Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Wollsocken im Klassenzimmer (1)

6 Kommentare

Mit dem Bloggen fing ich hauptsächlich deswegen an, weil ich – wir waren gerade nach Finnland gezogen – weder Sammelmails schreiben noch immer die gleichen Textabschnitte von einer Mail in die andere kopieren wollte.
Und weil mich auch umgekehrt von Zeit zu Zeit die immer gleichen Fragen per Mail erreichen – und der Dauerbrenner sind immer noch Fragen zum finnischen Schulsystem – dachte ich mir, könnte ich die ja auch mal eine nach der anderen hier beantworten.
Natürlich völlig unobjektiv auf meiner Erfahrung mit drei Grundschulkindern, die derzeit die Klassen 1, 3 und 5 besuchen, basierend. Los geht’s.

Gibt es in finnischen Schulen Hausaufgaben?

Ja.

Man liest immer mal wieder, dass finnische Schüler sehr wenig Zeit mit Hausaufgaben verbringen müssen – um das objektiv einschätzen zu können, fehlt mir natürlich der echte Vergleich, aber gerade in den ersten beiden Schuljahren sind die Hausaufgaben wirklich sehr wenig: jeden Tag fünf Minuten laut vorlesen, dazu zwei Zeilen etwas schreiben oder rechnen, fertig. Manchmal bekommt der kleine Herr Maus auch Wochenendhausaufgaben: „Hilf jeden Tag deinen Eltern bei irgendeiner Aufgabe im Haushalt!“ oder „Bewege dich jeden Tag mindestens eine halbe Stunde an der frischen Luft!“ oder „Spiele ein Spiel mit einem Freund!“ ;-)

Ab der dritten Klasse, die hier einen gewissen Sprung darstellt vom zwei Jahre dauernden „Anfangsunterricht“ (der bei Bedarf auch drei Jahre dauern kann) zu „ernsthafter“ Schule, sind die Hausaufgaben zwar immer noch überschaubar, werden aber deutlich mehr. Die Kinder müssen sich dann die Hausaufgaben auch selbstständig notieren (oder sie sich eben merken – der grosse Herr Maus nämlich so: „Nee, Mama, wirklich, ich brauch‘ kein Hausaufgabenheft, ich schreibe mir das sowieso nicht auf, ich merke mir das!“), während in den ersten beiden Schuljahren die Hausaufgaben gemeinsam in eine Art Formular – ähnlich dem deutschen Hausaufgabenheft – eingetragen werden oder die Kinder sie sogar als vorbereitete Aufgabenblätter ausgehändigt bekommen. Ab der dritten Klasse kommen auch „Heftarbeiten“ dazu – d.h. die Kinder müssen ab und zu für z.B. Sachkunde zu einem bestimmten Thema mit Hilfe von Lehrbuch, Internet, etc. eine Seite in ihrem Heft gestalten. Das dauert bei unserem perfektionistischen Fräulein Maus eeeewig, beim grossen Herrn Maus nicht so. ;-)

Eine Abschaffung von Hausaufgaben war auch bei der letzten, recht umfassenden Lehrplanreform in Finnland kein Thema – man sieht Hausaufgaben hier weniger als Mittel zum Unterrichtsstoff vertiefen oder wiederholen, als als ein Mittel zum „Lernen lernen“ – was ein sehr zentraler Aspekt der finnischen Schule ist. Die Kinder sollen durch Hausaufgaben hauptsächlich lernen, sich das Lernen selbst zu organisieren – wann und wie sie ihre Hausaufgaben machen, ist ihre eigene Verantwortung. Auch die Erst- und Zweitklässler im Hort haben keine festen Hausaufgabenzeiten, zu denen sie ihre Hausaufgaben machen müssen. Sie dürfen freilich – aber wer seine Hausaufgaben lieber zu Hause macht, macht sie eben später dort. Hausaufgaben gibt es in den ersten beiden Schuljahren grundsätzlich bis zum nächsten Tag oder ab der dritten Klasse höchstens bis zur nächsten gleichartigen Unterrichtsstunde – so bleibt der Zeitrahmen für die Erledigung auch für die kleinsten Schulkinder überschaubar. Wer seine Hausaufgaben vergisst, bekommt mindestens einen Eintrag ins Wilma; passiert das wiederholt, wird in unserer Schule das Kind auch schon mal nach Unterrichtsschluss ins LehrerHausaufgabenzimmer geschickt, wo es seine Hausaufgaben unter Aufsicht und gegebenenfalls mit Hilfe erledigen kann. Das Ganze wird dem Kind aber nicht als Strafe vermittelt, sondern eher als „Du hast offensichtlich Probleme damit, deine Hausaufgaben zu erledigen – wir können dir dabei helfen!“ Auch wenn ein Schüler selbst merkt, dass er Probleme mit seinen Hausaufgaben hat, kann er seine Hausaufgaben dort machen und sich helfen lassen.

Und das ist, glaube ich, der wesentlichste Unterschied zum deutschen Schulsystem: in Finnland sind auch Hausaufgaben Angelegenheit der Schule. Es wird hier nicht von den Eltern erwartet, dass sie sich – abgesehen von der Vermittlung einer gewissen Grundeinstellung zum Thema Hausaufgaben – um die Hausaufgaben ihrer Kinder kümmern, ihre Ausführung kontrollieren oder gar danebensitzen, wenn die Kinder Hausaufgaben machen.

Ich Rabenmutter weiss z.B. auch gar nicht, bei welchem Buchstaben die Erstklässler gerade sind oder welche Worte der Drittklässler schon auf Englisch gelernt hat.

(Passend dazu war heute ein sehr schöner Artikel in der Süddeutschen.)

6 Kommentare zu “Wollsocken im Klassenzimmer (1)

  1. Hallo Karen,
    das sind wesentlich sinnvollere Hausaufgaben, als hier bei uns. Wenn die Eltern nicht kontrollieren müssen / sollen, ist das Thema Schularbeiten in der Familie viel entspannter. Außerdem haben die Kleinen bei Euch offensichtlich nicht so umfangreiche Aufgaben, wie bei uns, wo es immer ein –buchstäblich– stundenlanges Drama zuhause gibt. Die Helikopter-Eltern (es gibt tatsächlich viele, die ständig um das Kind herum sind und sie sogar bis vor die Schultüre fahren) würden entsetzt sein über Dich „Rabenmutter!

    So wie ich das aus Deinen Berichten herauslese, macht Ihr das genau richtig mit Euren Kindern! Schön finde ich, wie Du auf Deine Blogidee gekommen bist! So habe sogar ich etwas von Deinen Erzählungen aus dem hohen Norden! Ich freue mich immer wieder darüber aufs Neue!

    Dir / Euch einen schönen Sonntag!
    Lieben Gruß, Michael

  2. Das ist bei uns in der Dorf-Grundschule inzwischen eigentlich auch so, inklusive der Tatsache, dass die Kinder keine Schuhe anhaben ;-)
    Beim Sohn am technischen Gymnasium bei den Hausaufgaben auch ganz ähnlich, eher wenig (seine Mathelehrerin hat jahrelang auch gar keine Hausaufgaben aufgegeben, weil sie es nicht sinnvoll fand – und das auch sehr gut begründen konnte) – kein Vergleich zum humanistischen Gymnasium, wo es sehr viel Hausaufgaben gibt und gleichzeitig auch davon ausgegangen wird, dass die Eltern sich am Nachmittag, Wochenende und den Ferien (!!) als Vertiefungs-Lehrer um den Stoff kümmern. Unglaublich.

  3. Hier in der Grundschule ist es auch wie bei euch. Alles gleich. Nur halt in Bawü ;)
    Nee, ganz ehrlich, neulich hab ich mal vergessen am Nachmittag zu fragen, ob die Hausaufgaben gemacht sind, und am Morgen meinte der Sohn dann, oh weh, er habe es gestern ja gar nicht in der Betreuung gemacht und zu Hause auch nicht, da hab ich gesagt, entweder gehst du ohne in die Schule und lebst mit den Konsequenzen oder du machst sie noch schnell. Da hat er sie gemacht, binnen fünf Minuten. So schnell gehen die. Aber meist macht er sie eh in der Betreuung, die ohne konkrete HA-Betreuung ist,um, wie er selbst sagt, nachmittags Zeit zum Spielen zu haben.
    Andere Mütter berichten mir, dass ihre Kinder zwischen 30 und 60 Minuten brauchen. Ist wohl sehr unterschiedlich mit dem Tempo und ich freue mich einfach, dass es hier so ist und nicht anders.

    Ich selbst denke ja auch völlig anders über Hausaufgaben, seitdem ich selbst Mutter bin. Das sollte für jeden Lehrer heilsam sein ;)

  4. P.S.: Bei uns heisst es in der Grundschule (1. Klasse) übrigens auch, dass wir, wenn die Kinder die Hausaufgaben zu Hause machen (und nicht in der Betreuung), nach 20 min (Hausaufgaben insgesamt) abbrechen sollen (vorausgesetzt es wurde einigermaßen konzentriert gearbeitet) und die Lehrerinnen informieren sollen, dass es zu viel war.

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