!“

Hannelore ruft im Dreiklang: „Ich-bin-fer-tig! Ich-bin-fer-tig! Ich-bin-fer-tig! Ich-bin-fer-tig!“

Zahnbürste und Sonnencremetube rufen: „Karies! Hautkrebs!“

Dann ruft die Arbeit. (Sie ruft zu langen Nachmittagen im Park, und diesem Ruf folge ich ausnehmend gerne.)

Der grosse Herr Maus ruft: „Wann kommst du denn endlich nach Hause?!“

Die Radieschen, die Tomaten, die Blumen und das neugesäte Gras rufen: „Was bildest du dir eigentlich ein, uns bei 30 Grad den ganzen Tag dursten zu lassen?! Wasser her, aber schnell!“

Das Fräulein Maus ruft: „Wir müssen los! Kommst du endlich?!“

Der Herr Picasso ruft aus vollem Hals: „MACH DIE TÜR ZU!“ (Dabei sind alle Türen schon längst zu und der Herr Picasso hat nur ein ausgeprägtes Gespür für gutes Timing für spinnende Sensoren – nämlich immer genau dann, wenn der Ähämann auf Dienstreise ist und wir anderen alle krank sind und uns der Mai mit seinen zweihundert Feierlichkeiten sowieso keine Zeit für Werkstattbesuche lässt; andererseits aber auch zwei Wochen bevor wir den Fehler komfortabel in der 1600 km entfernten Werkstatt unseres Vertrauens beheben lassen können.)

Der Ähämann ruft: „Ich hab‘ Sehnsucht nach euch! Lass uns telefonieren!“

Der kleine Herr Maus ruft: „Die Zahnpasta ist alle!“

Das Fräulein Maus ruft: „Dürfen wir noch Logo angucken?!“ (Da ist es schon halb zehn.)

Der grosse Herr Maus ruft: „Aber leg‘ dich wenigstens noch kurz zu uns ins Bett!“

Dann rufen unausgepackte Einkaufsbeutel, unbeantwortete Mails, ungelegte Wäsche und ein unausgeräumter Geschirrspüler: „Du kannst uns nicht einfach so ignorieren! Tu was!“

Und dann… dann ruft ganz laut mein Bett.

***

(Noch drei Tage bis Ähämann-Rückkehr. Noch drei Wochen bis Sommerferien zwei Wochen bis Urlaubsbeginn.)


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kaksisataaviisikymmentäseitsemän

Vorgestern machten wir, weil der Herr Picasso in der Werkstatt war, die montägliche Deutschunterricht-Turnhalle-Pfadfinder-Runde mit dem Bus. Ich bin dabei sehr viel durch vollgeparkte Strassen und zwischen Feierabendverkehr herumgelaufen, und so kam ich auch an einer geparkten 257 vorbei.

Überhaupt sollte man das viel öfter mal ausprobieren, Wege, die man sonst grundsätzlich mit dem Auto erledigt, mal mit dem Bus zu fahren. In den meisten Fällen ist das nämlich gar nicht so zeitaufwändig bis unmöglich, wie man vorher gedacht hat…

Der Herr Picasso bekam übrigens ein paar Kratzer ausgebessert, die ihm neulich einer beim Ausparken auf dem Supermarktparkplatz zugefügt hatte. Wir hatten das ja schon mal und wussten deshalb so ungefähr, wie sowas in Finnland gehandhabt wird – ausser, dass wir diesmal nicht erst die Polizei riefen. Wir machten ein paar Beweisfotos, der Unfallverursacher hielt uns noch seinen Führerschein zum Abfotografieren in die Kamera – dabei hätte ein Foto seines Kennzeichens völlig ausgereicht – nannte uns zur Sicherheit noch seine Versicherung und versprach uns, sich mit selbiger in Verbindung zu setzen.

Ich unterstelle ihm jetzt mal keine böse Absicht, sondern vermutlich ging ihm genauso wie uns erst hinterher auf, dass wir zwar seine Kontaktdaten hatten, er aber keine von uns. (Falls er nicht unser Kennzeichen auswendig gelernt hatte.) Jedenfalls hörten wir zehn Tage lang nichts von irgendeiner Versicherung, dann rief der Ähämann dort an, schilderte den Vorgang und bekam gesagt, er könne schon mal in die Werkstatt fahren zur Begutachtung der Schäden. Das tat er, bekam für Montag einen Termin zur Beseitigung der Schäden und holte gestern den fast-wie-neuen Herrn Picasso wieder ab. Sache erledigt für uns. Die Rechnung schickt die Werkstatt direkt zur Versicherung.

Manchmal ist es noch besser, in Finnland zu leben, als sonst schon.

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kaksisataakaksikymmentäseitsemän

Zwischen Parainen und der Lieblingsfähre hatten wir heute einen Geburtstag zu feiern.

Wie schön, dass wir alle dabeisein konnten und das Jubiläum nicht zwischen Turnhalle, Supermarkt und Deutschunterricht stattfand!

Nein, man muss dann jetzt weder die Verkehrspolizei noch das Jugendamt verständigen. ;-)

Und als wir unseren Weg fortsetzten, Richtung Fähre und „Gehen wir dann jetzt endlich wandern!?“, kam uns auch gleich noch eine 227 entgegen.

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Überzeugungen spazierenfahren

Den Herrn Picasso ziert keine Flagge, kein Fisch und kein Aufkleber mit den Namen der Kinder.

Aber neuerdings fährt er doch mit einem Statement durch die Gegend.

Ich bremse am Fussgängerüberweg.

Wir waren lange Zeit die Einzigen, die überhaupt angehalten haben. Die Fussgänger waren oft verwirrt, blieben wie angewurzelt stehen und winkten uns weiter. Und wenn doch mal ein Auto anhielt, dann wurde es nicht selten von dem Auto dahinter direkt überholt: Warum hält der Idiot denn mitten auf der Strasse an?!

Jedes Jahr kommen auf finnischen Fussgängerüberwegen 10 bis 15 Menschen zu Tode.

Jedes Mal gibt es einen kurzen Aufschrei, dann geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Schulkinder werden angefahren. Alte Leute. Mütter mit Kinderwagen.

Es ist ein bisschen besser geworden in den letzten Jahren, aber längst nicht so, wie ich es mir als Fussgänger und Radfahrer und vor allem als Mutter von Fussgängern und Radfahrern wünschen würde.

Ich habe mich deshalb gefreut, als die ersten Aufkleber an Pakettiautos auftauchten. So einen wollte ich auch haben!

Und so habe ich ein bisschen recherchiert. Und bin – mit dem Fahrrad (!) – durch die halbe Stadt gefahren, um mir einen offiziellen Prototyp für PKWs aushändigen zu lassen. Zu Testzwecken.

Den Eignungstest fürs Auto hat er bestanden. Wie gross seine Wirkung sein wird, bleibt abzuwarten.