Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Hierarchien hier so

21 Kommentare

Letzte Woche wollte ich einen Antrag auf anderthalb Wochen Freistellung vom Unterricht beim Schuldirektor abliefern. (Weil wir uns ja in diesem selbstgemachten Dilemma befinden, dass wir in der Adventszeit gern im Erzgebirge, zu Weihnachten aber gern in Turku sein wollen.) Genaugenommen hatte ich vor, das Antragsformular einfach bei der Sekretärin abzugeben. Ich musste erst ein bisschen suchen, weil der Schuldirektor ja in der grossen Schule sitzt, von der ich bisher nur die Turnhalle kenne, aber als ich mir dann ziemlich sicher war, ich hätte sein Büro gefunden, gab es da gar keine Sekretärin, die Tür stand sperrangelweit offen und drin sassen zwei Männer und beredeten irgendwas. Ich solle nur reinkommen, sagte der eine davon sofort. Ich hätte da nur schnell was abzugeben, sagte ich entschuldigend. Ach, überhaupt kein Problem, gib her, ach so, eine Freistellung, ja, das geht klar, das kannst du das nächste Mal übrigens auch einfach formlos über Wilma schicken, kein Problem, tschüss, schönen Tag noch! Und als ich schon wieder im Gang um die Ecke gebogen war, kam er mir nochmal hinterhergerannt, ob sie dem Fräulein Maus das Halbjahreszeugnis dann mit der Post schicken sollten, wenn sie doch dann am letzten Schultag nicht da sei. Alles klar, also, tschüss dann!

Hier in der Uni ist das ja auch so. Da sitzt auch der grosse Professor in einem normalen, vorzimmerlosen Büro mit dem gleichen überall passenden Schlüssel wie wir alle. Weil er seine Tür gern zumacht beim Arbeiten und finnische Türen dann eben zu sind, wenn sie zu sind, gehen alle, die was von ihm wollen, immer schon mit gezücktem Schlüssel zu ihm, klopfen, warten auf sein „Herein!“-RufenBrummen und schliessen dann eben auf.

(Vielleicht bricht ja doch nicht gleich die ganze Gesellschaft zusammen, wenn man Schuldirektoren duzt und Professoren nicht von Vorzimmerdamen bewacht werden.)

21 Kommentare zu “Hierarchien hier so

  1. also das ist ja auch so eine sache mit der ich in deutschland probleme haben werde. ich wurde mal vor dem versammelten studienjahrgang rund gemacht, weil ich in ner mail einen professoeren mit „hallo …“ angesprochen habe…
    schon allein das ansprechen von „normalen leuten“ mit „herr“ und „frau“ find ich grausam. das hat nichts mit (fehlendem) respekt zu tun. respekt fuer mich ist, wenn man höflich ist usw., nicht wenn man den professoren mit allen titeln anspricht. sind alles nur leute. es leben die flachen hierarchien!

    • Ich hatte ja schon in Deutschland immer Professoren, die sich mit „Du“ anreden liessen. Lag aber vermutlich an der Fachrichtung. (Am Umweltamt duzten sich auch alle.) Der Damals-noch-nicht-Ähämann hatte tatsächlich einen Doktorvater, der öffentlich die Meinung kundtat, wenn er Studenten das Du anböte, dann hätten die ja keinen Respekt mehr vor ihm. Dass der mangelnde Respekt vielleicht daher kam, dass er öfter angetrunken in Vorlesungen unterwegs war, das hätte ihm vielleicht mal jemand stecken sollen…

      Das Allerabsurdeste aber habe ich in Bielefeld erlebt: dort bot der Professor uns allen gleich am ersten Tag das Du an, wir gingen gemeinsam mittagessen / Kaffeetrinken / auf Parties, quatschten auf dem Gang – aber wenn man ihn mal in seinem Büro aufsuchen wollte und die Sekretärin nicht gerade auf dem Klo abwesend war, dann ging das nur, wenn man brav wartete, bis sie fragen gegangen war, ob „der Herr Professor“ denn überhaupt Zeit habe.

      • Der Meinige, ehedem Professor an einer Fachhochschule (jetzt im Ruhestand) , hat sich immer mit den Studenten geduzt. Was anderes wäre ihm nie in den Sinn gekommen…. Mir kam es aber schon manchmal komisch vor, wenn Studenten hier anriefen und mal kurz Bruno sprechen wollten und mich gleich mit duzten…
        Wir haben oft Studenten aus seinen Projektgruppen zu uns nach Hause eingeladen und fanden das immer sehr bereichernd.
        Vielleicht liegt es ja wirklich am Fach… der Liebste war, nein, ist Psychologe…. und auch wir Psychologiestudenten haben damals (Anfang der 70er Jahre) zumindest die Assistenten an der Uni in Göttingen geduzt…. den „großen Professoren“ blieb dann doch das Sie vorbehalten. :-)

  2. Zustimmung. Allerdings ist es auch in Deutschland (gottseidank) nicht mehr ganz so streng. Ich habe Professoren noch nie mit Titeln angesprochen und deswegen noch keine Probleme gehabt. Einige jüngere Dozenten bieten den Studenten auch das „Du“ an. Blöd finde ich allerdings, dass man immer noch Gesprächstermine schriftlich vereinbaren muss…

    @Eni: Bei „Herr“ und „Frau“ geht’s mir andersrum. Ich möchte immer persönlich angesprochen werden (mit Vorname oder Nachname). Ein schlichtes „Hallo“ (wie in Skandinavien weit verbreitet) finde ich hingegen unpersönlich und distanziert…

  3. „Hallo + Name“ finde ich völlig ok. Aber nur „Hallo“ finde ich sehr unpersönlich.

  4. Ehrlich – wenn ich Direktor einer Schule wäre, dann würde ich 6 Türen haben und lauter Vorzimmerdamen die die Kinder abwimmeln können :-)
    Diese unkomplizierte Art würde mir auch sehr gefallen, allerdings muß der Chef / Direktor etc. auch ein Mensch sein, wenn ein Untier dort sitzt (und das gibt es hier) dann will ja keiner direkten kontakt.
    Wir haben im Übrigen eine Vorzeigedirektorin in unserer Grundschule, die begrüßt jeden morgen die Kinder persönlich mit Namen und man kann jederzeit direkt zu ihr kommen und die ist auch immer freundlich und höfflich – die Kinder lieben sie und die Eltern schätzen sie. Du siehst auch in Deutschland gibts das.

  5. Was mir am besten gefällt an dem Artikel, ist die Tatsache dass man sich in Finnland von der Schule befreien lassen kann, weil man „die Adventszeit gerne im Erzgebirge verbringen will“! Wir haben dieses Jahr eine Freistellung für einen Brückentag nicht bekommen, an dem ein Kind schulfrei hatte und das andere nicht und wir gerne wegfahren wollten, weil eine „Freistellung für Brückentage generell nicht vorgesehen sei“ :-(

    • Das ist ja die reinste Schikane…!

      Hierzulande ist eine Freistellung vom Unterricht tatsächlich keine grosse Sache, da es keine Schulpflicht, nur eine Bildungspflicht gibt.

      (Theoretisch könnte man sein Kind also auch zu Hause unterrichten. Macht aber kaum jemand. Dafür hört man immer wieder, wie Leute mit Kind und Kegel eine Weltreise machen oder einen Forschungsaufenthalt am anderen Ende der Welt. Den Kindern wird dann üblicherweise freigestellt, ob sie das Schuljahr aussetzen und nach der Rückkehr wiederholen wollen, oder ob sie selbständig den Schulstoff durcharbeiten wollen. Die meisten entscheiden sich für Letzteres.)

      Und gerade an den Schulen mit vielen ausländischen Kindern – also hier in Turku an der internationalen Schule oder der Schule mit den verschiedenen Sprachklassen – da finden es alle schon ganz normal, dass vor und nach den Ferien viele fehlen, weil es sich eben bei bestimmten Heimatländern auch nicht lohnt, mal eben für zehn Tage hinzureisen.

      Ich fand es deshalb sehr amüsant, dass wir im Sommer gerade zu Beginn der Ferien in Nordrhein-Westfalen waren und dort gerade auf sämtlichen Nachrichtenkanälen berichtet und kommentiert wurde, dass man ab sofort direkt vor den Ferien auch bei einzelnen Fehltagen ein ärztliches Attest brauche, und wenn man das nicht vorweisen könne, dann aber! Bussgeld! In empfindlicher Höhe!

      Ich sah sie förmlich vor mir, die kleinen, wütenden Rumpelstilzchen erregten Lehrer und dachte nur, wenn’s weiter keine Probleme an deutschen Schulen gibt…

      • so sollte es wohl sein, Bildungspflicht :-) Die ganzen Stunden, die aufgrund von Lehrermangel, -fortbildung, -konferenzen ausfallen, die sind natürlich unbproblematisch. Ja, da gäbe es wohl viel zu reformieren an deutschen Schulen.

  6. Sehr schön, soetwas wird man in Deutschland wohl leider nie erleben.
    Ich wünsche Euch eine besinnliche Adventszeit im Erzgebirge. Wie schön!

  7. Dass wir Lehrer darauf achten müssen, dass alle Kinder da sind, liegt tatsächlich an der Schulpflicht. Gerade vor Sommerferien wollen viele Eltern die günstigeren Flüge nutzen – das ist mir aber auch nicht möglich und den anderen Schülern gegenüber ebenfalls nicht fair. Solange das nunmal gesetzlich geregelt ist, müssen wir es durchsetzen. Mit geiferndem Eifer hat das wenig zu tun, im Gegenteil, ich bin froh, wenn ich diese Verfahren zum Bußgeld etc. nicht einreichen muss, denn das ist viel Arbeit in doppelter Ausfertigung.

    Abgesehen davon ist die bestehende Struktur einer pupsnormalen mittelgroßen Schule darauf ausgelegt, dass alle Schüler zu denselben Zeiten da sind. Kann man die Abwesenheit frei wählen, bist du als Lehrer immer in der Not, wann du womit weitermachst, weil unsere „normalen“ deutschen Schüler (also die an meiner Schule, die ich kenne) von sich aus genau gar nichts nachholen.

    Ein Klassenlehrer kann übrigens Beurlaubungen bis zu zwei Tagen genehmigen, für mehr schreibt das Schulgesetz die Zustimmung der Schulleitung vor. Und was die Brückentage angeht: Die Verteilung dieser 4 Tage im Schuljahr schlägt die Lehrerkonferenz vor und die Schulkonferenz beschließt sie. In der Schulkonferenz sitzen in gleicher Anzahl stimmberechtigte Eltern, Lehrer und Schüler. Insofern ist die Verteilung dieser Tage demokratisch geschehen. Dass man damit nicht 750 Schüler (so unsere Zahl) glücklich macht, kann sein, aber es ist tatsächlich ein Mehrheitsbeschluss. Und damit ist es eben auch nicht möglich, für weitere Tage zu beurlauben. Außerdem hängt so etwas auch an konfessioneller Ausrichtung. Hier in meinem Wohnort ist es sehr katholisch. Deshalb wird an den Schulen der Innenstadt grundsätzlich der Freitag nach Fronleichnam nicht frei gegeben, weil man davon ausgeht, dass am Donnerstag die Prozession besucht wird. Ich arbeite an einem weniger katholischen Ort, habe also nach Fronleichnam frei, muss aber nach Christi Himmelfahrt arbeiten, wenn meine Kinder frei haben.

    Und zu einem anderen Kommentar, der die viele freie Zeit thematisiert, die Lehrer haben, wenn sie sich fortbilden und so: Zwei Tage zur pädagogischen Schulung des Kollegiums als Gruppe pro Schuljahr schreibt NRW vor, dazu 4 bewegliche Ferientage. Zeugniskonferenzen müssen nachmittags stattfinden. Wenn die „eigene“ Schule anders handelt, kann man mal nachfragen. In anderen Bundesländern kenne ich mich nicht aus, da mag es anders sein.

    Das heißt alles nicht, dass ich das uneingeschränkt gut finde. Gerade die flachen Hierarchien, die du beschreibst, gefallen mir gut. Vielleicht ändert sich ja mit der Umgestaltung der Schullandschaft in NRW auch noch manch anderes, wer weiß.

    • Es ist ja nun vermutlich hier wie da nicht so, dass andauernd alle freimachen. Auch hier wird man dazu angehalten, seine Reisen auf die Ferienzeiten zu beschränken, und daran halten sich die meisten ja auch. Und klar ist, dass die Schüler (und Eltern) dann selbst dafür verantwortlich sind, den Stoff nachzuholen. Auch das scheint hier gut zu klappen. (Andererseits – was findet denn ein paar Tage vor Ferienbeginn noch für ernsthafter Unterricht statt?!)

      Was die Ungerechtigkeit angeht, da sehe ich eigentlich kein Problem. Hier zumindest ist es nicht so, dass immer die gleichen Kinder während der Schulzeit verreisen, während alle anderen immer da sind. Und wenn das Fräulein Maus erzählt: „A. ist gerade eine Woche im Urlaub in Frankreich.“ oder „B. ist zwei Wochen in seinem Heimatland.“, dann höre ich da kein bisschen Neid heraus, sondern einfach nur eine Feststellung, warum A. oder B. eben nicht in der Schule sind derzeit. Und das Argument „Das kann ich als Lehrer ja auch nicht machen“ gilt hier übrigens auch nicht: unsere Klassenlehrerin war letztes Jahr auch eine Woche ausserhalb der Skiferien in Lappland. Die Kinder wussten davon, hatten für die Zeit eine Vertretungslehrerin und waren höchstens neidisch, dass die Lehrerin Schnee hatte und sie nicht. ;-)

      Ich glaube einfach, dass Schule viel mehr Spass macht, wenn sie rundherum etwas unverkrampfter gehandhabt wird…

      • Ich glaube in Deutschland gibts über das Jahr verteilt genug Ferien, da muss man wirklich nicht eine Woche eher Urlaub machen. Bei Familienfesten weit entfernt bekommen die meisten doch frei. Jetzt waren erst 2 Wochen Herbstferien, bald 2 Wochen Weihnachten/Neujahr, dann 2 Wochen Winterferien, dann eine Woche um Pfingsten und dann wieder 6 Wochen Ferien. Dann noch Brückentage die ja durch 2 Freitage der Schulen belegt werden können. Das soll nicht reichen? Letzten erzählte mir meine Frisörin auch das sie eine Woche vor den Herbstferien mit Familie in die Türkei fliegen wollen um 300 EUR zu sparen- ja ich finde das doof :D.

        • Ich finde das verständlich. Wir können zum Beispiel auch nicht mehr im Winter ins Blaue Mökki fahren, seit wir das in den Skiferien tun müssten. DIE Preise fürs Mökki und für den Zug (so wir denn überhaupt noch einen Platz fürs Auto ergattern könnten – die sind üblicherweise schon ein halbes Jahr vorher alle restlos verkauft) können und wollen wir uns nicht leisten. Also setzen wir jetzt ein paar Jahre aus – und nehmen dann irgendwann auch mal eine Woche schulfrei, um mal wieder im Winter nach Lappland fahren zu können.

          • Ich verstehe den Ärger aber daran sind ja nicht die Ferien Schuld sondern die Anbieter der Reiseunterkünfte. Vieleicht ist das ja in Finnland noch einmal schlimmer mit den Preisen. Ich zum Beispiel würde gerne mal über Silvester verreisen aber dank teilweise völlig überzogener Preise lasse ich das sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s