Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


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Täglich. Landesweit. (Ausser am Wochenende.)

Mein skurrilstes Urlaubserlebnis war übrigens, dass eine Zeitung für mich von Helsinki nach Rovaniemi geflogen wurde.

Jeder erste Samstag im Monat ist für mich immer noch Kuukausiliite-Tag. Manchmal verpasse ich ihn, und manchmal kaufe ich die Kuukausiliite aus lauter Trotz nicht, weil ich dem alten Format mit den grösseren Seiten und dem dickeren Papier und dem zumindest in meiner Erinnerung noch besseren Inhalt immer noch hinterhertrauere. Aber das einmal monatlich erscheinende Magazin des Helsingin Sanomat ist immer noch das beste Presseerzeugnis, das ich kenne. (Ich würde mit Freuden auf drei SZ-Magazine pro Monat verzichten, wenn das vierte die gleiche Qualität hätte wie die Kuukausiliite…)

Wie es sich so traf, fiel der Februar-Kuukausiliite-Tag auf unseren Ankunftstag in Rovaniemi. Und wie kann man einen Urlaub besser beginnen als mit dem Erstehen von Urlaubslektüre? Nun liegt die Kuukausiliite zwar einer Tageszeitung bei, die den Namen „Helsinki“ im Titel führt, die aber ungeachtet dessen die wichtigste Tageszeitung Finnlands ist und im ganzen Land vertrieben wird. Also eigentlich. Nachdem ich an drei verschiedenen Orten, an denen zwar Iltasanomat und Iltalehti – das finnische Pendant zur Bildzeitung – in grossen Mengen auslagen, aber kein Hesari zu finden war, auf Nachfrage beschieden wurde „Nicht am Wochenende“, da fiel mir zum Glück ein, dass ja die Papaoma, die wir später am Flughafen in Rovaniemi einsammeln würden, einen Zwischenstopp in Helsinki hat und es da auf dem Flughafen ja wohl einen vernünftigen Zeitungskiosk geben wird. „Ich hab‘ deine Zeitung! Bis gleich!“, schrieb sie nach fünf Minuten zurück.

Und anderthalb Stunden später kam sie mit Kuukausiliite eingeschwebt.

Ich glaube ja, die Welt wäre ein besser Ort, wenn es mit dem Zeitungsangebot genau andersrum wäre. Wenn die Leute die klugen, ausführlichen Reportagen der Kuukausiliite lesen würden statt der reisserischen Kurzartikel der Iltas.

Aber ach.


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Der erholsamste Urlaub des Jahres

Das Wetter war nicht auf unserer Seite. Es wurde tatsächlich der wärmste Lapplandurlaub, den wir je erlebt haben. Keine Eislichter. Zwei Tage Nieselregen. Pappschnee, der Skifahren nahezu unmöglich machte.

Dafür schneite es dann, als es endlich wieder ein paar Grad kälter wurde, Rekordmengen. Wir mussten uns regelrecht von der Haustür aus ausgraben. Die Kinder schaufelten sich Schneehöhlen. Der Ähämann und ich machten – weil wir diesmal die Papaoma zum Kinderhüten dabeihatten – eine lang ersehnte Skitour, allerdings unter erschwerten Bedingungen: eine halbe Stunde, nachdem die Pistenraupe durch war, sah es wieder so aus, als ob sie nie dagewesen wäre, und nach der Hälfte der Tour wurde der Schnee wieder pappig.

Trotzdem hatten wir eine Woche sehr viel schöneren Winter, als wir in Turku gehabt hätten. Und zur Not kann man auch einfach eine Woche im Mökki abhängen: lesen, rodeln , Holz reinholen, Schularbeiten vorm Kamin machen, Schnee schippen, jeden Abend in die Sauna gehen, nichtstun.

Nur für den Faschingsdienstag – der hier „Rodeldienstag“ heisst und traditionell mit Schlittenfahren gefeiert wird, hatten sich die Kinder ein Programm gewünscht, und so fuhren wir in die nächste Kleinstadt, wo auf dem Parkplatz eines Sportgeschäftes ein riesiger Schneehügel zum Schlittenfahren aufgeschüttet war und der Einzelhandelsverband Würstchen und heissen Saft ausgab. Und für den Abreisetag hatten sie auch einen Wunsch: „Bittebitte, können wir wieder ins Arktikum gehen?!“

Erholsam wie kein anderer Urlaub. Nur von den Touristenzentren, die immer überlaufener werden, muss man sich fernhalten. Aber das klappt im Blauen Roten Mökki ganz gut.


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Rot statt Blau

Irgendwann unterhielt ich mich mal mit der liebsten Freundin darüber, warum sie jedes Mal an einen anderen Ort in den Urlaub fahren, und wir so oft wieder an den gleichen. „Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind auch nie zweimal an den gleichen Ort gefahren bin, aber du deine Sommer- und Winterferien immer an den gleichen Orten verbracht hast“, sagte sie. Vielleicht stimmt das. Ich mag es jedenfalls sehr, an vertraute und liebgewonnene Orte zurückzukehren. Und so fahren wir auch seit elf Jahren in das gleiche Mökki nach Lappland.

Die Sehnsucht der Kinder kam über Jahre in genau drei Fragen zum Ausdruck: „Wann fahren wir mal wieder mit dem Schlafzug?“, „Wann fahren wir mal wieder nach Lappland?“ und „Wann fahren wir mal wieder ins Blaue Mökki?“

Im Blauen Mökkki waren wir schon, bevor wir Kinder hatten. Im Blauen Mökki hat das Fräulein Maus mit dem Löffel essen gelernt. Im Blauen Mökki ist der grosse Herr Maus zum ersten Mal gekrabbelt. Im Blauen Mökki habe ich den kleinen Herrn Maus vorm Kamin gestillt.

Im Blauen Mökki gab es ein Gitterbett, ein Hochstühlchen und eine Waschmaschine für die Stoffwindeln. Das Blaue Mökki war tatsächlich so etwas wie ein zweites Zuhause. Wenn auch nur für zwei Wochen im Jahr. Irgendwann, sagten wir jedes Mal, müssen wir auch mal im Sommer ins Blaue Mökki fahren. Oder ob uns da die Mücken auffressen würden?

Nun sind wir, seit wir ein Schulkind haben, nicht mehr nach Lappland gefahren. Weil in den Skiferien Zugtickets und Mökkimiete locker dreimal so hoch sind. Wenn man denn überhaupt noch einen Platz fürs Auto im Zug ergattern kann. Aber als die Sehnsucht der Kinder immer drängender und die Turkuer Winter immer grässlicher wurden, begannen wir doch wieder über einen Urlaub im Blauen Mökki nachzudenken. Vor den Skiferien. Schliesslich ist das in Finnland, wo es eine Bildungspflicht gibt, aber keine Schulpflicht, ja kein Ding mit einer Freistellung.

Nur das Blaue Mökki war nicht mehr auffindbar. Nicht bei dem Anbieter, über den wir es sonst immer gebucht hatten, und auch nicht anderswo. „Vielleicht ist es abgebrannt“, witzelte der Ähämann. Ich müsste mal den Esko anrufen und fragen, dachte ich monatelang. Als ich es endlich tun wollte und vorher nochmal nach dem Blauen Mökki suchte, fand ich unter dem gleichen Namen (nein, es heisst offiziell nicht Blaues Mökki) ein… huch… ganz anderes Mökki. Grösser. Ganz neu. Und nicht mehr blau, sondern rot. Mit sehr vielen Fragezeichen im Kopf rief ich bei Esko an, der mir erklärte, das Blaue Mökki sei vorletztes Frühjahr abgebrannt, aber es gäbe seit Herbst ein neues an der gleichen Stelle, und wir sollten ruhig kommen.

Das war sehr seltsam. So ein neues Haus am alten Platz. Obwohl wir alle dem Blauen Mökki nachtrauern, war es im… nun ja… brandneuen Roten Mökki schon sehr schön. So komfortabel. Und alles noch ganz neu. Und vor dem Mökki standen die gleichen dickbeschneiten Bäume und der gleiche hutzelige Holzschuppen und durch den Wald stapften immer noch Rentiere, Bartflechten von den Bäumen zupfend und bis zum Bauch im Schnee versinkend.

Letztendlich stimmt ja der Spruch auf dem Lampenschirm.


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kaksisataakaksikymmentäyksi

Es ist nach jedem Urlaub das Gleiche.

Nachdem wir das Fräulein Maus an der einen Schule aus dem Auto geworfen hatten, den grossen Herrn Maus an der anderen Schule, den kleinen Herrn Maus am Kindergarten, schnell nach Hause gefahren waren und den ganzen Urlaubskrempel entladen hatten und sich der Ähämann auf den Weg zur Arbeit gemacht hatte, da hätte ich eigentlich – ich bin ja krankgeschrieben – in Ruhe aufräumen und Wäsche waschen und mich vielleicht sogar nochmal ein halbes Stündchen aufs Ohr hauen können.

Hätte.

Stattdessen muss ich schnell eine SMS an die Hortnerin schreiben, dass der grosse Herr Maus heute direkt nach der Schule nach Hause kommt. Den grossen Herrn Maus per Mail für den Pfadfinderausflug übermorgen ins Observatorium anmelden. Eine Geburtstagseinladung zusagen. Proviant für den Deutschunterricht vorbereiten. Schnell so schnell es einarmig geht eine Ladung Wäsche aufhängen. Den grossen Herrn Maus in Empfang nehmen und zum Zähneputzen beordern. Mit dem grossen Herrn Maus zum Bus eilen. Unterwegs das Fräulein Maus einsammeln, das in den vereinbarten Bus einsteigt. Den grossen Herrn Maus zum Zahnarzt begleiten. Mit den beiden grossen Mäusekindern zum Deutschunterricht laufen. Fräulein Maus‘ Lehrer anrufen, weil mir das Fräulein Maus eröffnet hat, dass sie morgen Schwimmkurs haben, aber sie morgen auch einen Zahnarzttermin hat und das irgendwie koordiniert werden muss. (Wir einigen uns darauf, dass sie eine Stunde in die Schule geht, ich dann mit ihr zum Zahnarzt gehe und der Ähämann sie von da direkt in die Schwimmhalle fährt. Ach ja, und das Elterngespräch könnten wir dann ja praktischerweise auch gleich morgen Nachmittag machen, wenn die Klasse vom Schwimmkurs zurückkommt.) Feststellen, dass ich zwar ein Buch zum lesen eingepackt habe spazierentrage, der Kalender aber fein säuberlich zu Hause liegt. Von der Schule, in der der Deutschunterricht stattfindet, zum nahegelegenen Citymarket eilen, mein lange erwartetes neues Telefon aus dem Paketautomaten holen, nach dessen Zustelloptionen mich DHL am Freitag, als wir uns noch weit weg von der Lieferadresse befanden, ähnlich komfortabel per SMS befragt hatte wie einst die finnische Post. Auch noch schnell in den Citymarket flitzen, weil mir das Fräulein Maus gesagt hat, sie dürften für nach dem Schwimmkurs einen kleinen Saft und einen Müsliriegel mitbringen („Mama, Jussu ist echt nett! In der alten Schule hätten wir wieder nur Brot und ein Stück Obst mitbringen dürfen!“), und wo die gewünschten Dinge zum Glück gleich am Eingang stehen, so dass ich nicht erst eine Viertelstunde durch Finnlands einst grössten Supermarkt irren muss.

Und während ich auf dem Rückweg bem Umsteigen an der Haltestelle am Dom auf das halb vereiste, halb matschige Grau-in-Grau starre und die Passanten auch alle irgendwie grau und trostlos aussehen und der Bus ewig nicht kommt, kommt immerhin eine 221 vorbeigefahren. Auch ganz grau von Strassendreck.

Als ich dann endlich wieder zu Hause angekommen bin und der kleine Herr Maus den Briefkasten aufgeschlossen hat, kommt uns da die gesammelte Urlaubspost entgegengerutscht, und einer der Briefe enthält einen Termin zur Computertomographie meiner Schulter.

Heute. Vor einer halben Stunde.

[1-3, 4, 5, 6, 7, 8, 9-10, 11, 12, 13, 14, 15, 16-17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32-35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59-61, 62, 63, 64, 65, 66, 67-68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106], 107-108, 109, 110, 111, 112-113, 114, 115, 116-117, 118, 119, 120, 121, 122-123, 124-130, 131, 132, 133, 134, 135, 136, 137, 138, 139-140, 141, 142, 143, 144, 145, 146-147, 148-149, 150, 151, 152, 153-155, 156, 157, 158, 159-160, 161, 162, 163-164, 165, 166-167, 168, 169, 170, 171, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185, 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192, 193, 194, 195, 196, 197-198, 199, 200, 201, 202, 203, 204, 205-206], 207-208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215-216, 217, 218, 219, 220]


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Im Schlaf reisen

Eines der besten Dinge am Lapplandurlaub ist die Anreise.

„Können wir bald mal wieder mit dem Schlafzug fahren?!“ hatten die Kinder früher das ganze Jahr über zwischen zwei Lapplandurlauben genauso sehnsüchtig gefragt wie in den letzten beiden Jahren, in denen wir nicht in Lappland waren.

Und es ist ja auch wirklich ganz wunderbar, so mit Eulen durch die Nacht zu ziehen.

Und dann am späten Vormittag ausgeruht anzukommen, den Herrn Picasso aus dem Waggon mit den Rentieren drauf zu holen und ihn die letzten läppischen 100 km der Reise erledigen zu lassen.

(Und man kann bis zur letzten Minute im Urlaub bleiben und Montagfrüh direkt vom Bahnhof in den Kindergarten, in die Schule und auf Arbeit gehen.)


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Trübe Aussichten

Vermutlich wird das der wärmste und graueste Lapplandurlaub werden, den wir je erlebt haben.

(Immerhin muss ich mich, weil bei diesen Temperaturen meine Skier sowieso nicht rutschen, sondern dezimeterdick Schnee anpappen, auch nicht ärgern, dass ich mit der Schulter jetzt sowieso eher nicht skifahren kann.)

Oder vielleicht haben sich die Meteorologen auch geirrt.
Bittebitte.


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Still

Heute Vormittag hatte das Fräulein Maus einen Zahnarzttermin, und weil ich ja krankgeschrieben bin, trafen wir uns nicht wie sonst an der Haltestelle bei der Uni, sondern ich holte sie aus der Schule ab.

Ich war ein bisschen zeitig und setzte mich mit meinem Buch auf den Flur.

Die Klasse des Fräulein Maus hörte ich singen. Gleich nebenan stand die Klassenzimmertür ein Stück offen, da hörte ich es ein bisschen murmeln. Eine Klasse weiter wurde gelacht, dann war es wieder still. Das Lauteste, das ich hörte, war das leise Klatschen des Schrubbers, mit dem die Putzfrau über die Gänge zog.

Ab und zu sitze ich auch mal in der anderen Schule auf dem Gang, wenn das Fräulein Maus Deutschunterricht hat.

Und ich kann dann jetzt vermelden: so eine einzige kleine Deutschklasse macht deutlich mehr Lärm als eine ganze finnische Schule.


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Kommunikation, neumodisch

Grosse Kinder sind ja wirklich praktisch. Und dass es hier ganz normal ist, dass jedes Schulkind ab der 1. Klasse ein Handy hat, auch.

Nicht nur, dass sie mich einfach anrufen, wenn nachmittags was ist – wenn ich mal nicht ans Telefon gehen kann, so wie letzten Freitag, als ich in einem Hörsaal sass und einer sehr spannenden Doktorarbeitsverteidigung lauschte, dann funktioniert auch eine Kommunikation per SMS.

(Fehlerfrei, beim Fräulein Maus, mittlerweile. Während der kleine Bruder „File Gryse fon grossem Herrn Maus“ schickt. Was ich ja im Grunde meines Herzens sehr viel süsser finde.)