Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Finnisierung XL

Als der Kalevalaisten Naisten Liitto – eine Organisation, die sich für die Erhaltung, Förderung und Weitergabe finnischen Brauchtums und finnischer Kultur engagiert – über die ehemalige Nachbarin anfragte, ob ich nicht dieses Jahr als Kolumnistin für ihre Zeitschrift schreiben wolle, denn das Hauptthema dieses Jahres sei unter Anderem Multikulturalität, da habe ich mich natürlich sehr gefreut, aber war mir gleichzeitig nicht so sicher, ob ich der Aufgabe auch gewachsen wäre. Also Schreiben an sich – kein Problem. Aber auf Finnisch?!

Es ging erstaunlich gut. Und erstaunlich fehlerfrei, denn viel musste ich nicht ändern nach dem Korrekturlesen.

Finnisch Schreiben geht dann jetzt also auch.

(Wer des Finnischen mächtig ist – Seite 11. Und langjährige Blogleser haben das sowieso alles schon mal gelesen.)

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Finnisierung XXXIX

Diese Woche habe ich mir einen 16 Jahre alten Wunsch erfüllt.

Eines der Dinge, die mich damals in den sieben Wintermonaten im mittelfinnischen Nirgendwo am meisten beeindruckt haben, waren die alten Leutchen, die mit ihren Tretschlitten gutgelaunt und in einem Affenzahn die Dorfstrassen entlangschlitterten. Ging es ein bisschen bergab, dann stellten sie sich einfach mit beiden Beinen auf die Kufen und glitten leicht dahin. Dann bogen sie mit elegantem Schwung auf den Supermarktparkplatz ein, brachten ihre Schlitten neben mindestens vier anderen vor dem Schaufenster zum Stehen, nahmen ihre Einkaufstasche vom Sitz und verschwanden im Laden.

Rollatoren gab es damals noch nicht so viele und noch nicht so ausgereifte. Das mit dem Tretschlitten schien mir perfekt, gerade bei glatten Strassen, für alte Leute. Und ausserdem sah es auch nach viel Spass aus. Sehr viel Spass.

Und deswegen schleiche ich seit Jahren um die Tretschlitten im Supermarkt. Aber ach… was soll man mit einem Tretschlitten in Turku, wo jeder Zentimeter Schnee sofort unter einer Tonne Streusand begraben wird?! Wo es sowieso kaum mal Schnee gibt?!

Man kann vielleicht nicht die Fusswege entlangsausen… aber man kann – darauf musste mich erst jemand mit der Nase stupsen – auf dem zugefrorenen See fahren! Und nach Lappland kann man ihn auch mitnehmen!

Heute Probefahrt. Mal eben auf die andere Seite des Sees.
Hach, war das toll!

Die Uhr geht falsch. Es war fünf Stunden früher.

Manche Wünsche erfüllen sich erst sehr spät. Aber immerhin habe ich nicht bis zum Rentenalter gewartet.

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Finnisierung XXXVIII

Ich spreche schon seit Jahren – ausser auf Arbeit – mit keinem Finnen mehr Englisch.

Aber heute ist es mir zum ersten Mal passiert, dass ich jemanden, der aus Höflichkeit immer Englisch mit mir spricht, darum bitten musste, zu Finnisch zu wechseln. Daraufhin wurde aus dem Gestotter wieder eine ordentliche Unterhaltung.

(Was jetzt ja irgendwie eher peinlich ist und vor allem heisst, dass ich mich wieder mehr um mein Englisch kümmern muss.)

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Finnisierung VIIIa

Während ich den Herrn Picasso quer durch die Stadt zur Musikschule lenke, nimmt die Zweitklässlerin auf der Rückbank wichtige Anrufe ihrer Schulfreundinnen entgegen.

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Finnisierung XXXVI

In den Ferien unbedingt 24 Stunden auf einer Schwedenfähre abhängen eine „Kreuzfahrt“ machen.

(Eine richtige Herbstferienreise war dieses Jahr wegen Urlaubstagemangels nicht drin. Und das neue Viking-Schiff ist wirklich schön. Und wenn man Kinder hat, die gern auch mal ein bisschen in der Landschaft rumgucken, dann muss man auch nicht den ganzen Tag im Spielzimmer verbringen. Und wenn man den Kindern dann sogar noch Schneeanzüge aufgezwungen hat, dann kann man sogar ganz allein an Deck sein, statt sich mit 2800 anderen Leuten im Tax Free Shop oder in der Karaokebar zu drängeln. Okay, Antti Tuisku haben wir dabei verpasst. Aber das können wir gerade so verschmerzen.)

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Finnisierung XXXV

Es vollkommen normal finden, im September einen Anorak anzuziehen.

(Die Kinder tapsten heute früh alle drei als erstes auf die Terrasse und pieksten fröhlich auf den Gartentisch.)

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Finnisierung XXXIV

Ein -i am Wortende ist ja auf Finnisch keineswegs eine Verniedlichung, sondern gängiger Wortabschluss.

Auch bei Namen. Die werden ihrerseits üblicherweise mit einem -u am Ende verniedlicht: aus Marianna wird Maiju, aus Valtteri Valtsu, aus Emilia Emppu. (Was man dann wiederum noch weiter auf die Spitze treiben kann, indem man das entsprechende Kind letztendlich “Emppuliini!” ruft.)

Ganz logisch also, dass der kleine Herr Maus uns neuerdings, wenn er sich einkratzen will, zärtlich “Mamu!” und “Papu!” ruft.

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Mittsommer feiern

Die Finnen haben es gut. Die feiern zweimal im Jahr Weihnachten.

Für mich zumindest fühlt sich Mittsommer mit seinen drei freien Tagen, mit den vollen Supermärkten vorher und den stillen Städten am Juhannustag selbst, mit all den Vorbereitungen, der Vorfreude und den Hyvää juhannusta!-Wünschen von allen Seiten so an.

Aber für mich ist Juhannus immer noch kein Fest, das einen besonderen Platz in meinem Herzen hätte. Als wir letztes Jahr zu Juhannus in Deutschland waren, habe ich nicht mal dran gedacht. Zu neu ist mir das Fest, zuwenig Erinnerungen sind für mich damit verbunden.

Deswegen bin ich so ein bisschen hilflos, wenn es ans Plänemachen für Juhannus geht. (Und das Wetter für eine kleine Reise zu schlecht ist.) „Was möchtet ihr denn gerne machen zu Juhannus?“, fragte ich deshalb dieses Jahr die Kinder. „Was macht man denn so zu Juhannus?“, fragte das Fräulein Maus zurück.

Da war ich also so schlau wie vorher. „Naja, da schmückt man das ganze Haus mit Blumen, und isst leckere Sachen, und geht in die Sauna, und die Fahne darf die ganze Nacht wehen, und natürlich gehört ein Juhannusfeuer dazu…“ zählte ich die Sachen auf, die mir bei meinem allerersten Juhannus mit meiner finnischen „Familie“ im Sommerhaus am mittelfinnischen See besonders gefallen hatten. „Ja! Ja! Ein Feuer!“, riefen die Kinder begeistert. „Können wir ein Feuer machen?!“

Zuerst ordnete ich jedoch einen Juhannusputz an. Aufräumen! Alle Zimmer! Als ich die Kinder Donnerstagnachmittag aus dem Kindergarten und der Ferienbetreuung geholt hatte – nicht ohne mich dort mit einem „Hyvää juhannusta!“ verabschiedet zu haben – machten sie sich eifrig ans Werk. „Juhuu! Juhannusputz!“ (Wir könnten noch mehr Feste gebrauchen…!) Am Freitag gingen wir – als es mal kurz nicht regnete – Blumen pflücken. Viele Blumen! Für jeden eine eigene Vase voll. Dann assen wir leckere Sachen. Dann guckten wir einen Märchenfilm, weil es hagelte. Dann assen wir einen Berg warmer Waffeln, damit uns warm wurde. Und alle halbe Stunde fragten die Kinder: „Können wir zum Juhannusfeuer gehen?“ und „Wann gehen wir endlich los zum Juhannusfeuer?“

So ein Juhannusfeuer, das muss nämlich gross sein. Und am Wasser stattfinden. Das können wir nicht im eigenen Garten machen.

Und als wir halb neun losfuhren, kam die Sonne heraus. (Wie an fast jedem verregneten finnischen Sommertag.) Wir gingen mit langen Unterhosen (!) und mit Mützen (!) zum Mittsommer(!)feuer, aber die Sonne schien, und nur ein ganz leichter Wind kräuselte das Wasser, und die Schwedenfähren zogen im Abendlicht vorbei, und ein Gänseelternpaar schwamm mit seinen zwei Küken spazieren, und es war genau so, wie Juhannus sein muss.

Und als wir nach Hause kamen, flatterte die blauweisse Flagge träge gegen den mittsommerhellen Himmel, und es war genau so, wie Juhannus sein muss.

Und als die Kinder halb zwölf ins Bett gingen, fiel dem Fräulein Maus ein, dass wir ja gar nicht in der Sauna – die sowieso voll Wäsche hing – gewesen waren, und dass das ja wohl gar kein richtiges Juhannus gewesen sei, und also versprach ich ihr, dass wir das am nächsten Tag nachholen würden, denn so wie Weihnachten nicht am Heiligabend vorbei sei, so sei das ja auch mit Juhannus. „Aber mit Birkenquasten!“, forderte sie noch vor dem Einschlafen.

Am nächsten Tag schliefen wir alle bis um zehn, dann guckten wir die „Maus“ und Löwenzahn“, weil es schon wieder regnete, dann assen wir Milchreis, weil wir Appetit drauf hatten und weil ja nicht gesagt ist, dass man das nur zu Weihnachten darf, dann gingen wir – als es mal kurz nicht regnete – Birkenzweige holen, dann heizten schalteten wir die Sauna an, und als wir zum Abkühlen in den Garten gingen, kam gerade die Sonne raus. „Und wir haben ja auch noch gar keine Würstchen gegrillt!“, stellten die Kinder fest. „Können wir ein Würstchenfeuer machen?!“ Also machten wir ein Würstchenfeuer, grillten Wurst und Brot und Mäusespeck, und zwischendurch rannten die Kinder zu ihren Freunden auf den Spielplatz, und die Fahne wehte neben dem Garten und die Sonne schien und ich brauchte nicht mal einen Wollpullover unter der winddichten Fleecejacke, sondern nur einen mitteldicken, und die Kinder holten wir erst zum Schlafengehen rein, als auch die Fahne runtergeholt worden war, nämlich um neun, und die Sonne schien noch zwei Stunden weiter, und es war genau so, wie Juhannus sein muss.

Genau so.