Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Autofreier Geburtstagsausflug II

Zwei Stunden mit dem Zug durch eine erst verregnete, dann sonnenbeschienene Herbstlandschaft rauschen: durch Felder mit Mähdreschern, Wälder mit dem ersten gelben Unterholz und vom Regen glänzende Felsen.

Dann erstmal den drei Familienmitgliedern, die da noch nicht waren, Oodi zeigen. (Ausserdem brauchten wir alle dringend ein Klo.)

Ein bisschen vor der Oodi in der Sonne auf dem Spielplatz rumsitzen, denn für manche Spielplätze sind unsere Kinder noch lange nicht zu alt.

Sehr, sehr lecker essen gehen. Sehr leckeren Kaffee trinken.

Drei Stunden in Finnlands schönstem Freibad planschen.

Im dunkelblauen Abendlicht die Domstufen besteigen und Herrn Engels Architektur anhimmeln.

Fünf 24h-Nahverkehrstickets aufs Handy kaufen, eine Fähre besteigen und nach Suomenlinna ins Hostel fahren, nebem dem schon der Leuchtturm seine Strahlen in den dunklen Himmel schickt. Kurz noch im Laden einkehren und ein kleines Abendbrot einkaufen, die nassen Badesachen über die Heizung werfen und alle gemeinsam ins Bett fallen.

Am nächsten Morgen wieder kurz im Laden einkehren, um ein kleines Frühstück einzukaufen. Ans andere Ende der Insel zu laufen, um endlich mal eine der Tallinn-Fähren durch die enge Königspforte zwischen Suomenlinna und Vallisaari fahren zu sehen. Dabei – obwohl ich seit vielen Jahren stundenlang mit der liebsten Freundin auf Suomenlinna spazierengehe – immer noch neue Ecken entdecken.

Die Rucksäcke aus dem Hostel holen, eine Fähre besteigen, zurück zum Südhafen fahren und sehr leckere japanische Suppe essen.

Dann mit dem grossen Herrn Maus wieder eine Fähre besteigen und nach Vallisaari fahren, während der Rest der Familie in den Vergnügungspark geht.

Vier Stunden später genau gleichzeitig wieder am Dom eintreffen, Kaffee trinken, noch einmal Strassenbahn und noch einmal Metro – nicht, weil es nötig wäre, sondern weil es so viel Spass macht – fahren. Unverzichtbare Dinge für die Zugfahrt besorgen und dann zwei Stunden zwei Stunden und zwanzig Minuten durch den dunkelblauen Herbstabend rauschen zuckeln, weil Regionalzug vor uns, weil Gegenzug durchlassen, weil Halt auf freier Strecke aus unerfindlichen Gründen, weil Aufenthalt in Salo, weil rotes Signal in Piikkiö, weil weiss der Geier und trotzdem nur ganz wenig Verspätung haben.

Den Löwen Balthasar begrüssen, der das Wochenende mit Zügegucken am Turkuer Bahnhof verbracht hat, heimfahren, die immer noch nassen Badeklamotten zum Trocknen aus den Rucksäcken holen, duschen, zähneputzen, alle gemeinsam ins Bett fallen.

Das war sehr schön.


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Zeitungsmeldungen, die man lieber nicht gelesen hätte (4)

„Nach aktuellsten Umfragen Wahre Finnen mit über 20% stärkste Partei“

Das nun also auch noch, nach den Ergebnissen der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg…!

Zu denen hat Frau Nessy einen Kommentar geschrieben, den ich jetzt einfach mal hier zitiere, weil ich es besser nicht ausdrücken könnte:

Ich habe es satt, dass wir so verständnisvoll sind. Dass wir hinterfragen und ergründen, sachlich und emotional, von vorne und von hinten und von der Seite, mit schräg gelegtem Kopf und interessiert vorgebeugt, warum die Menschen AfD wählen. Wir sollten damit aufhören. Nazis wählen Nazis, weil sie Nazis sind. Weil sie verdammte Rassisten sind. Weil sie es wollen. Weil sie ausgrenzen, weil sie vereinfachen, weil sie Modernisierung, Aufklärung und Komplexität ablehnen, weil sie hassen. Weil sie Täter sind und nicht, weil sie Opfer sind.
Es gibt keine tolerierbare Begründung, Nazi zu sein. Ich will keine Rechtfertigung mehr hören, warum jemand AfD wählt. Egal, wie enttäuscht und frustriert er ist, wie sozial ungerecht unsere Gesellschaft bisweilen daherkommt und egal, was den Eltern während der Wiedervereinigung geschehen ist. Es gibt kein Argument und keine Gefühlslage, die es rechtfertigen, ein nationalistisches, rassistisches Arschloch zu sein.

Am allerwütendsten vielleicht aber macht mich der Missbrauch des Slogans „Wir sind das Volk“. Damit gingen Menschen unter Aufbietung all ihres Mutes auf die Strasse, um für freie Wahlen, Mitbestimmung und das Ende des Eingesperrtseins im eigenen Land zu kämpfen. Nicht, um zu nörgeln, dass alle anderen immer mehr bekommen, obwohl es einem selbst viel eher zustehen würde. Wobei, es hat ja auch damals gar nicht lange gedauert, bis die Stimmung kippte und die Menschen, die jetzt nicht mehr so viel Mut brauchten, um auf die Strasse zu gehen, nach der D-Mark schrien…


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Mit Elch und Igel in der Sauna

Hierzulande sauniert ja niemand in übermannsgrosse Tücher gehüllt, sondern nur mit einem kleinen Tüchelchen* unterm Allerwertesten. Oder mit einem langen Leintuch als Sitzunterlage für die ganze Familie.

Ich hab‘ neuerdings übrigens immer Herzchenaugen in unserer Sauna.

(Auch, weil die Rohstoffe dafür alle aus Europa kommen und es in Finnland designt und hergestellt wurde.)


*Das Wort dafür – pefletti, eine Kombination aus peffa und tabletti, also wortwörtlich Popounterlage – ist übrigens auch eines der vielen finnischen Wörter, die in unseren deutschen Wortschatz eingegangen sind.


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Sommerendfeuer

Nachdem es Mitte August aussah, als sei schon endgültig der Herbst ausgebrochen, hat sich der Sommer in der letzten Woche dann doch nochmal berappelt. Welch ein Glück!

Aber der Herbst kommt dann ja jetzt doch mit grossen Schritten – reifen Äpfeln, blassem Sonnenschein, dunkelblauen Abenden und feuchten Nächten – und dieses Jahr fühlte es sich auch wieder richtig an, genau jetzt den Sommer mit einem grossen Feuer zu verabschieden.

Vorher gingen wir noch in die auf halbem Weg gelegene Sauna – die war zur Feier des Tages brechend voll mit laut und fröhlich durcheinanderredenden Leuten; es war zum Beispiel sehr lustig, mit einer gerade von einem Berlin-Urlaub zurückgekehrten Gruppe Finnen lachend und kopfschüttelnd „Bei uns nur Barzahlung!“-Erlebnisse auszutauschen – und im immer noch warmen Meer schwimmen.

Das war ein sehr schöner letzter Sommertag!

Und vielleicht war es ja auch doch erst der vorletzte oder vorvorletzte Sommertag.