Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


2 Kommentare

Heisses Glas sieht genauso aus wie kaltes

Das war eines der ersten Dinge – es wird in einem der unzähligen Chemiepraktika gewesen sein – die man uns im Studium beibrachte.

Apropos: Wer denken sollte, ach, Mathe liegt mir nicht und Chemie kann ich nicht und Physik habe ich noch nie begriffen, aber Biologie ist nett, das könnte ich doch leicht studieren, der… soll das mal lieber lassen. Der Grossteil unseres Grundstudiums bestand aus Chemie, Physik und Mathe. Chemie und Physik habe ich später nicht mehr sooo viel gebraucht, Mathe bis heute. Was man sich dagegen nicht einreden lassen sollte: Wenn man Biologie studieren will, muss man unbedingt Latein können. Muss man überhaupt nicht – das bisschen Latein, das man braucht, um sich Fachbegriffe auch mal selbst erschliessen zu können, lernt man auch nebenher. Aber ich schweife ab…

Gestern. Gestern früh war ich sehr plötzlich sehr wach. (Trotz November.) Ich fahre ja zur Zeit immer erst recht spät auf Arbeit, die Sonne schien schon seit einer Stunde und das Thermometer zeigte 3 Grad. Nicht mal Raureif war zu sehen. Ich holte also mein Fahrrad aus dem Schuppen und rollte frohgemut und nicht eben langsam unseren Berg hinunter. Dann griff ich vor der Kreuzung kräftig in die Scheibenbremsen und wunderte mich für ein paar Sekundenbruchteile, warum das Rad denn so schlingert. Zum Glück funktionieren nach so vielen Wintern die entsprechenden Reflexe einigermassen, und ich schaffte es irgendwie, mich weder samt Fahrrad hinzulegen noch gegenüber in den Wald weiterzurollen, sondern ohne zu stürzen abzubiegen. Oha, dachte ich, ab jetzt dann vielleicht bisschen vorsichtiger bremsen – aber die Sonne scheint ja nun wirklich auf die Strasse und die sieht ja auch ganz nass aus und wer weiss, was das eben für eine schattige Stelle war! Ich rollte sehr langsam 50 Meter weiter und begann sehr lange vor der Stelle, an der ich auf den Radweg abbiegen muss, sehr zart zu bremsen. Ich sag mal so: wäre da nicht eine Wiese gewesen, auf die ich ohne Bordsteinüberquerung draufrollen und auf der ich bremsen konnte, ich wäre wohl nicht zum Stehen gekommen.

Ich habe dann das geflügelte Sommerross zurück nach Hause geschoben und gegen den Winter-Pe-u-ge-ot mit den Spikereifen getauscht.

Um die Erkenntnis „Überfrorene Strasse sieht genauso aus wie nasse“ reicher.


3 Kommentare

Zwei Tage Winter

Für Donnerstag war Schneeregen vorhergesagt. Er kam schon Mittwochabend, und als wir Donnerstagfrüh aufstanden, war alles weiss. Mindestens zehn Zentimeter Neuschnee!

(Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, wie schnell das hier geht!)

Das Fräulein Maus durfte die ersten Tapsen in die unberührte Schneedecke machen. Der kleine Herr Maus hüpfte vor Freude, weil er seinen Schneeanzug anziehen durfte.
Zwei Abende lang habe ich die Kinder nur zwischen Schneehaufen gesehen und mit den Nachbarskindern um die Wette juchzen gehört. (Ab und zu kam einer heim und tauschte ein Paar nasse Handschuhe um. Oder bat um noch einen Poporutscher.) Sogar der Akseli hatte ein Einsehen und liess den Kindern mit den Worten: „Den Schnee könnt ihr ja dann später selbst wegmachen!“ ihre Rodelbahn, die über den Fussweg führte.
Als ich gestern nach Hause kam, begrüsste mich schon von weitem ein riesiger, freundlicher Schneemann , den die Nachbarskinderschar* gemeinsam an für alle gut sichtbarer Stelle – „Und nachts wird er sogar beleuchtet! Wir haben ihn nämlich unter die Laterne gebaut!“ – errichtet hatte. Er trug den Schal, den ich dereinst für den Damals-noch-nicht-Ähämann gestrickt hatte, um den Hals und ein Sandeimerchen des jüngsten Nachbarskindes auf dem Kopf. Vor allem war er riesig – grösser jedenfalls als das grösste Nachbarskind, und stolz berichteten sie mir, wie sie es dennoch gemeinsam und ohne Hilfe von Erwachsenen geschafft hatten, die gewaltigen Kugeln so weit hoch zu hieven.
Ich himmelte zwei Tage lang den Schnee an roten Vogelbeeren und gelben Birkenblättern an. (Das gibt es nämlich nicht so oft.)

Jetzt regnet es übrigens. In Strömen.


*Als wir hierherzogen, gab es ausser unseren Kindern nur zwei Vorschulmädchen, die sich zu gross dafür waren, mit dem zwei Jahre jüngeren Fräulein Maus zu spielen. Jetzt haben wir hier auf dem Hof eine ganze Horde von Kindern zwischen 3 und 12, die jede freie Minute zusammen draussen verbringt. Wie so Bullerbü, hier bei uns.


4 Kommentare

Wochenende, sonniges

Bei uns ist das Wetter ja gerade so, dass es immer einen Tag sonnig ist und danach einen oder mehrere Tage durchregnet.

Am Sonnabend schüttete es den ganzen Tag wie aus Eimern. Ausgerechnet. Der grosse Herr Maus hatte nämlich einen Pfadfinderwettberb zu bestreiten. Draussen, versteht sich. Mit Regenjacke, Regenhose und Gummistiefeln zog er los, und am späten Nachmittag kam ein stolzes Grüppchen zurück, das nicht, wie so viele andere, zwischendurch abgebrochen hatte. Wegen des Regens wurde es den ganzen Tag nicht richtig hell, dafür leuchteten die Bäume besonders intensiv. Als ich früh den grossen Herrn Maus auf die übernächste Insel fuhr, konnte ich mich gar nicht sattsehen an ihnen. An einer Stelle war ringsum nichts anderes zu sehen als Gelb – an beiden Strassenrändern, und geradeaus in der Ferne auch. Sonne trotz Regenwetter!

Am Sonntag schien die Sonne von einem strahlend blauen Himmel und lockte uns nach draussen. Wir entdeckten, dass es gleich am Stadtrand ein Stück ganz besonders schönen Wald gibt. Der Regen der letzten Tage glitzerte in den Zweigen, waberte durch den Wald, hatte die Wurzeln auf dem Weg wie mit Schmierseife überzogen und floss als Bächlein den Wanderweg entlang. Das Gras und die Herbstblätter leuchteten mit der Sonne um die Wette.

(Alle Fotos vom Ähämann. Ich war mit Gucken und Vor-Freude-Hüpfen beschäftigt.)


Ein Kommentar

Spätsommersonntag

„So schön warm war es den ganzen Sommer nicht!“, rief uns der Nachbar auf dem Parkplatz zu.

Das stimmt ja so nicht: immerhin waren am Sonntag nur 20 Grad, und im Sommer hatten wir üblicherweise 21 Grad – bis auf den einen Tag, an dem das Thermometer schwindelerregende 25 Grad anzeigte!

Wir haben uns jedenfalls eine dem unverhofften Spätsommerwetter angepasste sonnige Wanderroute ausgesucht, die ausschliesslich über Wiesen, durch Schilf und lichte Birkenwälder rund um einen See eine verlandete Bucht führte – dafür war es auch nur halb so idyllisch mit den Geräuschen einer sehr stark befahrenen Strasse im Ohr und mit Ausblick auf die Werft, wo gerade „Mein Schiff 28“ (oder so) gebaut wird. (Die Auftragsbücher der Turkuer Werft sind so voll, dass die neue Viking-Line-Fähre woanders gebaut werden muss. Schade. Also, schön, meine ich natürlich. Aber trotzdem schade.)

Dank Turn- und Schwimmtraining in diesem Schuljahr Sonntagabend statt Sonntagmittag gibt es zwar jetzt immer erst Montagabend Maus mit Büffchen, aber wir können endlich wieder auch am Sonntag Dinge unternehmen! Jeee!


7 Kommentare

Südfinnischer Herbst

Die Sonne geht seit dieser Woche wieder später auf als wir aufstehen müssen. Und als es neulich regnete, war ich kurz davor, beim Frühstück die künstliche Sonne einzuschalten, so finster war es. Gähn. Seufz.

Die Birken haben sich Strähnchen gefärbt. Ich finde das fast so schön wie die grünen Tüpfelchen, die sie sich im Frühling über die Zweige hängen. Die Ahornbäume haben ihren alljährlichen Wettbewerb gestartet, wer von ihnen zuerst von Kopf bis Fuss errötet ist und wer dabei die hübschesten Farbschattierungen aufweisen kann. Die Kiefern schütteln über soviel Unvernunft rauschend ihre Häupter. (Und ich habe übrigens seit Tagen einen Ohrwurm, weil der kleine Herr Maus mir in Endlosschleife das Lied von der Maus, die mit einer Kiefernnadel die Welt vermisst, vorträllert.)

Als ich gestern den Zweitklässlern, die allein von der Schule zum Hort laufen, die Tür öffnete, wurde mir als erstes eine Hand mit etwas grünem, stacheligem drauf entgegengestreckt. „Karen! Guck, was ich habe!“ „Oh, eine Kastanie!“, sage ich auf Deutsch. „Jaa!“, strahlt mich die E. an, und ich strahle zurück, weil ich mich freue, dass sie mich verstanden hat. Aber dann sieht die E. auf einmal ein bisschen bekümmert aus und erklärt auch gleich warum: „V. hat sie mir aus der Hand genommen, und jetzt ist sie kaputtgegangen!“ „Aber das muss doch so sein!“, erkläre ich – auf Finnisch, denn soweit reicht selbst das Vokabular der Zweitklässler noch nicht – „Das hier ist doch nur die Hülle! Die Kastanie ist doch innendrin!“ Zehn Augen verfolgen fasziniert, wie ich die Igelschale vorsichtig abpelle. Zum Vorschein kommt eine leider noch ganz kleine, weisse Kastanie, und ich erkläre weiter, dass Kastanien, wenn sie richtig reif sind, gross und rotbraun und ganz glatt sind und dass die Kinder in Deutschland die sammeln und dass man da schöne Sachen draus basteln kann. Zehn Augen starren mich an, als hätte ich ihnen gerade erzählt, dass ich auf dem Mars geboren wurde, aber der D. rettet meine Glaubwürdigkeit und sagt: „Das hab‘ ich bei meinem Opa in Deutschland auch schon gemacht.“


5 Kommentare

kaksisataakahdeksankymmentä, kaksisataakahdeksankymmentäyksi

Letzte Woche ist der Herbst ausgebrochen. Die Schatten werden länger, die Nächte kälter, die Morgende feuchter und die Blätter tatsächlich schon bunter. Für die Finnen ist ja sowieso schon seit Schulbeginn offiziell Herbst, aber mich überrascht das jedes Mal wieder, wie schnell der Sommer dann tatsächlich zu Herbst wird. Trotzdem war ich jeden Tag zu warm angezogen. Nachmittags wird es nämlich noch richtig warm.

Letzte Woche waren wir alle zum ersten Mal nach den Sommerferien krank. Es husten auch alle Hortkinder, die Freunde unserer Kinder und die Kassiererin im Supermarkt. Die erste Läusewarnung ist auch eingetroffen. In Finnland halten sich auch Parasiten und Krankheitserreger an ihre Zeitpläne. (Im November haben dann alle Grippe, im März Magen-Darm und kurz vor Vappu nochmal eine langwierige Flunssa.)

Letzte Woche habe ich das Fräulein Maus zum Zahnarzt begleitet, und sie anschliessend mich. Eigentlich wollte ich, wenn ich schon mal da war, denn anrufen ist generell nicht so mein Ding, nur nachfragen, ob ich mir schon mal – die Studenten sind noch nicht aus den Semesterferien zurückgekehrt – einen Termin machen lassen könnte. Nachdem ich mehrmals gefragt wurde, ob ich mir ganz sicher sei, dass ich, denn es dauert ja auch alles viel länger, wirklich von einem Kandi behandelt werden möchte, ging dann alles ganz holterdipolter, denn ach, wir könnten eigentlich gleich mal schnell gucken, was da bei dir so gemacht werden muss, und wenn du noch zehn Minuten Zeit hast, dann können wir auch gleich röntgen. Ja, bitte, danke, gern geschehen, dein Kandi ruft dich dann in den nächsten Tagen an und macht mit dir eine Zeit aus, willkommen! (Ich bin wirklich sehr dankbar für die Ausbildungszahnklinik!)

Letzte Woche sind endlich unsere Briefwahlunterlagen angekommen. (Jena hat vermutlich überdurchschnittlich viele im Ausland lebende ehemalige Bürger.) Jetzt muss ich mich nur noch entscheiden.

Letzte Woche spazierte eine Herde ausgebüchster Schafe über unseren Hof. In den Hundsrosen sahen wir eine Gelbhalsmaus turnen. Die Nachbarin warnte uns vor der Kreuzotter, die sie direkt neben dem Spielplatz gesehen hatte. Wir standen mit angehaltenem Atem hinterm Schlafzimmerfenster, als Freund Fuchs kurz seine Beute – eine gewaltige Schermaus! – unterm Vogelbeerbaum ablegte, um kräftig zu gähnen und ein wenig zu verschnaufen, bevor er gemächlich die Strasse entlang davonschnürte. Auf unserem Zaun sammelt eine Ringeltaube Kräfte für den langen Flug über die Ostsee. (So ist das, wenn man zehn Meter vom Wald wohnt.)

Letzte Woche habe ich mir auf Arbeit eine Blase in den Mittelfinger gespitzt. Die fünf kleinen Mädchen, die sich spontan zu mir gesetzt, geholfen und am Ende noch die zweihundertdreizehn Stifte farblich sortiert hatten, präsentierten mir am nächsten Tag ebenfalls Blasen an ihren Fingern. (Weia. Aber wir hatten grossen Spass.)

Letzte Woche habe ich am gleichen Tag die 280 gesehen – mittags vor der Schule, aus der ich die Erstklässler in den Hort abholte – und die 281 – abends vor der Musikschule, als ich die Herren Maus zu ihrer Klavierstunde brachte.

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206, 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220, 221, 222, 223, 224-225, 226, 227, 228, 229-230, 231, 232, 233, 234, 235, 236, 237, 238, 239, 240, 241, 242, 243, 244, 245,246, 247, 248, 249-250, 251, 252, 253, 254, 255, 256, 257, 258, 259, 260, 261, 262, 263, 264, 265, 266, 267, 268-269, 270, 271, 272, 273, 274, 275, 276, 277, 278-279]