Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Farben tanken

Der Samstag begann damit, dass ich gegen acht, kurz vor Sonnenaufgang, aufs Klo wankte und es vor dem Fenster so aussah:

Statt direkt wieder ins Bett zu kriechen, holte ich erstmal die Kamera. Dann schlich ich mich zurück ins Bett und freute mich nicht nur, dass ich mindestens noch eine Stunde schlafen könnte, sondern auch, dass wir ausnahmsweise einen komplett freien Tag vor uns hatten. Mit besten Wetteraussichten noch dazu.

An so einem Tag, an denen schon vor Sonnenaufgang die Bäume wie von innen heraus leuchten, kann man aber nicht in den Wald und auch nicht ins Moor. Da muss man irgendwohin, wo es viele Laubbäume gibt! Und waren wir nicht schon ewig nicht mehr in Rauma?! Wir würden alles stehen und liegen lassen und gleich nach dem Frühstück losfahren. („Gleich nach dem Frühstück“ entpuppte sich dann als um zwölf, weil alle das Ausschlafen bitter nötig hatten, aber die Sonne steht ja – Sommerzeit sei Dank! – immer noch erst um eins am höchsten, und abends ist es noch leidlich lange hell.)

Wir konnten uns schon auf der Hinfahrt nicht sattsehen an den gelb und orange leuchtenden Bäumen am Strassenrand. Und in Rauma fanden wir sogar überraschend eine Gelegenheit zum Laubflössen. Nachdem die Herren Maus den Stock, der sich quer im Bach verfangen hatte, entdeckt und herausgezogen hatten, setzte sich ein Riesenplacken angestauter Herbstblätter in Bewegung und wollte in der Strömung gehalten werden. Drei Kinder besorgten sich in Windeseile lange Stöcke und rannten am Ufer auf und ab und stocherten mit Hingabe im Bach herum.
So lange jedenfalls, bis der kleine Herr Maus mit einem gewaltigen PLATSCH rücklings in den Bach flog und mit bis über die Hüfte triefnassen Klamotten – die einzigen beiden Kleidungsstücke, die noch trocken waren, waren Mütze und Halstuch – wieder herausstieg. Zum Glück fahren wir immer noch wie in Kleinkinderzeiten einen Beutel mit drei vollständigen Sätzen Kinderersatzklamotten im Auto spazieren, war das Auto nicht allzuweit weg und war es nicht sehr kalt.

Und so liefen wir, nachdem der kleine Herr Maus sich umgezogen hatte und wir die nassen Klamotten im Auto ausgebreitet hatten, weiter durch Gässchen voller Holzhäuser, gingen sehr lecker und gemütlich italienisch essen, statteten dem Lieblingsspielplatz einen Besuch ab und liessen die Kinder – da die drei Kinderfahrräder inzwischen wirklich nicht mehr ins Auto passen – noch mehrere Runden rullern.

Es war alles ganz wunderbar.

Auch wenn das wohl eher nicht so unser Glückstag war, gestern. Denn auf der Hinfahrt hatte uns ein entgegenkommender LKW einen Stein an die Frontscheibe geschleudert, und die ist jetzt leider hin.

Wir fuhren dann auf der Heimfahrt auch sehr, sehr vorsichtig, denn nach Glasbruch und unfreiwilligem Bad im Bach hätte es mich nicht gewundert, wenn wir in der Dämmerung auch noch einem Elch begegnet wären.


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Blau-goldener Oktober

Jetzt ist er also da, der goldene Oktober. Und wie jedes Jahr leuchten die Bäume hier besonders schön.

Wenn die wirklich freie Wochenendzeit allerdings sowieso schon knapp bemessen ist, dann ist es wenig hilfreich, wenn ein Familienmitglied auch noch an einem Samstag in die Schule muss und der Unterricht in einem fensterlosen Kellerraum stattfindet.

Aber. Das waren die schönsten sechs Unterrichtsstunden, die ich bisher hatte. In 15 Stunden – die anderen werden aber wie üblich mittwochs stattfinden – werden wir die Grundlagen der Gebärdensprache lernen, weil wir in unserer Arbeit mit Kindern mit diversen Sprachschwierigkeiten zu tun haben können, für die unterstützende Gebärden zusätzlich zur gesprochenen Sprache echt hilfreich sein können. Ich finde ja, dass Sprachenlernen sowieso immer Spass macht, aber so viel Spass gemacht hat es noch in keiner Sprache, und so schnell ging es auch noch nie. Das hätte ich auch noch ein paar Stunden länger machen können!

Hinterher holten mich der Ähämann und die Mäusekinder von der Schule ab und wir fuhren direkt weiter zur Sauna auf der nächsten Insel zum Anbaden. Es fühlte sich ja schon ein bisschen seltsam an, nur vier Wochen nach dem letzten Strandbesuch schon „Eis“baden zu gehen, aber juhuu, endlich wieder!

Den Sonntag verbrachte ich grösstenteils mit Hausaufgaben – leider nicht Gebärdensprache lernen, sondern nervige Planungsformulare für meine erste Lehrprobenwoche ausfüllen – aber als der Ähämann und die Herren Maus vom Schwimmen zurückkamen, mussten wir doch nochmal ins Auto springen und auf die Hausinsel fahren, weil man nie weiss, wann der nächste Sturm kommt und dem goldenen Oktober ein jähes Ende bereitet.

Ausser in der Eisbadesauna waren wir in den letzten Jahren nicht mehr viel auf Ruissalo. Vielleicht, weil wir, als die Kinder klein waren, andauernd da waren und wir dann, seit wir keinen Kinderwagen mehr brauchten und es auch endlich mehr Rundwanderwege aller Längen in der näheren Umgebung (naja…) gibt, erstmal eine Weile nicht mehr da hin wollten.

Aber Himmel, ist es schön da! Vor allem jetzt, wo die ganze Insel blau-golden leuchtet!


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Leben auf der Baustelle

Nicht nur, dass wir seit drei Jahren um die Grossbaustelle fürs neue Krankenhaus herumkurven.

(Die, nebenbei bemerkt, ein echtes Schilda ist:
Nach einem Jahr stellte man fest – als einem Passanten (!) die grossen Poren auffielen – dass das Fundament aus minderwertigem Beton gegossen worden war. Woraufhin alles wieder abgerissen werden musste und sich die Bauarbeiten um mindestens ein Jahr verzögerten.
Der brandneue Hubschrauberlandeplatz auf einem schon vor einigen Jahren fertiggestellten neuen Gebäude des Krankenhauses war ein Jahr lang nicht in Betrieb, weil man plötzlich feststellte, dass er dafür, dass direkt daneben ein wirklich hohes neues Krankenhausgebäude entstehen sollte, zu niedrig lag, um die Hubschrauber sicher starten und landen zu lassen, und erstmal nachträglich drei Stockwerke höher gebaut werden musste.
Dass seit drei Jahren die Ampeln an einer Kreuzung, die wegen der Baustelle überhaupt nicht mehr befahrbar ist, sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag grün leuchten und Strom fressen, ist da ja schon fast eine Lappalie.)

Nun haben wir eine zweite Grossbaustelle für die nächsten mindestens drei Jahre in der Stadt. Mitten in der Stadt. Auf dem Markt nämlich.

Nicht nur, dass die Marktstände jetzt alle irgendwo auf dem ehemaligen Taxistand zusammengedrängt sind und man wegen der ganzen Bauzäune und -absperrungen da kaum noch hinkommt. Viel schlimmer ist, dass die Busse, die bisher alle am Markt hielten – der auch ausschliesslich Bussen und Taxis vorbehalten war – jetzt durch irgendwelche Nebenstrassen fahren müssen und der zentrale Umsteigeplatz sich auf eine enge, vielbefahrene Parallelstrasse verlagert hat, wo es gerade mal Haltestellenschilder gibt, aber keine Wartehäuschen, keine Bänke, nichts. Unser Schuljahresanfangsprojekt war völlig für die Katz. Zum Glück waren wir schon so oft zu Fuss im Stadtzentrum unterwegs, dass wir den Kindern genaue Erklärungen geben konnten, wo sie ihre neuen Bushaltestellen finden würden. Und noch besser: während wir ihnen erklärten, mit dem Busroutenplaner auf der Hand, wo die Busse jetzt entlangfahren und halten würden, stellten wir fest, dass sie alle drei problemlos Karten lesen und interpretieren können, und so machten sie sich die erste Woche mit ausgedruckten Karten auf den Weg ins Konservatorium und zum Deutschunterricht. Uff.

Und warum das Ganze? Weil die unsägliche Tiefgarage unterm Markt, die keiner will und keiner braucht – und wenn ich sage „keiner“, ist das nicht nur meine persönliche Einstellung dazu, sondern tatsächlich ist die Mehrheit der Turkuer dagegen – nun doch gebaut wird.

Tampere baut eine Strassenbahn.
Helsinki will bis 2025 autofrei sein.
Turku baut eine Tiefgarage mitten ins Stadtzentrum.

Man kann gar nicht so viel mit den Augen rollen, wie man eigentlich möchte.


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Wochenende

Je voller unser Terminkalender ist, desto dringender haben wir das Bedürfnis nach frischer Luft, Licht und Wald.

Zum Glück ist es noch leidlich lange hell abends, so dass man auch halb drei nach des Fräulein Maus‘ Training noch losfahren kann. Ich hatte neulich gelesen, dass es jetzt die erste strombetriebene Seilfähre in Finnland gibt, und weil die ganz in unserer Nähe fährt, war das Ausflugsziel natürlich klar.

Anders als die „Elektra“ fährt die Seilfähre – die übrigens nicht am Seil gezogen wird, sondern mit Diesel-bzw. Elektromotor fährt; das Seil erleichtert nur die Navigation, weswegen ein Seilfährenfahrer keine Kapitänsausbildung braucht – nicht mit Strom aus dem Akku, sondern mit Strom direkt aus dem Stromnetz und wickelt ihr eigenes Stromkabel während der Fahrt je nach Fahrtrichtung auf oder ab.

Also theoretisch. Wir fuhren nämlich los, und es tat sich nichts, und der Motor hörte sich sehr nach Dieselmotor an. Der Fährfahrer kam aber, als er uns da so stehen und gestikulieren sah, sofort aus seinem kleinen Steuerkabuff gesprungen und rief uns zu: „Das Kabel ist nicht in Betrieb. Die Fähre kriegt nächste Woche erst noch einen grösseren Elektromotor.“ Kein Problem. Wir kommen gern nochmal.

Auf der kleinen Insel, zu der die Seilfähre fährt, gibt es übrigens einen ganz wunderbaren Aussichtspunkt, von dem aus man nur Wald, Wasser und Insel an Insel sehen und sehr weit nach Süden gucken kann.

Leider stürmte es wie blöd, und die Sonne war inzwischen auch verschwunden. Aber egal, Hauptsache draussen!

Der Sonntag begann – das hatten wir ja schon mehrere Monate nicht mehr! – in aller Herrgottsfrühe in der Turnhalle. Das Fräulein Maus hatte einen Wettkampfauftritt.

Aus pädagogischen Gründen tritt der Flohzirkus ein, zwei Mal im Jahr nicht als Mannschaft, sondern einzeln mit einer Kür in rhythmischer Sportgymnastik auf. Obwohl ich das – als Zuschauer – ein bisschen langweilig finde, war ich diesmal doch sehr froh, dass das Fräulein Maus so nochmal ihren Wettkampfanzug vom letzten Jahr ausführen konnte. Den habe ich nämlich mit Zornestränen in den Augen beklebt, weil er erst zwei Tage vorm ersten Wettkampf der Saison von der Schneiderin gekommen war und wir Eltern dann in diesen zwei Tagen alle 800 Strasssteine aufzukleben hatten. (Seit das Fräulein Maus die Mannschaft gewechselt hat, klebe ich ja nicht mehr. Wir bezahlen dafür die Trainerinnen oder die grossen Mädels, die sich damit ein bisschen Geld zusätzlich verdienen. Win-win.) Ich wollte deshalb den Anzug auch nicht an das Mädchen, das für das Fräulein Maus in ihre alte Mannschaft nachgerückt ist, verkaufen – der ist unbezahlbar, echt! – sondern wir haben ihn ihr nur ausgeliehen, und jetzt hatte er nochmal einen Auftritt. Ich bin dann jetzt ein bisschen ausgesöhnt mit den zwei Tagen und Nächten Kleberei vor einem Jahr.

Dann hatte der kleine Herr Maus Schwimmtraining. Währenddessen machte das Fräulein mit mir Schwedischhausaufgaben. Weil nämlich vor vielen Jahren mein Versuch, Schwedisch zu lernen, aus bürokratischen Gründen gründlich in die Hose gegangen ist, werde ich – wir haben uns beide schon lange auf ihre 6. Klasse gefreut – jetzt einfach mit ihr mitlernen. Mal sehen, wie weit ich damit komme. Mein Vorhaben ist bis jetzt übrigens bei sämtlichen Finnen, denen ich davon erzählt habe, auf stummes Unverständnis gestossen. Hihi.

Als der kleine Herr Maus vom Schwimmtraining zurückkam, verschwanden die Herren Maus gemeinsam im Wald, um ihr Projekt, an dem sie schon seit Freitagnachmittag in jeder freien Minute gewerkelt hatten, fertigzustellen. Netterweise luden sie mich zur Einweihung ein, so dass ich auch am Sonntag wenigstens für ein knappes Stündchen in den Wald kam. (Gestern hat der kleine Herr Maus noch eine selbstgebaute Klingel angebracht. Und jetzt planen sie noch Tisch und Stühle.)

Das Wochenende endete mit Maus mit Büffchen, wobei wir Eltern uns diesmal um die Büffchen gar nicht kümmern mussten, weil die Herren Maus die – während ich zum Beispiel mit einer ausserplanmässigen Waschmaschinenladung beschäftigt war – selbst zubereiteten, inklusive Möhrenernte im Garten.

Manchmal hätte ich schon ganz gern ganz und gar freie Wochenenden wie so normale Leute. Aber so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte, als ich erfuhr, dass jetzt ein Kind samstags und ein Kind sonntags Training hat, und zwar mitten am Tag, ist es eigentlich gar nicht. Alles eine Frage der Einstellung.


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Wollsocken im Klassenzimmer (6)

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – möchte ich die nach und nach hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 2, 4 und 6 besuchen, basierend. Heute mit einer Frage, die mir besonders oft gestellt wird.

Wer ist Wilma?

Wilma lernten wir im Dezember 2012 kennen. Sie schickte dem Ähämann und mir jeweils einen Brief mit komplizierten Codes und versprach, sich fortan um die Angelegenheiten unseres angehenden Schulkindes zu kümmern. Und so sassen wir am Neujahrstag 2013 mit ihr auf dem Sofa und meldeten unser erstes Schulkind in der Schule an, und seither ist Wilma, die Beflissene, aus unserem Alltag überhaupt nicht mehr wegzudenken.

Nüchterner betrachtet könnte man auch sagen: Wilma ist ein elektronisches Klassenbuch. Ein digitales Muttiheft. Der Aktenordner mit Anträgen auf einen Hortplatz, auf Teilnahme am Muttersprachunterricht und auf Freistellung von der Schule.

Für jedes angehende Schulkind bekommen jeweils alle Sorgeberechtigten einen komplizierten Zugangscode mit der Post geschickt. Beim ersten Schulkind muss man sich erstmal selbst einen Wilma-Account anlegen und dann das angehende Schulkind hinzufügen, alle weiteren Schulkinder fügt man dann nur noch mit den zugeschickten Zugangscodes hinzu. Und das erste, was man mit Wilma macht, ist, sein Kind für die Schule anzumelden. Drei Klicks vom Sofa aus, zack, erledigt. Bei Bedarf auch gleich noch die Hortanmeldung und die Anmeldung für den Muttersprachunterricht.

Ab Mittsommer finden sich die Stundenpläne fürs kommende Schuljahr im Wilma. (Die sich, zumindest in unserer Schule, dann auch tatsächlich das ganze Schuljahr über nicht mehr ändern!)

Wenn das Schuljahr angefangen hat, manchmal auch schon ein paar Tage vorher, trudeln ab sofort jede Menge Nachrichten ein: von der Klassenlehrerin, vom Rektor, von der Schulschwester… wer eben den Eltern was mitzuteilen hat. Umgekehrt können auch die Eltern jedem Angestellten der Schule jederzeit eine Wilma-Nachricht schreiben, Dinge mitteilen, Fragen stellen.

Ist das Schulkind krank und muss zu Hause bleiben, teilt man das auch einfach über Wilma über ein spezielles Formular mit: bis 12 Uhr für den gleichen Tag, oder ab 12 Uhr für den Folgetag.

Steht übrigens ebenfalls im Wilma: wann das Kind gefehlt hat und warum. Ob es etwas besonders gut gemacht hat oder ob es die Hausaufgaben vergessen hat. (Und das ist dann sehr vom Lehrer abhängig, was er da einträgt: Fehlstunden immer, klar. Aber manche Lehrer tragen jedes Heft-zu-Hause-vergessen und jedes Du-hast-heute-gut-mitgearbeitet ein, andere nutzen die Zeit lieber, um die Dinge direkt mit den Schülern zu klären.)

Auch Klassenarbeitstermine und Noten kann man sich direkt im Wilma angucken. Bisher bringen unsere Kinder immer noch die Zettel mit ihren korrigierten Tests nach Hause zum Unterschreiben, aber wenn der Lehrer die Note ins Wilma einträgt, kann man auch einfach dort ein Häkchen setzen, dass man es zur Kenntnis genommen hat.

Wilma ist übrigens nicht nur für Lehrer und Eltern da, sondern auch für Schüler. Unsere Kinder haben jeweils in der dritten Klasse angefangen, Wilma selbst zu nutzen. (Sie bekommen dann am Anfang der dritten Klasse auch schon mal die Hausaufgabe, ihrem Lehrer eine Wilma-Nachricht zu schreiben.) Die Lehrer schreiben dann Nachrichten mit wichtigen Terminen oft nicht nur an die Eltern, sondern an Eltern und Schüler, so dass die Schüler selbst nachlesen können. Und auch die Hausaufgaben stehen fast alle – je nachdem, wie der jeweilige Fachlehrer das handhabt – im Wilma. Das hilft zum Beispiel sehr, wenn das Kind krank ist, aber wegen individualisierter Hausaufgaben nicht einfach ein Klassenkamerad die Hausaufgaben vorbeibringen kann.

Wilma gibt es übrigens als Browserversion und – ein wenig abgespeckt – als App. Die App ist super, weil man da verschiedene Wilmas – jede Stadt hat zum Beispiel ihr eigenes Wilma, und die Herren Maus haben ein Musikschulwilma und ich selbst habe als Schülerin in meiner Schule auch ein Wilma – in einer Anwendung vereinen kann, ohne sich dauernd bei einem Wilma ab- und bei einem anderen Wilma wieder anmelden zu müssen. Dafür spinnt die App gerne mal, und man kann da nicht alles machen, was in der Browserversion möglich ist.

Wilma hat uns übrigens sogar ein neues Wort beschert: es passiert öfter, dass der Ähämann oder ich abends vorm Schlafengehen oder vom Frühstückstisch plötzlich hektisch aufspringen und rufen: „Ich muss doch noch wilmaen!“. (Dann ist entweder ein Kind krank oder hat am nächsten Tag während der ersten Schulstunde einen Zahnarzttermin und muss deshalb noch aus der Schule abgemeldet werden, oder eine dringende Wilma-Nachricht bedarf einer Antwort bis zum nächsten Schultag.)

Ich wilmae übrigens gerne.

***

Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen
Wollsocken im Klassenzimmer (3): Schulnoten
Wollsocken im Klassenzimmer (4): Schulkrankenschwester
Wollsocken im Klassenzimmer (5): Ferien


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Flieg, Korbinchen, flieg!

Drachensteigen ist ja nicht unbedingt ein Kinderspiel.

Suchbild. ;-)
(So eine 100-m-Drachenschnur ist ganz schön… lang.)

Die meisten Drachen nämlich sind leider völlig ungeeignet: drehen unkontrollierte Loopings in der Luft und stürzen gleich wieder ab. Ich habe in meinem ganzen Leben eigentlich nur zwei Drachen an der Leine gehabt, mit denen ich wirklich Spass hatte: den riesigen Lenkdrachen, den der ehemalige Mäusefängerfreund und Bürokollege, als wir gemeinsam auf Tagung nach Holland fuhren, dorthin mitgenommen hatte – und Korbinchen.

Korbinchen hat mein Vater aus einem Bastelbogen aus einer FRÖSI von 1968 (!) für mich gebaut, als ich ein Jahr alt war. Korbinchen bekam ein paar Jahre später einen noch längeren Schwanz verpasst sowie eine 100-m-Leine, die das einzig Brauchbare an einem gekauften Drachen, den ich mal geschenkt bekommen hatte, gewesen war, und stieg Herbst für Herbst wie ein Greifvogel in die Luft. Das letzte Mal war ich mit dem Damals-noch-nicht-Ähämann das Korbinchen auf den Hochebenen über Jena ausführen, da waren wir beide dem Drachenalter längst entwachsen, aber na und?! Vor ein paar Jahren brachten meine Eltern Korbinchen mit nach Turku, und ich hätte gern sofort ausprobiert, ob es immer noch so prima fliegt.

Aber. Drachensteigen ist hier auch deswegen schwierig, weil es keine geeigneten Plätze dafür gibt. Es gibt keine Stoppelfelder, weil die so spät erst abgeerntet und dann immer gleich umgepflügt werden. Und selbst wenn, befinden sich Felder und Wiesen immer irgendwo unten, im Windschatten von Wäldern, sind eher klein und zumeist von Stromleitungen überzogen.

Sonntagabend, als wir sowieso alle – bis auf den grossen Herrn Maus natürlich – ganz dringend nochmal frische Luft schnappen und Sonne tanken mussten, haben wir dann jetzt einfach mal beschlossen, dass die Kinder jetzt alt genug sind und schon oft genug da waren, um das Korbinchen vom einzigen geeigneten Platz weit und breit aus steigen zu lassen: einem ziemlich steilen Berg – naja, „Berg“; eher ein überdimensionierter Felsen – nämlich. Was auch deswegen kein Problem darstellte, weil das Korbinchen wirklich mit der ersten Windböe in die Luft steigt und dann da steht wie eine Eins, so dass man mit ihm auch nicht rennen muss, um es in die Luft zu bringen oder in der Luft zu halten. (Die Kinder rannten nur juchzend durch die Gegend, um geeignete trockene Grashalme zu sammeln, um dem Korbinchen Post nach oben zu schicken.)

Kinder glücklich.
Eltern glücklich.
Das Korbinchen nickte uns von weit oben auch irgendwie glücklich lächelnd zu. Mit Kranichen ist es noch nie geflogen!


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Finnsierung XLV

Es ist dann jetzt soweit: auch Mitglieder unserer Familie gehen in Gummistiefeln wandern…!

Der grosse Herr Maus hatte schon seit drei Jahren auf dieses Wochenende hingehibbelt: wenn die Pfadfinder in die nächste Altersstufe aufrücken, dann begehen sie das in seinem Stamm mit einer zweitägigen Wanderung. Die ganze Woche habe ich für ihn gebangt, weil ich mir von Arbeit eine echt fiese Erkältung mitgebracht hatte, die mich für zwei Tage völlig lahmgelegt hat und immer noch nicht ganz ausgestanden ist und die ich auch an den Ähämann und das Fräulein Maus weitergegeben habe, aber der grosse Herr Maus blieb zum Glück gesund, und so lieferten wir Freitagabend einen aufgeregten Wölfling am Busbahnhof ab und bekamen heute einen glücklichen Abenteurer zurück nach Hause geliefert, der begeistert von seinen Erlebnissen* berichtete.

Wie sie Freitagabend losgewandert seien, sich dann an einer Feuerstelle Würstchen zum Abendbrot gegrillt hätten und dann mit Stirnlampen noch zwei Stunden weitergewandert wären durch die zunehmende Dämmerung bis zu dem Platz, an dem sie ihre Unterstände für die Nacht aufgebaut hätten. Und dass das mit dem Sturm – es gab eine Sturmwarnung für die Nacht! – gar nicht schlimm gewesen sei. Und wie sie dann am nächsten Tag abseits jeglicher Wanderwege weitere acht Kilometer quer durchs Moor gewandert seien und dass er jetzt weiss, wo man gefahrlos hintreten kann und wo man versinkt. Und wie sie dann, an der Hütte ihres Pfadfinderstamms angekommen, wieder ihre Unterstände aufgebaut hätten und dann Holz in die Sauna getragen hätten. Wie sie sich ihre neuen orangen Halstuchknoten geflochten hätten. Und wie sie dann alle noch auf eine kleine Nachtwanderung mit Stirnlampen und Reflexband an Bäumen geschickt worden seien, an deren Ende eine Kiste mit verschiedenen Getränken gestanden hätte, von denen sie sich eins für die Sauna nehmen durften und dann direkt in die warme Sauna gegangen seien. Und wie sie Eierkuchen überm Lagerfeuer gebacken hätten. Und wie toll es gewesen sei. Und der seit Tagen wackelnde Milchzahn ist jetzt auch raus. Wie es sich für einen grossen Pfadfinder gehört.


* Wir Eltern durften netterweise von Ferne ein bisschen teilhaben.

[Finnisierung I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, VIIIa, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII, XIX, XX, XXI, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, XXVIII, XXIX, XXX, XXXI, XXXII, XXXIII, XXXIV, XXXV, XXXVI, XXXVII, XXXVIII, XXXIX, XL, XLI, XLII, offizielle, XLIII], XLIV]


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kolmesataayhdeksäntoista

Es war schwer vorstellbar, dass wir vor genau einer Woche erst noch am Strand gewesen sein sollten.

Wir waren auch diesmal ganz allein.

Wie vor einer Woche wälzte sich uns auf der Hinfahrt eine Blechlawine Richtung Stadt entgegen, und als wir heimfuhren, kamen die alle zurück. Der Ähämann hatte vor einer Woche sogar zweimal die gleiche 319 gesehen! (Ich nicht, ich hatte wie immer in der Gegend rumgeguckt.)

Wir mussten noch einen Schauer abwarten, der uns kurz vor der Fähre erwischt hatte, aber dann zog es auf und der Wald war wie frisch gewaschen und die Kinder freuten sich über die ersten Pfützen nach Monaten noch genauso wie als sie Kleinkinder waren und sowieso ist es ja schon sehr, sehr schön da auf dem „Zentimeterhochberg“.

(Und auf dem Rückweg sah dann sogar ich eine 319. Die war in den Strassengraben gerutscht.)

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206, 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222, 223, 224-225, 226, 227, 228, 229-230, 231, 232, 233, 234, 235, 236, 237, 238, 239, 240, 241, 242, 243, 244, 245,246, 247, 248, 249-250, 251, 252, 253, 254, 255, 256, 257, 258, 259, 260, 261, 262, 263, 264, 265, 266, 267, 268-269, 270, 271, 272, 273, 274, 275, 276, 277, 278-279, 280-281, 282, 283, 284-285, 286, 287, 288, 289-290, 291, 292, 293-294, 295, 296, 297-298, 299, 300, 301, 302-303, 304, 305, 306, 307, 308, 309, 310-311, 312, 313, 314-315, 316, 317-318]