Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Oodi

23 Kommentare

Oder: eine Ode an die finnischen Bibliotheken.

Die Bibliotheken sind vielleicht das Beste, was Finnland mit seinen Steuergeldern finanziert.

Bibliotheken sind hier vor allem nicht nur zum Bücherausleihen da. Man kann in Bibliotheken auch Tageszeitungen lesen, in Ruhe arbeiten oder lernen, Spiele spielen, was essen, Freunde treffen, seine Kleinkinder spielen lassen, Computer benutzen. „Volkes Wohnzimmer“, heisst es manchmal.

Falls das Fräulein Maus ab nächstem Schuljahr auf ihre Wunschoberschule gehen kann, wird unsere wunderbare Stadtbibliothek wohl auch für sie sowas wie ein zweites Zuhause werden, in dem sie an den Tagen, an denen es sich nicht lohnen wird, zwischen Schule und Training oder Schule und Harfenstunde nochmal nach Hause zu fahren, ihre Hausaufgaben erledigen, Vesper essen, Zeit rumbringen wird. Wie gut, dass es so einen Platz gibt!

Helsinki hat seit Dezember auch so eine ganz besonders tolle Zentralbibliothek. Und weil am Sonnabend das Wetter nicht so unglaublich toll war wie am Sonntag, sondern ein recht kalter Wind ging und uns den Schnee in Augen, Nase, Mund und Nacken wirbelte, war das perfekt, um sie uns ausgiebig anzugucken.

Riesig ist sie. Und sehr, sehr beeindruckend.

Auf der Wendeltreppe, die hinaufführt ins zweite und dritte Stockwerk, steht eine sehr berührende Widmung, für wen diese Bibliothek gedacht ist: hunderte Worte – für Männer, für Flüchtlinge, für Verwirrte, für Träumer, für Populisten, für Obdachlose, für Bauern, für Naturfreunde, für Hippis… – die eigentlich nur eins sagen: für alle.

Überall sassen Leute – allein, zu mehreren, auf Schaukelstühlen oder Sesseln oder Sofas oder überbreiten Stufen und lasen, starrten in ihre Telefone oder hatten ihre Laptops auf dem Schoss. Ein Vater spielte mit seiner Tochter ein Brettspiel. Einer, der so aussah, als ob es sonst keinen Platz für ihn gäbe, hielt in eine Sofaecke gedrückt ein Nickerchen. Abiturienten arbeiteten zu zweit in kleinen, ruhigen Kabüffchen ihren Lernstoff durch. Manche sassen konzentriert mit ihren Laptops mit anderen an langen Tischen, andere an den Computern der Bibliothek.

Alles mögliche kann man tun und machen in der Bibliothek: Es gibt einen Drucker, mit dem man bis zu A0-Postergrösse auf die verschiedensten Materialien drucken kann, und eine Batterie 3D-Drucker samt benötigtem Rohaterial. Es gibt einen riesigen Handarbeits- und Basteltisch mit Nähmaschinen, Laminiergerät, Ansteckerstanzmaschine und eigentlich überhaupt allem, was des Bastlers Herz begehrt, und ganz sicher haben wir auch gar nicht alles gesehen.

Ganz oben, unter der schwebenden Decke, die jetzt sehr an eine gemütliche Schneehöhle erinnerte, im Sommer aber sicher eher an eine Schönwetterwattewolke, haben die Bücher ihr Zuhause, 100 000 Stück in langen, weissen Regalen – die allerdings ziemlich gerupft aussahen, weil gerade so viele Leute die neue Bibliothek angucken kommen, Bücher ausleihen und dann in den Stadtteilbibliotheken zurückgeben.

Was übrigens fehlt in finnischen Bibliotheken: Schliessfächer für Jacken und Taschen. Die darf man einfach mit reinnehmen. Und essen darf man auch in finnischen Bibliotheken: in unserer z.B. an speziell dafür ausgewiesenen Tischen, und in Helsinki gibt es jetzt sogar ein Café mitten zwischen den Bücherregalen. Und dass die neue Bibliothek den tollsten Sanitärbereich hat, den ich jemals irgendwo gesehen habe, wundert dann jetzt wohl auch niemanden mehr.

Wenn ein Land als Vorzeigeobjekt eine Bibliothek baut, dann ist das schon ziemlich… hach.

23 Kommentare zu “Oodi

  1. Ich glaube mit so einem Traum von Bibliothek (die nicht nur vorrangig zur Ausleihe von Büchern animiert) könnte man auch hierzulande viel mehr Menschen für das Lesen begeistern! Wobei ich persönlich in der neuen Dresdner Zentralbibliothek zumindest schon vom E-Piano begeistert, um gleich an Ort und Stelle mal kurz ein paar Noten auszuprobieren. So etwas ist hier glaube nicht selbstverständlich.

    Aber alles was ich sonst so auf deinen Bildern sehe und die wahnsinnig vielfältigen Möglichkeiten die man dort hat, wären hier keinesfalls möglich. Vielleicht auch nicht gewollt? Vermutlich wäre die Angst, das etwas kaputt geht oder absichtlich kaputt gemacht wird, einfach zu groß.

    • Wir haben hier ja seit ein paar Jahren in unserer Stadtteilbibliothek Selbstbedienungszeiten. Das heisst, sie ist jeden Tag bis 21 Uhr und auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet, weil nicht immer Personal da sein muss.

      Was ich dazu immer von Deutschen höre: „Und da wird nichts geklaut oder kaputtgemacht?!“

  2. Was für ein Paradies!! Ich liebe Umeås Bibliothek auch sehr, bin öfter da zum Zeitunglesen, aber es ist eben „nur“ eine Bücherei …

  3. Was für ein Traum…da kann man sicher Stunden verbringen und vergisst die Zeit ;-)
    LG Petra*

  4. boah, da packt mich glatt der Neid. Den Sanitärraum hab ich garnicht gleich als solchen erkannt, haha. Dieser Ansatz eine Bibliothek zum Leben, nicht zum Flüstern, ich bin sowas von begeistert. Liebe Grüße, Eva

  5. Da würde ich nie wieder freiwillig raus gehen!!!

  6. Klingt toll! Auch wenn ich über die mir bekannten Bibliotheken nicht klagen will (zumindest wenn man von den Öffnungszeiten der Lübecker Unibib absieht…), aber es beschränkt sich natürlich auf Bücher, Zeitungen, PC-Arbeitsplätze, Drucker und teilweise Arbeitsbereiche, gemütliche Chill-Möbel und WLAN.

    Bibliotheken, wo man die Sachen mitnehmen kann, sind echt praktisch. Hat meine ehemalige Unibib (Konstanz) und die Stadtbücherei in meiner kleinen Heimatstadt (Radolfzell) auch. Wobei ich zu schätzen weiß, dass es auch trotzdem noch Schließfächer gibt, sodass ich nicht alles die ganze Zeit mitschleppen muss :-)

  7. Hihi, genau das, was du erwähnst, hat mich auch so sehr an der Bibliothek beeindruckt. Vor allem die Widmungen – mit „kaikille“ (für alle) am Anfang und „ystäville“ (für Freunde) am Ende… Und naja, auch der Sanitärbereich. :D :D Ich finde, Uni-Sex-Toiletten sollte es viel öfter geben!

  8. Die Bibliothek ist ja toll, danke für’s Mitnehmen!
    Wobei ich feststelle, dass der „Wohnzimmergedanke“ incl. schöner Veranstaltungen besonders in den Kinderabteilungen auch in D immer mehr Verbreitung findet und auch hier und da mal ein Kaffeeautomat auftaucht.

    Und übrhaupt: wenn ich irgendwann mal nach Finnland komme, hat Dein Blog keinen ganz kleinen Anteil daran :-)

  9. „wird ja nichts geklaut hier“ – das ist der springende Punkt. Unsere Direktion hat auch schon über Selbstbedienungs-Zeiten nachgedacht. Aber dann wären hier bestimmt nicht nur Bücher weg… (sondern auch Computer, Kopierer-Kassen aufgebrochen, Toiletten verwüstet…) – wir müssen zB. eine neue Agenda kaufen, weil die, die auf unserer Theke lag geklaut worden ist, genau so wie die billigst-Tischkalender.
    Aber wir schaffen jetzt immerhin eine Nespressomaschine für die Kundschaft an. Nur die Wartung müssen wir noch einplanen, muss halt die Kundschaft mal warten, bis die Kollegin wieder da ist, die im Büro (= erst ins Obergeschoss, dann 60 Meter nach hinten) Wasser oder Tassen holt. Und da wir ja keine zusätzliche Zeit für den Abwasch bezahlt bekommen wird das nicht umweltschonend mit Porzellantassen angeboten, sondern mit Wegwerf-Tassen oder Bechern.

  10. Morgen werde ich sie auch sehen!!! Ich freu mich noch mehr seit ich deine Fotos entdeckt habe. Hach!

  11. Pingback: Im Zug | Pinni

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