Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Halt auf freier Strecke

12 Kommentare

Freitagnachmittag, im Zug von Turku nach Helsinki.

12:04 Uhr: Der Zug ist bis auf den letzten Platz belegt, aber dank der obligatorischen Platzreservierung beim Fahrkartenkauf sitze ich auf genau dem Fensterplatz im Doppelstockwaggon oben, auf dem ich gerne sitzen wollte, alle haben gerade dem Schaffner ihre Handys hingehalten und er hat – „piep, piep“ rechts, „piep, piep“ links – mal eben in 30 Sekunden die Fahrkarten des gesamten Waggons kontrolliert, draussen zieht bepuderte Landschaft vorbei, die Geschwindigkeitsanzeige steht auf konstanten 160 km/h… da bremst der Zug scharf. Bitte nicht schon wieder ein Elch!, denke ich.

12:05 Uhr: Durchsage vom Schaffner: „Es gibt einen technischen Defekt an der Lok. Der Lokführer geht jetzt mal gucken, was da los ist.“ Man sieht den Lokführer in Warnweste vom Steuerwagen am Anfang des Zuges zur Lok am Ende des Zuges stiefeln.

12:10 Uhr: Durchsage vom Schaffner: „Der Lokführer telefoniert jetzt, damit wir die Passagiere auf die eine oder andere Art ans Ziel bringen können.“ Och nö, denke ich, Busfahren hätte ich billiger haben können…

12:15 Uhr: Automatische Ansage vom Band auf Finnisch, Schwedisch und Englisch: „Wir halten wegen eines technischen Defekts und bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.“

12:25 Uhr: Durchsage vom Lokführer persönlich: „Wir haben also ein Problem mit der Bremse, die hat sich aus irgendeinem Grund automatisch angezogen. Wir arbeiten dran. Für die Passagiere nach Hanko haben wir einen Bus bestellt.“

12:27 Uhr: Das Kaffeewägelchen kommt zum zweiten Mal: „Jemand vielleicht was zu Trinken…?!“

12:30 Uhr: Durchsage vom Lokführer: „Wir müssen ein Rohr wechseln, damit sich die Bremse wieder löst. Das schaffen wir hoffentlich von Hand!“

12:33 Uhr: Der Zug rollt los. Die klemmende Bremse wurde offensichtlich gelöst. (Hoffentlich lässt sie sich auch noch anziehen…!)

12:37 Uhr: Wir halten in Salo. Die Bremse scheint zu funktionieren.

Eine Stunde vor Helsinki sagt der Schaffner neue Anschlusszüge durch und weist auch nochmal auf den Bus nach Hanko hin. In Karjaa steht tatsächlich schon ein Bus direkt neben dem Bahnsteig bereit. Eine halbe Stunde vor Helsinki geht der Schaffner nochmal von Passagier zu Passagier und erstellt neue, personalisierte Reisepläne. Eine Viertelstunde vor Helsinki sagt der Schaffner nochmal alle neuen Anschlusszüge durch, vor allem auch die zum Flughafen, und bittet alle Passagiere, sich wegen Entschädigung gleich an den Kundendienst der Bahn zu wenden.

Mit 35 Minuten Verspätung treffen wir in Helsinki ein.

Am Bahnsteig steht die liebste Freundin, die eigentlich zehn Minuten nach mir ankommen sollte, und lacht: „Das war ja wie meine Zugfahrt von Joensuu…!“

Schon allein für ihre Informationspolitik muss man die finnische Bahn lieben.

12 thoughts on “Halt auf freier Strecke

  1. Das ist total toll, dass sie ansagen, was genau gerade Sache ist… Das die Technik streikt, kann ja passieren, aber ich fühle mich verschaukelt, wenn ich nicht weiß was los ist!

    • Ich denke ja auch, niemand erwartet wirklich, dass alles immer wie am Schnürchen und ohne eine Minute Verspätung abläuft. Gerade bei den wirklich vielen Zügen, die die DB zu bewältigen hat. ABER, wenn man sich sofort für Verspätungen entschuldigen und informieren würde, wie es weitergeht und wie der Stand der Dinge eben gerade ist, dann wäre 90% der potenziell nörgelnden Passagiere schon mal der Wind aus den Segeln genommen. Und alle viel zufriedener.

  2. Hier kriegst du meist überhaupt keine Info.

    • Und man muss sich um alles selbst kümmern…

      Als wir letztes Jahr mit dem Zug in Deutschland waren, da haben wir den amtlichen Verspätungsstempel, der uns letztlich den Arsch gerettet einen Platz im völlig überbuchten Zug von Hamburg nach Kopenhagen verschafft hat, auch nur eher so zufällig bekommen: wir gingen an so einen Servicepunkt, um uns wegen des späteren Anschlusszuges zu erkundigen, und da drückte man uns ohne weitere Erklärung den Stempel auf die Fahrkarte und schickte uns ins Reisezentrum. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wo wir gestrandet wären, hätten wir diesen Stempel nicht – zufällig; denn kein Schaffner fühlte sich verantwortlich, darauf hinzuweisen, wie wichtig dieser Stempel ist – gehabt…

      • Ich glaube in Deutschland ist das System halt so, dass für solche Information die Servicepunkte eingerichtet worden sind. Es gibt ja auch in vielen Zügen gar keine Schaffner, die man überhaupt ansprechen könnte.
        Ich habe dieses Jahr abends den Anschlusszug zu meinen Eltern nicht bekommen – ich habe Panik geschoben weil es schon 22:40Uhr war und ich nicht wusste ob dann noch irgendein späterer Zug in meine Richtung fahren würde. (Vergeblich habe ich in dem verspäteten Zug nach einem Schaffner gesucht, der mir vielleicht weiterhelfen könnte). Ich bin dann zum Servicepunkt und habe einen Taxischein bekommen. Zwei Stunden Taxifahrt bis vor die Haustür – war OK.
        Wäre ich allerdings nicht gerade in einer Metropole wie Düsseldorf umgestiegen, sondern auf einem kleineren Bahnhof ohne Servicepunkt wäre ich in der kalten Nacht wohl verloren gewesen…

  3. Ich sitze leise weinend am Computer. Darf ich diesen Beitrag anonymisiert und ausgedruckt mal der db unter die Nase halten? Ich bin häufige und eigdntlich auch begeisterte Bahnfahrerin und habe schon alles an verspätungsgründen erlebt, was es so gibt. Aber das Verhältnis von Kundenfreundlichkeit und Informationspolitik zu dem genauen Gegenteil ist in etwa 10 zu 1 (freundlich geschätzt).

  4. Ich weine gerade mit Bea mit… Zu meiner vorherigen Arbeitsstelle bin ich täglich mit dem Zug gependelt und hatte binnen vier Monaten 50 verschiedene „Begründungen“ für Verspätungen zusammen. In den meisten Fällen gab es aber gar keine Infos, dafür tieffliegende Pendler auf der Jagd nach dem Anschlusszug…

    • Ich bin ein Jahr lang jedes Wochenende zwischen Jena und Bielefeld gependelt – was sowieso schon das Grauen an sich war, da es einfach keine vernünftigen Zugverbindungen in Ost-West-Richtung gibt – und das „Schönste“, was ich in dem Jahr auf persönliche Nachfrage beim Schaffner – wegen keinerlei sonstiger Information – wegen meines Anschlusses hörte, war: „Da mach’sch Ihn’n keene Hoffnung…!“

      (Danke für nichts.)

  5. Das ist doch aber wirklich vorbildlichst. :) Ich finde es besonders schön, dass für jeden personalisiert noch einmal ein Reiseplan erstellt wurde, dann kommt man hoffentlich ganz ohne Hetzerei am Ziel an.

    • Was mich in Deutschland ja auch stört: 1 oder 2 Minuten Aufenthalt pro Stadt finde ich extremst riskant. Wenn da der Zug erstmal Verspätung hat – oder einfach mal nur an einem Bahnhof besonders viele Leute aus- oder einsteigen – kann er die nie wieder aufholen. Lieber würde ich im ICE pro Stadt fünf oder auch mal zehn Minuten halten. Man ist dann vielleicht insgesamt eine halbe Stunde länger unterwegs, aber das ist ja immer noch besser als drei Stunden länger, weil mal wieder der Anschluss weg ist…

      Wie ist das bei euch? Oder fahren da die Züge sowieso so oft, dass es völlig egal ist?

      • Die Bahnen in Tokyo fahren zur Hauptverkehrszeit alle 3 bis 5 Minuten. Dadurch verstopfen die Gleise aber auch immer mal, weswegen ich mit Laufen morgens manchmal eine Stunde 20 Minuten unterwegs bin, auf dem Rückweg aber oft nur eine Stunde. Die 20 Minuten sind „warten auf offener Strecke“…
        Unsere Schnellbahnen hingegen sind unglaublich zuverlässig, da haben wir uns noch nie verspätet.

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