Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

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13 Kommentare

„Du musst keine Angst haben!“, sagt die Zweitklässlerin zur Erstklässlerin, die ich heute von der Schule zum Hort begleite, und nimmt sie an der Hand. „Das war nur ein einzelner geisteskranker Mann. Weisst du, was geisteskrank heisst? Der hat irgendeinen Fehler im Gehirn. Aber du musst keine Angst haben, die Polizei hat ihn festgenommen. Er liegt im Krankenhaus, weil die Polizei ihn angeschossen hat. Da kann der nicht raus. Die haben da so Stoffbinden, so ähnlich wie Handschellen, damit ist er am Bett festgebunden. Und da sind auch Polizisten, die ihn bewachen. Der kann niemandem mehr was tun. Wenn er wieder gesund ist, kommt er vom Krankenhaus ins Gefängnis, und vom Gefängnis wird er in sein Heimatland zurückgeschickt. Du musst wirklich keine Angst haben!“ Und dann beschliessen wir drei einstimmig, den üblichen Weg quer über den Markt zu nehmen.

Die Kinder können’s vielleicht noch retten.

Während wir Erwachsenen Morddrohungen per Telefon ins Krankenhaus schicken. Während wir hysterisch herumschreien, dass die Politik viel zu lasch mit Ausländern umgeht, dass die Regierung versagt hat, dass alle Muslime gefährlich sind und die EU sowieso an allem schuld, dass man endlich die Grenzen dichtmachen muss und dass es ja wohl nicht sein kann, dass Verbrecher auch noch menschenwürdig behandelt werden. Während wir drei Tage lang den Markt meiden und dann vergessen werden. Während wir selbstmitleidg verkünden, die Welt würde nie wieder so sein wie vorher, und dennoch einfach so weitermachen wie bisher, unseren Wohlstand mit Zähnen und Klauen verteidigen und weiterhin glauben, es sei unser persönlicher Verdienst, in einer Gegend der Welt geboren zu sein, in der Demokratie, Frieden und Wohlstand herrschen.

Vielleicht können’s die Kinder noch retten.

13 Kommentare zu “.

  1. Solche Kinder braucht das Land. Jedes Land.

  2. Können sie, ja. Wenn sie Eltern wie Sie haben, die Ängste nehmen, statt sie zu schüren.
    Die erklären, statt zu verurteilen.
    Danke dafür!!

  3. Liebe Karen,
    Ich bin zur Zeit in Weimar in der Wohnung meiner Tochter, die vor einigen Jahren in Turku studiert hat und in Halinen gewohnt hat. Sie war am Freitag zur Zeit des Anschlags in Turku, im Dom und in der Stadtbücherei, kurz bevor diese dann geschlossen hat.

    Gestern abend war ich in Weimar im Orgelkonzert. Der Gastorganist, befreundet mit dem Kantor von Turku, hat seine Verbundenheit
    mit der Stadt und den Menschen nicht nur geäußert, sondern auch musikalisch ausgedrückt, mit einer Orgelvariation zu Beethoven, Alle Menschen werden Brüder…
    sehr, sehr kraftvoll und klar – so klar wie die Worte der Zweitklässlerin und so kraftvoll, wie ihre Hand, mit der sie die Ängstliche hielt.
    Herzlichen Dank, dass du dieses Erlebnis schilderst.
    Ingrid

  4. Zwischen völliger Hysterie auf der einen und totaler Es-war-ja-nur-ein-armer-Irrer-Abwiegelung auf der anderen Seite muss es einen vernünftigen Mittelweg geben. Wir haben in Europa ja offensichtlich ein Problem mit Terrorakten und Nachahmern im IS-Fahrwasser. Und jeden Mörder, der im Fahrwasser des IS ein paar Bürger umbringt, als geisteskranken Einzeltäter darzustellen, halte ich für eine unzulässige Verharmlosung, die nur dafür sorgt, dass wichtige Diskussionen nicht geführt werden.

    • Ich halte tatsächlich jeden Mörder, egal aus welchem Motiv er handelt – den finnischen Ehemann, der seine Frau und ihren Liebhaber erschiesst, genauso wie den Amokläufer, der aus persönlichem Frust im Einkaufszentrum herumschiesst, genauso wie den IS-Anhänger, der sich aus falschverstandener Religiosität selbst in die Luft sprengt – für einen armen Irren.

      Das hat nichts mit Verharmlosung zu tun, sondern es hilft, die Relationen zu wahren. Und verhindert zum Beispiel, dass ich vor jedem schwarzbärtigen Mann, der mir auf der Strasse begegnet, Angst habe.

      Welche wichtigen Diskussionen schweben dir denn konkret vor?

      • Das sehe ich ganz genauso.
        Jeder, dem Menschenleben nichts wert sind, ja sie sogar bewusst auslöscht, ist ein Irrer. Und solche gibt es überall.

        Ich finde die Reaktion der Zweitklässlerin absolut gut und nachahmenswert. Denn durch „Angstmache“ wird das Leben unerträglich. Wir haben in der westlichen Welt einen sehr guten Sicherheitsstandard. Aber solche Taten sind allenfalls im Einzelfall abwendbar –wenn nicht gerade der Sicherheitsbürokratismus schläft! Restlos schützen können wir uns nie davor, genauso wenig wie vor dem sprichwörtlichen Ziegel vom Dach, der mich erschlagen könnte …

        Schön, dass Du erzählst, wie die Zweitklässlerin der Erstklässlerin erklärt, warum sie keine Angst haben braucht. Wir Erwachsene können sehr viel von ihr lernen! Und Deine Reaktion darauf finde ich absolut richtig! Über den Marktplatz gehen, wie gewöhnlich auch, was sonst?

        Danke fürs Teilen!
        Lieben Gruß, Michael

      • Welche wichtigen Diskussionen schweben mir vor? Nun, warum zucken in Europa regelmäßig islamische Frustrierte aus und bringen eine größere Anzahl von Menschen ums Eck, und warum tun das christlich oder klassisch-religiös-desinteressiert sozialisierte Europäer eher selten? Woran liegt das und wie kann man gegensteuern?
        Wenn man nur jeden als isolierte Einzeltat eines bedauerlichen Irren sieht, kann man gemeinsame Muster nicht wahrnehmen.
        Stell Dir vor, über Jahre geschehen, sagen wir mal, Waldbrände wegen Brandlegung. Es stellt sich heraus, dass alle Brandleger aus der gleichen Alterskohorte und derselben Region kommen. Da ist es doch ein naheliegendes Vorgehen, nach Gemeinsamkeiten und Mustern zu suchen, um irgendwann zu erkennen, wo die Auslöser liegen. Oder ob die Gemeinsamkeiten eben nur auf Zufall beruhen und die Gründe ganz woanders liegen.

        • Nein. Das ist keine Ursachensuche, sondern Sippenhaft.

          In Sachsen, zum Beispiel, werden überdurchschnittlich viele Anschläge auf Asylberwerber verübt. Ich bin in Sachsen geboren und aufgewachsen. Bin ich jetzt auch eine von denen, die vermutlich den nächsten Brandsatz werfen?!

          Und es wird ja auch so verzerrt berichtet. Seit wir in Finnland leben, hat es mehrere Amokläufe an finnischen Schulen gegeben, mit zu vielen Toten. Die Amokläufer waren alle junge finnische Männer. Auch in Turku hat es vor zwanzig Jahren schon mal einen tragischen Zwischenfall auf dem Marktplatz gegeben: eine Gruppe junger Finnen hat mit Messern um sich gestochen und dabei weit mehr Menschen getötet als der Attentäter diesmal. Davon hat ausserhalb Finnlands aber nie jemand was erfahren. Und auch die Finnen haben das schon vergessen.

          Vergewaltigt ein Europäer eine Frau, ist das keiner Zeitung eine Meldung wert. Ist der Täter ein Asylbewerber, dann schon.

          Ursachen und Gründe suchen, ja. Die sind aber üblicherweise andere als Herkunft oder Religionszugehörigkeit, sondern haben eher etwas mit Perspektivlosigkeit zu tun. Daran müsste man arbeiten.

  5. Kennst du dieses Gemälde aus Jena? http://magazin.bundeskunsthalle.de/2017/08/transport-eines-meisterwerks/
    Wir warten gespannt auf die Hodler-Ausstellung in Bonn.

  6. Pingback: Woanders ist es auch schön. | READ ON MY DEAR, READ ON.

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