Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Neulich war, mal wieder, unsere Hofbeleuchtung kaputt.

Die drei Strassenlaternen entlang unserer Strasse brannten, aber sonst war alles schwarz, als ich heimkam: Kein Licht im ehemaligen Müllhäuschen. Keine Hausnummernbeleuchtung. Kein Licht an jedem einzelnen Schuppen. Kein Licht an den Stirnseiten der Häuser und keins am Schutzraum. Keine einzige Laterne an.

Alle 35 Lampen an unseren gerade mal sieben Häusern aus!

Ich musste ein bisschen nach dem Schlüsselloch vom Schuppen tasten. Dann stellte ich das Fahrrad in den Schuppen, schmiss die Tür zu, guckte mich um und… fühlte mich augenblicklich besser.

Alles schwarz. Sterne am Himmel. Die Nachbarn, die direkt am Wald wohnen, hatten ungefähr zehn Laternen aufgestellt, in denen Kerzen flackerten.

Die ganze unerträgliche Mischung aus Novembermüdigkeit und -unruhe war weg. Von jetzt auf gleich.

Als ich nachts einmal ins Bad wankte, blieb ich wohlig müde: die Laterne vorm Gartenzaun, wegen der wir oft witzeln, dass wir eigentlich keine Wohnzimmerlampe bräuchten, stach mir nicht in die Augen. Wir hätten in allen drei Schlafzimmern ohne Verdunkelungsrollo schlafen können. Ich sank zurück ins Bett, und nicht mal durch den Rollospalt quoll Licht. Ich schlief wie ein Stein. Und als ich früh aufwachte und in die Dunkelheit ringsum hinausguckte, hatte ich nur einen einzigen Wunsch: dass diese Beleuchtung nie, nie wieder repariert werden würde.

Es kam mir ja selbst paradox vor: sollte man in der dunklen Jahreszeit nicht froh sein über jedes zusätzliche Licht?!

Die einzige Beleuchtung, unter der ich mich im November und Dezember je wohlgefühlt habe, ist das Flutlicht auf dem Kindergartenspielplatz. Dort blieb ich früher oft noch mit den Kindern nach dem Abholen. Es spielte sich da auch viel schöner als auf dem Spielplatz vor dem Haus, der trotz der drölfzig Laternen ringsrum immer finster ist, und das warme, gelbe Licht fühlte sich immer wie echtes Sonnenlicht spät am Abend an.

Aber diese grellen Lampen allüberall…! Sie stechen einem in die Augen, aber machen es nicht hell. Sie beleuchten so, wie ein Lagerfeuer wärmt, nicht wie ein Kachelofen.

Es sind nicht die kurzen Tage und die viele Dunkelheit, die mich allemachen.
Es ist die Abwesenheit echter Dunkelheit.


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Wir wissen nicht, wie die Tonttus eigentlich in die Wohnung gelangen: Durchs Schlüsselloch? Durchs Fenster? Oder können sie sich gar durch Wände zaubern? Es hat sie ja noch niemals einer gesehen.

Aber auch diese Nacht sind sie wieder gekommen und haben die Adventskalender aufgehängt. Und Maria, Josef und den Esel haben sie auch mitgebracht.

Dass die sich selbst jeden Tag ein Stückchen näher zur Krippe bewegen, das haben unsere Kinder übrigens nie geglaubt. Aber zumindest zwei Drittel der Mäusekinder sind bis heute davon überzeugt, dass die Tonttus Nacht für Nacht kommen und die Krippenfiguren bewegen.

„Wir dachten ja immer, die Mama macht das“, hörte ich neulich die Herren Maus den Nachbarskindern berichten. „Aber letztes Jahr waren wir im Urlaub, und als wir wiederkamen, sind wir noch vor der Mama in die Wohnung reingegangen, und wisst ihr was?! Josef und Maria waren ein ganz grosses Stück weitergegangen!“

Was wäre auch eine Adventszeit ohne Wunder.


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Müdes Wochenende

Auf Freitagabend hatten sich ja alle fünf Familienmitglieder schon seit Wochen gefreut.

Die Schulkinder nämlich schliefen anlässlich der Kinderradionacht mit ihrer Deutschlehrerin und den anderen Muttersprachschülern wie jedes Jahr aushäusig.

Und weil dieses Jahr zum ersten Mal alle drei Kinder mitdurften, hatten der Ähämann und ich zum ersten Mal seit ewig Ausgang. Inklusive romantischem Spaziergang am Fluss entlang und Überfahrt mit der schon weihnachtlich beleuchteten Föri und sehr leckerem Essen.

Es ist jetzt natürlich nicht so, dass wir noch nie zu zweit ausgewesen wären, seit wir Kinder haben. Wir haben natürlich manchmal eine Oma, die auf die Kinder aufpasst, wenn sie zu Besuch ist oder wir in Deutschland sind, aber während wir da so sassen und assen und tranken und redeten und rund um uns alle schon wieder aufbrachen und wir einfach weiter sitzenblieben und noch einen Nachtisch bestellten, ging uns auf, dass es tatsächlich das erste Mal war, seit wir Kinder haben, dass wir theoretisch die ganze Nacht hätten wegbleiben können.

Hinterher stellte sich heraus, dass wir immerhin noch eine halbe Stunde eher schlafen gegangen waren als unser jüngstes Kind – das nämlich unbedingt das letzte Hörspiel noch zu Ende hatte hören wollen und deshalb tatsächlich bis zum Ende der Radionacht um zwei – wir sind hier ja eine Stunde weiter – aufgeblieben war.

Als die Kinder Samstagvormittag heimkamen, verschwanden das Fräulein Maus und der kleine Herr Maus gleich wieder ins Bett, der grosse Herr Maus mit einem Buch in die Badewanne. Das Fräulein Maus mussten wir drei Stunden später wieder wecken, weil sie einen Turnauftritt im Einkaufszentrum hatte, den kleinen Herrn Maus leider schon nach einer halben Stunde, weil er von der Mutter eines Klassenkameraden zum Indoorspielplatzbesuch – er hatte zum Geburtstag nicht nur die Eintrittskarte geschenkt bekommen, sondern die Mutter hatte zusätzlich versprochen, die beiden Jungs hinzubringen und zu beaufsichtigen – abgeholt wurde. Er sprang trotzdem freudig auf, und wahrscheinlich war es das Beste, was ihm (und uns allen!) nach der kurzen Nacht passieren konnte.

Sonntagabend hatten wir uns dann auch alle wieder von der Freitagnacht erholt. Sogar wir Eltern. (Man ist ja nichts mehr gewöhnt…!)


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Wollsocken im Klassenzimmer (2)

Wie ist in finnischen Schulen individuelles Lernen organisiert?

Das wichtigste Pisastudienergebnis überhaupt ist für mich ja, dass in Finnland der Lernerfolg fast gar nicht vom sozialen Hintergrund abhängt: nicht von der Herkunft der Eltern, nicht vom finanziellen Status der Eltern, nicht vom Ausbildungsstand oder Beruf der Eltern. Alle haben die gleichen Chancen.

(Theoretisch. Rein praktisch werden auch hier die Unterschiede langsam grösser. Aber sehr langsam eben. Und als Migrantenkind hat man immer noch das grosse Los gezogen, darf man in Finnland zur Schule gehen.)

Keiner ist was Besseres als der Andere. Kein Kind bekommt schon in den allerersten Schuljahren einen Stempel aufgedrückt, ob es später mal Abitur machen wird oder nicht. Alle bekommen von der Schule die gleichen Lernmaterialien – nicht nur Lehrbücher, sondern auch Hefte, Stifte, Malsachen – kostenlos zur Verfügung gestellt. Alle gehen bis zum Ende der 9. Klasse gemeinsam zur Schule.

Chancengleichheit. Keine Gleichmacherei.

In finnischen Schulen wird sehr darauf geachtet, dass jedes Kind auf seinem individuellen Niveau gefördert und gefordert wird.

Für die Kinder, die schon weiter sind, gibt es Extraaufgaben: die beiden Herren Maus hatten z.B. in der ersten Klasse eine Fibel wie alle anderen, bekamen aber von Anfang an ausserdem Kopien mit ganzen Texten, da sie schon in der Vorschule lesen gelernt hatten. Das Fräulein Maus berichtete mir von einem Klassenkameraden, der letztes Frühjahr – also im zweiten Halbjahr der 4. Klasse – schon das Mathebuch der 5. Klasse anfangen durfte, weil er mit dem der 4. Klasse durch war.
Für die Kinder dagegen, die nicht im normalen Tempo mitkommen, gibt es Förderunterricht: ein, zwei Stunden pro Woche, die die jeweiligen Kinder aber immer nur bei Bedarf besuchen – wenn die Sache sitzt, dann brauchen sie nicht mehr zu kommen; andersherum kann ein Kind auch von sich aus zum Förderunterricht gehen, wenn es zum Beispiel vor einer Klassenarbeit noch ein paar Extraaufgaben lösen will oder etwas nochmal genauer erklärt haben möchte.

Das Ganze funktioniert natürlich auch nur so gut, weil hier immer genug Lehrer da sind. (Es gibt auch nie (!) Stundenausfall, wenn ein Lehrer krank, auf Reisen oder zur Weiterbildung ist).
In unserer „Dorfschule“ mit nur 1. und 2. Klasse gibt es zwei Klassen – jeweils zur Hälfte aus Erstklässlern und zur Hälfte aus Zweitklässlern bestehend – mit insgesamt drei Lehrerinnen. Da kann man natürlich prima in Gruppen arbeiten.
Ausserdem gibt es noch zusätzliche Lehrer, die eigentlich nur für die Kinder da sind, deren Muttersprache nicht Finnisch ist. Diese Kinder haben – je nach Bedarf – eine bis alle Finnischstunden pro Woche in kleiner Gruppe bei einem Lehrer für „Finnisch als Zweitsprache“. (Das Fräulein Maus wurde in der 3. Klasse offiziell von „Finnisch als Zweitsprache“ zu „Muttersprache“ umgestuft – nicht ohne uns vorher um unser Einverständnis zu bitten, verbunden mit der Aufklärung darüber, dass sie dann auch wie ein Muttersprachler bewertet werden wird.) Und es gibt sogar Lehrer für Unterricht in der eigenen Sprache: das ist in unserer Schule z.B. ein arabischsprachiger Lehrer, der mit den Migrantenkindern, die noch nicht so gut Finnisch können, den ganz normalen Unterrichtsstoff, z.B. Mathe, nochmal auf Arabisch durchgeht.

Dieses System kommt übrigens – wenig überraschend – völlig ohne das Überspringen von Schulklassen oder Kann-Kinder, die mit fünf eingeschult werden, weil sie sich schon im Kindergarten langweilen, sowie ADHS- oder Hochbegabungsdiagnosen aus.

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Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben


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Im Mittelalter

Als man 1995 eine ehemalige Fabrikantenvilla in Turku zu einem Museum für moderne Kunst umbauen wollte, stiess man bei den Bauaurbeiten auf guterhaltene Mauerreste aus dem Mittelalter.

Deswegen ist das Museum heute ein doppeltes: im ersten Stock eins für wechselnde Kunstausstellungen, und im Keller eins für Archäologie.

Bei unserem Stadtspaziergang letzte Woche kam beim kleinen Herrn Maus der ganz dringende Wunsch nach einem Besuch im „Steinmuseum“ auf. Und so ging ich gestern mit den Herren Maus – während das Fräulein Maus und der Ähämann auf Wettkampfreise in Tampere waren – da hin.

Wir stiefelten durch altes Gemäuer, probierten mittelalterliches Spielzeug aus und hörten uns aus Knochen geschnitzte Flöten an. Seit neuestem gibt es da eine Sonderausstellung mit Tierknochen und -skeletten, die man bei den Ausgrabungsarbeiten gefunden hat, das freute den grossen Herrn Maus ganz besonders, der mir am Morgen erst wieder erklärt hatte, dass er Tiermuseen viel interessanter fände als Kunstmuseen. Am spannendsten aber fanden die Herren Maus – wie seit Jahren! – die Puppenhäuser, in denen man das mittelalterliche Leben nachspielen kann.

Die Dusche ist nicht aus dem Mittelalter. ;-)
(Sie gehört zu einer Badeanstalt, die sich Ende des 19. Jahrhunderts ebenfalls an dieser Stelle befand.)


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Wollsocken im Klassenzimmer (1)

Mit dem Bloggen fing ich hauptsächlich deswegen an, weil ich – wir waren gerade nach Finnland gezogen – weder Sammelmails schreiben noch immer die gleichen Textabschnitte von einer Mail in die andere kopieren wollte.
Und weil mich auch umgekehrt von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend. Los geht’s.

Gibt es in finnischen Schulen Hausaufgaben?

Ja.

Man liest immer mal wieder, dass finnische Schüler sehr wenig Zeit mit Hausaufgaben verbringen müssen – um das objektiv einschätzen zu können, fehlt mir natürlich der echte Vergleich, aber gerade in den ersten beiden Schuljahren sind die Hausaufgaben wirklich sehr wenig: jeden Tag fünf Minuten laut vorlesen, dazu zwei Zeilen etwas schreiben oder rechnen, fertig. Manchmal bekommt der kleine Herr Maus auch Wochenendhausaufgaben: „Hilf jeden Tag deinen Eltern bei irgendeiner Aufgabe im Haushalt!“ oder „Bewege dich jeden Tag mindestens eine halbe Stunde an der frischen Luft!“ oder „Spiele ein Spiel mit einem Freund!“ ;-)

Ab der dritten Klasse, die hier einen gewissen Sprung darstellt vom zwei Jahre dauernden „Anfangsunterricht“ (der bei Bedarf auch drei Jahre dauern kann) zu „ernsthafter“ Schule, sind die Hausaufgaben zwar immer noch überschaubar, werden aber deutlich mehr. Die Kinder müssen sich dann die Hausaufgaben auch selbstständig notieren (oder sie sich eben merken – der grosse Herr Maus nämlich so: „Nee, Mama, wirklich, ich brauch‘ kein Hausaufgabenheft, ich schreibe mir das sowieso nicht auf, ich merke mir das!“), während in den ersten beiden Schuljahren die Hausaufgaben gemeinsam in eine Art Formular – ähnlich dem deutschen Hausaufgabenheft – eingetragen werden oder die Kinder sie sogar als vorbereitete Aufgabenblätter ausgehändigt bekommen. Ab der dritten Klasse kommen auch „Heftarbeiten“ dazu – d.h. die Kinder müssen ab und zu für z.B. Sachkunde zu einem bestimmten Thema mit Hilfe von Lehrbuch, Internet, etc. eine Seite in ihrem Heft gestalten. Das dauert bei unserem perfektionistischen Fräulein Maus eeeewig, beim grossen Herrn Maus nicht so. ;-)

Eine Abschaffung von Hausaufgaben war auch bei der letzten, recht umfassenden Lehrplanreform in Finnland kein Thema – man sieht Hausaufgaben hier weniger als Mittel zum Unterrichtsstoff vertiefen oder wiederholen, als als ein Mittel zum „Lernen lernen“ – was ein sehr zentraler Aspekt der finnischen Schule ist. Die Kinder sollen durch Hausaufgaben hauptsächlich lernen, sich das Lernen selbst zu organisieren – wann und wie sie ihre Hausaufgaben machen, ist ihre eigene Verantwortung. Auch die Erst- und Zweitklässler im Hort haben keine festen Hausaufgabenzeiten, zu denen sie ihre Hausaufgaben machen müssen. Sie dürfen freilich – aber wer seine Hausaufgaben lieber zu Hause macht, macht sie eben später dort. Hausaufgaben gibt es in den ersten beiden Schuljahren grundsätzlich bis zum nächsten Tag oder ab der dritten Klasse höchstens bis zur nächsten gleichartigen Unterrichtsstunde – so bleibt der Zeitrahmen für die Erledigung auch für die kleinsten Schulkinder überschaubar. Wer seine Hausaufgaben vergisst, bekommt mindestens einen Eintrag ins Wilma; passiert das wiederholt, wird in unserer Schule das Kind auch schon mal nach Unterrichtsschluss ins LehrerHausaufgabenzimmer geschickt, wo es seine Hausaufgaben unter Aufsicht und gegebenenfalls mit Hilfe erledigen kann. Das Ganze wird dem Kind aber nicht als Strafe vermittelt, sondern eher als „Du hast offensichtlich Probleme damit, deine Hausaufgaben zu erledigen – wir können dir dabei helfen!“ Auch wenn ein Schüler selbst merkt, dass er Probleme mit seinen Hausaufgaben hat, kann er seine Hausaufgaben dort machen und sich helfen lassen.

Und das ist, glaube ich, der wesentlichste Unterschied zum deutschen Schulsystem: in Finnland sind auch Hausaufgaben Angelegenheit der Schule. Es wird hier nicht von den Eltern erwartet, dass sie sich – abgesehen von der Vermittlung einer gewissen Grundeinstellung zum Thema Hausaufgaben – um die Hausaufgaben ihrer Kinder kümmern, ihre Ausführung kontrollieren oder gar danebensitzen, wenn die Kinder Hausaufgaben machen.

Ich Rabenmutter weiss z.B. auch gar nicht, bei welchem Buchstaben die Erstklässler gerade sind oder welche Worte der Drittklässler schon auf Englisch gelernt hat.

(Passend dazu war heute ein sehr schöner Artikel in der Süddeutschen.)


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Hast du Töne?!

Da klebe ich – weil es mir wirklich Spass macht und weil ich weiss, dass sich die Empfänger über die tollen finnischen Briefmarken freuen – extra viele und schöne Briefmarken auf die Adventskalenderpost, und was passiert dann?! Weil die Briefe hier nur noch seltenst abgestempelt werden, fühlen sich deutsche Briefträger – mal wieder! – berufen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

(Und nein, das ist leider kein Einzelfall.)

Eine Beschwerde bei der Deutschen Post ergab… genau gar nichts. Seit einer Woche warte ich auf eine Antwort.

Ich dagegen bringe jetzt alle Briefe auf die Post und bitte um Abstemplung von Hand. „Oder sind das zu viele?“, fragte ich vorsichtig beim ersten Mal, als ich 20 Briefumschläge über den Tresen schob. „Nee, das kann ich schon machen“, sagte die Postfrau, und „Das ist ja wirklich ärgerlich!“, setzte sie noch hinzu, als ich ihr erklärt hatte, welchen Grund meine Bitte hat.

Als ich mich rumdrehte und zum Ausgang ging, hörte ich sie schon Stempel auf die Briefe hauen.

Nun hat die deutsche Briefträgerseele Ruh.


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Heisses Glas sieht genauso aus wie kaltes

Das war eines der ersten Dinge – es wird in einem der unzähligen Chemiepraktika gewesen sein – die man uns im Studium beibrachte.

Apropos: Wer denken sollte, ach, Mathe liegt mir nicht und Chemie kann ich nicht und Physik habe ich noch nie begriffen, aber Biologie ist nett, das könnte ich doch leicht studieren, der… soll das mal lieber lassen. Der Grossteil unseres Grundstudiums bestand aus Chemie, Physik und Mathe. Chemie und Physik habe ich später nicht mehr sooo viel gebraucht, Mathe bis heute. Was man sich dagegen nicht einreden lassen sollte: Wenn man Biologie studieren will, muss man unbedingt Latein können. Muss man überhaupt nicht – das bisschen Latein, das man braucht, um sich Fachbegriffe auch mal selbst erschliessen zu können, lernt man auch nebenher. Aber ich schweife ab…

Gestern. Gestern früh war ich sehr plötzlich sehr wach. (Trotz November.) Ich fahre ja zur Zeit immer erst recht spät auf Arbeit, die Sonne schien schon seit einer Stunde und das Thermometer zeigte 3 Grad. Nicht mal Raureif war zu sehen. Ich holte also mein Fahrrad aus dem Schuppen und rollte frohgemut und nicht eben langsam unseren Berg hinunter. Dann griff ich vor der Kreuzung kräftig in die Scheibenbremsen und wunderte mich für ein paar Sekundenbruchteile, warum das Rad denn so schlingert. Zum Glück funktionieren nach so vielen Wintern die entsprechenden Reflexe einigermassen, und ich schaffte es irgendwie, mich weder samt Fahrrad hinzulegen noch gegenüber in den Wald weiterzurollen, sondern ohne zu stürzen abzubiegen. Oha, dachte ich, ab jetzt dann vielleicht bisschen vorsichtiger bremsen – aber die Sonne scheint ja nun wirklich auf die Strasse und die sieht ja auch ganz nass aus und wer weiss, was das eben für eine schattige Stelle war! Ich rollte sehr langsam 50 Meter weiter und begann sehr lange vor der Stelle, an der ich auf den Radweg abbiegen muss, sehr zart zu bremsen. Ich sag mal so: wäre da nicht eine Wiese gewesen, auf die ich ohne Bordsteinüberquerung draufrollen und auf der ich bremsen konnte, ich wäre wohl nicht zum Stehen gekommen.

Ich habe dann das geflügelte Sommerross zurück nach Hause geschoben und gegen den Winter-Pe-u-ge-ot mit den Spikereifen getauscht.

Um die Erkenntnis „Überfrorene Strasse sieht genauso aus wie nasse“ reicher.