Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku


Ein Kommentar

Getrübte Feierlaune

Das Schulfest anlässlich der 100-Jahr-Feier von Fräulein Maus‘ Schule war übrigens sehr nett.

Und sehr finnisch: Die Einfahrt zum zum Parkplatz umfunktionierten Sportplatz war mit Kerzen beleuchtet, genauso wie sämtliche Schuleingänge. Kinder und Eltern hatten sich durchweg in Schale geworfen. An den Türen standen Fünftklässler in Schlips und Anzug, hielten jedem Ankömmling die Tür auf und hiessen willkommen. Dann konnte man sich erstmal Klassenfotos aus hundert Jahren – die aus den letzten Jahrzehnten übrigens lückenlos mit Namen dokumentiert – angucken. Oder natürlich einen Kaffee trinken. In der Aula hing selbstverständlich eine finnische Fahne. Das Programm war echt toll. (Okay, der Programmpunkt mit der berühmten ehemaligen Schülerin war ein bisschen langatmig.) Die ganze Veranstaltung fand übrigens in südwestfinnischem Dialekt stand. (Sonst hätte ich mich ja vielleicht gelangweilt….) Der Rektor erzählte lustige Anekdoten aus den Anfangsjahren der Schule, als sie sich noch an ganz anderer Stelle und in einem ganz anderen Gebäude befunden hatte und erwähnte, wie froh er über die ganzen Schulneubauten der letzten Jahrzehnte und Jahre sei, die ein Aus-den-Nähten-Platzen der Schule angesichts der stetig steigenden Schülerzahlen verhinderten.

Ah ja. Dass nämlich zumindest bei den Eltern der 27 Schüler aus der Filialschule keine ungetrübte Feierstimmung aufkommen wollte, hat die Stadt Turku zu verantworten, die als Sparmassnahme unsere weltbeste, kleine, erst fünf Jahre alte Stadtteilschule zum nächsten Schuljahr schliessen wird.

(Der Turkuer Bürger darf noch Einspruch einlegen. Pro forma jedenfalls. Sehrseufz.)


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(Wenigstens wird uns nicht langweilig.)

Zum Mittagessen den Ähämann und den mal wieder gerade von einem Fieberschub genesenen grossen Herrn Maus treffen. Den Ähämann auf Arbeit verabschieden, den grossen Herrn Maus übernehmen und ihn mit dem Rad heimfahren. Eine Stunde mit dem gelangweilten grossen Herrn Maus verbringen. Den kleinen Herrn Maus aus dem Kindergarten abholen. Das gleichzeitig aus dem Hort eintreffende Fräulein Maus berichteten hören: „Ich hab‘ Läuse! Wirklich! Bei uns in der Klasse juckt allen der Kopf!“ Das Fräulein Maus in die Badewanne stecken, die Flasche mit Haarspülung und den Läusekamm zücken und… „Mama, ich will jetzt reinkommen!“, den kleinen Herrn Maus an der Haustür krähen hören. Dem kleinen Herrn Maus beim Schälen aus den sandpanierten Klamotten Entkleiden helfen. Dem grossen Herrn Maus eine Folge „Mumins“ anschalten. Zurück zum Fräulein Maus in der Badewanne eilen. Zwei lebende Läuse finden. Den Ähämann anrufen, ob er bitte auf dem Heimweg einen Umweg über die Apotheke machen kann. Das Fräulein Maus gründlich mit dem Läusekamm bearbeiten. Dem Fräulein Maus die bereitgelegte Festkleidung reichen. Die Mütze und das Halstuch des Fräulein Maus ins Gefrierfach befördern. Den Herren Maus eine weitere Folge „Mumins“ anschalten. Dem Fräulein Maus die Haare fönen und die zwei für die Schulaufführung benötigten Zöpfe flechten. Alle Betten abziehen. Dem Fräulein Maus schnell einen Quark als Zwischenmahlzeit reichen. Mich umziehen. Anfangen, die Betten wieder zu beziehen. Als der Ähämann eintrifft, mit ihm die Behandlung der Jungshaare besprechen, schnell noch die Trinkflasche in Fräulein Maus‘ Sportrucksack stecken und mit dem Fräulein Maus zum Schulfest fahren. Danach zum Auto rennen und das Fräulein Maus verspätet zum Training fahren, bei dem aber heute jede Minute zählt, die sie anwesend ist, weil sie am Sonntag bei einem Auftritt in einem Einkaufszentrum dabeisein wird, für den das neue Programm noch gar nicht sitzt. Während das Fräulein Maus turnt, auf die inzwischen fast am anderen Ende der Stadt befindliche Post fahren und ein Päckchen abholen. Das Fräulein Maus wieder abholen. Zu Hause die Herren Maus und den Ähämann nicht wie verabredet schon im Schlafzimmer antreffen, sondern einen entnervten Ähämann im Bad, der die letzten drei Stunden damit zugebracht hat, das neumodische Läusemittel wieder aus den Haaren der Herren Maus zu entfernen, und jetzt gerade dabei ist, seine eigenen Haare zu behandeln. Die beiden Herren Maus durch den Spalt der Schlafzimmertür gerührt dabei beobachten, wie sie sich sich derweil gegenseitig Gute-Nacht-Geschichten vor„lesen“ – der kleine Herr Maus dem grossen Herrn Maus eine Willi-Geschichte und der grosse Herr Maus dem kleinen Herrn Maus die Geschichte von der Maus – und dann ganz allein schlafen gehen. (Was sie sonst unter gar überhaupt keinen Umständen niemals nicht tun!) Das Fräulein Maus in die Wanne schicken und mit Läusemittel behandeln. Nur eine Stunde später die anschliessende Auswaschaktion dann auch schon für beendet erklären können. Dem Fräulein Maus ein Abend-Brot schmieren. Das Fräulein Maus ins Bett schicken. (Es ist ja auch erst um zehn…) Drei Worte mit dem Ähämann wechseln, bevor er ins Schlafzimmer verschwindet, weil das Fräulein Maus möchte, dass er sich „nur ganz kurz“ zu ihr legt. Die eigenen Haare mit Haarspülung einschmieren, den Läusekamm zücken und… natürlich eine Laus finden. Mich selbst mit Läusemittel behandeln und mich freuen, dass die folgende Ausspülaktion dann auch nur noch eine halbe Stunde dauert.

Dreiviertel elf fängt unser Feierabend an. Theoretisch jedenfalls.


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Finnisierung VIIIa

Während ich den Herrn Picasso quer durch die Stadt zur Musikschule lenke, nimmt die Zweitklässlerin auf der Rückbank wichtige Anrufe ihrer Schulfreundinnen entgegen.

[Finnisierung I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII, XIX, XX, XXI, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, XXVIII, XXIX, XXX, XXXI, XXXII, XXXIII, XXXIV, XXXV, XXXVI]


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Vor 25 Jahren

… war ich 13.

Ich sage immer, wie froh ich bin, dass ich 13 war: alt genug, um noch echte Erinnerungen an das Leben in der DDR zu haben, aber jung genug, um noch keinen wirklichen Repressalien ausgesetzt gewesen zu sein.

Das mit der Reisefreiheit zum Beispiel, das war mir egal. Noch interessierte ich mich nicht für ferne Länder, noch vermisste ich das Reisen nicht. Ich war ein paar Mal in Polen im Ferienlager, und jeden Sommer verbrachten wir drei Wochen Wanderurlaub auf einem Bauernhof in der Malá Fatra, dessen Besitzer mit jedem Jahr mehr Freunde und weniger Vermieter wurden und die – selbst kinderlos – mich über alles liebten. Es war eine Art zweite Heimat.

Im Grenzgebiet zur ČSSR aufgewachsen, wo ich oft schnell mal auf die andere Seite des Grenzsteins hüpfte, um zu verkünden: „Guckt mal, ich bin im Land von Jožko und Helena!“, wunderte ich mich sehr, als wir einmal – ich war fünf – im Böhmerwald waren und meine Eltern dort von der Grenze mit eher furchtsamem Unterton sprachen, als die Rede war von Zäunen und Minen und Bloss-nicht-zu-nahe-Kommen. Es war meine erste Begegnung mit der Tatsache, dass es solche und solche Grenzen gab.

Dass es nie das zu kaufen gab, was man gerade haben wollte oder brauchte, und dass wir auch keine „Westverwandtschaft“ hatten, die ab und zu mal ein „Westpäckel“ schickte, war für mich auch nicht so schlimm. Meine Mutter ging unermüdlich in die immer wieder gleichen Läden, um nach den immer wieder gleichen Sachen zu fragen. Oft konnte sie dann doch was Schönes für mich ergattern. Manchmal hatte ihr auch eine Verkäuferin von sich aus was zurückgelegt: „Weil Sie doch immer herkommen und ein kleines Kind haben…“ So kam ich beispielsweise als Kleinkind zu einem Auto-Kindersitz (Eine echte Rarität! Noch dazu im heute wieder hochmodernen Fliegenpilzdesign!) oder später zur fast vollständigen Reihe von Wolkows Smaragdenstadt-Büchern. Als die DDR aus irgendeinem unerfindlichen Grund eine Zeitlang keinen Kakao importieren konnte, war ich vermutlich der einzige Mensch in der DDR, der sich über die weisse Schokolade freute und traurig war, als es dann doch wieder Kakao und keine weisse Schokolade mehr gab. Nur so eine Digitaluhr, die hätte ich schon gerne gehabt. Oder einen Walkman.

Als Schulkind ging ich zur Christenlehre, aber ich war auch bei den Pionieren. Ich hätte wie alle in der 8. Klasse an der Jugendweihe teilgenommen, und wäre dann eben in der 9. Klasse konfirmiert worden. (Aber dazu kam es ja dann nicht mehr.) Meinen Eltern war es wichtig, ihre Überzeugungen nicht zu verstecken, aber mich auch möglichst wenig Repressalien auszusetzen. Meine Zulassung zur Oberstufe und zum Studium wollten sie nicht aufs Spiel setzen.

In der weitläufigen Verwandtschaft meines Vaters wurde bei Zusammenkünften stets über Politik diskutiert. (Und das hat sich auch nach der Wende nicht geändert.) Wenn ich an meinen Onkel denke, dann sehe ich ihn in seinem 70er-Jahre-Drehsessel sitzen und über seine Sicht der Dinge dozieren. Ich fand das als Kind zugleich langweilig und faszinierend. Meine Mutter, der seinerzeit einmal ein Ausbildungsplatz mit der Begründung „Monika L. gibt Antworten, die aus anderer Richtung kommen“ verweigert worden war, nahm zu Hause kein Blatt vor den Mund, beherrschte aber in der Öffentlichkeit recht gut die Gratwanderung zwischen Sich-selbst-treu-Bleiben und Nur-keinen-grösseren-Schaden-anrichten. Meine Eltern haben mir nie ausdrücklich gesagt, dass ich bestimmte Dinge in der Schule nicht sagen darf. Instinktiv wusste ich, wie der Hase läuft.

Im Sommer 1989 hatte ich zehn statt der üblichen acht Wochen Ferien. Wir fuhren nämlich schon im Juni in unseren alljährlichen Malá-Fatra-Urlaub. Danach war ich zwei Wochen im Ferienlager in Polen und zuletzt noch auf einem sogenannten „Verbandstreffen“ – ich trainierte damals mit grosser Begeisterung Orientierungslauf – nach Schwerin. Als die Schule wieder anfing, erwarteten mich als Siebtklässlerin neue Unterrichtsfächer mit so klangvollen Namen wie „Staatsbürgerkunde“ und „Einführung in die sozialistische Produktion“. Lange sollten wir nicht darin unterrichtet werden. Zu Schuljahresbeginn war noch alles wie immer – aber doch schon ein bisschen anders. Fast im Aufbruch. Während der Sommerferien waren hunderte DDR-Bürger über Ungarn – das überraschend die Grenzen geöffnet hatte – nach Österreich geflüchtet, hunderte hatten die deutsche Botschaft in Prag besetzt. So sehr man in der Schule versuchte, diese Menschen als Volksverräter zu verdammen – aus unserer Klasse fehlte übrigens nach den Sommerferien keiner – so unsicher hörten sich die Lehrer dabei schon an. Die Züge mit den Flüchtlingen aus der Prager Botschaft fuhren auch durch unsere Stadt.

Am schlimmsten traf meine Eltern und mich die darauf folgende Einschränkung des noch letzten Restchens Reisefreiheits: auch in die Tschechoslowakei – das letzte Land, in dem es bisher noch ohne gegangen war – sollte man fortan nur noch mit Visum (also auf Antrag und nur mit triftigem Grund) reisen können. Hatte mich bisher die nicht vorhandene Reisefreiheit eher nicht berührt, war ich jetzt umso betroffener: ich fürchtete, Helena und Jožko und ihre Tiere nie wieder besuchen zu können. Meine Eltern drücken es bis heute so aus: „Es war, als hätte man zu den Mauern ringsrum noch einen Deckel draufgemacht!“

Für Anfang Oktober hatte der Betrieb meines Vaters eine Busfahrt nach Prag organisiert. Wir hatten eigentlich gar nicht dran teilnehmen wollen – wir machten uns nicht viel aus organisierten Reisen und fuhren sowieso jedes Jahr mindestens einmal nach Prag – aber wir sagten dann ganz schnell zu. Vielleicht war es die letzte Gelegenheit, die geliebte Stadt noch einmal zu sehen. Es war ein trostloser Ausflug.

Nachdem am 7. Oktober eine friedliche Demonstration in unserer Stadt noch gewaltsam aufgelöst worden war, gingen wir in der folgenden Woche schon als ganze Familie mit: noch war nichts entschieden, noch kam es auf jeden einzelnen an, der dabeiwar, aber man wusste schon, dass man nicht mehr unmittelbar um seine Freiheit oder gar sein Leben fürchten musste. Der Demonstrationszug zog einmal auf den grossen Strassen, auf denen sonst die 1.Mai-Demonstrationen stattgefunden hatten, um die innerste Innenstadt. Polizisten schauten reglos zu. Als wir am Gebäude der Bezirksleitung vorbeikamen, war dort alles verdunkelt, aber im vierten oder fünften Stock wurde plötzlich ein Vorhang einen Spalt weit aufgezogen und jemand schaute herunter. Dann ging der Vorhang wieder zu. Die da hatten ja mehr Angst vor uns als wir vor ihnen!

Die Herbstferien Mitte Oktober verbrachten wir im Vogtland. Der Betrieb meines Vaters hatte dort ein Betriebsferienheim, in dem wir, bevor ich ein Schulkind wurde, immer die zweite Januarwoche mit Skifahren verbracht hatten. Die Gegend war schneesicher, wunderschön, und meine Mutter war jedes Mal froh, sich eine Woche lang mal nicht ums Essen kümmern zu müssen. Es gab dort ein gemeinsames Fernsehzimmer, das der Heimleiter den Gästen jedes Jahr bei der Begrüssung mit den gleichen Worten vorstellte: „Fernsehn könnder erschdes un zweedes guckn – an den Knöbbn könnder drehn so vieler wolld, mehr kommd nich.“ So auch diesmal. Vom Rücktritt Erich Honeckers erfuhren wir an einer Tankstelle in Klingenthal. „Habders schon geheerd? Dor Honegger is zerriggedredn!“, verkündete uns der Tankwart mit einem Grinsen im Gesicht.

Es begann die Zeit – die ungefähr zwei Jahre lang anhalten sollte – in denen meine Eltern dauernd irgendwelche Nachrichten und Reportagen guckten. Wie ich das gehasst habe! (Wie gut ich das heute verstehen kann!)

Am 4. November feierte mein Opa seinen 75. Geburtstag. Alle kamen zu spät, weil jeder, genau wie meine Eltern, zwar schon auf dem Sprung gewesen war, aber im Fernsehen die Abschlusskundgebung der Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz übertragen wurde, und jeder nur noch eine Rede anhören wollte. Und noch eine. Und diese eine noch. Und vielleicht noch eine, bevor wir dann aber wirklich losgehen… Als dann doch alle da waren, wurde weiter diskutiert und beredet. Der Geburtstag meines Opas wurde so ein bisschen zur Nebensache.

An den 9. November selbst habe ich keinerlei Erinnerungen. Vermutlich schlief ich schon, als Schabowskis Versprecher in die Nachrichten kam. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, wie ich es erfahren habe. Vermutlich haben es mir meine Eltern am nächsten Morgen erzählt, und ich schätze, in der Schule werden wir am 10. November auch über nicht viel anderes geredet haben.

Gleich am nächsten Samstag fuhren wir nach Berlin. (Samstags bekam man relativ problemlos eine Freistellung von der Schule unter dem Vorwand, entfernte Verwandte zu runden Geburts- oder Hochzeitstagen besuchen zu wollen. Ich hatte damals unheimlich viele Verwandte in vielen schönen Gegenden der DDR, in denen sich ein Wochenendkurzurlaub lohnte. In Berlin selbstverständlich auch. ;-) ) Wir wussten ja nicht, ob es sich die Regierung nicht doch wieder anders überlegen würde. Auch deshalb wollten wir so schnell wie möglich wenigstens einmal „in den Westen“ reisen.

Westberlin kam mir unheimlich sauber und bunt und laut und voll vor. Die Gedächtniskirche, die ich von einer wohlgehüteten Postkarte kannte, enttäuschte mich ein bisschen: die war ja viel weniger imposant als auf dem Postkartenbild! Und erst recht viel weniger imposant als die Ruine der Dresdner Frauenkirche, die ja damals noch Ruine und Mahnmal war. Wir liefen einmal den Ku’damm rauf und wieder runter. Wir guckten Schaufenster an, und wir gingen in einen Buchladen. Diese vollen Regale! Diese riesigen Bücherstapel! Und dann das ganze Schnickeldi dazwischen, so bunt, dass einem die Augen flirrten! Gekauft haben wir nichts bei diesem ersten Ausflug „in den Westen“ ausser vermutlich irgendwas an einem Obststand – Bananen, Apfelsinen – und einem kleinen, rosa Pandabären, den ich, mit seinen Pfötchen an meine Jacke oder meinen Rucksack geklammert, dann monatelang mit mir herumtrug.

Ein oder zwei Wochen später fuhren wir nach Bayern, weil Bayern jedem DDR-Bürger nochmal 40 DM zusätzliches Begrüssungsgeld zahlte. Wir hatten’s ja nicht weit. Von diesem Ausflug kann ich mich nur an den Stau (!) auf der damals einspurigen A72 erinnern und daran, dass es furchtbar kalt und neblig war. Vermutlich sind wir dann auch recht bald wieder heimgefahren. Vorher suchten wir aber noch eine Schule: weil ich schon immer gerne Briefe geschrieben hatte – mit diversen russischen Brieffreundinnen, mit Ferienlagerbekanntschaften – war meine Mutter auf die Idee gekommen, ich könne doch einen Brief in den Briefkasten einer Schule werfen und fragen, ob sich jemand mit mir schreiben möchte. Vier Mädchen haben mir damals geantwortet. Mit zweien davon bin ich bis heute in Kontakt. ♥

Vom Begrüssungsgeld und den 100 Mark pro Person, die man später 1:1 umtauschen durfte, fuhren wir übrigens im Juni 1990 mit einem bis unters Dach mit Lebensmitteln und Benzinkanistern vollgestopften Trabbi ins Allgäu, wandern. So schloss sich auch ein Kreis. Mein Vater war da zuletzt in den 1950ern mit dem Motorrad gewesen. Als man noch durfte.

Neulich wollte uns übrigens der grosse Herr Maus was erzählen und begann: „Früher, also als ich noch drei oder vier war…“ „Quatsch!“, unterbrach ihn das Fräulein Maus, „Früher ist nicht, als du drei warst. Früher ist vor der Wende!“

Wir haben sehr gelacht.


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Hierarchien hier so

Letzte Woche wollte ich einen Antrag auf anderthalb Wochen Freistellung vom Unterricht beim Schuldirektor abliefern. (Weil wir uns ja in diesem selbstgemachten Dilemma befinden, dass wir in der Adventszeit gern im Erzgebirge, zu Weihnachten aber gern in Turku sein wollen.) Genaugenommen hatte ich vor, das Antragsformular einfach bei der Sekretärin abzugeben. Ich musste erst ein bisschen suchen, weil der Schuldirektor ja in der grossen Schule sitzt, von der ich bisher nur die Turnhalle kenne, aber als ich mir dann ziemlich sicher war, ich hätte sein Büro gefunden, gab es da gar keine Sekretärin, die Tür stand sperrangelweit offen und drin sassen zwei Männer und beredeten irgendwas. Ich solle nur reinkommen, sagte der eine davon sofort. Ich hätte da nur schnell was abzugeben, sagte ich entschuldigend. Ach, überhaupt kein Problem, gib her, ach so, eine Freistellung, ja, das geht klar, das kannst du das nächste Mal übrigens auch einfach formlos über Wilma schicken, kein Problem, tschüss, schönen Tag noch! Und als ich schon wieder im Gang um die Ecke gebogen war, kam er mir nochmal hinterhergerannt, ob sie dem Fräulein Maus das Halbjahreszeugnis dann mit der Post schicken sollten, wenn sie doch dann am letzten Schultag nicht da sei. Alles klar, also, tschüss dann!

Hier in der Uni ist das ja auch so. Da sitzt auch der grosse Professor in einem normalen, vorzimmerlosen Büro mit dem gleichen überall passenden Schlüssel wie wir alle. Weil er seine Tür gern zumacht beim Arbeiten und finnische Türen dann eben zu sind, wenn sie zu sind, gehen alle, die was von ihm wollen, immer schon mit gezücktem Schlüssel zu ihm, klopfen, warten auf sein „Herein!“-RufenBrummen und schliessen dann eben auf.

(Vielleicht bricht ja doch nicht gleich die ganze Gesellschaft zusammen, wenn man Schuldirektoren duzt und Professoren nicht von Vorzimmerdamen bewacht werden.)