Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Klimastreik in Turku (2)

13 Kommentare

„Macht ihr super!“, ermunterten uns die beiden alten Frauen, die mit uns im gleichen Bus in die Stadt fuhren und sich zeigen liessen, was die Kinder auf ihre Plakate geschrieben hatten. „Viel Erfolg!“, gestikulierten sie uns noch hinterher, als wir ausstiegen. „Kommt doch mit“, sagte ich ihnen, „jeder Einzelne zählt!“ Und dann murmelten sie was von ihren Vorhaben und Verpflichtungen.

„Aber bringt das denn was, auf die Strasse zu gehen?“, fragte die blutjunge Kollegin, der ich gemeinsam mit dem Zivi die Hortkinderbetreuung für die erste halbe Stunde allein anvertraut hatte, damit ich auch mit zum Klimastreik gehen konnte, als ich auf Arbeit kam. „Ist es nicht wichtiger, dass jeder selbst etwas tut? Und in Finnland ist es doch sowieso alles gar nicht so schlimm wie in anderen Ländern!“

Himmelherrgottnochmal!!!

Da können wir paar … äh… Klimahysteriker und Ökospinner bis an unser Lebensende nicht mehr Auto fahren und nicht mehr fliegen, nur noch gebrauchte Sachen kaufen, uns vegan ernähren und die Welt doch nicht retten, solange die grosse Masse der Menschen, die nicht willens ist, auch nur ein kleines bisschen über ihren eigenen Bauchnabel hinauszudenken, einfach weiterhin macht, was sie will und was ihr erlaubt und ermöglicht wird, weil es keine Regelungen und Gesetze zum Klimaschutz gibt!

Finnland steht vielleicht tatsächlich ein bisschen besser da als andere Länder, was die Einhaltung der Klimaziele betrifft, weil es hier keine Kohlekraftwerke gibt (edit: stimmt gar nicht!) – aber allein die selbstverständliche Wasser- und Heizungspauschale ist etwas, was eigentlich seit Jahrzehnten abgeschafft gehört. (Von der Selbstverständichkeit, zweimal am Tag Fleisch, vorzugsweise Rindfleisch, zu essen und dem Verhalten der meisten Autofahrer mal ganz abgesehen.)

Auch in Finnland wollen die Politiker keine unbequemen Gesetze erlassen.

Und genau deshalb gehen auch unsere Kinder nicht in die Schule, wenn in Turku Klimastreik ist, sondern auf die Strasse. Und wir mit ihnen.

Selbst in Turku füllen die Klimastreikenden (Es waren 2000 Leute dabei!) inzwischen ganze Strassenzüge. Es sind nicht mehr nur Schüler, die Schule schwänzen, sondern auch Erwachsene, die sich vor ihrer Arbeit drücken, dabei. In Tampere, wo der Ähämann am Klimastreik teilnahm, unterbrach die Strassenbahnbaufirma spontan für eine Stunde ihre lauten Arbeiten, weil sie die Reden gestört hätten. Es gab Protestkundgebungen auch in kleinen und kleinsten finnischen Städten, Teilnehmerzahlen von 80 in Porvoo bis 16000 in Helsinki.

„Wir möchten, dass sich die Stadt Turku mit der gleichen Vehemenz, mit der sie sich dafür eingesetzt hat, dass wir jetzt ein grosses Loch auf dem Marktplatz haben, für den Klimaschutz einsetzt!“ war übrigens mein Lacher des Tages. Bei aller Traurigkeit des Themas.

13 Kommentare zu “Klimastreik in Turku (2)

  1. Die Verlinkung von dir im letzten Absatz passt nicht. Der Link führt auf eurem Paddelausflug auf dem Meer.
    OK, das ist auch ein großes Loch, aber ganz wo anders.
    Und ja, jeder sollte sich an die eigene Nase fassen, aber nur in der Gruppe schafft man sich bei denen die es nicht machen Gehör.

  2. Keine Kohlekraftwerke in Finnland? Natürlich gibt es Kohlekraftwerke in Finnland – teilweise Strom / Fernwärme Kombikraftwerke. Z.B. Helsinki Ruoholahti. Darum geht jetzt im Herbst die finnische Kohlestromerzeugung wieder nach oben.

    Ausserdem gibt es permanente massive Stromimporte entweder aus Schweden (CO2 arm dank Wasser- und Kernkraft) oder aus Russland (CO2 intensiv wg Kohle).

    Ein Blick auf electricitymap.org lohnt sich.

    • Ausserdem wird hier auch aus Torf Strom erzeugt – nicht sehr ökologisch.

    • Danke für den Hinweis! Rein gefühlsmässig kommt für mich hier sehr viel Strom aus Kernkraft… aber stimmt, gerade auch die Stromimporte spielen ja eine grosse Rolle.

      (Und die finnischen Strompreise fallen ja fast in die gleiche Kategorie wie die Wasser- und Heizungspauschale. *seufz*)

      • Allerdings ist der Kohleausstieg für 2029 beschlossen. Wie dann geheizt werden soll ist aber noch teilweise unklar – Bürgermeister Vaapavuori hat im Frühjahr 1 Mio Euro für Ideen versprochen.

        Die Pauschale für kaltes! Wasser ist in einem Land wie Finnland O.K.

        Bei der Heizungspauschale muss ich dir zustimmen, das ist etwas verrückt. Ausserdem fehlen Regeln für Haussanierung. Habe es bei einer Haussanierung vor ca 3 Jahren erlebt dass die alten welligen Einfachglasscheiben des Innenfensters gegen neue Einfachglasscheiben getauscht wurden anstatt gegen Mehrfachglasscheiben wie bei Neubauten.

  3. Moi nach Turku!
    Danke für den interessanten Beitrag. Es hat mich in der Schweiz schon geärgert, dass in einer Selbstverständlichkeit zum Eiskratzen der Motor laufengelassen wird. Für unnötiges Laufenlassen gibt es zumindest schon mal eine Busse. Das richtige Umdenken ist damit noch nicht erreicht.

    Hier in Finnland im Winter… Du hast es ja selber schon erwähnt. Aber was mich echt sauer macht, das Verhalten geht das ganze Jahr über weiter. Im Sommer muss die Klimaanlage laufen, damit das gelangweilte Kind im Auto warten kann und nicht mit einkaufen gehen muss. Und, und, und.
    Die technischen Rechtfertigungen wechseln daher in den Gesundheitsbereich. Von wegen Überhitzung und so. Ach ja, Finnland hätte ja sowieso Bäume an jeder Ecke und der Abfall würde getrennt…

    Einen schönen Sonntag und herzliche Grüsse,
    Nicole

    • Mir ist das auch gerade diesen Sommer ganz extrem aufgefallen, dass Kinder allein vorm Supermarkt bei laufendem Motor im Auto sitzen. Im Februar habe ich den grossen Herrn Maus kurz vor Mitternacht nach seinem Pfadfinderlager vom Bus abgeholt – der ebenfalls abholende Vater neben mir liess sogar den Motor seines Autos weiterlaufen, als der Bus dann endlich da war und er ausstieg, und wurde richtig aggressiv, als ich ihn fragte, ob er den Motor nicht wenigstens jetzt, wo er gar nicht mehr im Auto sitzt, ausmachen könnte.

      Und wir freuen uns, dass wir jetzt ein Auto haben, dass den Motor automatisch bei jedem Halt an der Ampel abschaltet…! :-/

  4. Auf unserer Klimademo hatte jemand ein Schild: „Ich wünsche mir endlich Einschränkungen und Verbote.“ JA!

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