Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 2: Tallinn-Riga

4 Kommentare

Am nächsten Tag schliefen wir, wie es sich für einen ersten Ferientag gehört, aus. Wir frühstückten in Ruhe, beluden unsere Rucksäcke wieder und machten uns auf den schönsten Weg zu einem Bahnhof, den wir je gegangen waren: er führte mitten durch die Tallinner Altstadt. Zeit für ein kleines zweites Frühstück auf dem Rathausplatz  war auch noch.

Im Bahnhofssupermarkt vervollständigten wir unseren Reiseproviant und begaben uns dann… nicht etwa auf den Bahnsteig, sondern auf den Bahnhofsvorplatz. Schienenersatzverkehr.

Zum Glück nur bis zum ersten Halt noch innerhalb Tallinns, wo wir einen orangen Triebwagen namens Tarapita bestiegen.

(In Estland haben offensichtlich nicht nur die Strassenbahnen Namen, sondern auch die Züge ♥.)

Im orangen Dieseltriebwagen schaukelten wir die nächsten dreieinhalb Stunden durch orange Landschaft. Irgendwann soll das schneller gehen, wenn die Rail Baltica fertiggestellt ist und die Züge ohne den grossen Schlenker nach Osten direkt nach Süden fahren werden, aber wir haben jede Minute der dreieinhalb Stunden genossen.

In Valga, Grenzstadt auf estnischer Seite, trifft der estnische Zug auf seinen lettischen Kumpel. Wer über die Grenze möchte, latscht über die Gleise auf den nächsten Bahnsteig und steigt in den dort wartenden Zug.

(Ist EU nicht toll?!)

Bis der losfuhr, hatten wir allerdings noch anderthalb Stunden Zeit, und deshalb begaben wir uns nach dem dringend nötigen Besuch des Bahnhofsklos, wo eine alte Frau sass und von jedem für die Toilettenbenutzung 20 cent einsammelte, Richtung „Stadtzentrum“, wobei die Kinder den ersten Kulturschock der Reise bekamen: in Valga ist wirklich der Hund begraben, und wer sonst nur geleckte Touristenorte oder saubere westeuropäische Städte kennt, der darf schon ein bisschen entsetzt sein, wenn gleich neben dem Bahnhof ein Holzhaus und ein Plattenbau gleichermassen verlassen vor sich hin verfallen. Die Kinder lernten aber auch, dass es sich lohnt, zweimal hinzugucken: auf der Rückfahrt, als wir wieder in Valga Aufenthalt hatten, sagte das Fräulein Maus: „So schlecht ist es hier eigentlich gar nicht. Eigentlich ist das auch nur eine ganz normale Stadt.“

Das einzige Café der Stadt hatte leider schon geschlossen, für das einzige Restaurant der Stadt reichte die Zeit nicht, also blieb uns nur der Supermarkt in Laufentfernung, der aber ganz überraschend – wir freuten uns alle sehr – die estnische Rhabarberlimonade im Sortiment hatte, die neuerdings so schwer zu bekommen ist.

Dann bestiegen wir endlich einen der lila-gelben Züge, die der kleine Herr Maus im Sommer so angehimmelt hatte. Und, ich gebe es zu, ich habe auch eine grosse Liebe zu sowjetischen – „russischen“ wäre in dem Fall falsch, denn die lettischen Personenzüge sind ein Produkt der Rigaer Waggonfabrik – Loks und Zügen.

Eine Fahrkarte ins rund 160 km entfernte Riga kostet tatsächlich nur 5,22 € pro Person. Zusätzlich zu den Tickets wollte die Schaffnerin auch unser Covid-Einreiseformular sehen. (Sie sprach übrigens Lettisch und Russisch. Grosser Spass. Zum Glück ist des Ähämanns Schulrussisch gar nicht so schlecht.)

Dann rumpelten wir mit dem lila-gelben Personenzug weitere drei Stunden im immer schöner werdenden Abendlicht durch herbstbunten Wald. Es hätte keine schönere Jahreszeit für diese Reise geben können!

Lettische Bahnübergänge machen übrigens „Viu-viu-viu-viu“ wie eine Polizeisirene, was bei uns erst für grosse Verwirrung sorgte: es kann doch nicht sein, dass an jedem Bahnübergang, den wir passieren, gerade ein Polizei- oder Krankenauto vorbeifährt?!

Als wir in Riga ankamen, war es schon dunkel, aber wir überhaupt nicht müde, sondern nur freudig aufgeregt: Hallo Riga! Da sind wir wieder!

***
Tag 1: Turku-Tallinn

4 Kommentare zu “Mit dem Zug durchs Baltikum, Tag 2: Tallinn-Riga

  1. Oh ja, EU ist super! 🙃

    Ich freue mich auf mehr!

  2. Die lettische Schaffnerin, die uns dann kontrolliert hat, hat allerdings so sehr genuschelt, dass ich sie fast nicht verstanden habe. Sie hat das aber wenigstens gemerkt und nur noch einzelne Worte gebrummelt, die ich dann intern zu einer Frage extrapolieren und daraufhin radebrechen antworten konnte. Bei den Covid-Pässen war ihre Körpersprache allerdings genug, um zu verstehen, dass sie nicht wirklich happy war. Woran das lag, haben wir erst in Riga gemerkt, als eine andere, ähnlich geartete, aber weniger auf den Mund gefallene Bäckersfrau nur ein (überraschend) unfreundliches „njet, njet, njet!!!“ erschallen ließ, als ich ihr denselben QR code zeigte. Sie wollte unser Impfzertifikat sehen. Die andere Schaffnerin, die mich auf dem Bahnsteig sehr freundlich mit unzähligen Worten bedacht hatte, war für den anderen Zugteil zuständig. Und obwohl ich, wie sich herausstellte, die Quintessenz verstanden hatte, war ich ob ihrer hunderten Worte doch froh, als eine Mitreisende mit der gleichen Frage ins englische übersetzt hat. :D

  3. Hehe, schön, dass zwischen Tallinn und Riga noch alles beim Alten ist. Selbst die Toilettenpreise in Valga/Valka haben sich seit meiner Fahrt vor bald fünf Jahren nicht geändert: http://winterrail.de/reiseberichte/tag-38-baltisches-laender-hopping/

    :-)

    • Ach, sieh mal an: das hatte ich doch schon mal gelesen! (Aber dann wieder vergessen.) So mit Puderzucker sieht es auch schön aus – vielleicht doch irgendwann mal in den Skiferien nochmal?! ;-)

      Nur Stationsvorsteher*innen mit roten Kellen gibt es nicht mehr….

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