Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Espoo

13 Kommentare

Es war sowas wie Liebe auf den ersten Blick: das Fräulein Maus und das Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen. Sie erledigten alle Vorschulaufgaben gemeinsam, sie spielten einträchtig zusammen. Sie machten so viel Quatsch miteinander, dass sie manchmal beim Basteln oder beim Essen an getrennte Tische gesetzt werden mussten. Sie umarmten sich früh, wenn sie im Kindergarten ankamen, und nachmittags, wenn sie sich verabschiedeten. Sie wünschten sich nichts sehnlicher, als in eine Klasse zu kommen. Im Mai, noch vor Ende der Vorschule, brach das Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen mit ihrer Familie zu einer grossen Reise auf, nach Afrika, in die Wüste, zu ihren Verwandten. Vielleicht – so vermuteten wir – nach Somalia, in die Heimat ihrer Eltern, vielleicht – so hofften wir – auch in ein weniger gefährliches Land; genauer wussten wir es nicht. Das Fräulein Maus vermisste sie vom ersten Tag an, aber im Kindergarten hatten ihr alle versichert, wenn die Schule anfinge, dann sei das Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen wieder da, und sie seien dann in der gleichen Klasse.

Das Fräulein Maus wartete geduldig. Je näher der Schulbeginn rückte, desto öfter seufzte sie nach dem Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen. „Wenn sie doch nur schon wieder da wäre! Wenn doch die Schule schon angefangen hätte!“

Zwei Wochen vor Schulbeginn schrieb ich der Mutter des Mädchens mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen eine SMS, ob sie denn schon zurück seien, und ob das Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen nicht mal zu uns zum Spielen komme wolle, das Fräulein Maus hätte so grosse Sehnsucht. Keine Antwort. Vielleicht sind sie noch nicht wieder zurück, erklärte ich dem Fräulein Maus.

Am ersten Schultag standen alle Erstklässler wartend vor der Schultür. Das Fräulein Maus nicht. Sie stand am Zaun und hielt Ausschau nach dem Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen. „Wann kommt sie denn endlich?!“ Das wiederholte sich jeden Morgen. Für das Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen war ein Garderobenhaken vorgesehen, ein Hausschuhfach, ein Pult. Niemand schien zu wissen, wo sie war und warum sie nicht kam. Ich fing an, mir Sorgen zu machen. Am dritten Schultag versuchte ich, ihre Mutter anzurufen. Sofort sprang die automatische Ansage an: „Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar.“ Es liess mich nicht los. Wenn ihnen was passiert war? Oder wenn sie beschlossen hatten, doch nicht wieder nach Finnland zurückzukehren? Was würde aus dem Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen werden? Würde sie zur Schule gehen können? Würde sie das Fräulein Maus auch vermissen? Hätte sie Sehnsucht nach Finnland? Wie kann man in der Wüste leben, wenn man die ganzen sieben Jahre seines Lebens in Finnland verbracht hat? Wer hat denn auch so eine Schnapsidee, mit vier kleinen Kindern nach Somalia zu reisen?!

Ich versuchte, das Fräulein Maus zu beruhigen, und sie gleichzeitig schonend darauf vorzubereiten, dass das Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen vielleicht doch nicht wiederkäme. „Aber bei ihnen in der Wohnung hängen doch noch alle Gardinen! Und das hätte sie mir doch gesagt, wenn sie umziehen wollten!“

Vorgestern rief ich wieder an. Es klingelte. Was war ich erleichtert! Es klingelte lange. Dann ging die Mutter des Mädchens mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen ran. Ich war so erleichtert, dass ich gar nicht wusste, was ich jetzt sagen sollte. Ob alles in Ordnung wäre. Dass das Fräulein Maus ihr Mädchen so schrecklich vermisst habe. Dass sie doch in einer Klasse wären, und dass wir uns Sorgen gemacht hätten, weil das Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen nicht aufgetaucht sei. Ja, sie seien verreist gewesen, den ganzen Sommer, sagte die Mutter, aber jetzt seien sie wohlbehalten zurück. Aber sie seien nach Espoo gezogen, und das Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen ginge jetzt dort zur Schule.

Ich war so unendlich erleichtert – und so unendlich traurig und sauer. Espoo, Mensch!

In Finnland ist das ja genauso wie anderswo auch: die Leute ziehen vom Land in die Städte. (Und dann wieder raus aus den Städten in deren Umland, bis die einst so idyllische Insel nur mehr ein dicht bebauter und geschäftiger Vorort der Stadt ist. Aber das ist ein anderes Thema…)

Sie ziehen aber nicht in eine der Handvoll grossen (naja…) finnischen Städte, sondern die meisten Leute ziehen in die Hauptstadtregion. Nicht nur vom Land, sondern auch aus den anderen Städten. Dahin, wo’s die meisten Jobs gibt, eben.

„Hauptstadtregion“ deshalb, weil „Helsinki“ falsch wäre. Helsinki ist Hauptstadt, hübsch, zum Repräsentieren – aber die Jobs, und die grossen Wohnsiedlungen, die gibt’s in Vantaa und Espoo, zwei Städten, die nahtlos an Helsinki anschliessen und eher wie Vororte von Helsinki wirken. In Espoo vor allem.

Ich weiss schon gar nicht mehr, von wie vielen Leuten ich in den letzten Jahren gehört habe: „Wir ziehen nach Espoo…“ Seufzend von den meisten. Manche gingen nur der Arbeit wegen da hin und behielten ihre Turkuer Wohnung und pendelten lieber jeden Tag zwei Stunden. Andere zogen zähneknirschend in ein Wohnsilo mit Ausblick auf genau gar keinen Baum. Espoo hat Freunde verschluckt und Freunde von Freunden und Arbeitskollegen und Bekannte, und jetzt auch noch die erste richtige Freundschaft des Fräulein Maus.

„Ist Espoo weit weg?“ fragte das Fräulein Maus, bemüht, nicht zu weinen. „Kann sie dann trotzdem zu uns in die Schule kommen?“

Wenn es nicht doof wäre, auf eine Stadt sauer zu sein, dann hätte es Espoo bei mir echt verschissen.

Und dann kommt diese Finnlandschwedin aus Espoo daher und sagt: „Hochhäuser?! In Espoo gibt es doch überhaupt keine Hochhäuser! Ich zum Beispiel habe ein Haus von meinem Opa geerbt, in den Schären, hier, ich zeig‘ dir mal den Blick aus unserem Wohnzimmerfenster!“

Ich geh‘ mal davon aus, dass das Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen, ihre Eltern, ihre zwei Brüder und die Babyschwester nicht allabendlich das Meer an den Steg plätschern und die Sonne hinter der nächsten Insel untergehen sehen werden.

13 Kommentare zu “Espoo

  1. Armes Fräulein Maus, armes Mädchen mit den lustigen Zöpfen…
    Aber eine kleine Trost-Idee: können sich die beiden nicht schreiben? Ich weiss, sie sind erst Erstklässlerinnen, aber mit Bildern und etwas Hilfe von den Erwachsenen müsste das klappen.
    Ich bin mit 7 Jahren von Deutschland in die Schweiz ausgewandert worden, und ich habe noch heute meine deutsche Freundin aus Kindergartenzeiten. Wir sind uns einig: wären wir nicht auseinander gerissen worden, wären wir vermutlich schon seit Jahren nicht mehr befreundet ;-)

    • Das mit dem Schreiben ist schon fest ausgemacht, aber nur ein schwacher Trost für zwei Siebenjährige, die am liebsten miteinander spielen und Quatsch machen…

      • Ja, der Trost ist nur schwach. Und das Mädchen mit den lustigen Zöpfen hat den schlechteren Teil erwischt, glaub mir. Das muss nämlich ganz neue Freunde finden, während das Fräulein Maus im vertrauten Umfeld bleiben konnte.

        • Ja, das weiss ich wohl, dass wir dabei den sehr viel besseren Teil haben. Es macht mich trotzdem traurig, oder vielleicht gerade deswegen – denn das Mädchen mit den lustigen Zöpfen und den blitzenden Augen war mir auch ans Herz gewachsen…

  2. Schade, dass die Eltern (die Mutter) nichts gesagt haben!

  3. Man unterschätzt leicht, wie tief Kinderfreundschaften in dem Alter schon gehen können.
    Schade, dass dieser Abschied so unerwartet kam. Aber vielleicht können sich die Mädels ja mal für die Ferien verabreden?
    Liebe Grüße, MamEla

    • Na, wir sehen mal, ob das jetzt mit dem Schreiben und vielleicht mal Anrufen geht. Und dann liesse sich bestimmt ein Treffen einrichten. Aber vielleicht verläuft sich das auch alles einfach.

      Das Fräulein Maus hatte, seit es zwei war, einen besten (deutschen) Kindergartenfreund, der vor zwei Jahren wieder zurück nach Deutschland gegangen ist. Dem hat sie nicht so hinterhergetrauert – aber weil wir Eltern auch in Kontakt geblieben sind, sehen sich unsere Kinder dank Forschungsaufenthalten in Finnland und Omabesuchen in Deutschland mindestens zwei Mal im Jahr. Und jedes Mal fangen sie sofort an, miteinander zu spielen, als hätten sie sich gestern zum letzten Mal im Kindergarten gesehen. Da geht mir auch jedes Mal das Herz auf.

  4. Oh, das arme Fräulein Maus und das arme Mädchen mit den lustigen Zöpfen.
    Mich erinnert das Buch von Eva Eriksson: Mein glückliches Leben.
    Hoffentlich sehen sie sich mal wieder, die beiden.

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