Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Wollsocken im Klassenzimmer (3)

10 Kommentare

Weil mich von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend.

Werden die Schüler in Finnland mit Noten bewertet?

Auf diese Frage kann ich leider keine eindeutige Antwort geben.

Die letzte, umfassende Lehrplanreform sah vor, dass die Kinder eher wenig bewertet werden und eventuell sogar erst in der Oberstufe, also in der 7. Klasse, zum ersten Mal Noten bekommen. Ausserdem sollte das Halbjahreszeugnis abgeschafft werden und nur noch zum Schuljahresende eine umfassende Bewertung der erreichten Lernziele gegeben werden.

Bei der Umsetzung des Lehrplans hat aber jede Gemeinde und sogar jede Schule einen gewissen Spielraum, so dass es weiterhin jedes Halbjahr spannend bleibt, wie nun die Zeugnisse unserer Kinder aussehen werden.

Bei uns ist das jetzt jedenfalls so, dass es in den ersten beiden Schuljahren auf jeden Fall keine Noten gibt. Die Schüler werden für – individuelle – Fortschritte vor allem mündlich, aber auch mal mit einem Stempel oder Aufkleber unter einer schriftlichen Aufgabe gelobt. So etwas wie Tests und Klassenarbeiten gibt es in den ersten beiden Schuljahren überhaupt nicht.

Ab der dritten Klasse gibt es Diktate, Vokabeltests, Mathearbeiten und Tests in allen Fächern, die zumindest in unserer Schule mit Noten bewertet werden. Das Fräulein Maus bekam allerdings auch letztes Jahr noch ein Zeugnis, in dem nur angekreuzt war, wie gut sie bestimmte Lernziele in jedem Fach erfüllt hat. Dieses Jahr wird sie, wenn ich das richtig verstanden habe, eins mit Noten bekommen. Beim grossen Herrn Maus weiss ich gar nicht. Wir warten gespannt auf nächsten Freitag. ;-)

Die Zeugnisse mit den Kreuzchen finde ich insofern besser, als sie ein detaillierteres Bild geben: es steht da zum Beispiel unter Englisch nicht nur eine Gesamtnote, sondern es wird getrennt bewertet, wie gut sich das Kind ausdrücken kann und wie gut es versteht. Das kann ja durchaus unterschiedlich sein.

Insgesamt spielen Noten in der Grund- und Mittelschulzeit keine grosse Rolle. Da alle bis zur neunten Klasse gemeinsam zur Schule gehen, braucht man ja auch kein objektives Kriterium für eine Empfehlung für eine bestimmte Art weiterführender Schule. Überhaupt wird sehr bewusst auf Vergleiche der Kinder untereinander verzichtet. Jeder soll motiviert werden, sein Bestes zu geben: und zwar nach seinen individuellen Fähigkeiten – nicht danach, wie gut oder schlecht der Rest der Klasse ist.

Das finnische Notensystem ist für mich persönlich übrigens das beste Mittel, keinen falschen Ehrgeiz bezüglich der Schulleistungen meiner Kinder zu entwickeln. Es gibt Noten von 4 bis 10. (In der Uni wird man dann mit Noten von 1 bis 3 bewertet.) 10 ist dabei die beste Note, und es gibt jede Menge Abstufungen: 10, 10-, 9 ½, 9… Die Kinder haben ein ganz gutes Gespür für die feinen Unterschiede und sind auch schon mal enttäuscht über eine 9 ½, aber für mich klingt irgendwie alles ab 8 phänomenal gut!

***

Wollsocken im Klassenzimmer (1): Hausaufgaben
Wollsocken im Klassenzimmer (2): Individuelles Lernen

10 Kommentare zu “Wollsocken im Klassenzimmer (3)

  1. Als ich das erste Mal so ein finnisches Zeugnis sah, war ich total begeistert. Weil es so individuell und differenziert war…

  2. 300 km nördlich gibt es regelmässig Mathetests und Diktate (sowie ein Pilzbestimmungstest im Herbst :) ) mit x/x erreichten Punkten direkt ab der 1. Klasse, kein Halbjahreszeugnis, aber zum Ende des Halbjahres ein „Bewertungsgespräch“ mit Schüler, Lehrer und Eltern, in dem jede der drei Parteien den Schüler einschätzt (wobei Sozialkompetenzen einen ebenso grossen Stellenwert wie schulische Leistungen haben), in dem ausserordentlich gelobt und anschliessend überlegt wird, was noch verbessert werden kann und tatsächlich keine Noten bis zur 7. Klasse. Letzteres bedauert das Kind übrigens ausserordentlich.

  3. „In der Uni wird man dann mit Noten von 1 bis 3 bewertet.“

    Nicht mehr so. Von 1 bis 5 heut­zu­ta­ge.

    :-)

    https://fi.wikipedia.org/wiki/Arvosana

  4. Bei uns gibt es auch diese Ankreuzzeugnisse (Kompetenzraster). Ich finde die, im Gegensatz zu vielen anderen Eltern, sehr aussagekräftig. So weiß ich wo Stärken und Schwächen meiner Kinder in einzelnen Fächern sind. Bei einer Note würde ich das nicht erkennen.

    • Das Kompetenzraster haben wir auch in der Grundschule :-) Ich finde es auch prima – es zeigt wirklich gut die Stärken des Kindes (und nicht nur die Einzelnote im Fach). Ab der 5. Klasse gibt es die klassischen Noten von 1 – 6.

      LG Petra*

  5. Danke für die Ausführungen!
    Leider sollen in Österreich wieder ab der ersten Klasse Ziffernnoten eingeführt werden, zur besseren Vergleichbarkeit bzw. für die spätere schulische Laufbahn.. :-(

  6. Sehr spannend zu lesen! Da bekomm ich gleich Lust zum hospitieren

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