Suomalainen Päiväkirja

Live aus Turku

Where the heart is

37 Kommentare

Am Anfang ist ja alles einfach.

Erst zieht’s einen in die Ferne. Und wenn’s einem in der Ferne gefällt, bleibt man da, wenn es nur irgendwie möglich ist. Fühlt sich angekommen. Wenn man dann zudem noch das Gefühl hat, das sei auch ein guter Platz, um Kinder in die Welt zu setzen, dann tut man das.

Und wenn man dann einmal Kinder hat – wird alles kompliziert. Wie immer.

Man denkt so: Die Landessprache lernt das Kind schon von ganz allein.
Bis einen das dreijährige Kind mit so einem Beben in der Stimme fragt, warum man nicht in Deutschland wohne, da, wo alle deutsch sprechen.
Bis man merkt, wie aufgedreht die Kinder jedesmal werden, wenn im Flugzeug, auf dem Schiff die Mitreisenden Deutsche sind und in ihrer Sprache mit ihnen reden.
Bis das fünfjährige Kind einem seine ernsthaften Heiratspläne erklärt: „Das dauert ja dann auch, bis ich eine Frau gefunden habe. Ich muss da ja extra nach Deutschland fahren. Ich will doch keine finnische Frau, ich will doch deutsch mit meiner Frau sprechen. Ich bin doch ein deutscher Mensch!“

Man denkt so: Die deutschen Traditionen, die uns wichtig sind, die geben wir natürlich auch in der Ferne an unsere Kinder weiter.
Bis einem auffällt, dass man in Erklärungsnot kommen wird, warum der Nikolaus über Nacht was in die Stiefel der eigenen Kinder gesteckt hat, aber bei keinem einzigen Kindergartenfreund war. (Zum Glück ist hier am 6. Dezember Feiertag, da wird es noch eine Weile nicht auffallen.)
Bis man anfängt, dem Vorschulkind zu erklären, dass es selbstverständlich zum Schulanfang eine Zuckertüte bekommen wird, aber dass sie damit die einzige aus ihrer Klasse sein wird, und dass es deshalb keine so gute Idee sein wird, die Zuckertüte am ersten Schultag mit in die Schule nehmen zu wollen.

Man denkt so: Sollen wir vielleicht doch die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen? Mindestens der Kinder wegen, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben, die Finnland als ihr Heimatland ansehen, die jederzeit die Möglichkeit haben sollen, zurückzukehren, egal, wohin es sie einmal verschlagen wird.
Bis einem einfällt, dass man ja zwei Jungs hat, die dann eventuell hier Wehrdienst leisten müssten, während der in ihrem offiziellen Heimatland inzwischen abgeschafft wurde.

Man denkt so: Gibt ja eigentlich kein besseres Land für wenn man kleine Kinder hat. Stimmt ja so auch.
Bis man denkt: Aber will ich auch, dass die Kinder hier ihre Teenagerzeit verbringen? Will ich, dass sie diese freitägliche Saufkultur als normal ansehen? Will ich, dass das Fräulein Maus mal so einen finnischen Stoffel heiratet? Will ich, dass der gutmütige grosse Herr Maus sehr wahrscheinlich später einmal von einer emanzipierten finnischen Frau sitzengelassen wird, die es völlig normal findet, sich scheiden zu lassen, weil das ihre Eltern und die Eltern ihrer meisten Klassenkameraden schliesslich auch schon so gemacht haben? (So Quatsch eben, der in Müttergehirnen vorgeht… nein, ich werde mal nicht so eine Schwiegermutter! ;-) )

Ohne Kinder hat man sogar immer gedacht: Vielleicht ziehen wir später noch woandershin. Wenn schon nicht zurück nach Deutschland… gibt ja viele schöne Länder auf der Welt.
Bis man merkt: Mit Kindern gibt es nur noch ein entweder…oder. Ihnen nochmal eine neue Sprache zumuten? Sicher nicht. (Von unterschiedlichen Schulsystemen und Einschulungsaltern ganz zu schweigen.)

Man fühlt sich ein bisschen – wie es eine Freundin neulich formulierte – als ob man mit der Wahl des einen oder des anderen Wohnortes über zwei völlig verschiedene Leben für seine Kinder entschiede. Eine Verantwortung, die mir oft zu gross erscheint. Von der ich manchmal insgeheim hoffe, dass mir sie jemand abnimmt.

Aber als jetzt zwei Wochen lang das Damoklesschwert einer Kündigung (des Ähämanns, wegen Sparmassnahmen) über uns hing, da habe ich gemerkt: es würde mir das Herz brechen, hier weggehen zu müssen, die Kinder aus ihrem Geburtsland reissen zu müssen.

Home is where the heart is.

Und das ist letzten Endes vielleicht das Einzige, worauf es ankommt.

37 Kommentare zu “Where the heart is

  1. Puh, harter Tobak…. Deine vielen Für- und Wider-Gefühle kann ich gut nachvollziehen. Mir geht es ja schon im Winzigkleinen so, wenn der Liebste davon spricht, gerne in ein anderes Bundesland ziehen zu wollen… Wie mag es da erst Euch gehen? Es ist jedenfalls sehr schön, dass Euer Herz in Finnland ist, da wo ihr gerade auch seid. Vielleicht hilft es ja etwas, den Kindern die gefühlsmäßige Zugehörigkeit zu zwei Ländern eher als Geschenk zu erklären, damit sie es nicht so als Mangel sehen, nicht unter Deutschen zu leben? Und sicher gehen allen Kindern Gedanken durch den Kopf, die uns Mütter aufhorchen lassen und uns die Frage stellen, ob das Leben, das sie führen, das richtige für sie ist…. ich glaube, am wichtigsten ist, wie wir damit umgehen. Ihnen zuhören, für sie da sein. Ihre Gefühle und Gedanken ernst nehmen. Aber dass Du das tust, daran zweifle ich sowieso nicht. :-)

    • Ich glaube nicht, dass sie es wirklich als „Mangel“ sehen – im Gegenteil, ich glaube, sie wissen sehr wohl, wie gut sie es haben, sich aus beiden Ländern das Beste rauspicken zu können (das ist nämlich das Allerallerbeste am Auswandererdasein, finde ich) – aber so ein Mutterherz schmerzt dann eben doch angesichts solcher Aussagen…

  2. Genau die gleichen Gedanken beschäftigen mich auch!

  3. Ich glaube Kinder stechen nicht gern aus der Masse heraus und es dauert lange, bis sie Anderssein als positiv empfinden. Aber ihr geht ja ganz selbstverständlich damit um und so werden sie ihren Weg finden. Nur eines wird wohl nicht passieren, dass eure Kinder irgendwo auf dem Dorf wohnen und Glauben, dass hinter der nächsten Kleinstadt die Welt zuende ist, weil sie noch nie woanders waren. Und das ist doch etwas sehr Schönes.

    (Hier kommt regelmäßig die Frage, weshalb wir eigentlich nicht an der Ostsee wohnen … kleinere Dimensionen, gleiches Thema.)

  4. Oh wie gut kann ich dich verstehen, gehts mir doch genauso. Ja es ist nicht einfach die Kinder wollen oft nicht „anders sein“, die Grosse verschweigt schon mal gerne das sie Deutsche ist.Aber im Grossen u. ganzen merkt gerade sie was fuer Møglichkeiten ihr dann aber offenstehen, ob nun mal in Deutschland leben oder in Norwegen oder offen fuer ein ganz neues Land, gerade merkt sie wie ihr jetzt ihre 3.Fremdsprache leichter faellt zu lernen als ihren Klassenkameraden.

  5. Bei uns ist es auch immer eine Gratwanderung, obwohl sich die Frage hier wieder wegzuziehen gar nicht stellt ;)
    Aber: wieviel von der „anderen“ Kultur geben wir unseren Kindern mit? Auch wenn sie ganz anders ist als das hier Gebräuchliche. Das trifft aber auch oft schon im Kleinen auf Dinge zu, die ich anders kenne als sie hier praktiziert werden (ich bin in einem anderen Bundesland aufgewachsen). Der Fehler (und ich empfinde es als großen Fehler), den meine Eltern gemacht haben, möchte ich nicht wiederholen: da gab es nämlich nur die österreichische Kultur (so man das so generell sagen kann) und alles aus Italien (mein Vater kommt von dort) wurde einfach NICHT thematisiert (außer der Sprache, die mussten wir lernen – ich betone MUSSTEN). Ich hatte eine Schulkollegin, deren Vater auch Italiener war und sie erzählte immer von den kleinen und großen Bräuchen Italiens, die sie zu Hause eben auch erlebt hat. Ich war richtig traurig, dass wir das nie erlebt haben (aber mein Vater war immer sehr italienfeindlich eingestellt nach dem Motto „alles was von dort kommt ist schlecht“).
    Bei unseren Kindern gibt es sicher mehr Österreichisches, klar, weil wir hier leben und ich – die Mutter (und ich glaube, das hat viel auszusagen, welcher Elternteil „von auswärts“ kommt) bin auch Österreicherin. Aber mir ist das ganz wichtig, dass wir auch Papas Heimat nicht vergessen und kleine und große Feste/Bräuche auch leben oder einfließen lassen. Zum Beispiel feiern wir den Namenstag (das tut hier wirklich niemand) oder zu Weihnachten gibt es die 12 Speisen nach Schwiegermutters Rezepten.
    Aber das Heimatland meines Mannes ist nicht das, womit man große „Ah wie toll“ erntet – das ist aber unseren Kindern gar nicht bewusst (und wir sagen es auch nicht): unsere Große ist unglaublich stolz darauf, dass der Papa aus einem anderen Land kommt und sie sogar die Sprache (mehr oder weniger jedenfalls) kann und wir z.B. eben den Namenstag feiern (und die Kindergartentante darf bittedanke gratulieren – wo kommen wir denn da hin, nur weil sie es nicht kennt, den Ehrentag der Großen einfach zu vergessen??? *grins*).
    Alles Liebe!!!!! maria

    • Und auf das Können dieser Sprache kann sie wirklich stolz sein! :-)

      Ganz klar, dass man natürlich beide Sprachen und Kulturen mitgibt (ich wäre bisher gar nicht auf die Idee gekommen, dass das jemand nicht tun könnte – ich bin zwar wahrlich kein grosser Fan meines Heimatlandes, aber so wie dein Vater bin ich dann doch nicht ;-) ).

      Ich denke auch, dass sich Familien, wo die Eltern aus verschiedenen Ländern kommen und man sich eben für ein Land entscheidet, die gleichen Gedanken machen. Nur: da besteht eine gewisse „Notwendigkeit“, in dem einen oder dem anderen Land zu leben. Während wir hier ja „nur“ leben, weil wir uns (also eher ich mir) das nun mal so in den Kopf gesetzt haben. Das ist die Tatsache, die mich manchmal ins Grübeln bringt. (Aber nicht allzu oft. :-) )

      • Ja, da mit der Sprache hast du recht – ich kämpfe immer noch ;)
        Ich glaube, dass die Kinder dann ja doch wieder Freiheit haben später. Eure Kinder wachsen eben in Finnland auf und sehnen sich ab und an ein wenig nach Deutschland. Bei meinen Kindern ist das vielleicht mal die Stadt, die so geheimnisvoll wirkt (oder auch nicht, aber ich denke mir das halt so aus… noch interessiert meine Kinder die Stadt überhaupt nicht)… aber wir als Eltern leben das Leben eben so und unsere Kinder sind dabei. Wenn sie dann dran sind, ihr Leben so auszurichten und zu gestalten, wie es ihnen scheint, können sie es auch ganz anders machen.
        Und wer weiß, vielleicht bekommst du mal eine deutsche Schwiegertochter??? Mein Bruder übrigens hat eine italienische Freundin (mein Vater war leicht geschockt *hehe*) :)
        Ach ja -und so Zweifel generell und überhaupt glaub ich gehören einfach dazu. Jedenfalls tröste ich mich damit ;)

        • Ja, ich glaube auch – die Grübeleien sind eben der Preis fürs Muttersein.

          Und wie Marie weiter unten sagt: „Schwiegertöchter sind vermutlich in jedem Land problematisch.“ ;-)

  6. Have you had coffee with L-A recently? This makes me think it’d be nice!

    K, and Google Trnaslate, helped me with this. We’re glad the Sword of Damacles didn’t fall after all. :)

  7. Liebe Karen,

    wie schön, wenn so eine drohende Kündigung etwas Gutes mit sich bringt, wie in deinem Fall eben Klarheit. Während des Lesens musste ich immer auch an die vielen Menschen „mit Migrationshintergrund“ denken, die in Deutschland leben, und denen es sicher ganz ähnlich geht wie dir.

    Jedenfalls freue ich mich für dich, dass du jetzt weißt, wo du bleiben willst. Und glaub mal nicht, dass die jugendliche Wochenendbeschäftigung viel anders aussieht als in Finnland. An guten Wochenenden muss Frau Tochter zweimal ausnüchtern und auch der Herr Sohn spricht im Moment mehr über Partys und Alkohol als mir lieb ist.

    Ach, und was die Schwiegertöchter betrifft – die sind wahrscheinlich in jedem Land problematisch ;).

    Herzlichst
    Marie

  8. Und ganz vielleicht wird es in der nächsten oder wahrscheinlich erst übernächsten Generation auch mal mit dem „Wir-sind-alle-Europäer“-Gefühl voran gehen. Das fände ICH persönlich toll.
    Aber mach dir nicht zu viele Gedanken. Eigentlich ist es doch ganz schön, wenn sie mit zwei Kulturen aufwachsen – wie sie sich später entscheiden, was der Himmel. Wahrscheinlich England oder so. Aber mit Sicherheit entwickeln sie durch diese Kindheit eine Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen und das ist doch sehr wichtig. Und ich persönlich finde es wichtiger, dass das Familiennest warm und geborgen ist und erst in zweiter Linie, wo es steht.
    Liebe Grüsse und ein schönes Ferienwochenende, Brigitte

  9. Ein sehr interessantes Thema! Ich bin Finnin, wohne in Deutschland und werde sehr bald einen deutschen Ähämann haben. Wir hoffen sehr, dass wir auch Kinder kriegen werden, und mit ziemlicher Sicherheit werde ich auch das eine oder andere Mal überlegen, ob es nicht doch viel schöner wäre, nach Finnland zu ziehen. Das mache ich auch jetzt (besonders im Sommer!). Nur sieht hier der Arbeitsmarkt für uns viel besser aus, und ich weiß nicht so ganz, ob mein zukünftiger Mann glücklicher in Finnland wäre. Ich träume aber immer noch davon, dass wir irgendwann vielleicht 1-2 Jahre dort wohnen können. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall mache ich mir jetzt schon Gedanken darüber, wie die Kinder auch die finnische und nicht nur die deutsche Kultur am besten kennen lernen werden, die finnische Sprache lernen werden obwohl sie in Deutschland leben und Finnland als die zweite Heimat erleben. Schwierige Sachen, große Themen.

  10. Ich stamme aus einer Familie, in der es normal ist, dorthin zu ziehen, wo die Arbeit ist. Meine Eltern (Mutter aus Ö, Vater aus D) haben sich in der Schweiz kennengelernt und dort geheiratet, mein Bruder ist in Graz zur Welt gekommen, ich in Karlsruhe, und als Bruder 13 und ich 7 waren, wurden wir in die Schweiz ausgewandert.
    Ich habe lange Deutschland und auch Österreich in romantischer Form nachgetrauert, aber je älter ich wurde, umso stärker konnte ich erkennen, dass das nur die Sehnsucht nach einem Heimatort war.
    Als Erwachsene wurde mir bewusst, dass ich vielleicht keine Heimat habe, mich dafür an sehr vielen Orten heimisch fühlen kann. Dass mir Heimat nicht „Scholle“ bedeutet, sondern Menschen. Dass ich weiss, wie es sich anfühlt, die Fremde zu sein (1973 wurde deutschen Grundschulkindern von Gleichaltrigen noch „Hitlerfreund“ nachgerufen…), dass ich mich zwischen Waterkant und Südtirol verständlich machen kann.
    All das möchte ich nicht missen, egal, was ich als Kind für Erlebnisse hatte.
    Natürlich blutet dein Mutterherz. Aber ehrlich gesagt fände ich es wunderbar, wenn alle Menschen mindestens ein paar prägende Jahre ausserhalb ihres „Kleinbiotops“ leben würden. Vielleicht würde das zu einem Quäntchen mehr Verständnis, Gelassenheit und Frieden in unserer Welt beitragen.

    • „Heimat“ ist sowieso ein sehr strittiger Begriff… Ich z.B. hege für meine Geburtsstadt (in der ich immerhin die ersten 19 Jahre meines Lebens verbracht habe) keinerlei heimatliche Gefühle. Eher schon für die Gegend drumrum. Und wenn mich jemand fragt, aus welcher Stadt in Deutschland ich komme, dann nenne ich immer die selbstgewählte und geliebte Universitätsstadt.

    • Danke, Irene, genauso fühle ich mich auch – ich bin zwar ein bisschen jünger (meine Eltern waren 1973 gerade erst zusammengekommen…), aber ich war 6 Jahre alt, als wir für 8 Jahre nach Italien gegangen sind. Zu Hause wurde weiterhin Deutsch gesprochen, in der Schule während des Unterrichts (meistens) auch, und in der Freizeit mit Freundinnen nur Italienisch, schliesslich waren meine Schwester und ich die einzigen deutschen Kinder. Wir haben uns in Italien zu Hause gefühlt und hatten nie richtig Heimweh nach Deutschland, auch wenn wir die Zeit, die wir mit unseren Kindergartenfreunden und mit Oma und Opa, etc. verbringen konnten, sehr genossen haben. Wir sprechen beide Italienisch so gut wie Deutsch und interessanterweise haben wir beide eine andere Mentalität, abhängig von der Sprache, die wir gerade sprechen bzw. vom Land in dem wir sind – will heissen (vereinfacht gesagt): ein verspäteter Bus regt mich in Deutschland auf, in Italien nicht. Wir sprechen schneller, wenn wir Italienisch sprechen und benutzen unsere Hände dazu, im Deutschen aber nicht. Als wir nach Deutschland zurück kamen, wollten wir erst verschweigen, dass wir in Italien gewohnt haben, weil wir die Erfahrung gemacht hatten, dass viele Kinder uns ganz schnell als Angeber abgestempelt haben, wenn wir auf die Frage „wo wohnt ihr?“ „Italien“ geantwortet haben. Hat leider nicht geklappt, da unsere Klassenlehrer wussten, woher wir kamen und es gleich der Klasse gesagt haben…. Und danach haben wir (im Rückblick) krampfhaft versucht, nicht anders zu sein. Ich war so glücklich, als ein Klassenkamerad in der 13. Klasse zu mir meinte: „Du hast doch sonst so ein gutes Gedächtnis, wieso erinnerst Du Dich nicht an die Klassenfahrt in der 6. Klasse?“ – und ich erst in der 12. zu dieser Klasse gestossen war nach meinem Austauschjahr. Er hatte einfach vergessen, dass ich nicht immer schon da war… :-) Heutzutage bin ich froh, dass ich so viele Jahre im Ausland gelebt habe und bin meinen Eltern dankbar für die Möglichkeit, verschiedene Kulturen kennenzulernen und im Ausland zu leben. ABer ein richtiges Heimatgefühl habe ich nicht – Heimat ist da, wo meine Famlie ist.

  11. Dieses Thema bewegt mich auch immer wieder, obwohl wir nur innerhalb unserer „Heimatkultur“ umgesiedelt sind. Aber so richtig Heimat ist es eben nicht, weil Mentalitäten, Erfahrungen und Ansichten schon sehr anders sind – selbst in unserem jungen Alter. Aber es ist keineswegs nur negativ! Mein Gewissen plagt sich mehr mit der Frage nach MomasPopas des großen Kindes (und der Kleine wird nachziehen, ich bin mir sicher ;) ) und mit den traurigen Blicken und Tränen der MomasPopas beim Abschied. Und die Frage des Älterwerdens steht auch im Raum. Und ja, manchmal habe ich einfach Heimweh. Doch ich denke, am Ende wird es für unsere Kinder das kleinere Problem sein, denn MomasPopas sind werden ab einem gewissen Alter eh uninteressant(er) und wenn sie ihre Freunde hier haben, ist ihre Heimat eben hier. Auch deshalb tue ich mich schwer langfristig zu planen – bis zur Einschulung muss das Thema durch sein. Aber das sagt sich so leicht. Wir werden sehen, wohin uns das Leben so treibt ;)

    „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“ – kitschige Wahrheit von H. Grönemeyer :)

    (Und für Norwegen würde ich hier ja alles aufgeben. Aber die Sprachkenntnisse des Babas reichten nicht für die neulich betriebsintern ausgeschriebene Stelle in Stavanger ;) :( )

  12. Ich find es ja sehr spannend, dass die Kinder Deutsch noch lieber mögen und besser können als Finnisch. Wie macht ihr das? Gehen die nicht sogar auch ganztags in den Kindergarten? Ich lebe selbst im Englischsprachigen Ausland und mein Kleiner (3) kann die Landessprache glaub ich doch genausogut wie Deutsch und besser als Französisch was ihm sein Papa beibringt. Und mir graust es vor dem Tag wo er mir sagt ihm ist es peinlich dass Mama Deutsch redet.
    Ich glaub eigentlich Kinder haben da keine so Probleme mit, ich würde mich eher freuen dass die noch so gute „Wurzeln“ haben und nicht völlig in der Landessprache aufgehen. Bei mir geht es soweit dass ich auf keinen Fall vollzeit arbeiten würde weil bei 5 Tagen Kindergarten, da könnte ich Deutsch völlig vergessen.

    • Wie wir das machen? Einfach, in dem wir Eltern eben beide Deutsche sind und bei uns zu Hause demzufolge ausschliesslich Deutsch gesprochen wird. Das ist so stark, da kann keine Ganztagsbetreuung mithalten.

      (Wenn bei uns nur ein Elternteil Deutsch spräche, sähe das ganz anders aus.)

  13. Schon so viele Jahre lese ich hier mal öfter, mal seltener mit. Das geht so weit dass ich dem Vater meiner Tochter erzähle „weißt du, diese nach Finnland ausgewanderten Biologen, die, deren Blog ich immer lese, die sind dort angekommen. Man merkt das ganz genau, und da kann man neidisch sein. Wir sind schon so lange hier und inzwischen wünschte ich, wir hätten irgendwann lange bevor wir 30 wurden, auch eine neue Heimat gefunden“,.
    Ja, bei Euch hatte ich das Gefühl, Ihr seid angekommen.

    • Naja, „ankommen“ ist ja auch relativ. Ich fühle mich sehr wohl angekommen hier, und dennoch tauchen solche Gedanken von Zeit zu Zeit auf. Das geht einem ja auch mit der Jobwahl oder der Anzahl der eigenen Kinder so, nicht wahr?

  14. „Heimat ist immer die Geborgenheit, die einem fehlt.“ So ungefähr wurde es vor einiger Zeit in einem Radiofeature des WDR ausgedrückt, den ich erst jetzt angehört habe. (Podcast sei Dank.)
    Wenn ich nach Deutschland komme, fühle ich mich fremd. Da gehöre ich irgendwie nicht hinein, ich habe ja ganz andere Sachen erlebt, gedacht, ganz andere Sorgen geteilt… aber wenn ich in Frankreich bin, dann bin ich auch fremd, ich habe schließlich eine andere Kindheit gehabt als mein gleichaltriger Kollege, andere Schulen, andere Kirchenstrukturen, eine andere Demokratie (oh ja!) erlebt. Man stelle sich vor, ich lebe in einem Land, wo man sich nur von der Vergangenheit ernährt, das sind alles Ewiggestrige… (hat M.Twain übrigens auch schon karikiert.)
    Und dennoch gehöre ich, glaube ich, hierher. Ich kann nicht mehr, wie aus den Vogesen, mal eben über den Rhein fahren, dafür habe ich jetzt in der Feriensaison deutsche Gottesdienste zu halten: erstmals seit über 10 Jahren auf deutsch predigen… und in der Liturgie meiner Heimatkirche. Aber die Pfarrfrau, die ein paar Jahre weniger Frankreich in den Knochen hat, sehnt sich schon oft nach der Heimat.

    Anekdotisch angemerkt, meine Vorgängerin im hiesigen Amt stammt hier aus der unmittelbaren Umgebung, war aber natürlich viele Jahre woanders im Dienst. Als sie zurückkam für ihre letzte Pfarrstelle, wurde sie von den Leuten hier als Fremde behandelt. Obwohl hier geboren, obwohl ihre Eltern noch hier lebten.

    Die deutschen Traditionen sind nicht Leben in Deutschland. Wurstbrot zum Frühstück und Kaffee um halb vier machen noch kein Deutschsein aus. Dafür muß man einfach mit den Menschen im Land leben, ihr Denken gehört haben, ihre Sorgen und Freuden mitbekommen, ihren Rhythmus mitgeschwungen haben.
    Von daher tut es, scheint mir, Kindern sogar gut, in beiden Ländern mal gelebt zu haben. Auch wenn man immer Ausländer ist, auch im eigenen Land. Meine zwei Großen aber kommen mittlerweile in beiden Ländern gut klar, auch wenn sie manchmal etwas komisch deutsch reden. Das wird sich geben, falls sie wieder mal länger dort leben.

    • Ja, genau so. Und diese „Fremdheit“ hat ja auch ihre Vorteile. Diese typisch deutschen oder typisch finnischen Sachen, die mich nerven, nehme ich mir fast gar nicht mehr an, weil, ich gehöre da ja gar nicht richtig dazu. :-)

      • In meiner Arbeit muß ich immer „zwar von außen dazugekommen, aber doch einer von uns“ sein, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad… das hast du bestimmt einfacher. :mrgreen:

        Wenn Henry Ford wirklich gesagt hat, „Sie können jede Farbe haben, sofern sie schwarz ist“, muß er Franzose gewesen sein: „Sie dürfen jede Ansicht zum Thema haben, solange es meine ist.“ Und das nervt schon ziemlich.

  15. Hallo!
    Ich lebe mit meiner Familie auch im Ausland, wenn auch nicht so weit von Deutschland weg und kann ihre Gedanken gut nachvollziehen.
    Schoen, dass das Herz eine neue Heimat gefunden hat!

    Viele Gruesse,
    Katrin

  16. Hallo!
    Ich habe den Artikel im Helsingin Sanomat gelesen, und erst damit dein Blog gefunden. Vor wir Kinder habten, haben wir mit meinem Ehemann mehrere Jahre im Ausland gelebt, und dachten dann immer, dass es viele Länder gibt, wo man gut leben könnte. Unsere beiden Kinder sind hier in Finnland geboren, und wir leben jetzt in der Nähe von meiner Familie. Es ist selbstverständlich schön, und ich werte es hoch, dass meine Kinder ihre Cousins gut kennen lernen. Aber trotzdem denken wir oft daran, ob wir wirklich hier bleiben sollen. Wie du schreibst, die Saufkultur ist uns peinlich und unangenehm, die „stumme“ Leute stören uns. Wir mögen wie die deutschen Jugendliche auf der Strasse uns gruessen und wie man in Schweden mehr auf Möglichkeiten glaubt.

    Wir sind Finnen, ihr seid Deutshce – aber es wirkt als ob wir sehr ähnlich denken. Es gibt Leute ueber all die mehr ähnlich mich sind, dass meine Finnische Nachbar. Du hattest recht als du im Artikel sagtest, dass als Ausländer ist es einfacher die Augen vor etwas unangemnehmes zu schliessen. Man kriegt einfach nicht alles mit. Manchmal ist es ein Segen.

    Alles Gute hier in Turku! :)

    • Der Vorteil ist, dass man sich aus beiden Kulturen das Beste rauspicken kann. Was mich in Deutschland nervt, stört mich nicht mehr, seit ich nicht mehr da lebe. Was mich an Finnland nervt, das muss ich mir nicht so annehmen, ich bin ja hier sozusagen nur zu Gast. :-)

      Der Nachteil ist, dass man immer grübeln wird, ob die Entscheidung für den einen oder anderen Wohnort richtig war. Das tun Leute, die nie woanders gelebt haben, nicht. Weil sie gar nichts anderes kennen. Und ob das besser ist?!

      • Genau so! Jedenfalls seid ihr sehr mutig. Viele sagen ihr ganzes Leben lang „vielleicht“ oder „ich möchte…“, haben aber nie den Mut. Es ist immer positiv sich etwas neues anzuschauen, sich neues zu lernen, den Horizont zu erweitern. Deswegen meine ich, dass es fuer die Kinder immer ein Sieg ist, mehrere Kulturen zu kennen. Wenn sie gross genug sind, können sie denn zwischen zwei Kulturen wählen, die sie gut kennen. Das können die nicht, die zu hause blieben.

  17. „Und hat gemacht, daß von einem Blut aller Menschen Geschlechter auf dem ganzen Erdboden wohnen, und hat Ziel gesetzt, zuvor versehen, wie lang und weit sie wohnen sollen,
    daß sie den HERRN suchen sollten, ob sie doch ihn fühlen und finden möchten. Und zwar er ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns; “ Apostelgeschichte 17:26-27

    Wir haben drei Jahren im Texas gelebt. Wir sind zuruck gekommen als wir möchten dass unser Kinder im Finnland in die Schule gehen. Haben vielmal gedacht ob wir im Texas bleiben sollten haben. God knows.

  18. Du sprichst mir so aus dem Herzen. Auch wir wohnen weit weg, 800km von aller Familie nun schon seit 6 Jahren in der Schweiz. Nur unser ältester wurde noch in Deutschland geboren, die Kinder leben hier, aber wir sind hier immer noch irgendwie fremd. Immer dann, wenn wir mal lokal etwas mitgesteltne wollen heisst es schnell „Ja, son Düetscher, klar das die das anders wollen“. Auch unser grosser hat nun so Momente wo er viel fragt warum wir hier wohnen und ist manchmal traurig, wenn er von gleichaltrigen gesagt bekommt er spreche nicht gut Schweizerdeutsch – meist von solchen, die auch zu Hause eine andere Sprache sprechen und sich nun abheben „müssen“ gegenüber anderen.
    Ja, wirklich ganz ankommen werden wir hier wohl nie. Aber wenn wir Familie besuchen bin ich sehr froh, dass manche der kleinen „Schollenprobleme“ für uns gar keine sind, einfach weil wir inzwischen doch einen ganz anderen Blickwinkel auf so manches haben. Auch wenn wir vielelicht doch wieder rückwandern, bin ich doch froh weg gewesen zu sein.

  19. Hallo, ich bin über stadtlandmama hier her gestolpert und diesen Eintrag spricht mir aus der Seele. Wir sind eine argentinische-deutsche Familie (wobei meine argentinische familie auch ein migrationshintergrund hat) und werden immer mehr damit konfrontiert, je älter unser sohn wird. Die enttäuschung, wenn man den platz in der zweisprachige kita nicht bekommt, die freude, wenn man eine neue spanischsprachige nachbarin kriegt mit gleichaltrigen kind. Da ist es egal, dass sie aus woanders kommen. Wie sehr sich 2 jährige freuen können, weil ein anderes Kind die selben Lieder kennt! Und wie frustierend, wenn die deutsche Oma das lieblingslied nicht kennt! Ich bin mal gespannt, wie es mit zunehmenden alter wird

  20. Interessanter Blog. Ich habe ja nie woanders gelebt als hier. Und selbst in Deutschland war ich nur mal kurz in der Altmark. Ich finde es immer toll, von Leuten wie Euch zu lesen. Ob ich selber weggehen würde? Es gäbe da schon Orte. Aber mir würde die Familie fehlen, die Freunde. Denke ich.

    • Naja, die Freunde… die sind ja auch inzwischen alle über die halbe Welt verstreut.
      Und Familie… manchmal wär’s schon schön, zumindest die Grosseltern für die Kinder ein bisschen näher zu haben – aber ob am anderen Ende von Deutschland so viel besser wäre als Finnland…?

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