Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Geheilt

10 Kommentare

Der Kindergarten hat schon seit einem halben Jahr nicht mehr angerufen.

Wenn vormittags das Telefon klingelte, dann wusste ich schon, dass der grosse Herr Maus abgeholt werden muss. Der grosse Herr Maus, seufzten wir, der nimmt jede Erkältung mit. Und immer kriegt er dabei gleich so hohes Fieber!

[…] ist eine seltene Erkrankung mit typischer, recht uniform ablaufender Symptomatik, welche bis zum Jahr 2000 ca. 200 Mal weltweit beschrieben wurde, welche möglicherweise jedoch unter- bzw. häufig fehldiagnostiziert wird.

Es hätte uns eher auffallen können. Wenn ich alte Fotoordner durchklicke, dann gibt es überdurchschnittlich viele Fotos, auf denen der grosse Herr Maus fiebernd auf dem Sofa liegt und schläft. Kurz vor seinem zweiten Geburtstag fing das an. Aber haben Kindergartenkinder in dem Alter nicht ständig irgendwelche Infekte?!

Die Fieberepisoden manifestieren sich meist vor dem fünften Lebensjahr, beginnen sehr regelmäßig alle 3–8 Wochen mit abrupt ansteigendem Fieber > 39 °C, welches sich nach 3–6 Tagen spontan zurückbildet.

Meistens hakten wir es seufzend unter „wieder so eine Kindergartenseuche“ ab und blieben mit ihm zu Hause. Manchmal war er auch mitten im Sommer krank, oder auf Reisen. Hat er sich eben wieder irgendwo erkältet, dachten wir. Er isst ja nie Obst, noch nicht mal Erdbeeren – kein Wunder, dass sein Immunsystem am Boden ist! Dass er oft nicht mal Husten oder Schnupfen hatte, sondern immer nur Fieber, fiel uns auch nicht so auf. Und nach ein paar Tagen war der Spuk sowieso jeweils vorbei und dem grossen Herrn Maus ging es wieder prima.

Weder Wachstum, noch die psychomotorische Entwicklung der Kinder sind beeinträchtigt.

Einmal waren wir sogar schon beim Arzt gewesen. Früh hatte ich den grossen Herrn Maus in den Kindergarten gebracht, augenscheinlich gesund. Keine halbe Stunde später – ich war gerade auf Arbeit angekommen – rief der Kindergarten an, der grosse Herr Maus hätte Fieber und fühle sich sehr elend. Eine weitere halbe Stunde später traf ich wieder im Kindergarten ein, wo mir ein vielleicht etwas überbesorgter Praktikant entgegeneilte und panisch berichtete, der grosse Herr Maus hätte jetzt schon fast 40°C Fieber, und wir sollen besser sofort mit ihm in die Notaufnahme gehen. Dort flösste man ihm Fiebermedizin und reichlich Saft ein, machte einen Bluttest, der keinerlei Ergebnis zeigte, und schickte uns mit der Aufforderung, das nächste Mal erstmal einen Termin in der Poliklinik zu machen, wieder nach Hause.

Auch als wir letzten Sommer drei Tage bei meiner finnischen Ersatzfamilie im Mökki verbrachten, fieberte der grosse Herr Maus. Ausgerechnet! Diesmal sah ich wirklich keinen Grund dafür. Aber auch meine finnische Ersatzmutter, eine erfahrene Neuvolatante, hatte keinen Verdacht, als wir gemeinsam das heisse Häufchen Unglück bedauerten und umsorgten. Zwei Wochen später, wir waren kaum in der Schweiz angekommen, glühte der grosse Herr Maus wieder. Und als dann weitere drei Wochen später – der Kindergarten hatte gerade wieder angefangen – wieder ein Anruf kam, der fiebernde grosse Herr Maus müsse abgeholt werden, da gingen wir schnurstracks zum Arzt.

Dreimal Fieber innerhalb von zwei Monaten, und das mitten im Hochsommer, bei schönstem Wetter und während das Kind nicht mal im Kindergarten ist, das war dann doch ein bisschen besorgniserregend.

Die Ärztin war die erste, die den Verdacht „Periodisches Fieber“ aussprach. Und uns direkt ins Krankenhaus überwies. So kam es, dass wir den ersten Vorschultag des grossen Herrn Maus im Krankenhaus verbrachten. Auf der Isolierstation. Schliesslich musste man ja erst rausfinden, was die Fieberschübe bei ihm auslöste. Der Verdacht erhärtete sich.

Und wir erinnerten uns rückblickend an all die Fieberschübe, die der grosse Herr Maus zu besonders ungünstigen Zeiten gehabt hatte, als er nicht mal im Kindergarten gewesen war und auch keine Erkältungszeit gewesen war, und plötzlich machte das alles Sinn: Der glühende, noch nicht ganz zwei Jahre alte grosse Herr Maus im Isergebirge, der glühende grosse Herr Maus, der sich am meisten von uns allen auf den Besuch des Frankfurter Flughafens gefreut hatte, dann auf der Hinfahrt Fieber bekam und nur auf einer Bank auf der Besucherterrasse herumlag – der hatte sich gar nicht am Tag vorher im Regen oder im Freibad erkältet! Der hatte gar kein so schlechtes Immunsystem! Der hatte damals schon diese Fieberschübe – nur nicht so oft und regelmässig wie am Ende.

Ohne Befund und mit der Auflage, zwei Monate lang Tagebuch über eventuelle weitere Fieberschübe zu führen, durften wir am nächsten Tag nach Hause gehen. Zwei Monate, in denen der grosse Herr Maus noch dreimal hoch fieberte. Immer fing es vormittags an, wie alle früheren Fieberschübe auch. Früh stand er noch völlig normaltemperiert auf, aber schon am Frühstückstisch verkündete er, er fühle sich heute wieder „so komisch“, als ob das Fieber wiederkäme. In diesen letzten zwei Monaten wussten wir, dass er sich nicht etwa vor dem Kindergarten drücken will, sondern dass er es wirklich merkt. Und liessen ihn gleich zu Hause. Eine Stunde später fing das Fieber an zu steigen, sehr schnell sehr hoch, wie immer.

Und dann war endlich ein Ende in Sicht.

In verschiedenen Studien zeigte sich eine deutliche Verbesserung bis zum Sistieren der Symptome (99 von 102 Patienten) nach einer Tonsillektomie.

Mitte November kamen die Mandeln raus. Eine Prozedur, von der bis heute nicht wirklich klar ist, warum sie hilft, nur, dass sie hilft.

Seit November hat der grosse Herr Maus kein Fieber mehr gehabt. Zwei leichte Erkältungen, sonst nichts. Obst und Gemüse verweigert er weiterhin. Aber er ist gesund.

Ich wünschte, wir alle hätten eher erkannt, was der grosse Herr Maus da eigentlich hatte. Aber wie hätte es uns auffallen sollen? Wie hätten wir es wissen können? Eine Krankheit, die so selten ist und sich so gut tarnt…?!

In diesem Sinne: ihr wisst es jetzt. Nur für den Fall.

10 Kommentare zu “Geheilt

  1. Ein Glück! Bei so etwas unspezifischem wie Fieber!

  2. Da gratuliere ich jetzt der ganzen Maus-Familie zur überstandenen Episode!
    Gut, dass die Eltern aufmerksam genug waren, weil: öfter mal Fieber zu haben ist bei den Kindern ja nichts Ungewöhliches.

  3. Da freue ich mich so richtig mit – ist das eine Erleichterung, wenn sich sowas aufklärt! Und wirklich vorbei ist!

  4. In der Schweiz gibt es viele Köche, die sich darauf spezialisiert haben, Gemüse und Obst so zubereiten, dass das auch Kindern wie dem großen Herrn Maus gut schmeckt.
    Auch ich hatte meine erste Begnung mit derart gutem Essen, nachdem ich als Kind bei einem solchen Koch gegessen hatte. Bis zu dem Zeitpunkt kannte ich nur Köche, die dachten, dass Fleich, das zu 98% aus Fett und zu 0.5% aus Sehnen bestand, das beste Essen ist. Danach hatten wir dann in Deutschland noch die Phase, in der Köche nur den Dosenöffner bedienen können mußten. Inwischen haben die meisten Köche verstanden das Kochen Physik, Chemie und Medizin ist.
    Sollte ein Tipp benötigt werden, wo man in der Schweiz solche Köche findet, einfach mal fragen. Mich hat ehrlich gesagt gewundert, dass totz der Urlaube in der Schweiz, Ihr noch nie einem solchen Koch begegnet seid.

  5. Wir hatten das auch. Kind 2 war ständig fiebrig ohne ersichtlichen Grund. Der Urlaub in Neuseeland endete für uns im Krankenhaus. Wieder Fieber. Dort wurde Kind 2 auf den Kopf gestellt und es waren die Nieren. Seitdem ist das Kind fieberfrei.

    • wobei man natürlich die Nieren nicht so einfach entfernen kann wie die Mandeln. Aber es konnte dann entsprechend behandelt werden.

      • Das war ja das Schlimme beim grossen Herrn Maus – dass er bis auf das Fieber kerngesund war. Demzufolge konnte man auch nichts feststellen…

        Aber ja, was für eine Erleichterung, so oder so…

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