Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Nördlich der dritten Welle

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Gestern klingelte bei uns seit langem der Wecker zum ersten Mal wieder um 6:10 Uhr. (Grässlich!) Das Fräulein Maus ging nach fünf Wochen Distanzunterricht – geplant waren anfangs drei, dann wurde nochmal um die zwei kurzen Wochen vor und nach Ostern verlängert – zum ersten Mal wieder in die Schule. Für die nächsten drei Wochen wird sie nach jeweils zwei Präsenzschultagen einen Distanzunterrichtsschultag haben. Die Klassen werden dabei nicht geteilt, aber es ist jeweils eine ganze Klassenstufe weniger in der Schule.

Finnland gibt sich übrigens gerade optimistisch, dass bis Juli alle Erwachsenen, die das wollen, geimpft sein können, und vielleicht sogar bis zum Beginn des nächsten Schuljahres schon alle Teenager. Das wäre prima! Nachdem wir ein Jahr lang wie hypnotisierte Kaninchen die steigenden Fallzahlen oder Inzidenzwerte angestarrt haben, finde ich es gerade sehr angenehm, täglich die aktuellen finnischen Impfzahlen anzugucken. (Und die Hochrechnung, an welchem Tag bei der derzeitigen Impfrate eine 70%-ige Durchimpfung der Bevölkerung erreicht sein wird. Das ist zur Zeit immer irgendein Tag im August.)

Dieser Impfneid allerorten – „Warum ist der vor mir dran?“, „Wieso darf die sich denn schon impfen lassen?“ – nervt mich übrigens unsäglich. Abgesehen davon, dass wir natürlich alle am liebsten möglichst bald selbst geimpft sein wollen, senkt doch jeder Einzelne, der schon geimpft ist, indirekt auch mein eigenes Infektionsrisiko. Ist es wirklich zu viel verlangt, statt seines eigenen Bauchnabels mal das grosse Ganze angucken?! Die finnische Regierung hat sich übrigens strikt gegen einen Impfpass, der schon Geimpften den Besuch von Veranstaltungen, Restaurants oder Museen erlauben würde, ausgesprochen, weil das gegen das Prinzip der Gleichbehandlung aller verstossen würde. (Grosse Finnlandliebe dafür, schon immer.)

Was eigentlich aus den geplanten Ausgangsbeschränkungen geworden ist? Die hat aus dem gleichen Grund der Grundgesetzausschuss des Parlaments gekippt. Wenn man private Feiern – die zuletzt der Hauptgrund für das Ansteigen der Fallzahlen waren – verhindern will, kann man nicht pauschal allen Bürgern ein Grundrecht entziehen, sondern muss gezielt dagegen angehen. Was ich sage.

Die Zahlen in Finnland sinken übrigens tatsächlich wieder. Es freut mich sehr, aber andererseits bin ich ein bisschen entsetzt, dass es reicht, Restaurants und Fitnessstudios zu schliessen. Ich wäre sehr froh über eine Beschränkung unserer vielen unfreiwilligen Sozialkontakte gewesen, denn freiwillige Kontakte haben wir alle doch sowieso schon zur Genüge reduziert. Dachte ich. Aber gut. Immerhin sind die Finnen Meister im Sich-an-Coronaregeln-Halten.

12 Kommentare zu “Nördlich der dritten Welle

  1. Ich wäre froh über „Impfprivilegien“, die ja keine Privilegien sind, sondern die normalen Rechte, die Ungeimpften aus gutem Grund momentan eingeschränkt werden. Und zwar nicht, weil ich dann sofort in die Kneipe oder ins Kino rennen würde – ich werde wohl frühestens Ende Juni geimpft – , sondern weil dann mein geimpfter Bruder aus GB nach Deutschland einreisen könnte und mich bei der Betreuung unserer betagten Mutter ablösen; seit einem Jahr reise ich so oft ich legal die Möglichkeit habe immer wieder für ein paar Tage zu ihr nach Norddeutschland, um sie zu unterstützen. Sonst haben mein Bruder und ich uns immer abgewechselt.
    Diese „Privilegien“ sind halt nicht nur für die Spassgesellschaft gut.

    • Solange eine Impfung zu bekommen schon an sich ein Privileg ist, kann es keine Vorteile für Geimpfte – und damit Nachteile für Nichtgeimpfte – geben. Alles andere wäre ungerecht. (Man rückt ja, um bei deinem Fall zu bleiben, auch nicht automatisch in der Priorisierungsliste vor, weil man im Ausland lebende Angehörige zu pflegen hat.) Solange man nicht allen eine Impfung anbieten kann, muss man eben anders für Gerechtigkeit sorgen. Nach Finnland darf man z.B. aus Familiengründen einreisen, auch ungeimpft.

      • Aus GB kommst du ohne Quarantäne weder nach Deutschland noch in die Schweiz, also düse ich weiterhin alle paar Wochen 750 Kilometer hin, bin 2 Tage dort und düse 750 Kilometer zurück. Erholung ist anders, und meine Ferien gehen auch dafür drauf. Und ständig habe ich das Damoklesschwert über mir, dass Niedersachsen die Einreisebestimmungen ändert und ich aus der Schweiz nicht mehr ohne Quarantäne zu ihr kann (das ist eine Sonderregel, wenn man zu Eltern oder Kindern reist).
        Ich trage schon zu meinem eigenen Schutz die ganze Zeit FFP2-Maske unter Menschen, auf der Strasse, in der Arbeit von 9-18.30 Uhr, mit 2x 15 und einmal 30 Minuten Unterbruch für meine Pausen. Dazu halte ich die AHA-Regeln ein und habe keine privaten physischen Sozialkontakte. Von mir geht also sicher nicht mehr Gefahr aus als von allen anderen, die sich an die Regeln halten.
        Mein Bruder ist geimpft, meine Mutter ist geimpft, es wäre so toll, wenn erstens meine Mutter ihren Sohn mal wieder sehen könnte (okay, das Problem haben viele, ihr ja auch) und eben ich auch mal wieder etwas entlastet würde.
        Ich sehne meine eigene Impfung herbei, denn dann wage ich mich evtl. wieder in einen Zug. Vorher ist mir das zu riskant bzw. wären mir 7-8 Stunden ohne Essen und Trinken zu ungemütlich (in einem Zug würde ich niemals die Maske abnehmen).
        Für mich ist es eben keine Frage von Gerechtigkeit, sondern für mich ist logisch, dass diejenigen, bei denen die Ursache für die Einschränkungen nicht mehr gegeben sind von den Einschränkungen befreit werden. Und ich bin wie gesagt durchaus bei den allerletzten, die geimpft werden.

  2. Hier in Baden-Württemberg ist wieder Ausgangssperre, in Landkreisen ab einer Inzidenz über 200, wird hier hingenommen bisher ohne zu Murren, genauso schon an Weihnachten. Hat beim letzten Mal gut funktioniert die Werte waren besser als in anderen Bundesländern, vlt kam der Effekt aber auch woanders her. Mal schauen, wie es sich dieses Mal entwickelt. Mit dem Impfen sehe ich es genauso, Hauptsache die Menschen werden geimpft und die Zahlen bessern sich, überall muss es vorwärtsgehen, sonst bringt es nichts. Und Privilegien haben sich besonders die Altenheime erkämpft, die vollständig geimpft sind und sich nun wieder gemeinsam zum Essen treffen dürfen. Ich habe mich so für sie gefreut.

  3. Im Gegenteil: ein „Grüner Pass“ – oder wie immer er heißen mag – für Geimpfte verstößt nicht gegen den Gleichheitsgrundsatz.

    Ganz bei Irene und ihrer Argumentation bin ich, dazu hier ein Zitat, das es auf den Punkt bringt:
    „Für mich ist es eben keine Frage von Gerechtigkeit, sondern für mich ist logisch, dass diejenigen, bei denen die Ursache für die Einschränkungen nicht mehr gegeben sind von den Einschränkungen befreit werden.“

    Dem ist mMn nichts hinzuzufügen – wann immer auch wir alle vollständig geimpft sein mögen.

    • Ja, es ist logisch. Aber ist es auch ethisch vertretbar?

      (Abgesehen davon, dass manche noch sehr lange auf ihre Impfung warten werden müssen, gibt es ja z.B. auch Menschen, die aus medizinischen Gründen gar nicht geimpft werden dürfen. Oder die Kinder, für die es noch gar keine Impfung gibt. Zum Beispiel.)

      • Meiner Meinung nach ist es auch ethisch vertretbar. Es ist sogar zwingend notwendig. Ich kann Menschen, bei denen die Gründe dafür nicht (mehr) vorliegen, ihre Grundrechte nicht entziehen, nur weil andere Menschen diese Grundrechte nicht haben.
        Außerdem halte ich diese Diskussion im Moment für weitgehend sinnlos. Auch als Geimpfter kann ich derzeit nicht ins Kino oder Schwimmbad gehen, hat ja nichts auf. In ein paar Wochen vielleicht.

        • Aber das entspricht ja genau der finnischen Linie: abhängig von Fallzahlen und Durchimpfungsrate der Bevölkerung kann man Sachen öffnen oder geschlossen lassen. Aber eben offen oder geschlossen für alle. Dass Dinge nur für Geimpfte verfügbar sein werden, geht zumindest so lange nicht, bis man nicht allen, die eine Impfung wollen, auch eine anbieten kann.

        • Ich stimme zu, dass die Debatte sinnlos ist, aber nicht, weil geimpfte Menschen genauso unter den Schließungen leiden wie nicht geimpfte. Wenn alle solche Plätze wieder geöffnet sind, können auch alle dorthin gehen, unter Beachtung der geltenden Auflagen; es konnten ja vor der Impfung auch alle hin. Sondern weil es meiner Meinung nach tatsächlich mehr Schaden als Nutzen bringt. Die Zahl der verabreichten Impfungen steigt nur langsam und entsprechend wird es noch mehrere bis viele Wochen deutlich mehr Menschen geben, die dann in die Röhre gucken, wie man so schön sagt. Und während sehr viele Menschen ein erstaunliches Maß an Geduld an den Tag gelegt haben mit allem, was die Pandemie mit sich gebracht hat, gibt es auch sehr viele Menschen, denen das sicher nicht leicht gefallen ist. Und einem kleinen Teil der Bevölkerung dem weitaus größeren Teil gegenüber einen Vorteil einzuräumen, ist weder mit noch ohne Grund eine gute Idee. Weder politisch noch vor dem Gewissen. Denn Grundrechte gelten für alle gleichermaßen.
          Ich würde allerdings jederzeit dafür stimmen, geimpften Menschen das Leben deutlich zu erleichtern, wie eben zum Beispiel das Reisen mit einem EU-weit geltenden „Impfpass“. Das wäre immer noch ungerecht, aber es würde wenigstens Zeit und Geld für Tests und Quarantäne sparen. Und wenn mehr als weniger Menschen geimpft sind, kann man auch für alle die Einschränkungen lockern.

  4. Davon abgesehen werde ich wohl auch wenn ich irgendwann mal geimpft bin erst mal nirgends indoor hingehen, auch wenn hier in der Schweiz grad gefühlt alles öffnen darf (stimmt nicht ganz, Indoor-Gastronomie muss zu bleiben). (Ungeimpft ist ausser seeeehr eventuell ein Kaffee auf einer Café-Terrasse gar nichts sinnvoll in meinen Augen).
    Schliesslich kann ich auch mit Impfung den Mist noch bekommen.
    Aber allein die Möglichkeit zu haben dürfte viele Unsichere zur Impfung animieren.

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