Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Nördlich vom Weltuntergang (3)

11 Kommentare

Finnland hat 277 bestätigte Coronafälle.

Diese Zahl allerdings sagt genau gar nichts, da schon seit Freitag nicht mal mehr annähernd alle Personen mit typischen Symptomen, nicht einmal, wenn sie Kontakt mit nachweislich Coronainfizierten hatten, getestet werden. Das wiederum sagt viel darüber aus, wie schnell das finnische Gesundheitssystem überlastet ist. Aus dem Ausland zurückkehrende Ärzte und Krankenschwestern müssen nicht mal in die für alle vorgeschriebene zweiwöchige Quarantäne, weil sonst gleich niemand mehr da wäre, um sich um die schwer Erkrankten zu kümmern.

Wir warteten.

Übers Wochenende war von vielen Gemeinden, auch Turku, immerhin schon mal beschlossen worden, dass die Gymnasien (also Klassenstufe 10 bis 12) sowie die Berufsschulen ab heute Fernunterricht machen. Die Klassen 1 bis 9 aber sollten ganz normal zum Unterricht erscheinen heute.

Taten sie aber offensichtlich in grosser Zahl nicht. Jedenfalls kam kurz nach Schulbeginn heute früh eine Wilma-Nachricht vom Rektor der Schule der Herren Maus, dass man gerne ab sofort seine Kinder zu Hause unterrichten kann. Das ist hier ja generell kein Problem, da es in Finnland keine Schul-, sondern nur eine Bildungspflicht gibt, aber wird von Eltern eigentlich nur in Anspruch genommen, wenn sie mit ihren Kindern eine Welt- oder sonstige mehrmonatige Reise machen wollen.

Ich hatte gestern Abend noch mit unseren Kindern die sehr eindrückliche Simulation eines Epidemieverlaufs mit und ohne social distancing angeguckt und wir hatten sowieso alle gemeinsam beschlossen, dass sie auch heute zu Hause bleiben würden, weil eigentlich völlig klar war, dass spätestens in ein paar Tagen die Schulen sowieso geschlossen werden würden. Als die Homeschooling-Nachricht kam, seufzte ich erleichtert auf – denn wochenlang will man ja nicht mal in Finnland seine Kinder wegen eigentlich nicht mehr vorhandener Flunssasymptome tagtäglich aus der Schule abmelden – und beorderte die Kinder zu einem Probelauf Schule am Esstisch, bevor ich selbst auf Arbeit musste. Das klappte mit zwei von drei Kindern – das dritte rumpelstilzte erstmal eine Weile, dass es sicher nicht auf Verdacht schon mal ein paar Seiten im Lehrbuch weiterlesen würde, sondern auf genaue Anweisungen über Wilma warten würde – ganz wunderbar. Auch wenn sich eins davon weigerte, dafür den Schlafanzug auszuziehen.

Im Hort erschienen von 37 Kindern ganze 17. Darunter allerdings ein hustendes. (Falls jemandem noch nicht klar war, warum wir staatlich verordnete Schulschliessungen brauchen…)

Wir warteten.

14 Uhr sollte es eine Pressekonferenz der Regierung geben, da kam aber erstmal die EU-Krisensitzung dazwischen. 16 Uhr sollte es dann die Pressekonferenz der Regierung geben, aber während die Boulevardpresse auf ihren Seiten aus „Vermutlich wird eine generelle Schulschliessung beschlossen werden“ schon „Die Schulen werden geschlossen!“ gemacht hatte – ich weiss das nur, weil ich die entsprechende Yle-Seite im Minutentakt aktualisierte, während mir ein abholender Vater sein Handy mit der rotweissen Iltalehti-Webseite unter die Nase hielt mit den Worten „Die Schulen werden also doch geschlossen!“ und ich leicht verwirrt war – dauerte es dann noch ziemlich genau eine Stunde, bis die Regierung tatsächlich eine lange Liste von Notstandsgesetzen verkündete:

Schulen geschlossen ab Mittwoch (aber wer kann, soll seine Kinder gleich zu Hause lassen). Kindergärten und Vorschulen sind noch auf, aber wer kann, soll seine Kinder zu Hause lassen.
Bibliotheken, Theater, Museen, Kinos geschlossen ab sofort.
Keine Veranstaltungen mehr mit mehr als 10 Leuten.
Bis 13. April.

Wir sind jedenfalls gerüstet. Ausser dass es für die Schulkinder sowieso jeden Tag in irgendeiner Form Unterricht geben wird, erreichte uns am Freitag ein verspätetes Weihnachtspäckchen. Mit zwei sehr grossen Puzzlen.

An Tag drei des Projekts „Neuschwanstein in 2000 Teilen“ ging es auch schon ohne Mord und Totschlag unter den Geschwistern.

11 Kommentare zu “Nördlich vom Weltuntergang (3)

  1. So so, es gibt also auch woanders rumpelstilzende Kinder… :D

  2. Wir haben hier auch noch ein 5000er Puzzle … ich bin mal gespannt, wann das zum Einsatz kommt (kommen muss), im Moment sind wir noch bei 1000 Stück (Tertias Geburtstagsgeschenke)

  3. Ich habe gerade ganz viele Brettspiele und so bestellt. Weil ich wohl auch irgendwann die Kinder betreuen muss. Die Tochter arbeitet im Gesundheitswesen, der Vater braucht vielleicht auch mal Zeit zum Home Officen. Die Herausforderung bei der Bestellung war, etwas für einen vier und eine achtjährige zu finden, das sie gemeinsam spielen können. Immerhin, hier sind die Spielplätze noch nicht geschlossen, erst ab morgen, glaube ich, aber die waren wohl heute schon leer. Die Leute begreifen den Ernst der Lage langsam. Für meine Eltern, also quasi die Urgroßeltern in der Familie, wird 1x pro Woche eingekauft. Zum Glück haben die Haus und Garten, so dass ihnen die Decke nicht auf den Kopf fällt. Allerdings bedurfte es mehrerer Telefongespräche von verschiedenen Seiten, bis sie es kapiert haben. Es gehe ihnen ja gut, war der Tenor.
    Die Mitbewohnerin kommt gerade vom Einkauf zurück. Wir brauchen tatsächlich Toilettenpapier. Aber das gabs nirgends… Und wir bekommen nicht mal ne Tageszeitung, die wir im Ernstfall einer Zweitverwendung zuführen könnten.

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