Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Finnlandliebe, grosse

Das Fräulein Maus und ihre Harfe sind diese Woche auf einem Musiklager im Nachbarort.

Alle Teilnehmer, die nicht dort, sondern wie das Fräulein Maus zu Hause schlafen, sollten sich bitte schon bei der Anmeldung Essensmarken für alle Mahlzeiten, die sie dort essen wollten, bestellen. Das war ein bisschen schwierig zu entscheiden, weil zu dem Zeitpunkt noch keine Stundenpläne bekannt waren und sie vielleicht am Montag kein Mittagessen gebraucht hätte, weil es da erst mittags losgeht, oder vielleicht braucht sie eher keins am Sonntag, weil da zwar am Nachmittag Abschlusskonzert ist, aber der Vormittag vielleicht frei, und Abendbrot braucht sie eigentlich gar nicht, weil normalerweise vor um fünf Schluss ist, aber als ich sie gestern hinbringe, stellt sich raus, dass nach dem Abendbrot auch noch eine Orchesterprobe ist, ich ihr ja aber überhaupt kein Abendbrot bestellt habe, grosses Essensmarkendurcheinander jedenfalls. Ich darf die eine Essensmarke aber noch nachkaufen, und das Fräulein Maus bekommt sie zusammen mit ihren sechs Mittagessensmarken in einem – „Pass gut drauf auf!“ – Umschlag überreicht.

Als ich sie dann noch bis zum Eingang des Speisesaals begleite, steht da mutterseelenallein auf einem Stühlchen ein Körbchen für die Essensmarken. Zum Hineintun.

Und es würde niemand merken, nähme man sich stattdessen eine heraus. Oder ginge einfach ohne seine Essensmarke hineinzutun essen.

Aber das macht hierzulande ja niemand.

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Nachdem wir das Fräulein Maus zum Musiklager gebracht haben, fahren die Herren Maus und ich aufs Erbeerfeld.

Der Erdbeermensch kommt uns gleich fröhlich winkend entgegen. „Darf man denn schon selber pflücken?“, frage ich. „Nee, noch nicht. Unsere Pflücker haben selbst gerade so genug zu tun.“ „Schade, aber dachte ich mir schon fast. Ab wann ungefähr wird man denn selber pflücken können?“ „Kann ich noch nicht sagen, ist ja alles so spät, dieses Jahr…“ „Ich frag‘ auch nur, weil wir nächste Woche in den Urlaub fahren und gerne vorher noch ein paar Erdbeeren pflücken wollten, aber…“ und ich komme gar nicht mehr dazu, den Satz mit „Ich würde dann eben auch einfach ein paar fertig gepflückte kaufen“ zu vollenden, denn der Erdbeermensch guckt die erwartungsvollen Herren Maus an, murmelt „Ach nächste Woche schon? Naja, da lässt sich vielleicht was einrichten…“ und weist uns ein paar Reihen „Rumba“ zum Pflücken zu.

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Als wir wieder zu Hause sind, klingelt mein Telefon.

Als wir im März den Termin bei der Einwanderungsbehörde hatten, hatte der Ähämann vorher mehrmals überprüft, ob er auch alle Dokumente eingepackt hatte und mich mehrmals gefragt, ob ich mir sicher sei, dass an unserem Antrag jetzt alles eindeutig sei und wir wirklich nichts vergessen hatten auszufüllen. Ich war da sehr viel gelassener als vor jedem bisherigen Ausflug auf die deutsche Botschaft und versicherte dem Ähämann, die würden uns schon sagen, wenn wir noch was nachzureichen hätten oder irgendwas nicht eindeutig sei.

Am Telefon ist heute dann tatsächlich eine sehr nette und, das finde ich ja immer recht hilfreich, überaus deutlich sprechende Mitarbeiterin der Einwanderungsbehörde. Sie würde gerade unsere Anträge bearbeiten, und sie hätte zu meinem noch ein paar Fragen.

Unser jüngstes Kind zum Beispiel, das hätte gar keine Aufenthaltsgenehmigung, wie das denn käme? Das weiss ich leider auch nicht. Also nicht so genau. Nach der Geburt der beiden Grossen bekamen wir nämlich jeweils ein Schreiben, dass wir für sie eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen hätten. Ich weiss noch, dass ich, weil für den kleinen Herrn Maus kein solcher Brief kam, extra zur Polizei ging, und mir dort gesagt wurde, das sei nicht mehr nötig. Vielleicht hab‘ ich’s auch einfach falsch verstanden, es interessierte jedenfalls jahrelang niemanden. (Letztes Jahr fiel auch erst auf, dass der kleine Herr Maus hier überhaupt nicht als Deutscher registriert war. „Was machen wir denn da jetzt?!“, fragte ich ein wenig panisch. „Ach, da kommst du einfach mal mit seinem Pass vorbei, und dann tragen wir das nach, ist kein Ding!“, versicherte mir die nette Dame auf dem Maistraatti.) „Ja, also theoretisch braucht er schon eine Aufenthaltsgenehmigung, aber dann weiss ich ja jetzt bescheid, dass das keinen besonderen Grund hat, das reicht mir“, sagte die nette Mitarbeiterin der Einwanderungsbehörde.

„Jaaa, und dann ist mir noch aufgefallen, dass in deinem Pass Monika Karen, aber auf dem Antragsformular Karen Monika steht, ist das ein Fehler?“ „Nee“, sage ich lachend und erzähle ihr die ganze Geschichte und sie lacht auch und ich sage, darauf freue ich mich am meisten an einem finnischen Pass, dass da dann endlich mein richtiger Name drinstehen wird, „Aber echt mal!“, lacht sie zurück.

Und wo ich denn derzeit arbeiten würde, mein Arbeitsvertrag wäre ja befristet gewesen, und ob ich den letzten Zahlungsbescheid vom Arbeitslosengeld einfach nochmal an meinen Online-Antrag anhängen könnte, damit geklärt sei, wovon ich zur Zeit lebe.

„Mach‘ ich sofort!“, verspreche ich, und: „Was machen wir denn nun wegen der Aufenthaltsgenehmigung des kleinen Herrn Maus? Sollen wir die dann jetzt doch noch beantragen?“ „Ach Quatsch, das lohnt sich jetzt doch nicht mehr!“, sagt sie. Und dann frage ich noch, kurz bevor wir uns verabschieden, ob sie vielleicht so ungefähr schon sagen könne, wie lange es noch dauern würde mit unserem Antrag. Nicht mehr lange, sagt sie, ganz gewiss kein Jahr, niemals würde es für EU-Bürger so lange dauern! „Ach schön!“, sage ich, „Da wird es ja vielleicht doch was mit den Präsidentenwahlen im Januar!“ „Aber dicke“, sagt sie, „höchstens ein paar Tage dauert das noch!“


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Mittsommer 2017

Juhannus war mir lange Zeit nicht wichtig. Es war kein Fest, das einen besonderen Platz in meinem Herzen gehabt hätte, denn ich bin damit nicht aufgewachsen. Später, als wir Kinder hatten und die noch klein waren, war zudem nicht daran zu denken, die blaue Mittsommernacht irgendwo draussen zu verbringen.

Vor drei Jahren bestanden die Kinder zum ersten Mal darauf, Juhannus so zu feiern, wie man hierzulande Mittsommer eben feiert. Damals wählten wir noch die Kindervariante mit Mittsommerfeuer schon um neun statt kurz vor Mitternacht, aber schon im nächsten Jahr feierten wir Mittsommer so, wie man das eigentlich tut.

Und ganz vielleicht finde ich ab sofort Juhannus noch ein ganz kleines bisschen schöner als Weihnachten.


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Glück ist…

… finnische Sommerabende.

Abendlicht, das von Minute zu Minute weicher und schöner wird. Stille bis auf das Tuckern eines Motorbootes irgendwo weit weg und das Kreischen der Möwen, die über unsere Köpfe hinwegsegeln. Eine Sauna, die zweimal die Woche von 17 bis 21 Uhr angeheizt ist und einfach so von jedermann benutzt werden darf. Grünes Wasser voller Diamanten, das noch so kalt ist, das es einem kurz den Atem nimmt, wenn man losschwimmt.


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Fundstück

„Guck mal!“, rief der kleine Herr Maus gestern plötzlich mitten im Wald. „Da ist ja Finnland!“

(Woran man sehen kann, dass hierzulande der Patriotismus recht ausgeprägt ist. Oder die Kinder schon im Kindergarten recht anspruchsvolle Sachen lernen. Oder beides. Ich hätte jedenfalls als Vorschulkind nirgends den Umriss meines Heimatlandes erkannt. Schon gar nicht abstrakt auf dem Waldboden.)


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Sommer

Als ich meinen ersten Sommer in Finnland verbrachte und wir, wann immer es zwischen der Mäusearbeit ging, vom Steg der Forschungsstation in den See sprangen, erzählte mir die eine Feldassistentin, dass sie als Kinder im Sommer tagelang zwischen Sauna und See hin und her gerannt wären. „Die Sauna war immer warm, und deshalb war es war völlig egal, wie das Wetter war. So schön!“, schwärmte sie.

Der kleine Herr Maus und ich haben heute zu Ehren seines ersten Sommerferientags – die Schulkinder müssen noch bis zur Zeugnisausgabe am Samstagvormittag durchhalten – die Freibadsaison eröffnet.

Bei 10°C und Sturm.

Aber mit Sauna geht alles.

(Nur dass der Sprungturm noch geschlossen war fand der kleine Herr Maus ein bisschen ärgerlich.)


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Muttertag

Bei IKEA waren ausser mir noch fünf andere Leute.

Im Gartenmarkt herrschte Hochbetrieb. Keiner kaufte jedoch Tomatensetzlinge oder Radieschensamen – Hortensien und Rosenstöckchen in Geschenktöpfen waren der Verkaufsschlager des Tages.

Im Supermarkt warb auch zum Feiertag eine Mobilfunkgesellschaft beflissen um Kunden. Ein Mann – eine Erdbeertorte im Karton balancierend – trat interessiert ein paar Schritte näher, woraufhin seine Frau – einen Rosenstrauss im Arm – nervös ausrief: „Wir müssten schon längst da sein! Jetzt komm doch schon! Wir sind sowieso schon viel zu spät! Hörst du?!“

Unter den Turneltern hatte es fast Meuterei gegeben: Training? Am Muttertag?! Also wir müssen heute zu meiner Schwiegermutter und zu drei Omas, da kann mein Kind nicht kommen! Eins der Turnmädchen wurde eher abgeholt und mit quietschenden Reifen davongefahren.

Der Inder teilte am Telefon bedauernd mit: „In ungefähr 50 Minuten könnt ihr das Essen abholen. Tut mir leid, aber wir haben heute echt viel zu tun.“ Und tatsächlich, jeder Platz belegt, mit herausgeputzten Kleinkindern, gelangweilten Teenagern, Männern im Anzug und aufgedonnerten Müttern, die wahrscheinlich schon wieder darüber nachdachten, was sie dann um fünf wohl für ihre Familie kochen sollen.

Mein Muttertag: alleine (!) in Ruhe (!) den Gartenmarkt leergekauft. Den Rest des Tages in der Erde gewühlt und mir die Sonne auf die Nase scheinen lassen.

Was hab‘ ich’s gut!


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„Auf nach Finnland!“

Seit Jahren freue ich mich in den hiesigen Buchläden an den Postkarten mit den Motiven von alten Reisewerbeplakaten. Wenn ich wüsste, was ich damit anfangen sollte, hätte ich schon den gesamten Bestand aufgekauft. Die sind so toll!

Zum Glück hatten wir ja nun endlich einen Anlass, nach Helsinki zu fahren, denn im Nationalmuseum gibt es gerade eine Sonderausstellung mit eben diesen historischen Plakaten.

Die Kinder, die sonst eigentlich für jedes Museum zu begeistern sind, verstanden mein freudiges Gehüpfe nicht so ganz. Aber für die gab es ja noch jede Menge anderes anzugucken und auszuprobieren.