Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

In guten Händen

6 Kommentare

Ich fand das Ganze natürlich schlimmer als der kleine Patient selbst.

Der war schon früh mit der freudigen Frage „Heute kommen die Mandeln raus?!“ aus dem Bett gehüpft und hatte es tapfer ertragen, dass er als einziger kein Frühstück essen durfte.

„U-Krankenhaus, Eingang 3A, Flügel B, 11. Stock“ hatte auf dem Einladungsbrief gestanden. Muss man auch erstmal finden… „Ach, da bist du ja! Willkommen!“, wurde der grosse Herr Maus in der Tagesklinik begrüsst. „Ich zeig‘ dir dein Zimmer, dann kannst du gleich noch ein bisschen spielen. Ich heisse übrigens Piia. Ich bring‘ dir gleich Krankenhausanziehsachen, und dann mach‘ ich dir schon mal Pflaster auf den Handrücken, okay?“

Der grosse Herr Maus und ich stürzten erstmal ans Fenster. 11. Stock! (So hoch hab’ ich mal gewohnt. Ja, ich vermisse es immer noch.) Wir winkten dem Ähämann auf Arbeit zu. Und einem landenden Rettungshubschrauber. Den ganzen Tag lang leuchtete am Horizont ein schmaler wolkenloser Streifen rosa oder orange. (Was vor allem etwas über den katastrophalen Sonnenstand hier um diese Jahreszeit aussagt.) Wenn das kein gutes Zeichen war!

Schnell noch ein – nein, kein Anmeldeformular, keine Einverständniserklärung – Infoblatt zu einer Narkosestudie an Kindern durchgelesen und unterschrieben und damit einen Anästhesisten glücklich gemacht. (Ich weiss, dass Mindeststichprobenzahlen auch bei einer kleinen Bevölkerung nicht kleiner werden – weswegen wir gefühlt andauernd an Studien und Befragungen teilnehmen, seit wir in Finnland wohnen – und wie schwer es ist, die zusammenzubekommen. Wobei ich noch nicht mal auf die Kooperation meiner Versuchsobjekte hoffen darf.)

Ich durfte dann den grossen Herrn Maus bis in den Operationsraum begleiten – „Hallo, grosser Herr Maus! Ich bin Ulla. Du kriegst die Mandeln raus? Das geht ganz schnell.“ „Ich bin Markku. Guck, ich setze dir jetzt diese Maske hier auf, dann schläfst du und träumst was Schönes, und wenn du wieder aufwachst, ist alles schon vorbei! Nimm deinen Dachs ruhig in den Arm!“ – und ihm die Hand halten, bis er eingeschlafen war. Ach, all die verheulten Mütter da, die sich tapfer und sich gegenseitig Mut machend anlächelten, um dann stumm ihre Handys vor sich hinzulegen und sie zu hypnotisieren, dass sie bald klingeln und sie in den Aufwachraum rufen mögen…! Der grosse Herr Maus war da sehr viel cooler als ich.

„Mama“, erzählte er später, „als ich das erste Mal aufgewacht bin, warst du noch gar nicht da, aber die Ärztin stand an meinem Bett, und die hab‘ ich gleich gefragt: ‚Sind die Mandeln jetzt raus?‘“ Eine Stunde später sass er in seinem Bett, kommentierte ein Dinosaurierlexikon und forderte vehement das ihm versprochene Eis ein. Alles bestens, offensichtlich. ;-) Erleichterung. Dankbarkeit.

Ein paar Stunden, zwanzig Buchseiten, zehn Donald-Duck-Folgen, ein Würfelspiel und zwei Eisportionen später durften wir heimgehen. Mit Tapferkeitsurkunde.

Während ich neben dem grossen Herrn Maus im Aufwachbereich gesessen hatte und abwechselnd sein blinzelndes Gesichtchen und das Treiben um uns herum beobachtet hatte, hatte ich versucht, endlich irgendeine rationale Erklärung dafür zu finden, warum ich mich in diesem Krankenhaus so gut aufgehoben fühle. Es ist nicht klein und gemütlich. Es herrscht der reinste Fliessbandbetrieb dort: das fing bei der Geburt des Fräulein Maus an, als tatsächlich alle 12 Geburtszimmer gleichzeitig belegt waren, und das war gestern nicht anders. Vier OP-Räume gleichzeitig in Benutzung, Kind rein, Kind in den Aufwachbereich, Kind raus. Paukenröhrcheneinsetzen im Zehn-Minuten-Takt. Klingt entsetzlich. Und dennoch: keine Hektik. Keiner ist gestresst. Jeder hat Zeit für ein freundliches, ein beruhigendes, ein ablenkendes Wort, für ein Lächeln. Nicht nur für die kleinen Patienten, sondern auch noch für die nervösen Eltern, deren Abwesenheit manches bestimmt einfacher machen würde, aber deren Anwesenheit keiner in Frage stellt. Im Bettchen neben dem grossen Herrn Maus lag ein winziges Baby, das von einem Zwei-Meter-Hünen von Arzt vorsichtigst an die Überwachungsgeräte im Aufwachbereich angeschlossen und liebevollst betüddelt wurde. Die Schwester, die dem grossen Herrn Maus den Zugang wieder entfernte, zeigte und erklärte ihm auf seinen Wunsch hin ausführlich und kindgerecht, wie das mit dem Tropf funktioniert. Persönlicher und einfühlsamer könnte es nirgends sein.

Und das ist es ja wohl, worauf es ankommt. Dafür bin ich so dankbar.

6 Kommentare zu “In guten Händen

  1. Was für ein tapferes Kind! Gute Wünsche für schnelles Gesundwerden nach der OP!

  2. Ein toller grosser Herr Maus!

    Gute Genesungund viel Eis dem jungen Mann :-)

  3. Genau vieelllll Eis, alles Gute den großen Herrn Maus.

  4. gute besserung an den jungen herrn!

    ich erinnere mich noch recht genau an meine mandeloperation, mit 4 jahren. narkosemaske, op-lampe, eis, orangenlutschtabletten, marmeladenbrot, viel zu hohes bett. aber: allein im krankenhaus, sehr allein. einmal am tag besuchszeit, grausig.
    wie schön, daß das mehr als 40 jahre später und länder weiter weg so viel besser ist!

    alles gute!

  5. Gute Besserung und passt bitte gut auf ihn auf!

    Ich hatte mit 5 Jahren eine ambulante Mandel-OP (vor über 40 Jahren), aber dann zwecks Nachblutungen einen 2-wöchigen stationären Aufenthalt, an den ich mich heute noch gut erinnern kann. Es war allerdings in einem sehr warmen Mai und Eis hatte man mir wohl nicht verordnet.

    Es war schon einige Tage nach der OP und ich durfte wieder richtig auf sein. War aber wohl übermütig und bin auf unserem Hocker herum geturnt bis ich dann irgendwie über ihn gefallen bin. Bei Nacht bin ich dann zum Glück ins Elternbett gekrochen, die haben dann bemerkt, dass ich Blut im Mund habe.

    Meine Tochter (13) hat trotz diverser Anginen (2-3 pro Jahr) und ab und zu Scharlach deshalb immer noch ihre Mandeln, auch wenn sie zerklüftet sind. Interessanterweise hat sie seit 3 Jahren keine Probleme mehr damit.

    Verwöhnt ihn, Hauptsache er bleibt ruhig und wird nicht zu übermütig. Ich denke aber, dass das heutige Nähmaterial wohl besser ist als vor 40 Jahren und zu warm dürfte es jetzt auch nicht sein.

    Viele Grüße
    Heike

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s