Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


7 Kommentare

Finnisierung XXXV

Es vollkommen normal finden, im September einen Anorak anzuziehen.

(Die Kinder tapsten heute früh alle drei als erstes auf die Terrasse und pieksten fröhlich auf den Gartentisch.)

[Finnisierung I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII, XIX, XX, XXI, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, XXVIII, XXIX, XXX, XXXI, XXXII, XXXIII, XXXIV]


11 Kommentare

Finnisierung XXXIV

Ein -i am Wortende ist ja auf Finnisch keineswegs eine Verniedlichung, sondern gängiger Wortabschluss.

Auch bei Namen. Die werden ihrerseits üblicherweise mit einem -u am Ende verniedlicht: aus Marianna wird Maiju, aus Valtteri Valtsu, aus Emilia Emppu. (Was man dann wiederum noch weiter auf die Spitze treiben kann, indem man das entsprechende Kind letztendlich “Emppuliini!” ruft.)

Ganz logisch also, dass der kleine Herr Maus uns neuerdings, wenn er sich einkratzen will, zärtlich “Mamu!” und “Papu!” ruft.

[Finnisierung I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII, XIX, XX, XXI, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, XXVIII, XXIX, XXX, XXXI, XXXII, XXXIII]


6 Kommentare

Mittsommer feiern

Die Finnen haben es gut. Die feiern zweimal im Jahr Weihnachten.

Für mich zumindest fühlt sich Mittsommer mit seinen drei freien Tagen, mit den vollen Supermärkten vorher und den stillen Städten am Juhannustag selbst, mit all den Vorbereitungen, der Vorfreude und den Hyvää juhannusta!-Wünschen von allen Seiten so an.

Aber für mich ist Juhannus immer noch kein Fest, das einen besonderen Platz in meinem Herzen hätte. Als wir letztes Jahr zu Juhannus in Deutschland waren, habe ich nicht mal dran gedacht. Zu neu ist mir das Fest, zuwenig Erinnerungen sind für mich damit verbunden.

Deswegen bin ich so ein bisschen hilflos, wenn es ans Plänemachen für Juhannus geht. (Und das Wetter für eine kleine Reise zu schlecht ist.) „Was möchtet ihr denn gerne machen zu Juhannus?“, fragte ich deshalb dieses Jahr die Kinder. „Was macht man denn so zu Juhannus?“, fragte das Fräulein Maus zurück.

Da war ich also so schlau wie vorher. „Naja, da schmückt man das ganze Haus mit Blumen, und isst leckere Sachen, und geht in die Sauna, und die Fahne darf die ganze Nacht wehen, und natürlich gehört ein Juhannusfeuer dazu…“ zählte ich die Sachen auf, die mir bei meinem allerersten Juhannus mit meiner finnischen „Familie“ im Sommerhaus am mittelfinnischen See besonders gefallen hatten. „Ja! Ja! Ein Feuer!“, riefen die Kinder begeistert. „Können wir ein Feuer machen?!“

Zuerst ordnete ich jedoch einen Juhannusputz an. Aufräumen! Alle Zimmer! Als ich die Kinder Donnerstagnachmittag aus dem Kindergarten und der Ferienbetreuung geholt hatte – nicht ohne mich dort mit einem „Hyvää juhannusta!“ verabschiedet zu haben – machten sie sich eifrig ans Werk. „Juhuu! Juhannusputz!“ (Wir könnten noch mehr Feste gebrauchen…!) Am Freitag gingen wir – als es mal kurz nicht regnete – Blumen pflücken. Viele Blumen! Für jeden eine eigene Vase voll. Dann assen wir leckere Sachen. Dann guckten wir einen Märchenfilm, weil es hagelte. Dann assen wir einen Berg warmer Waffeln, damit uns warm wurde. Und alle halbe Stunde fragten die Kinder: „Können wir zum Juhannusfeuer gehen?“ und „Wann gehen wir endlich los zum Juhannusfeuer?“

So ein Juhannusfeuer, das muss nämlich gross sein. Und am Wasser stattfinden. Das können wir nicht im eigenen Garten machen.

Und als wir halb neun losfuhren, kam die Sonne heraus. (Wie an fast jedem verregneten finnischen Sommertag.) Wir gingen mit langen Unterhosen (!) und mit Mützen (!) zum Mittsommer(!)feuer, aber die Sonne schien, und nur ein ganz leichter Wind kräuselte das Wasser, und die Schwedenfähren zogen im Abendlicht vorbei, und ein Gänseelternpaar schwamm mit seinen zwei Küken spazieren, und es war genau so, wie Juhannus sein muss.

Und als wir nach Hause kamen, flatterte die blauweisse Flagge träge gegen den mittsommerhellen Himmel, und es war genau so, wie Juhannus sein muss.

Und als die Kinder halb zwölf ins Bett gingen, fiel dem Fräulein Maus ein, dass wir ja gar nicht in der Sauna – die sowieso voll Wäsche hing – gewesen waren, und dass das ja wohl gar kein richtiges Juhannus gewesen sei, und also versprach ich ihr, dass wir das am nächsten Tag nachholen würden, denn so wie Weihnachten nicht am Heiligabend vorbei sei, so sei das ja auch mit Juhannus. „Aber mit Birkenquasten!“, forderte sie noch vor dem Einschlafen.

Am nächsten Tag schliefen wir alle bis um zehn, dann guckten wir die „Maus“ und Löwenzahn“, weil es schon wieder regnete, dann assen wir Milchreis, weil wir Appetit drauf hatten und weil ja nicht gesagt ist, dass man das nur zu Weihnachten darf, dann gingen wir – als es mal kurz nicht regnete – Birkenzweige holen, dann heizten schalteten wir die Sauna an, und als wir zum Abkühlen in den Garten gingen, kam gerade die Sonne raus. „Und wir haben ja auch noch gar keine Würstchen gegrillt!“, stellten die Kinder fest. „Können wir ein Würstchenfeuer machen?!“ Also machten wir ein Würstchenfeuer, grillten Wurst und Brot und Mäusespeck, und zwischendurch rannten die Kinder zu ihren Freunden auf den Spielplatz, und die Fahne wehte neben dem Garten und die Sonne schien und ich brauchte nicht mal einen Wollpullover unter der winddichten Fleecejacke, sondern nur einen mitteldicken, und die Kinder holten wir erst zum Schlafengehen rein, als auch die Fahne runtergeholt worden war, nämlich um neun, und die Sonne schien noch zwei Stunden weiter, und es war genau so, wie Juhannus sein muss.

Genau so.


10 Kommentare

10 Jahre

Es war genau so ein Morgen wie heute: klar und kalt. Die „Amorella“ schob sich zwischen den Inseln hindurch, am kleinen rosa Badehäuschen vorbei. Das Wasser war glatt wie ein Spiegel, mit Nebelschlieren obendrauf. Dann rückte die Turkuer Burg ins Blickfeld, und über ihr ging fahlgelb die Herbstsonne auf.

Der Noch-nicht-Ähämann und ich standen fröstelnd an Deck und dachten: schöner kann man in seiner neuen Heimat nicht ankommen.

10 Jahre:

Abenteuerliche Mäusefangausflüge. Besonders abenteuerliche Mäusefangausflüge. Viele Mäusefangausflüge.
Eine Hochzeit.
Ein Kind.
Ein Doktorhut.
Noch ein Kind.
Ein grossartiger Finnischkurs.
Und noch ein Kind.
Das grösste Glück überhaupt.
Ein alter, neuer Job.
Neue Traditionen. Alte Traditionen.
Hell. Dunkel. Kalt. Heiss.
Gelacht. Geärgert. Gewundert.
Eingelebt.
Freude. Zweifel. Glück.


37 Kommentare

Where the heart is

Am Anfang ist ja alles einfach.

Erst zieht’s einen in die Ferne. Und wenn’s einem in der Ferne gefällt, bleibt man da, wenn es nur irgendwie möglich ist. Fühlt sich angekommen. Wenn man dann zudem noch das Gefühl hat, das sei auch ein guter Platz, um Kinder in die Welt zu setzen, dann tut man das.

Und wenn man dann einmal Kinder hat – wird alles kompliziert. Wie immer.

Man denkt so: Die Landessprache lernt das Kind schon von ganz allein.
Bis einen das dreijährige Kind mit so einem Beben in der Stimme fragt, warum man nicht in Deutschland wohne, da, wo alle deutsch sprechen.
Bis man merkt, wie aufgedreht die Kinder jedesmal werden, wenn im Flugzeug, auf dem Schiff die Mitreisenden Deutsche sind und in ihrer Sprache mit ihnen reden.
Bis das fünfjährige Kind einem seine ernsthaften Heiratspläne erklärt: „Das dauert ja dann auch, bis ich eine Frau gefunden habe. Ich muss da ja extra nach Deutschland fahren. Ich will doch keine finnische Frau, ich will doch deutsch mit meiner Frau sprechen. Ich bin doch ein deutscher Mensch!“

Man denkt so: Die deutschen Traditionen, die uns wichtig sind, die geben wir natürlich auch in der Ferne an unsere Kinder weiter.
Bis einem auffällt, dass man in Erklärungsnot kommen wird, warum der Nikolaus über Nacht was in die Stiefel der eigenen Kinder gesteckt hat, aber bei keinem einzigen Kindergartenfreund war. (Zum Glück ist hier am 6. Dezember Feiertag, da wird es noch eine Weile nicht auffallen.)
Bis man anfängt, dem Vorschulkind zu erklären, dass es selbstverständlich zum Schulanfang eine Zuckertüte bekommen wird, aber dass sie damit die einzige aus ihrer Klasse sein wird, und dass es deshalb keine so gute Idee sein wird, die Zuckertüte am ersten Schultag mit in die Schule nehmen zu wollen.

Man denkt so: Sollen wir vielleicht doch die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen? Mindestens der Kinder wegen, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben, die Finnland als ihr Heimatland ansehen, die jederzeit die Möglichkeit haben sollen, zurückzukehren, egal, wohin es sie einmal verschlagen wird.
Bis einem einfällt, dass man ja zwei Jungs hat, die dann eventuell hier Wehrdienst leisten müssten, während der in ihrem offiziellen Heimatland inzwischen abgeschafft wurde.

Man denkt so: Gibt ja eigentlich kein besseres Land für wenn man kleine Kinder hat. Stimmt ja so auch.
Bis man denkt: Aber will ich auch, dass die Kinder hier ihre Teenagerzeit verbringen? Will ich, dass sie diese freitägliche Saufkultur als normal ansehen? Will ich, dass das Fräulein Maus mal so einen finnischen Stoffel heiratet? Will ich, dass der gutmütige grosse Herr Maus sehr wahrscheinlich später einmal von einer emanzipierten finnischen Frau sitzengelassen wird, die es völlig normal findet, sich scheiden zu lassen, weil das ihre Eltern und die Eltern ihrer meisten Klassenkameraden schliesslich auch schon so gemacht haben? (So Quatsch eben, der in Müttergehirnen vorgeht… nein, ich werde mal nicht so eine Schwiegermutter! ;-) )

Ohne Kinder hat man sogar immer gedacht: Vielleicht ziehen wir später noch woandershin. Wenn schon nicht zurück nach Deutschland… gibt ja viele schöne Länder auf der Welt.
Bis man merkt: Mit Kindern gibt es nur noch ein entweder…oder. Ihnen nochmal eine neue Sprache zumuten? Sicher nicht. (Von unterschiedlichen Schulsystemen und Einschulungsaltern ganz zu schweigen.)

Man fühlt sich ein bisschen – wie es eine Freundin neulich formulierte – als ob man mit der Wahl des einen oder des anderen Wohnortes über zwei völlig verschiedene Leben für seine Kinder entschiede. Eine Verantwortung, die mir oft zu gross erscheint. Von der ich manchmal insgeheim hoffe, dass mir sie jemand abnimmt.

Aber als jetzt zwei Wochen lang das Damoklesschwert einer Kündigung (des Ähämanns, wegen Sparmassnahmen) über uns hing, da habe ich gemerkt: es würde mir das Herz brechen, hier weggehen zu müssen, die Kinder aus ihrem Geburtsland reissen zu müssen.

Home is where the heart is.

Und das ist letzten Endes vielleicht das Einzige, worauf es ankommt.


13 Kommentare

Finnisierung XXXI

Ich bin nicht so der Typ, der wegen jedem krakelig gemalten Muttertagsherz und jedem gestottert aufgesagten Gedicht in Rührungstränen ausbricht.

Aber wenn dann für das eigene Kind zum allerersten Mal ganz offiziell das Suvivirsi gesungen wird…

Es ist nämlich so: vor zwölf Jahren nahm mich meine finnische „Familie“ mit zur Konfirmation meiner finnischen „Cousine“. Die Sonne schien, der Flieder blühte, wir feierten im Garten. Hinterher schrieb ich nach Hause: „Ich habe noch nie so viele Kirchenlieder mit so weltlichem Inhalt gesungen.“ Das Suvivirsi („Sommerchoral“) erinnerte mich an “Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, aber das hatte ich zum letzten Mal in der Christenlehre gesungen, nie auch nur in einem einzigen Gottesdienst. Ausserdem sangen die Finnen ihr Suvivirsi irgendwie… mit mehr Inbrunst.

Vor neun Jahren war ich auf der Abiturfeier meiner finnischen „kleinen Schwester“. Sie bekam feierlich ihr Abiturzeugnis überreicht und ihre weisse Mütze, und zum Schluss sangen alle – Schüler, Lehrer, Gäste – gemeinsam das Suvivirsi. „Das wird immer zu Abiturfeiern gesungen. Überhaupt zu jedem Schuljahresabschluss“, erklärte mir meine finnische „Familie“.

Und gestern sass ich dann also mit den Kindergartenkindern in der Kirche. Am Schluss waren die neun Vorschüler nach vorn gerufen worden, und die Pfarrerin hatte sie, jeden einzeln, für die Schule gesegnet. Grosse Kinder, wie sie da standen, bereit für Neues, schon gar keine Kindergartenkinder mehr, und doch noch so klein, als wir alle unsere Hände über sie hielten.
Und dann sangen wir das Suvivirsi. Die Mutter neben mir wischte sich die Augen. Ich sass da. Versuchte den Text zusammenzubekommen. Und blinzelte. Und dachte: so finnisch bist du also schon geworden.

(„Das war schööön!“ hauchte das Fräulein Maus hinterher und fiel mir in die Arme. „Danke, dass du gekommen bist!“)

[Finnisierung I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII, XIX, XX, XXI, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, XXVIII, XXIX, XXX]


7 Kommentare

Finnisierung XXX

Bis letzte Woche dachte ich noch, das passiert mir nie.

Aber wer kann zu dieser Jahreszeit schon Wolle in den Farbrichtungen “Birkenwäldchen” und “Blumenwiese” widerstehen?!

(Keine Sorge, das hier wird kein Strickblog werden.)

[Finnisierung I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII, XIX, XX, XXI, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, XXVIII, XXIX]