Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Alle Jahre wieder

11 Kommentare

“Mama, ich hab’ dir einen Zettel hingelegt!”

Da hier üblicherweise zwischen Lehrern und Eltern oder Trainern und Eltern elektronisch kommuniziert wird, muss es sich um etwas aussergewöhnlich Wichtiges handeln, und da das Jahresende naht, ahne ich schon, worum es gehen wird.

Kerzen. Die Klasse des Fräulein Maus verkauft also Kerzen.

Es ist nämlich so, dass die Kinder hier in der fünften Klasse ein paar Tage auf Klassenfahrt gehen werden. Nichts Teures, in irgendein Landschulheim nicht allzuweit weg. Das Besondere in Finnland ist aber, dass von den Eltern dafür kein Geld verlangt werden darf. Die Klasse muss also irgendwie selbst das Geld dafür aufbringen. Kuchenbasare. Disco mit Eintritt für die ganze Schule. Oder eben Dinge verkaufen. So sehr ich das Prinzip eigentlich mag – keiner muss zu Hause bleiben, weil sich die Eltern das Geld für die Klassenfahrt nicht leisten können – so sehr hasse ich dieses Verkaufsdings.

Die zukünftige Fünftklässlerin ist ja auch nicht das einzige Kind, das Geld für seine Gruppe sammeln muss. Da ist ja auch noch die Turnerin, die jeden November gleich mal dafür verpflichtet wird, mindestens sieben Rubbellosadventskalender zu verkaufen. Oder der Fussballer, der bei Heimspielen ein Buffett zu organisieren hat und auch dazu angehalten ist, durch den Verkauf von Keksen, Socken, Kerzen, Klopapier, Theaterkarten (oder was eben in diesem Jahr beschlossen wurde) in der Vorweihnachtszeit zur Auffüllung der Mannschaftskasse beizutragen. Oder das Kindergartenkind, dessen Basteleien ich dann auf dem Weihnachtsbasar gegen eine freiwillige Spende erwerben kann.

Was fürs Buffett einkaufen finde ich ok. Kuchen backen auch. Ein, zwei Euro für einen selbstgebastelten Weihnachtsschmuck in die Sparbüchse der Kindergartenkinder zu stecken, auch. Was ich hasse – ich sagte es schon – ist dieses Verkaufsding.

Es sei denn, die ganze Gruppe geht gemeinsam mit irgendeinem Erwachsenen in einem Einkaufszentrum oder Supermarkt verkaufen. Da bin ich raus, das können sie gern machen.

Aber ich gehe nicht mit meinem Kind und seinen zu verkaufenden Sachen in der Nachbarschaft hausieren. Weil ich dafür nicht der Typ bin, und zumindest das Fräulein Maus auch nicht. Aus dem gleichen Grund verkaufe ich auch nichts an Arbeitskollegen. Dabei wäre das hier vermutlich gar nicht mal so schwer. Der Ähämann kriegt die sieben Rubbelloskalender vom Sportverein immer ganz gut los – einfach, weil das hier üblich ist und alle um das Dilemma wissen. Und weil ich das Gefühl habe, dass die Finnen durchaus freigebig sind, gerade wenn es um Kinder geht. Als das Fräulein Maus und ihre Freundin aus dem Nachbarhaus im Sommer ein selbstorganisiertes Kinderfest auf dem Hof veranstalteten – mit Turnvorführungen, Spielen, Kuchen und Saft – und dafür auch einen kleinen Stand mit selbstgemachten Armbändern aufbauten, die sie für einen wirklich kleinen Preis verkaufen wollten, da nahmen sie richtig viel Geld ein, weil die eine Familie nicht nur für ihre beiden Jungs, sondern natürlich auch für Mama und Papa jeweils ein Armband kauften und sehr, sehr grosszügig aufrundeten. Und das habe ich nicht zum ersten Mal so erlebt.

Ich mag’s aber trotzdem nicht. Ich kann auch niemandem guten Gewissens eine Kerze für sechs Euro anpreisen, die im Supermarkt die Hälfte kostet. (Auch wenn es für einen guten Zweck ist.) Oder jemandem Rubbellose verkaufen, bei denen es entweder Mist zu gewinnen gibt oder die Gewinnchance unendlich klein ist. (Auch wenn es für einen guten Zweck ist.)

Nur mit dem Pfadfinder, da sind wir halbwegs fein raus. Die Pfadfinder verkaufen jedes Jahr Adventskalender. So einen haben wir uns gleich in unserem allerersten Jahr in Finnland gekauft, und die sind so schön, dass wir seither jedes Jahr einen für uns haben wollten, sogar, als wir noch gar keine Kinder hatten. Den bewerbe ich gern. Letztes Jahr habe ich ja ein paar an Blogleserinnen verkauft (Danke!), und falls daran auch dieses Jahr wieder Interesse bestehen sollte, würde ich da nächstens genauere Infos dazu geben und gern wieder einen kleinen Versandhandel für einen guten Zweck aufmachen.

Gestern nämlich kam der grosse Herr Maus vom Pfadfindertreffen: “Mama, ich habe einen Zettel für dich!”

11 thoughts on “Alle Jahre wieder

  1. Diese Verkauferei habe ich schon als Kind gehasst. Mit 13, 14 Jahren mussten wir „Wanderweg-Schoggi“ verkaufen, Schokoriegel, der Erlös war zu Gunsten der Schweizer Wanderwege.
    Unser Lehrer hat uns Vorgaben gemacht, wehe, man verkaufte zu wenig. Bis heute wundert mich, dass keins von uns Kindern je verschwunden ist. Wir sind durch lange Wohnstrassen mit Häuserblocks gezogen und haben die Wohnungen abgeklappert, entgegen striktem Verbot natürlich allein, wir sind doch nicht zu zweit sämtliche Treppen rauf- und runtergelatscht. Hätte uns da irgendwo jemand in die Wohnung gezerrt, kein Mensch hätte gewusst, wo wir verschwunden sind. Der Lehrer hätte es vielleicht zu Mittag, die Eltern abends gemerkt, wenn wir nicht von der Schule heimgekommen wären.
    Basar in der Schule: meinetwegen.
    Leute auf der Strasse oder gar daheim an“betteln“: nein.

    • Wir mussten immer Altpapier sammeln. Für die heimische (Miss)wirtschaft. Und der Erlös ging an die Kinder in Nicaragua. Sagte man uns. War auch eher unerfreulich – weil die Leute natürlich seltenst was rausrückten, sondern ihr Altpapier lieber selber zu den Sammelstellen brachten und sich dafür bezahlen liessen. Aber immerhin mussten wir niemandem was aufschwatzen, nur um was bitten.

      Und jetzt weiss ich, wem ich beim nächsten Schweizurlaub auch dankbar sein muss! ;-)

  2. Ich wäre interessiert an Infos zu dem Kalender (mein Finnisch reicht für deren Seite leider nicht aus ;))

  3. Bei mir hat vor 30 Jahren mein ganzer Französischkurs über Wochen Crepes und Waffeln auf einem Wochenmarkt verkauft. Hintergrund war, dass ein Schüler – aufgrund der Kosten – nicht auf die Abschlussfahrt hätte mitfahren dürfen. Nachher hatten wir gemeinsam für jeden Schüler 100 DM „erwirtschaftet“. Das hat unser Gemeinschaftsgefühl gestärkt. War aber eine Aktion ohne Eltern. ;-)
    Die Infos zum Kalender hätte ich auch gerne.

  4. Oh je, ich habe dieses Verkaufen auch gehasst. In der Fünften (wir fuhren erst in der Sechsten auf Klassenfahrt) waren es T-Shirts, die eigentlich echt nett waren und sich im Familienkreis gut verkaufen liessen. In der Siebten waren es aber extrem hässliche Anstecknadeln (ich glaube für finnischen Behindertenverband) und die haben wir dann von Tür zu Tür verkauft…

  5. Das Altpapaiersammeln kenne ich auch noch ;-); allerdings waren die älteren Herrschaften auf dem Dorf immer froh, wenn wir es holten.
    An dem Kalender hätte ich auch Interesse; sofern nach Deutschland verschickt wird.

  6. Uiii, das wäre toll auch so einen zu haben! Die sind so goldig.

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