Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Als wir noch in der alten Wohnung wohnten, kauften wir immer zwei Weihnachtsbäume: einen für drin, und einen für den Garten.

Dann zogen wir um. Da wuchs ein Weihnachtsbaum in unserem eigenen Garten!

Als wir ihn im ersten Jahr schmückten, waren die australischen Nachbarn, die ihn noch als ganz winziges Bäumchen kannten, ganz hin und weg. Wir auch. So schön sah das aus!

Im zweiten Jahr war der Baum so sehr gewachsen, dass wir uns von dem Nachbarn, den wir liebevoll Motorsägenmann nannten, weil er uns auch mal eine Motorsäge zum Ausleihen angeboten hatte, eine riesige Leiter leihen mussten. Eine zweite Lichterkette brauchten wir auch. Und eine Verteilersteckdose für draussen. Aber so schön sah der Weihnachtsbaum aus!

Im dritten Jahr war der Motorsägenmann samt seiner Leiter leider woanders hingezogen. Der Ähämann kaufte uns kurzentschlossen eine eigene, nicht ganz so grosse, und schmückte den schon wieder gewachsenen Baum. „Wie in Zwönitz auf dem Markt…!“, schwärmte ich. (Nur die Pyramide fehlt.)

Im vierten Jahr beschlossen wir schweren Herzens, unsere Fichte im Garten nicht mehr zu schmücken. Die 41 Lichter reichten nur noch für die Hälfte des Baumes, und die Leiter auch kaum noch bis zur Baumspitze. So schade, aber nicht zu ändern. Wir guckten uns den dunklen Baum eine Adventswoche lang an, dann beschloss der Ähämann zu handeln. Wir kauften zwei weitere Lichterketten, der Ähämann stieg in die Fichte, und der Weihnachtsbaum sah schöner aus als je zuvor.

Im fünften Jahr musste der grosse Herr Maus helfen. Jemand ganz leichtes musste von der obersten Leiterstufe auf die zarten obersten Fichtenäste klettern und die Kerzen dort festklipsen. Es war ein bisschen arg abenteuerlich. Aber der Baum sah so, so schön aus!

Im sechsten Jahr hatten wir den grossen Herrn Maus extra mit einem Klettergurt ausgestattet, aber der Baum war inzwischen so viel grösser als unsere Leiter, dass der Ähämann vorm Lichter-wieder-abmachen nochmal eine neue kaufte. Eine, die jetzt genauso gross war wie die, die uns der Motorsägenmann einst geliehen hatte. Irgendwann würde der Baum ja vielleicht auch endlich nicht mehr so schnell wachsen. Aber er wurde ja von Jahr zu Jahr schöner!

Letzte Woche, während ich endlich mein Weihnachtsgeschenk vom letzten Jahr einlöste und das Fräulein Maus zum ersten Mal über Nacht, nämlich im 300 km entfernten Seinäjoki, auf Wettkampfreise war, schmückten der Ähämann und die Herren Maus heldenhaft den Baum. Auch die ganz grosse Leiter ist inzwischen fast zu klein, und fünf einzelne Lichterketten mit Strom zu versorgen ist auch eher abenteuerlich. Dafür ist der Baum jetzt so gross, dass er uns schon von weitem über die Dächer entgegenleuchtet, wenn wir heimkommen. So wunderschön!

Nur ein bisschen bang stellen wir uns bei seinem Anblick die Frage: Wo kriegen wir nächstes Jahr einen Hubsteiger und eine Profilichterkette her?!


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Das war ein sehr schöner Geburtstag gestern.

Erst schliefen wir aus. Dann leerten wir die Nikolausstiefel. Dann assen wir jede Menge blauweisse Köstlichkeiten. Dann gingen die Kinder im Schnee spielen. Dann assen wir weitere blauweisse Köstlichkeiten. Dann ging der grosse Herr Maus auf eine Zwillingsmädchengeburtstagsfeier. Dann zündeten wir blauweisse Kerzen an. Dann holten wir den grossen Herrn Maus ab und fuhren zur blauweiss beleuchteten Turkuer Burg.

Es war übrigens ganz Finnland blauweiss beleuchtet!

Als wir vier Stunden später wieder zu Hause waren, gab es Abendbrot vorm Fernseher. Das Fräulein Maus ist jetzt übrigens so alt, dass sie gern Kleider und Frisuren gucken und kommentieren möchte. Im Gegensatz zu ihr gingen die Herren Maus halb zehn freiwillig ins Bett, und ich kam gerade rechtzeitig zu Finlandia und Feuerwerk und zum Auftritt der Semmarit wieder aus dem Jungszimmer raus. Dann musste auch das Fräulein Maus endlich ins Bett, und der Ähämann und ich stiessen mit einem Glas Wein auf das Geburtstagskind an.

Das war wirklich ein sehr schöner blauweisser Geburtstag!


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Ich sollte einst, da war ich in etwa so alt wie das Fräulein Maus, den 40. Geburtstag eines Landes feiern. Es kam dann nicht mehr dazu. Aber wir hatten auch den 39. Geburtstag zu feiern und den 38. und alle vorher. Ich erinnere mich an wenig Begeisterung und die immer gleichen Sprüche, Lieder und Gedichte.

Dieses Jahr feiern unsere Kinder den 100. Geburtstag eines Landes.

Unsere Schule ist so gross, dass immer nur zwei Klassenstufen gemeinsam feiern können. Deshalb kamen wir in den Genuss von zwei Geburtstagsfeiern, eine schon letzten Donnerstag, eine gestern.

Die Fünftklässler hatten ein „Präsidentenpaar“ gewählt, das am Eingang stand und jedem Besucher die Hand schüttelte. Der „Präsident“ hielt natürlich auch eine Rede. Die Klasse des Fräulein Maus tanzte Walzer, wofür die Handarbeitslehrerinnen dem Fräulein Maus und einer ihrer Klassenkameradinnen, die noch kleiner ist, extra noch zwei neue Ballkleider genäht hatten. Die Klasse des grossen Herrn Maus tanzte in finnischer Tracht. Der kleine Herr Maus und seine Klassenkameraden sangen und spielten das Lied vom finnischen Löwen, den es ja in den finnischen Wäldern gar nicht gibt, aber im Wappen. Sie hatten dafür selbst Löwenmähnen gebastelt und wochenlang geübt, die Krallen wie der Wappenlöwe auszufahren und laut zu fauchen. Es wurde ein Schauspiel über das Leben von Jean Sibelius aufgeführt, Schattentheater gespielt, und am Ende sangen alle gemeinsam einen selbsterdachten Suomirap frei nach Lauri Tähkä. (Die Schule hat eine eigene Band! Das ist ja mal um Welten besser als ein Blockflötenorchester!) Und weil es an der Schule unserer Kinder Spezialklassen für Gehörlose gibt, wurde das gesamte Programm, inklusive aller Liedtexte, in Gebärdensprache übersetzt. Als am Ende die Nationalhymne gesungen wurde – unsere Kinder hatten sie übrigens seit Wochen vor sich hingesungen, und zwar inklusive der Strophe auf Schwedisch, und wir werden nun bei der Weihnachtsfriedensverkündung dieses Jahr kein Textblatt mehr brauchen – wurde sie in der vordersten Reihe in Gebärdensprache gesungen. So schön!

Ich bin bei jedem dieser Schulfeste wieder erstaunt, wieviel Arbeit und Zeit da reingesteckt wird, wie lange dafür geübt wird und wie perfekt und modern jeder einzelne Auftritt ist. Und mit wieviel echter Begeisterung alle dabeisind.

„Finnland wird nur einmal 100“, sagte der Rektor. „Und es ist wirklich etwas Besonderes, dass wir dabeisein und das feiern dürfen.“