Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Der Weg als Ziel (2)

16 Kommentare

Das war die schönste und entspannteste Reise nach Deutschland, die wir je gemacht haben!

Am Anfang war es eher so eine Schnapsidee gewesen: wenn der “Viehtransport“ inzwischen ausser Frage steht, Fliegen zu teuer ist, Autofahren zu langweilig – vielleicht sollten wir ja einfach mal den Zug nehmen?!

Der Ähämann begann sofort zu recherchieren und fand eine super Verbindung: wenn wir über Nacht mit der Fähre nach Stockholm führen, dort am nächsten Morgen einen Zug nach Kopenhagen besteigen und dann noch einmal in Hamburg umsteigen würden, könnten wir noch vor Mitternacht bei der Papaoma sein. Wow!

Ganz so einfach war es dann doch nicht. In den Herbstferien fährt der Eurocity von Kopenhagen nach Hamburg nicht, den wir für die Verbindung bräuchten. Im Sommer dagegen baut die dänische Bahn an allen Ecken und Enden, und der Eurocity fährt fünf Minuten früher in Kopenhagen los, als wir aus Stockholm dort ankommen. Zudem gibt es derzeit an den meisten Wochentagen Schienenersatzverkehr. Fünf Stunden mit dem Bus von Kopenhagen nach Hamburg?! Äh… nee! Und dann muss man ja auch noch irgendwie zurückkommen, und zwar so, dass wir gegen 19 Uhr wieder in Stockholm am Fährhafen sein könnten.

Und das Ganze mit den Kindern – die zwar gleich gejubelt hatten, hurra, nicht mit dem Auto, nicht angeschnallt sein – aber fünfzehn Stunden im Zug mit einem Pulverfass aus drei übermüdeten, gelangweilten Kindern?!

Es ging wunderbar.

Wir bestiegen abends ein Fährschiff, stellten uns den Wecker auf sehr früh und kamen halb sieben im sonntagsstillen Stockholm an. Wir fuhren eine (lange) Station Bus und zwei Stationen Tunnelbana. Der Jubel war gross, als – die Stockholmer U-Bahnen haben ja alle Namen – beim Aussteigen am Hauptbahnhof am Gegengleis gerade die U-Bahn mit dem Namen des grossen Herrn Maus einfuhr!

Dann flog ein silberner Schnellzug mit uns durch schwedische Wälder – dank Neigetechnik uns ab und zu das Gefühl gebend, gleich in einen See zu kippen – dann über die grosse Brücke und durch den grossen Tunnel, und dann spuckte er uns schon auf einen kleinen, beschaulichen Bahnsteig in Kopenhagen. Fünf Stunden um! Die Kinder hatten Musik gehört, in ihren Aufgabenbüchern herumgemalt, Süssigkeiten gegessen, zum Fenster rausgeguckt… und fast überhaupt kein bisschen gequengelt und gestritten.

Wenn die dänische Bahn nicht bauen würde, hätten wir eine halbe Stunde später weitergemusst, so aber war der eigentliche Anschlusszug planmässig schon weg. Der Zug zwei Stunden später war, als wir unseren Plan fassten, schon ausgebucht – was sich im Nachhinein noch als Glücksfall herausstellen sollte, denn mit dem wären wir höchstwahrscheinlich nachts um eins in Köln gestrandet – und so hatten wir vier Stunden Zeit, uns Kopenhagen anzusehen, das Mittagessen nachzuholen und die Kinder zu lüften. Perfekt.

Dann ging’s weiter, die nächsten fünf Stunden bis Hamburg. Eher bummelzugmässig zockelte der Eurocity von einer dänischen Kleinstadt zur nächsten durch die – Dänemarkliebhaber mögen mir verzeihen! – doch recht langweilige dänische Landschaft. Immerhin fuhren wir nochmal über eine imposante Brücke – die ich mir aber nicht richtig angucken konnte, weil da gerade der kleine Herr Maus schlafend an meiner Brust lehnte. Immerhin waren wir auf die Minute pünktlich am Fährhafen in Rødby. Nur die Fähre nicht. Kollektives Aufstöhnen im Zug bei der Durchsage, die Fähre hätte mindestens 20 Minuten Verspätung. (Die Passagiere aber hatten allesamt nicht mehr als 15 Minuten Umsteigezeit in Hamburg.) Wir alle fünf fuhren zum ersten Mal in unserem Leben mit einer Eisenbahnfähre. Wie aufregend! Es regnete und stürmte, aber wir sprangen dennoch ein bisschen auf dem Oberdeck herum und waren fast froh, als wir wieder aufs Autodeck und in den warmen Zug klettern durften. In Hamburg kamen wir mit 15 Minuten Verspätung an, legten einen Sprint vom äussersten Ende von Gleis 8 – weiss der Geier, warum der Zug fast wieder aus dem Bahnhof herausfuhr, ehe er endlich anhielt – zu Gleis 14 über dieses dämliche Hochdingens ein („Da müssen Sie nur einmal hoch und einmal wieder runter, das ist ganz einfach!“, hatte uns der Schaffner im Eurocity erklärt. Ja, vielleicht wenn man nicht rennen muss. Und nicht drei Kinder an der Hand und fünfzehn Kilo Gepäck auf dem Rücken hat. Und es nicht gerade nachts um elf ist.) und standen dann ziemlich verblüfft auf einem leeren Bahnsteig, auf dem eigentlich unser Zug nur noch auf uns warten sollte. (Fünf Minuten später wurde der Zug dann immerhin auch schon angezeigt, seinerseits schon mit 15 Minuten Verspätung aus Altona.)

Und nochmal fünf Stunden Zugfahrt. Wenn der Schaffner nicht alle halbe Stunde aus dem Lautsprecher die nächsten Halte, das Ausmass der Verspätung und die nachts zum Glück nur spärlich vorhandenen Anschlüsse gebrüllt hätte, hätten auch wir Erwachsenen prima schlafen können in dem uralten Intercity-Waggon, in dem man die Sitze zu einer grossen Liegefläche zusammenschieben kann. Bochum und Essen immerhin habe ich verschlafen.

4:15 Uhr kamen wir in Bonn Hauptbahnhof an, 4:25 Uhr bestiegen wir die erste U-Bahn, halb sechs lagen wir alle im Bett. Und wachten alle erst um elf wieder auf. Zwei Stunden später sass ich mit den beiden grossen Mäusekindern im Kino zur letzten Vorstellung von „Rico, Oskar und das Herzgebreche“. Völlig erholt und ausgeschlafen.

***

Auf der Rückfahrt nahmen wir sämtliche höchstwahrscheinlich eintretende Verspätungen locker. Hatten wir doch eine Zwischenübernachtung in Kopenhagen organisiert und bei jedem Umsteigen die Möglichkeit, auch noch den nächsten oder übernächsten Zug zu nehmen. Der Intercity aus Frankfurt hatte dann bis Bremen tatsächlich keine einzige Minute Verspätung, und wir sahen uns schon gemütlich in Hamburg über dieses dämliche Hochdingens zum ICE nach Kopenhagen schlendern, da… wurde uns mitgeteilt, es hätte in Wagen 10 einen Steinschlag gegeben und man könne jetzt wegen herausfallender Scherben nicht schneller als 50 km/h bis Hamburg fahren. Wir kamen dann nach beschaulicher Fahrt – das Fräulein Maus schrieb noch eine Seite Ferientagebuch, der grosse Herr Maus las noch zehn Seiten Donald Duck, ich las dem kleinen Herrn Maus zum dreihundertsechsundfünfzigsten Mal „Manuel und Didi“ vor – mit immerhin nur 36 Minuten in Hamburg an, wo der ICE nach Kopenhagen natürlich längst weg war. Am Infoschalter drückte man uns als Antwort auf die Frage, wie das denn nun mit der Platzreservierung im nächsten Zug wäre, schweigend einen amtlichen Verspätungsstempel auf unsere schon total zerlöcherte und bestempelte Fahrkarte und verwies uns ans Reisezentrum, an dem am einzigen für Dänemark zuständigen Schalter schon ungefähr achtzig Leute anstanden. Der ganz ungefragt und unverhofft erhaltene Stempel rettete uns letztendlich die Rückfahrt, denn nachdem ungefähr jeder zweite der achtzig Leute mit den Worten „ausgebucht“, „reservierungspflichtig“, „kann ich auch nicht ändern“ weggeschickt worden war, war uns egal, ob wir noch irgendeinen Sitzplan bekämen, wenn man uns nur überhaupt mitnähme. Der Stempel aber garantierte uns glücklicherweise einen Platz im Zug, dessen Eingänge von der Bahnpolizei bewacht wurden und in dem sämtliche deutsche Schaffner echt Haare auf den Zähnen hatten. (Zustände…! So muss man sich als Flüchtling fühlen…) Wir fanden zu fünft immerhin noch drei Klappsitze neben einem Kleinkindabteil, das ein Vater mit drei Kindern gebucht hatte, und in dieser Kinderecke hatten wir es die nächsten fünf Stunden dann doch ganz nett und gar nicht so unbequem. Und Fähre fuhren wir ja auch wieder. Einmal ganz gefahrlos einen ICE streicheln und unter seinen Bauch gucken, während wir uns auf dem Weg zum Oberdeck an ihm vorbeiquetschen mussten…

Am nächsten Mittag stiegen wir in einen früheren und offensichtlich falschen Zug über den Öresund, für dessen Benutzung uns vom dänischen Schaffner 150 Euro Strafe pro Person (!) in Aussicht gestellt, aber stillschweigend erlassen wurden, und in Malmö wieder in den silbernen, schwankenden Schnellzug nach Stockholm, und obwohl wir alle ein bisschen müde waren, gingen auch diese fünf Stunden erstaunlich schnell und friedlich rum. Das Fräulein Maus löste Kreuzworträtsel, der grosse Herr Maus kritzelte in seinem Aufgabenbuch, dem kleinen Herrn Maus las ich zum dreihundertachtundfünfzigsten Mal „Manuel und Didi“ vor, alle drei hörten stundenlang Musik und guckten zum Fenster raus, und eigentlich hatten wir viel zu viel überflüssiges Beschäftigungszeugs dabei. Und als wir schliesslich zehn Minuten zu früh in Stockholm ankamen, war ich fast ein bisschen traurig, dass die ganze Zugfahrerei schon wieder vorbei war.

Noch zwei Stationen Tunnelbana, eine (lange) Station Bus, und dann teilte man uns am Fähr-Check-in freundlicherweise eine Aussen- statt der gebuchten Innenkabine zu, und wir beguckten uns noch lange die Schären im Abendlicht, und als ich nachts einmal aufwachte, schien der Vollmond über glattgeschliffenen Felseninseln und warf einen breiten Lichtteppich aufs Meer, und dann klingelte der Wecker viel, viel, viel zu zeitig, und dann fuhren wir noch zweimal Bus, und dann waren wir wieder zu Hause.

***

(Dass die Kinder 15 Stunden wie die Engel zugfahren können, heisst übrigens nicht, dass sie in 30 min Zugfahrt vom Urlaubsort zum besten ehemaligen Kindergartenfreund nicht dermassen austicken können, dass fremde Omas ihnen Bonbons überreichen mit den Worten: “Dann seid ihr aber still, ja?!”)

16 Kommentare zu “Der Weg als Ziel (2)

  1. Ja das haben wir diese Ferien auch gemacht! Wir haben eine Interrailtour gemacht von Schweden, auch ueber Kopenhagen, Hamburg, Berlin, Rijeka(Kroatien), danach Budapest u. dann Prag, einen kurzen Stop in Leipzig(Familienbesuch) u. wieder zurueck. Wir sind insgesamt mit 25 Zuegen in 16 Tagen durch 9 verschiedene Laender gefahren! War genial u. werden wir garantiert wiederholen. Einfach total relaxt reisen(naja ausser die Klimaanlage funktioniert nicht bei 40Grad ;-) ). Unsere ist auf meinem Blog nach zu lesen.

  2. Ich bewundere Eure Nerven. Toll haben die Mäusekinder das gemacht. Eine Reise, die sie gewiss nicht so schnell vergessen werden. Und Ihr Eltern bestimmt auch nicht.
    Liebe Grüße
    Andrea

  3. So eine Anreise ist wirklich schon Teil des Urlaubs. Ich würde auch immer versuchen mit dem Zug zu reisen (auch wenn der mini-monsieur ein guter Beifahrer ist), da es einfach für alle viel entspannter ist.
    Bei den schwedischen U-Bahnen musste ich mal gucken, weil meine Brüder und ich ja alle skandinavische Namen haben. Meine Brüder haben „Glück“: Mit ihren Namen gibt es welche. Mit meinem leider nicht :( (mich gibt es nur als Meterware beim Möbelschweden)

  4. Vermutlich teilt sich der Zug in Hamburg das Gleis mit einem zweiten – das ist da ziemlich häufig und dadurch kann man durchaus mal das Bahnsteigende kennenlernen, wenn man am entsprechenden Ende des Zugs ist ;-)

    • Aber doch nicht nachts um elf! (Ich war selbst erstaunt, wie leer so ein Grossstadtbahnhof sein kann…)

      Und erst recht nicht, wenn das Zugpersonal weiss, dass alle im Zug entweder zum eigentlich schon abgefahrenen, aber noch wartenden ICE nach Berlin oder zum eigentlich schon abgefahrenen, aber noch wartenden IC nach Frankfurt wollen!

  5. Ein toller Reisebericht (bin nur ein kleines bisschen böse über das „immerhin Bochum hab ich verschlafen“ ;) immerhin wohne ich da und liebe diese Stadt.
    Kleiner Spaß, bin natürlich nicht böse ;) Zug fahren fand ich eigentlich schon immer toll…solange man nicht zu sehr unter Zeitdruck steht, ist das super. Und wie schön, dass eure Kinder das so super mitgemacht haben.

  6. Interessanter Bericht, da haben die Kinder aber lange durchgehalten! Von Deutschland nach Südschweden und Kopenhagen bin ich schon öfter mit dem Zug gereist, aber bis nach Finnland noch nie. Jetzt habe ich fast Lust dazu, das auch mal auszuprobieren… Habt ihr ein spezielles Bahnangebot nutzen können?

    Übrigens muss ich dir (sogar als „Dänemarkliebhaber“;) ) zustimmen: die seeländische Landschaft finde ich auch nicht sonderlich aufregend…

    • Es gab irgend so ein „Dänemark-Spezial“ von der Deutschen Bahn, weswegen wir auch eine deutsche Fahrkarte ab Kopenhagen und wieder hin hatten… Den schwedischen Teil haben wir einfach online selbst bei der schwedischen Bahn gebucht, war sehr viel preiswerter als das, was uns die deutsche Bahn als Paketpreis angeboten hätte.

      Und dann weiss ich nicht, wie das von Deutschland aus ist – aber hier lohnt es sich überhaupt nicht, die Fährüberfahrt online zu buchen. Wenn man ins Viking-Line-Büro geht, kriegt man die Überfahrt sehr viel, manchmal fast um die Hälfte, billiger. (Muss man nicht verstehen…)

  7. Oh, das mit der Fähre ist ein guter Tipp! Wir wollten die Tage nämlich mit dem Auto nach Estland fahren (von Helsinki aus) und haben das Internet schon nach Angeboten durchstöbert. Aber vielleicht sollten wir einfach mal bei den einschlägigen Fährgesellschaften im Büro vorbeischauen :D .

  8. Uffa, wie schön, dass ihr das geschafft habt! Wir reisen mit den Kindern auch öfter die 8 Stunden bis zu den Großeltern (mit dem Auto) und ich lache jedes Mal, wenn jemand sagt „Das könnten wir mit unserem Kind nicht machen.“. Die Kinder schaffen soetwas oft besser, als man denkt. Liebe Grüße,
    Kathrin

    • genau, mensch muss den kindern (und sich selbst) einfach was zutrauen!

      @ karen,
      dein reisebericht klingt toll! zugfahren mit kindern ist so schön, und grad auf langen strecken trifft mensch doch auch immer wieder leute, die eine zugfahrende großfamilie toll finden. das gleicht mir die komischgucker und ignorierer aus.

      habt noch einen schönen restsommer!

  9. Vielen Dank für diesen tollen Bericht! Ich war schon drauf und dran Flugtickets nach Finnland zu kaufen,, als ich diesen Bericht gefunden habe. Allein wäre ich niemals auf die Idee gekommen per Bahn + Schiff zu meinem Auslandspraktikum zu reisen, aber es war so entspannend im Zug und hat auch reibungslos funktioniert!

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